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2007-11-19

Wie die Mittel den Zweck heiligen sollen

Über verquere Fronten in der derzeitigen Bildungsdiskussion

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Schwerpunkt

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Zwei Zugänge?

Die derzeitige Bildungsdiskussion kennzeichnen bekannte und unbekannte Tatsachen. Zunächst einmal zu den bekannten: Da gibt es das Lager derer, die wollen, dass alles beim Alten bleibt: Das Gymnasium fein säuberlich getrennt von der Hauptschule, frühzeitige Selektion, Leistung - wie es heißt - soll nicht verwässert werden durch eine Eintopfschule, usw. Soweit so schlecht, so bekannt. Bei aller Problematik von Schubladisierungen: Im Folgenden wird dieser pädagogische Zugang als „konventionell-autoritär“ bezeichnet.

Auf der anderen Seite allerdings schaut die Lage bunter, um nicht zu sagen, verwirrender aus – zumindest beim genaueren Hinschauen. Auf den ersten Blick ist allerdings auch hier alles wie gewohnt: Da sind die „Fortschrittlichen“, die sind für die gemeinsame Schule der 10 - 14jährigen, die sind [zum Teil!, Anm. 5.3.2008] für eine umfassende Betreuung der Kinder, die sind für Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, die sind für Förderung, Individualisierung, ja sogar für die Abschaffung der Noten. All das, was in der Sprache der Gegenseite die Ideen der 68er und ihrer Nachfolger/innen sind.
[Und all das wäre aus unserer Sicht sehr sympathisch ... Zur Begründung dieser Änderung siehe unten Reaktion Nr. 4163 vom 5.3.08]
Und – so wäre hinzuzufügen – Vieles von dem wäre aus unserer Sicht sehr sympathisch: Wer (aus diesem Lager) wird denn schon für Druck, Selektion, Chancenlosigkeit… sein? Das sind all die Forderungen, denen unsereiner schon lange nachhängt. Vieles davon wird übrigens im Rahmen der Montessori-Pädagogik im Raum Villach seit mehr als 10 Jahren praktiziert – und zwar innerhalb des öffentlichen Schulwesens (!). Die Erfahrungen sind dort, wo diese humaneren Prinzipien ernst genommen werden, äußerst positiv. Nebenbemerkung: Selbst bei weitgehender Verwirklichung der Ideen der Bundes-Expert/innengruppe würde gerade einmal das realisiert, was in diesen – und dies sei noch einmal betont: öffentlichen (!) – Nischen schon längst praktiziert wird.

Eigene Erfahrungen mit „Reformen“

Doch der zweite Blick auf das Lager der Reformwilligen lässt einen – gelinde gesagt – erschaudern. Es wiederholt sich nämlich das, was wir bereits bei der Montessoripädagogik zur Kenntnis nehmen mussten: Die Tatsache nämlich, dass nicht jede Verbesserung des Schulsystems einem humanen Zweck dient. Es hat sich nämlich am Beispiel der Montessoripädagogik gezeigt, dass man so positive Dinge wie r Abschaffung der Ziffernnoten, r Freiarbeit, r Demokratie in der Klasse, individuelle Förderung … aus verschiedenen Motiven betreiben kann. Dazu eine (mit Vorsicht zu verwendende) Typisierung nach diesen Motiven innerhalb des Lagers der „Fortschrittlichen“:

Da gibt es das Engagement für eine humanistische Pädagogik aus emanzipatorischen Motiven heraus:

„Bildung ist das Heraustreten des Menschen aus der Sphäre des bloßen Nutzens. Über Bildung gewinnt sich der Mensch selbst als freies Wesen und er erkennt – wie es der deutsche Erziehungswissenschafter Heinz-Joachim Heydorn einmal formuliert hat –, dass die Ketten, die ihm ins Fleisch schneiden, vom Menschen angelegt sind, und dass es somit auch möglich ist, sie zu sprengen.“
r Erich Ribolits, Welche Bildung braucht der Mensch?

Oder zumindest soll im Sinne dieses Ansatzes den Kindern und Jugendlichen das Leben nicht schwerer gemacht werden, als es ohnehin schon ist und man soll ihnen mit Achtung begegnen.
Um nicht missverstanden zu werden: Wenn man sich die eigene Praxis anschaut, wird man bemerken, dass man selbst massiv autoritäre Züge trägt. Ist ja auch kein Wunder, wir sind ja alle Kinder/Ausgeburten des gleichen Systems. Was den Unterschied zum nachfolgend beschrieben Zugang ausmacht, ist das Erschrecken über diese Realitäten und der Versuch, es wenigstens ein bisschen besser zu machen.

Als zweiten gibt es innerhalb des reformfreudigen Lagers einen anderen – zahlenmäßig sehr starken – Zugang. Dieser geht von folgendem Grundmotiv aus: Die Abschaffung der Ziffernnoten, die Freiarbeit, das Lernen in einer vorbereiteten Umgebung mit Materialien, freier wählbaren Arbeitsformen, das „Mit-allen-Sinnen-Lernen“ ... dient dazu, mit diesen humaneren Mitteln mehr aus den Jugendlichen herauszuholen. Wir nennen diesen Ansatz im Gegensatz zum klassischen Unterricht, den wir als konventionell-autoritär bezeichnen, den „modernistisch-autoritären". Beiden Zugängen geht es um das gleiche Ziel, nämlich die heranwachsende Generation zu fitten Humanressourcen für den Weltmarkt zu machen. Letztere sind zwar für scheinbar humanere Methoden, aber der Zweck ist – wie gesagt – derselbe, nämlich die Fitness in einem Wettkampf jeder gegen jeden.

Nun könnte man die Meinung vertreten, dass das Ziel egal sei, die Hauptsache wäre doch, dass es den Kindern besser ginge. Die Erfahrung zeigt indes, dass der Zweck / die Grundorientierung eben nicht sekundär ist. Beispiel Ziffernnoten: Was heißt es schon, auf Ziffernnoten zu verzichten, wenn man gleichzeitig mit anderen Rangreihensystemen die Konkurrenz anheizt? Oder wenn die Freiarbeit nicht etwa zu mehr Selbstbestimmung oder gar Entspannung führen soll, sondern zu einem besseren Zeitmanagement?

Die gesamtgesellschaftliche Reformdiskussion

Zurück zur quasi staatsweiten, oder korrekter müsste man wohl sagen, EU-weiten „Bildungs"-Diskussion. Auch hier ist das Ziel die Wettbewerbsfähigkeit. Mehr aus den Kindern als Arbeitskräfte, mehr aus dem Standort im globalen Wettkampf herausholen, heißt die Devise, so bei Bundeskanzler Gusenbauer und auch der bekannten Pädagogin Enja Riegel, Mitglied der Expertenkommission:

„Die Schulentwicklung in Österreich und in Deutschland ... entspricht nicht mehr dem, was man heutzutage braucht in Ländern, die keine Rohstoffe haben, sondern in denen es um Kinder geht, die gut ausgebildet werden müssen – und zwar alle."
(„Der Standard" vom 30.10.07, S. 7; siehe dazu auch die Kritik von r Christian Felber)

Jüngstes Highlight: Die Werbeschaltung des Bundesministeriums in der Kleinen Zeitung: Für

„wissensorientierte Leistungsgesellschaften ... bedeutet [jedes nichtgeförderte begabte Kind] einen dramatischen Verlust und schwächt Österreichs Wettbewerbsfähigkeit international."
Kleinen Zeitung 15.11.07, S. 15

Unter der Voraussetzung, dass man ein bisschen genauer hinsieht, erkennt man vergleichsweise leicht, dass es um mehr Druck, um mehr Herausholen geht.

Zur Wirkungen des Einzugs des Marktes in die Bildung siehe
r Bildung als Ware?

I Marlies Krainz-Dürr, Rektorin der „neuen“ Pädagogischen Hochschule (vulgo PÄDAK), setzt voll auf die Konkurrenz, auch wenn sie es euphemistischer formuliert:

Ein Punkt werde laut der Direktorin in der Kärntner Pädagogik jedoch vernachlässigt: die Autonomie einzelner Schulen. „Man weiß in den einzelnen Standorten am besten, was die Kinder aus den jeweiligen Einzugsgebieten am dringendsten brauchen.“ (Kleine Zeitung 9.11.2007, S.5)

Schulen also als Einzelunternehmen, die am freien Markt auf Kundenfang gehen! Das hat in viel klarerer Weise ein Journalist auf den Punkt gebracht:

„Lehrer haben es nicht leicht – ihre Kunden sind selten freiwillig vor Ort und trotzdem muss man ihnen ein Produkt verkaufen, das gemeinhin mit dem schönen Wort „Wissen" umschrieben wird ..." (Kleine Zeitung, Beilage Campus, Oktober 2007, S. 20)

II Da passen die Forderungen der Schulreformkommission, der Industriellenvereinigung.... nach einem neuen Dienstrecht wie der Schlüssel zum Schloss: Wenn Direktor/innen zu warenverkaufenden Schulstandortmanager/innen werden, dann sollen sie sich auch das Personal aussuchen können wie es der Markt verlangt und wie es die Profilierung erfordert:

„Die Personalhoheit für die Lehrer soll künftig an die Schulen verlagert werden", wie es so fein in der KTZ vom 15.11.07, S. 3 heißt.

III Wirklich sehr weit zu gehen scheint die Forderung nach Abschaffung der Ziffernnoten. Sollte es doch Pläne zu einer massiven Verbesserung des Systems geben? Zu früh gefreut, denn gleichzeitig setzt man auf standardisierte Bildungsziele, die mittels schulübergreifender Tests abgeprüft werden sollen. Das mag zwar im ersten Moment für das einzelne Kind eine Erleichterung sein, wird aber insgesamt den Druck im System erhöhen, weil es die wenigen bisherigen Freiräume auch noch verschüttet.

IV Erklärtes Ziel „Chancengerechtigkeit“ : Hier signalisiert bereits der Begriff den neoliberalen Trend. Denn während es in der alten Gesamtschulidee der 68er und der ihr vorangegangen Generationen darum gegangen ist, eine umfassende, wirkliche Menschenbildung für alle durchzusetzen, geht es heute eben um CHANCEN-Gerechtigkeit. Dies ist ein Begriff aus dem ideologischen Fundus der neuen Sozialdemokratie, der nichts anderes besagt, als dass im Wettkampf eines jeden gegen jeden, im allgemeinen Hauen und Stechen alle die gleichen Voraussetzungen haben sollen. Es geht eben nicht um die Abschaffung (oder zumindest Einschränkung) des Hauens und Stechens, sondern dass alle die gleichen Chancen haben sollen in der allumfassenden Konkurrenz. Das mag zwar im ersten Moment etwas gerechter sein, aber diese Gerechtigkeit hat einen hohen Preis: Die Lehre ist nämlich, dass das Hauen und Stechen an sich schon richtig wäre, wenn es nur „fair" ablaufen würde. Die alten Standesdünkel werden ersetzt durch einen sozialdarwinistischen Leistungsrassismus. (Zum Wandel der Sozialdemokratie vom Verteilungs- zum Chancengerechtigkeitsdiskurs siehe Birgit Mahnkopf r Viele Wege führen ins 3. Jahrtausend

V Und nochmals zum Ziel der gemeinsamen Schule der 10 - 14jährigen: Während die Schultypen aneinander angeglichen werden bzw. durch eine formell gleiche „Neue Mittelschule" ersetzt werden sollen, gibt es jedoch eine neue Aufgliederung – wie es beschönigend heißt – nach Schulprofilen. In Wirklichkeit bilden sich unter dem Schlagwort „Autonomie" einerseits neue Eliteschulen bis hin zu einem Privatschulwesen heraus, andererseits werden „Restschulen" übrig bleiben. Es wird so das Gegenteil einer gemeinsamen Schule herauskommen. Was hier zu entstehen droht, ist ein Schulsystem nach US-amerikanischem Vorbild.

VI Begleitet wird das gesamte Programm von einer Walze von neuen Kontrollmechanismen und Einschränkungen wie z.B. dem Abbau von Methodenfreiheit, ... Selbst wenn man all die oben genannten Punkte ignoriert, dann stellt sich hier die Frage: Was ist das für eine „gute" Pädagogik, die nicht in einem Diskurs des Aufbruchs entsteht, sondern die von oben durchgedrückt werden muss? Begründet wird es oft so, dass man damit den paar sogenannten „Killerlehrer/innen" zu Leibe rücken könne, sicher aber ist nur Eines: Der Druck wird vor allem auf die Pädagog/innen erhöht, die nicht stromlinienförmig agieren. Vergessen sind die Lehren der Vergangenheit, wonach Errungenschaften wie Pragmatisierung und Methodenfreiheit auch zum Schutz VOR dem Staat , der in sich IMMER das Potenzial zur Repression trägt, eingeführt wurden.

Perspektiven

Hier wäre aber auch einer der Punkte, an dem eine emanzipatorische Wende ansetzen sollte: Es geht unmittelbar einmal um Schutz der Beteiligten, der Schüler/innen UND Lehrer/innen vor dem totalitären Zugriff, der Menschen zu Humanressourcen degradiert:

  • Die Schüler/innen sind vor der Willkür der Lehrer/innen zu schützen durch Gesetze, Rechte, da war die „alte" Reformbewegung der 60er bis hinein in die 80erJahre durchaus auf dem richtigen Weg.
  • Und aufrecht zu erhalten ist der Schutz der Lehrer/innen in Form von Pragmatisierung und Methodenfreiheit. Dieser Schutz war schon bisher wichtig, sowohl im Sinne der oben genannten historischen offen repressiven Erfahrungen wie auch im alltäglichen banalen Kleinkrieg von Behördenerlässen, kleinlichen Chefs etc.. In Zeiten aber, in denen durch die Einführung von Marktmechanismen das Hineinpfuschen von bildungsfremden Interessen (Schulen als Firmen, die sich am Markt prostituieren müssen) zur NORM wird, wird dieser Schutz tagtäglich gebraucht werden, wird dieser Schutz geradezu zur Voraussetzung von Bildungsprozessen werden.
  • Worum es noch ginge, wäre eine Perspektivenerweiterung: Das, was dem formellen Bildungssystem jetzt passiert, ist ja einer geänderten Situation im Weltmaßstab geschuldet. Die Konkurrenz wird zum Maß aller Dinge. Das ist nicht zu ignorieren und das ist ja auch der Grund,warum so viele Beteiligte für sich die Peitsche geradezu fordern: Wir wollen vermarktbare Arbeitskräfte werden, lautet der Imperativ! Dieser Imperativ ist immer, ob verdeckt oder offen ausgesprochen, da und ist auch nicht zu ignorieren. Anstatt nun aber dem Befehl zu gehorchen, sind genau DIESE RAHMENBEDINGUNGEN zu ändern. Insofern ist eine auf Bildungsfragen reduzierte Bildungsdiskussion immer schon auf der repressiven Seite! Eine emanzipatorische Schuldiskussion kann sich nicht um den Punkt herumschwindeln: Wie kommen wir zu mehr Schutz für die Erwachsenen? In welcher Gesellschaft wollen wir überhaupt leben? Billiger ist ein humaner Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht zu haben. Ansätze zu entsprechendem Engagement etwa im globalisierungskritischen Diskurs (Stichwort ATTAC ...) gibt es ja mittlerweile genug.

Soweit zum Programm von mehr Druck, mehr Druck, mehr Druck … im Namen des Standortes, nur oberflächlich getarnt durch humanistische Phrasen und einer Gegenperspektive von MEHR SCHUTZ.

Wir möchten unseren Versuch einer Analyse mit einem Plädoyer an die vielen Engagierten schließen:
Es gibt so viele ermutigende Beispiele für gelebte Integration und ein die Kooperation förderndes, pädagogisches Handeln gegen den Zeitgeist, Lehrer/innen, die ohne viel marktschreierisches Trara einfach das Richtige tun. Dieses Tun wäre durch Reformen im Schulsystem zu unterstützen. Und noch was Positives, auch wenn es ironisch klingen mag: Manchmal „leisten" auch die „Obezahrer“ (auf neudeutsch: downshifter) einen wichtigen Beitrag, indem sie zumindest das System nicht auch noch ölen, sondern eher Sand ins Getriebe streuen.

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Übersicht: ÖIE-Kärnten Diskussion Nachdenken über Bildung und unser Tun Grundbegriffe, Hintergründe
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erika, 2007-11-19, Nr. 4011

ein heißer tip: "laborschule bielefeld"

link:uni-bielefeld.de

ich weiß, dass labor sich von laborare ableitet und für manche menschen nur leiden bedeutet.

die leitlinien dieser schule sind sehr ermutigend und in keiner weise belehrend, was nicht nur kindern auf den geist geht.

erika

Mimenda, 2007-11-19, Nr. 4012

sehr treffend diese unterscheidung von konventionell-autoritär und modernistisch-autoritär.

aber ich möchte doch einwerfen, dass ich das gefühl habe (das unbegründet sein mag), das konventionelle habe sich wenigstens durch den (irrigen) glauben "ausgezeichnet", das lernen für das leben sei die selbsterziehung zur mündigkeit. dem modernistischen geht es schlicht um die möglichst effiziente verlängerung der unmündigkeit, denn sie redet ja nicht einmal mehr von dem, was bildung einmal bedeutet haben soll.

dass das konventionell-autoritäre bildungs(un)wesen wohl nur eine ideologische verblendung war, haben die beiden weltkriege und vor allem der holocaust gezeigt, denn alle formale, klassische bildung hat diese nicht verhindern können. es war wohl gerade das autoritäre moment, das hier den widerstand gegen die einsicht der beteiligten im keim erstickte.

das modernistische hingegen gebärdet sich tolerant und aufgeklärt, verstrickt sich aber in eben dieselbe ideologie, die menschen unter dem deckmantel der mündigkeit zu instrumenten der herrschaft macht. und das ist nur zu offensichtlich.

das problem ist m.e. ein systemisches. wir wollen wahrscheinlich alle etwas gutes, aber das problem ist, dass die gesellschaft, die wir uns machen, nicht gut ist. denn wir bürger sind weder aufgeklärt noch mündig. insofern sind die hilflosen versuche, mit unmündigen menschen noch unmündigere menschen zu mündigen menschen zu erziehen, die quadratur des kreises.

insofern ist es m.e. auch ziemlich wurscht, was man tut oder lässt. das klingt natürlich nach pessimismus und resignation. für mich ist es schlicht ein gebot der wahrhaftigkeit. ich sehe nämlich keinen sinn darin, auf diesen zug aufzuspringen und in irgendwelchen methoden ein allheilmittel zu verorten. methoden sind wege zum ziel. wege gibt es viele, aber wenn man das ziel nicht kennt, kann man nur herumirren. und genau das tut entweder die bildungspolitik, oder - was zu befürchten ist - sie weiß genau was sie will und verkauft dies nur anders.

in unseren schulen hat längst ein geist einzug gehalten, der im prinzip leistungsfern zu nennen wäre. ich halte nichts von leistung, um das klar zu sagen. leistung in der schule kann nur durch genuines interesse an den unterrichtsinhalten und deren darbietung entstehen, sie ist dann begeisterung eines einzelnen und sollte nicht bloß pseudoobjektiv gemessen werden. die inhalte werden indes solitär (also ohne zusammenhang) angeboten: es gibt entgegen vielen behauptungen wenig grund zu der annahme, dass wirklich interdisziplinär gelehrt wird. und das liegt vor allem in der fehlenden formalen bildung der nachwachsenden lehrkräfte. wie soll man auch mit einer herde halbgebildeter, methodisch gut geschulter lerhkräfte schule machen?

die wenigen, die da herausfallen, sind zudem meist (nicht immer) die lehrer, die als autoritär gelten. es sind menschen, die sich durch das streamlinende geseire nicht haben den schneid abkaufen wollen. diese lehrer sind oft der graus der eltern, aber ebensooft sind sie die insgeheimein stars der schulen.

die schüler gegen die lehrer stärken! hm. ich denke die gesetze sollten ausreichen. ich bezweifle nicht, nein ich weiß aus eigener erfahrung, dass es grobe ungerechtigkeiten von lehrern gegenüber schülern gibt. diese resultieren aus dem glauben, man/frau sei zu allererst lehrende(r) und insofern respektsperson, während man - wenn man sein eigenes fach ernst nimmt - sich eigentlich nur als mitlernender verstehen kann, der den zu lehrenden (nicht den zu be-lehrenden) etwas voraushat, der aber im diskurs (im auseinanderlaufen) mit den zu lehrenden selbst lernt.

kurzes beispiel aus der praxis. 13jährige gymnasiasten brechen in einem landschulheim den kühlschrank mit den alkoholischen getränken auf und trinken diese leer. als die kinder zu diesem tatbestand gehört oder vielleicht auch verhört werden, weil niemand dazu stehen will, sagt eines der kinder: das seien ja stasimethoden. es bekommt die aufgabe, einen aufsatz zu schreiben, was denn stasimethoden seien und ob es nach kenntnis der sachlage gerechtfertigt sei, von stasimethoden zu sprechen. die eltern gehen darauf zur schulleitung und drohen rechtliche schritte an, denn dies seien wahrlich stasimethoden gewesen.

und diese art der elterlichen verhaltens scheint mir alles andere als ein einzelfall zu sein. dahinter steckt in meinen augen der wille, dass den kindern all das gegeben sein soll, was die eltern ob ihres schlechten gewissens dem kindern nicht haben zukommen lassen. ein tiefes, in den meisten fällen unbegründetes benachteiligungsgefühl wird auf die lehrer projiziert. da verhalten sich die erwachsenen wie ihre sprösslinge, sie wollen für sie alles, sofort, und davon sehr viel, ohne dass sie bereit sind, etwas dafür zu erbringen. in meinen augen ist das ein deutliches zeichen einer narzisstisch degenerierten gesellschaft.

wir kommen um den punkt nicht herum, dass bildung anleitung, vorbilder und auch regularien bedarf. wer glaubt, der mündige mensch würde in einem umfeld entstehen, das frei von zwang ist, der sitzt einer krassen ideologie auf. es geht darum, den zwang nicht nur auszuhalten, sondern ihn positiv umzulenken. es geht darum, ICH-starke individuen entstehen zu lassen. das ICH braucht aber imagines der autorität, die es überwinden muss, um zu etwas gelangen zu können, was überhaupt sich freiheit nennen dürfte. es war schon immer so, wie helmut becker in den 60er jahren sagte, dass die sogenannten refraktären kinder (die widerspenstigen, beratungsresistenten also), welchen man freien lauf lässt, die ersten sind, die - wenn erwachsen - mit den mächtigen am stammtisch sitzen und dieselben dämlichen reden schwingen.

wir haben es mit einem sozialdarwinistischen kampf zu tun, indem der flexible der stärkere ist. aber um einen kampf zu führen, der zu einer inhaltlichen verbesserung der lebensverhältnisse führt, braucht es erst einmal stärke und rückgrat, um überhaupt flexibel sein zu können. denn solche menschen lassen sich nicht verbiegen und wenn, dann richten sie sich wieder auf oder versuchen es wenigstens unter oft nicht geringen schmerzen. wer diesen aspekt nicht sehen will, der ist in meinen augen ein blauäugiger traumtänzer.

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