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2008-12-15

Der Polizist im Inneren
Oder: Kehrt die schwarze Pädagogik ,zurück'?

Einer der Stehsätze liberaler Zeitgenoss/innen (von der wirtschaftsliberalen Kleinen Zeitung und Industriellenvereinigung über Grüne bis hin zu Bildungsengagierten ...) über die letzten Jahre Bildungspolitik ist, dass die Ära der Bildungsministerin Gehrer eine verlorene Zeit gewesen sei. Nichts (oder zumindest viel zu wenig) sei „weitergegangen". Naja, und die folgende Phase 2007/08 sei auch an der Blockade von „stockkonservativen Finsterlingen" gescheitert – Stichwort: Keine Gesamtschule, kein neues Dienstrecht (womit vor allem ein Hire-und-Fire durch die Direktor/innen statt der „veralteten" Pragmatisierung gemeint ist), ...

Interessant an diesen Klagen ist mehrerlei. Natürlich einmal, was da eingeklagt wird (siehe Artikel r Die Mittel heiligen nicht den Zweck): Die Einen wollen mehr Wettbewerbsfähigkeit, andere wiederum sehen in einer solchen Fokusierung auf Wettbewerbsfähigkeit kein Problem.

Die ausgeblendete Diskussion

Die, die da Reformen einfordern, tun dies indes mit einem Blick, der übersieht, dass in den letzten Jahren, ja man muss inzwischen schon von Jahrzehnten sprechen, Einiges „weitergegangen" ist. Zwar nicht im Sinne einer Erweiterung der Spielräume für einen emanzipatorischeren Umgang, aber durchaus im Sinne einer autoritären Modernisierung des Erziehungswesens. Um zwei konkrete Punkte zu nennen, an denen sich diese autoritäre Modernisierung äußert: 1. In der Durchsetzung sogenannter Schulleitbilder (siehe r Warum ich sie nicht unterzeichne) und 2. in der Einführung sog. Verhaltensvereinbarungen.

Nun werden bildungsreformerisch Orientierte an dieser Stelle Protest einlegen: Was soll das? Das sind doch, wenn auch nicht weit genug gehend, zumindest winzige Fortschritte in die richtige Richtung? Jetzt auch das noch mies machen – kein Wunder, dass Österreich immer weiter hinten bleibt! ...

Jeremy Bentham und seine Nachfolger

Perfektes Gefängnis nach Jeremy Bentham, liberaler Philosoph, England, 1748–1832: Ein Panoptikum. In der Mitte ein Turm, aus dem Wächter die rundherum angeordneten, offenen Gefängniszellen einsehen. Die Gefangenen sind unter permanenter potenzieller Kontrolle eines allumfassenden Blickes, jederzeit beobacht- und strafbar: Der potenzielle Blick der Überwacher/innen wird von den Erziehungsobjekten verinnerlicht.

Umsetzung des Bentham'schen Konzepts in der Strafanstalt von Stateville (USA), 20. Jh.. Nach: Michel Foucault / Wikipedia / Barbara Stollberg-Rilinger

1. Pädagogik als Wissenschaft und als Leitbild hat schon immer das Ziel gehabt, den Menschen mit verschiedenen Mitteln für die – nicht hinterfragte, oft nicht einmal bewusst wahrgenommene – Gesellschaft herzurichten. Gegenüber vormodernen Gesellschaften bedeutete diese aufgeklärte Herangehensweise eine gewaltige Veränderung: Nicht mehr Zahn um Zahn, Auge um Auge, nicht mehr die Rache hatte zu gelten, sondern die Besserung des zu Erziehenden (des Straftäters, des Schülers / der Schülerin, der Irren ...). Robert Kurz hat die pädagogische Herrichtung des Menschen in seinem r Schwarzbuch Kapitalismus genial beschrieben.

2. Diese Zurechtrichtungsfunktion des gesellschaftlichen Erziehungsapparates ist nie verschwunden. Aber es haben sich ab den 70er-Jahren doch gewisse Lockerungen ergeben. Eine Legitimationskrise des Systems in verschiedenen Milieus und eine fordistische Arbeitsgesellschaft (Phase der industriellen Massenproduktion und des Massenkonsums nach dem 2. Weltkrieg), die materielle Freiräume gewährte, führten zu einer Hinterfragung durch viele Menschen. „Postmaterielle Flausen" stiegen Schüler/innen und Lehrer/innen (viele ihrerseits bereits das Ergebnis dieser lockereren Verhältnisse, zumindest etwas 68er-ansozialisiert) in die Köpfe und strebsam bzw. Streber/in zu sein war mega-out. Konservative sahen – so wie immer – den Untergang des Abendlandes heraufziehen.

3. Mit der zunehmenden Vermarktwirtschaftlichung von Bildung (Autonomie der Schulen, Kampf um die Eltern als Kundschaft, siehe r Bildung als Ware?) kommt es zu einer grundlegenden Umgestaltung der Steuerung des Erziehungssektors: Anstelle der bürokratischen Regulierung tritt seit den 90er Jahren mit zunehmender Intensität der stumme Zwang der Konkurrenz.

4. Damit verbunden ist für die Beteiligten eine neue Form der Disziplinierung, nämlich durch eine ganz spezifische Art der SELBSTBESTIMMUNG. Selbstbestimmung heißt in diesem Zusammenhang aber nicht etwa, dass freie Menschen sich untereinander ausmachen, wie sie miteinander möglichst human tun, sondern Selbstbestimmung bedeutet innerhalb eines auf Überlebenskampf determinierten Schlachtfeldes, dass man sich zu Kampfteams „selbstbestimmt" zusammenrotten „darf". Ist diese Logik einmal unhinterfragt angenommen, so braucht man gar keinen Aufseher à la Bentham mehr, sondern die Logik der Kampf-EINHEIT (!) sorgt selbst für die unbedingte Gleichschaltung der Gruppe.

5. Für Lehrer/innen und Lehrer werden im Rahmen der Schul-Unternehmens-Entwicklung Instrumente eingeführt, die bereits aus der Privatwirtschaft bekannt sind und die die Identifikation mit dem Unternehmen fördern sollen: corporate identity durch Schulleitbilder, Outputorientierung a la Leistungsstandards ... (vergleiche dazu auch r Rondo-Provetto). Zur Abrundung des Menüs fehlt im Moment nur noch die von Kleiner Zeitung, Industriellenvereinigung und anderen so rabiat eingeforderte Personalhoheit der Direktor/innen, die sich von vorgesetzten Verwaltungsbeamten zu echten Bossen in Unternehmen wandeln – die Geschichte der Nomenklatura lässt grüßen.

Verhaltensvereinbarungen als Selbstkontrolle

6. Welch perfides Herrschaftsinstrument Selbstbestímmung (= Demokratie) unter solchen entfesselten Bedingungen ist, kommt im Instrument „Verhaltensvereinbarungen" besonders deutlich zum Ausdruck: Dem Leitgedanken der Dezentralisierung und der Schulautonomie entsprechend (siehe oben Punkt 3 zur Vermarktwirtschaftlichung) wurde 2001 der §44 des SchUG dahingehend erweitert, dass auf der Grundlage einer Hausordnung schuleigene Verhaltensregeln für Schüler, Lehrer und Erziehungsberechtigte festgelegt werden können (nicht: müssen), wobei das Einvernehmen aller Schulpartner (Lehrerschaft, Eltern, Schüler) anzustreben sei. Verhaltensvereinbarungen würden die Schulpartnerschaft stärken und könnten zu einem guten Schulklima beitragen. Dass die Schulpartner Regeln für einen fairen und positiven Umgang miteinander festlegen, sei ein wichtiger Beitrag auf dem Weg von der Anordnungs- zur Vereinbarungskultur sowie zur Gewaltprävention (siehe r BMUKK).

Was da so nett daherkommt, hat es in sich:

  • Während es im Großen und Ganzen nach wie vor gute Schulgesetze gibt, die Lehrer/innen und Schüler/innen vergleichsweise große Spielräume einräumen, findet mit den Verhaltensvereinbarungen eine massive Verdichtung der Gängelung des Einzelnen auf der Schulebene (und damit eine Aushöhlung des gesetzlichen Rahmens) statt.
  • Dass diese Einschränkung der Verhaltensfreiräume des Einzelnen durch die Schulgemeinschaft stattfindet, ist zwar formell nicht einmal vorgegeben: Theoretisch könnten in den Verhaltensvereinbarungen ja auch die Freiräume der „Schulpartner" ausgeweitet werden. Aber es findet nicht zufällig genau das statt, was bereits im Namen steht: Verhaltens-Vereinbarungen des gemeinsamen Ganzen über das Verhalten des Einzelnen, der ganze Prozess heißt ja schließlich nicht Freiräume-Vereinbarung.
  • Dieses Aufblühen der Normierungswut durch die Summe der zu einem Kampfkollektiv zusammengeschweißten Einzelnen kennt tendenziell keine Rechte des Einzelnen mehr, sondern nur noch Pflichten. Die Berichte des Sommers 2008 aus Italien, wonach einzelne Gemeinden geregelt hätten, dass maximal drei Personen auf einer Parkbank sitzen dürften usw., klingen zwar einfach lächerlich, aber das Lachen kann einem unter diesen Umständen vergehen. Und genau aus diesem Grund haben auf einer überbetrieblichen Ebene agierende Gewerkschaften zu Recht Angst vor Verlagerungen von Regelungen betreffend Löhnen, Arbeitszeiten etc. weg von Kollektivverträgen hin zur betrieblichen Ebene: Gegen die innere Vorwegnahme der Konkurrenz- und Kontrolllogik durch den Einzelnen ist der immer noch äußere Aufseher eines Herrn Bentham ein „Lercherlschaß".
  • Im Endergebnis strotzen Verhaltensvereinbarungen nur so von Kontrollen und Regelungen, während Ausweitungen von Freiräumen im homöopathischen Bereich bleiben. (Uns zumindest sind nur solche Beispiele bekannt, über die Nennung gegenteiliger Beispiele wären wir sehr dankbar!) Exemplarisch (!) verweisen möchten wir auf die Verhaltensvereinbarung eines r Wiener Gymnasiums, in der in der Präambel gleich einmal klargestellt wird, dass Verhaltensvereinbarungen und (diese Art von) Demokratie nur besonders ausgefeilte Herrschaftstechniken sind:

„Wir bekennen uns zur pädagogischen Grundannahme, dass Autorität und Normen umso leichter akzeptiert werden, je eher sie einsichtig gemacht werden. Pädagogik der Anordnung wollen wir durch Pädagogik der Begründung ersetzen. Wir sind überzeugt: Lockerung schafft Einsicht. Wo allerdings die Einsicht auf diesem Weg nicht erfolgt, scheuen wir auch vor konsequentem Einsatz von Erziehungsmitteln nicht zurück!
Demokratie hat nichts mit antiautoritärer Schule zu tun!"

Hervorhebungen im Original!

Einer solchen Beschreibung ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, Jeremy Bentham wäre vor Neid erblasst. Jedenfalls Grund genug, vor Verhaltensvereinbarungen und anderen Instrumentarien auf der Hut zu sein.

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So far I haven't use, 2015-09-26, Nr. 6383

So far I haven't used Twitter in a formal lenraing context, but this is because I have some pretty big classes and yet most of my students don't, as far as I know, use Twitter, or even know what it is. (I should get some hard data on this, really.)Networking-wise, I use Twitter to connect with other educators and people who do what I do (which I guess could loosely be called "presentation science"). The flow of ideas and examples is brilliant and keeps me motivated and interested. Also, there are pretty, shiny things to look at, linked to by people who like what I like.I also use Twitter to bring people to my blog (which is basically about my research. Ish.), and while I don't have a huge readership, this has been an unqualified success; since getting a Twitter account, blog traffic has definitely increased since the time when I was just one more hard-to-find node on the internets.I think Twitter is great for catching people's attention, but you then need to work out what you're going to do with it. I channel people's attention towards my blog, or towards the content that I link to, in the hope of making them think about their own practices. While some people make a brilliant, self-contained job of their 140, for me it's not enough in itself, but rather the means to an end.

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