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Reinhilde Schütz

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2006-10-28

Demokratie in der Klasse

Erfahrungen mit dem Sesselkreis an der HS 4 in Villach / Landskron

»Die Menschen zur Freiheit führen heißt,
sie zum Miteinanderreden zu bringen.«
(Karl Jaspers)

Die Kernelemente des an unserer Schule seit nunmehr 9 Jahren praktizierten reformpädagogischen Unterrichtes in derzeit 6 Montessoriklassen sind

r 1. Freiarbeitsstunden in vorbereiteter Umgebung
r 2. Alternative Leistungsbeurteilung und
3. Gesprächskreise, um Demokratie zu leben. Diese sollen im Folgenden erörtert werden.

Besonders die 3. Säule trägt ganz wesentlich dazu bei, die allgemeinen Bildungsziele unseres österreichischen Lehrplans zu erfüllen. Demnach steht die »Bildung der jungen Menschen zu Mündigkeit und Verantwortungsbewusstsein sowie zu logischem und kritischem Denken im Mittelpunkt der der Schule übertragenen Aufgabe von Unterricht und Erziehung.«

Der Sesselkreis bzw. Klassenrat

Ursprünglich eine „Erfindung“ der Freinetpädagogik - soll er gemäß Celestin Freinet die Kinder stärker »zu Wort kommen lassen« als im traditionellen Unterricht üblich. D.h. dass sie als Person ernst genommen werden, bei Entscheidungen über Klassenaktivitäten mitbestimmen, Wünsche und Kritik äußern dürfen, über ihre Gefühle reden und Konflikte lösen lernen, über die Regeln für das Zusammenleben in der Klasse diskutieren, sie gemeinsam beschließen und wenn’s notwendig ist, diese auch wieder verändern. Wichtig ist, dass sie lernen, zu ihrer Meinung zu stehen und auch dazu, dass sie sie möglicherweise als falsch revidieren müssen.

Nähere Informationen:
Montessori-Informationstag für Schuleinschreiber/innen an Volks- und Hauptschulen
Sa, 28. Okt 9:00 — 13.00 Uhr im Rathaus Villach, Paracelsussaal

Der Kreis, ein Symbol für Gemeinsamkeit und gegen Hierarchien, „bewirkt alleine durch die Tatsache, dass sich jetzt alle anschauen und nicht alle nach vorne schauen, schon eine strukturelle Veränderung“. (Werner Wintersteiner, Kann man Frieden lernen. Vortrag am 3.12.1999) So wird im Klassenraum Demokratie erlebt und erlernt, indem jede/r überlegt, was er/sie zum Wohlbefinden der Gemeinschaft beitragen will und kann.

Als wichtiges Element soll er möglichst regelmäßig abgehalten werden. Jeweils ein/e andere Schüler/in übernimmt die Gesprächsleitung und es soll ab der 3. und 4. Schulstufe auch ein Protokoll geschrieben werden. Der/die Lehrer/in hat dabei die gleichen Rechte und Pflichten wie die Schüler/innen und darf z.B. nicht einfach das Wort an sich reißen. Bei den Regeln muss außerdem darauf Bedacht genommen werden, dass die helfende, konstruktive Kritik im Vordergrund steht, sodass Vertrauen wachsen kann und mit der Zeit auch schüchterne Kinder ermutigt werden können, sich zu Wort zu melden. Es muss aber auch respektiert werden, wenn manche Kinder selten oder nie etwas sagen - das muss nicht heißen, dass sie unaufmerksam sind, denn auch durch Zuhören können sie viel von den Erfahrungen der anderen lernen.

Wie positiv Kinder die Partizipation im Schulalltag erleben, zeigen ihre Rückmeldungen:

  • Wir finden es gut, dass nicht nur die Lehrer bestimmen;
  • meistens besprechen wir etwas Wichtiges und wir kommen auch oft auf eine gemeinsame Lösung (aber nicht immer);
  • wir haben mehr Meinungsfreiheit – d. h. dass wir mit den Lehrern diskutieren und nicht einfach alles hinnehmen;
  • man lernt, sich zu Wort zu melden, wenn etwas ungerecht ist und Argumente zu bringen;
  • mir gefällt, dass man über Probleme reden kann und man nicht einfach beschuldigt und bestraft wird; Strafen sind oft ungerecht und Strafen bessern nicht – machen nur Angst;
  • manchmal hilft es, wenn man über ein bestimmtes Problem offen mit der ganzen Klasse reden kann – dann sieht man, wie’s den anderen geht und manche hören z.B. mit der Spotterei auf;
  • man hört die Meinung der anderen, auch von denen, mit denen man sonst nicht viel redet;
  • es ist lustig, mit der Klasse zu diskutieren, v. a. wenn ein Thema viele betrifft;

Veränderte Lehrer/innen-Rolle

Eine vertrauensvollere Atmosphäre kann natürlich nicht auf Knopfdruck, auch nicht allein durch Anwenden der „richtigen Techniken“ und schon gar nicht von heute auf morgen verwirklicht werden. Es ist für alle eine große Herausforderung, von Traditionellem abzugehen und die zeitweise langen Durststrecken sind v.a. auch für uns Lehrer/innen oft nur schwer auszuhalten. „Es braucht ein eigenes Sich-öffnen, denn nur, wenn man bereit ist, Vorurteile, eingeschliffene Verhaltensweisen, Denkmuster und Abhängigkeiten loszulassen, kann man offen werden für das, was die Schüler/innen mitteilen. Um vom Kind zu lernen, braucht es Empathie und das steht im Gegensatz dazu, den anderen nach eigenen Bildern zu formen.“ (Freinet-Zeitg. 1/’97) Es bedeutet, sich in die Kinder hineinzuversetzen, sich mit ihnen zu freuen, ihre Angst oder Wut zu spüren, Fehler zu verzeihen, sie zu trösten,….. „Man kann es wagen, sich alles zu sagen und sich danach trotzdem wieder zu vertragen“! (Matteo Smole, 11 J.)

Gemäß Maria Montessori bedeutet es jedoch keinesfalls die Verneinung der Autorität. Aber es müsse „eine Autorität sein, die auf reicherer Erfahrung und größerer Kompetenz beruht oder gar auf der erwiesenen größeren Liebe“ und „an erster Stelle müsse die Einsicht des Erziehers in die eigenen Fehler stehen“. „Echte Autorität“ verzichtet demnach auf Zwang. Das Wort leitet sich vom lateinischen „augere – auctoritas – augustus“ ab, was „vergrößern - vermehren - fördern“ heißt und leider oft mit „Klein-machen“ und „Autoritär-sein“ gleichgesetzt wird.

Wie bereichernd diese andere Rolle sein kann, zeigen folgende Lehrer/innen-Aussagen:

  • ich fühle mich als Lehrerin nicht so allein, wenn alle zusammenhelfen;
  • ich lerne so viel von den Kindern, durch ihren Humor, ihre originellen Ideen, dadurch, wie unverkrampft sie Vieles sehen und wie sie sich auszudrücken verstehen;
  • ich werde zur Partnerin der Kinder, die auch Fehler machen darf und sich getraut, diese zuzugeben;
  • wenn die 11jährige Kathrin zu einer Mitschülerin sagt, „Wie du mi wegen Mathe verspottet hast, da hätt i mi am liabstn wia a Maus ins Loch verkrochn,“, kann man sich oft erst richtig in ein Kind hineinfühlen;
  • man lernt als Lehrerin, die es gewohnt ist, selber viel zu reden, das Zuhören;
  • man muss auch lernen, selber Kritik zu ertragen (und merkt, wie schwer das ist);
  • ich muss nicht „der Zampano“ sein, der alles regeln kann, weil die Schüler/innen oft viel kompetenter sind, als man es von ihnen annimmt;

Grenzen

Natürlich sind der „Demokratie IN der Klasse“ strukturelle Grenzen gesetzt. Über das Faktum z.B. der Unterrichts- und Anwesenheitspflicht, über die zur Verfügung stehenden Ressourcen, über die Arbeitsmarktsituation, über die Leistungsbeurteilung, u.v.m. kann zwar im Sesselkreis diskutiert und somit Manches bewusst gemacht, aber natürlich nichts entschieden werden. Leider - denn gerade diese gesellschaftspolitischen Faktoren beeinflussen bzw. beeinträchtigen die Lern- und Lebensbedingungen von Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern ganz massiv.

„Die Lehrkräfte müssen aus ihrer paradoxen Situation befreit werden, dass sie im gesamten Schulwesen nichts zu sagen haben, in unmündiger Verantwortungslosigkeit gehalten werden und auf der anderen Seite im Klassenzimmer die Götter spielen können. Solange der Lehrberuf auf der Einsamkeit des Einzelkämpfers beruht, der ironischerweise dazu angehalten ist, Kooperation und Kommunikation zu lehren, wird Erziehung zum Frieden ein Wunschtraum bleiben.“ (Werner Wintersteiner, Hätten wir das Wort, wir bräuchten die Waffen nicht“. Erziehung für eine Kultur des Friedens. Innsbruck, Wien, München 2001. S. 78)

Doch die derzeitige Umorganisation der öffentlichen Schulen in quasi privatwirtschaftlich geführte Unternehmen führt leider zu allem Überfluss zum Abbau von Demokratie anstatt wie immer salbungsvoll verkündet wird, zu deren Ausbau! Der Konkurrenzdruck unter den Lehrkräften nimmt zu und bildet einen idealen Nährboden für Misstrauen, Neid, Eifersucht, Existenzangst und Mobbing. Muss oder soll man sich allerdings damit abfinden?

Unterschiedlichste Erfahrungen und Herausforderungen

Wenn nun aber die Vorteile von Gesprächskreisen trotz ihrer Grenzen so klar auf der Hand liegen, müssten diese doch in unserem demokratischen Rechtsstaat in allen Schulen zum Alltag gehören? Warum dem nicht so ist - auch nicht in Montessori-VS- und HS-Klassen - dafür gibt es meinen Erfahrungen und Beobachtungen nach verschiedene Gründe:

1. Da wären einmal die ganz „Banalen“: Viele Schüler/innen sagen, dass das Ausreden und Zuhören für sie auch sehr anstrengend und langweilig sei und nicht so spannend wie ein Konflikt. Außerdem finden es die pubertierenden 13- und 14Jährigen oft einfach zu lästig und mühsam, die schweren Tische wegzutragen und wegzuschieben und auch für uns Lehrer/innen ist das manchmal so. (Schön wäre es, wenn man mehr Platz in der Klasse hätte oder es einen eigenen Raum gäbe, wo die Sessel schon im Kreis stehen.) Und die älteren Schüler/innen regeln obendrein Vieles lieber ohne das Beisein von uns Lehrer/innen und ohne „unsere Einmischung“ (als die sie die Meinung von uns Erwachsenen oft empfinden), was im Sinne einer emanzipatorischen Bildung durchaus auch positiv zu sehen ist.

2. Außerdem merken die Schüler/innen, dass die Mitgestaltungsmöglichkeiten sowohl für sie als auch die Lehrer/innen (und Direktor/innen) relativ gering sind. Und sie spüren sehr schnell – auch wenn sie es nicht verbalisieren (können) – wenn man sie scheinhalber über etwas diskutieren lässt, was längst beschlossene Sache ist; nur um ihnen „zumindest das Gefühl zu geben, dass sie mitentscheiden dürfen“. Da ist es besser, gleich ehrlich zu sagen, wie und warum man etwas so und nicht anders machen muss bzw. will.

3. Des weiteren bestehen oft völlig falsche Erwartungen: Alles werde friedlich und harmonisch, Streit komme in so einem liebevoll und mit viel Aufwand aufbereiteten Umfeld erst gar nicht auf - und wenn, dann könne immer alles sofort (!), in Ruhe und zur Zufriedenheit aller (!) beredet und gelöst werden,….. „Was? Die beschimpfen sich auf unflätigste Weise und raufen – und das in einer Montessoriklasse!“ oder „Mein Kind hat Angst vor einigen seiner Mitschüler/innen – da gibt’s Gewalt in der Montessoriklasse?! Stellen Sie das ab, sonst nehme ich mein Kind heraus!“ sind Elternaussagen, die wir oft zu hören bekommen. Und es stimmt tatsächlich: dadurch, dass nicht mehr so viel unter den Teppich gekehrt wird bzw. werden kann, weil es eben z.B. im Sesselkreis zur Sprache kommt oder in der Freiarbeit zutage tritt, wo man nicht ständig „alle im Griff haben“ kann (wie es aber nach traditioneller Ansicht von „richtigen“ Lehrer/innen erwartet wird), entsteht manchmal der Eindruck, dass Konflikte geschaffen (ja regelrecht „gezüchtet“) werden, wo sonst vermeintlich ein „Friede-Freude-Eierkuchen-Klima“ herrschen würde.
Es ist aber auch manchmal wirklich so, dass – aus Unsicherheit oder anfangs vor lauter gut gemeintem Engagement – jedes kleinste „Vergehen“ oder völlig Nebensächliches zum Thema gemacht wird, was aber falsch ist. Kinder brauchen nämlich genauso wie wir Erwachsenen oft einfach etwas mehr Gelassenheit (im Sinne von: sie „sein-lassen“) und Ruhe!

4. Die Versuchung, den Sesselkreis missbräuchlich zum Disziplinieren zu verwenden, „einfach drüberzufahren“ ein „Lehrer-Machtwort zu sprechen“ und die nervenden Streithähne mittels „Moral- und Strafpredigten niederzubügeln“ ist natürlich auch hin und wieder groß - die Form des Kreises ist ja nicht automatisch ein Hindernis! Außerdem fordern ja die Schüler/innen selber immer wieder autoritäres Durchgreifen ein (natürlich nicht für sich selber, sondern nur für die anderen – die „Schlimmen“), weil es sie selber stört, wenn z.B. alle herausschreien. Und noch etwas kommt dazu: Jeder, der schon mit Kindern gearbeitet hat, weiß, wie schwierig es manchmal ist, einen Rahmen zu schaffen, wo sich die Schüler/innen an Gesprächsregeln halten, einen respektvollen Ton treffen, einigermaßen ruhig sitzen, aufmerksam zuhören und geduldig warten, bis sie selber zum Reden drankommen – da reißt einfach manchmal der Geduldsfaden! Nur sind Kinder halt zum Glück nicht „blöd“ und in der Regel auch keine Masochisten und lehnen „solche Sesselkreise“ ab – mit dem Argument: „Es ist sinnlos - was Kritisches traut sich ja eh niemand zu sagen und die Braven stimmen sowieso immer den Lehrern zu und schimpfen hintenherum weiter!“

5. Manchmal wird der Sesselkreis bzw. Klassenrat aber auch in einer Weise „verwendet“, wie es sicher nicht der Intention eines möglichst reflektierten und wohltuenden Umgangs miteinander entspricht. Wenn z.B. Schüler/innen im Vorfeld aufschreiben, was ihnen an ihren Mitschüler/innen nicht gefällt oder für sie ein Problem ist usw., aber dann im Klassenrat darüber abgestimmt wird, welche Strafen (Sitzpause, Klasse aufräumen,….) die „Aufgeschriebenen“ bekommen sollen, dann ist das einfach gegenseitiges Verpetzen und Vernadern und es kann – wenn’s „funktioniert“ – zu einer besonders perfiden Herrschaftstechnik werden. Die Tatsache, dass jeder des anderen Aufseher wird, verhindert nämlich gerade einen bewussten und kritischen Umgang mit den Zwängen des Schulsystems und führt stattdessen dazu, dass man sich auf Schritt und Tritt kontrolliert fühlt und schlussendlich jeder sein eigener Polizist, Bewacher und Antreiber wird. Statt zu üben, sich solidarisch von ein-engenden Zwängen zu befreien bzw. zu emanzipieren, wird so das Denunziantentum gefördert - ganz ähnlich, wie auch häufig die Funktion der Klassensprecher/innen sämtlicher Schultypen in ihr Gegenteil verkehrt wird: Anstatt sich für die Anliegen ihrer Mitschüler/innen einzusetzen, werden sie als deren „Chefs“ missbraucht (oder lassen sich dazu ernennen) und müssen (oder dürfen) anstelle der Lehrkräfte die anderen kontrollieren und disziplinieren.

Ausblicke

Trotz all dieser Relativierungen ist Eines klar festzuhalten: Genauso wie man Schwimmen nur durch Schwimmen lernt, lernt man demokratisches Verhalten nur durch eine demokratische Praxis.

Alleine dadurch, dass sich Lehrer/innen auf das „Neuland Demokratie“ einlassen (kaum jemand von uns kann auf Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit zurückgreifen), verändert sich enorm viel zum Positiven. Ich möchte die vielen wirklich guten und konstruktiven Gespräche, die ich mit meinen Schüler/innen trotz der oben beschriebenen „Fehler“ (manchmal sogar gerade wegen dieser) im Sesselkreis oder auch während der Freiarbeit führen konnte, keinesfalls mehr missen. Und jede dieser Erfahrungen bestärkt mich in der Überzeugung, diesen Weg weiterzugehen.

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