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Heike Schiebeck

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2008-02-09

Nyéléni

Fortsetzung
des Nachdenk-Prozesses „Welche Zukunft machen wir?":


„Indigene Gesellschaften zwischen Selbstbestimmung und Anpassung" am 14. 2. mit Veronika Avila;
„Grundeinkommen – Soziale Sicherheit ohne Arbeit" am
22. 2. 08 mit Andreas Exner

Der folgende Bericht ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung der Ausführungen von Heike Schiebeck bei der Diskussion r „Die Stimme der Kleinbauern des Südens" am 7.2.08. Sie war als einzige Vertreterin Österreichs im Februar bei einem weltweiten Landwirtschaftsforum von Kleinbauern und -bäuerinnen in Mali.[1].
HINTERGRUND: Die 1,3 Milliarde Bauern der Erde verfügen über 28 Millionen Traktoren und 250 Millionen Zugtiere. Eine Milliarde arbeitet ausschließlich mit eigener Körperkraft. Was bedeutet für sie die Durchsetzung moderner großräumiger oder gar globaler Märkte?

Nyéléni, das Dorf am Stausee von Sélingué, wurde eigens für das Forum errichtet. Das Dorf wurde benannt nach einer legendären Bäuerin.[2] In nur zwei Monaten haben alle verfügbaren Maurer und Dachdecker der Umgebung 110 kleine Rundhäuser aus Lehmziegel für die 500 Delegierten gebaut. In den Lehmhäusern, die mit kegelförmigen Dächern aus Bambusstäben und Reisstroh gedeckt sind, hält sich die Kühle der Nacht bis über Mittag, draußen steigt die Temperatur auf 38°C. Als wir am Tag vor Beginn des Forums ankommen, fehlen im Dorf noch Strom, Wasser und die Türen vor den Plumpsklos. In einer letzten Nachtschicht wird alles fertig gestellt.

Die Teilnehmer/innen des Forums kommen vor allem aus den südlichen Ländern der Welt, aus Europa sind wir 45, ich bin die Einzige aus Österreich. Aufgrund der Erfahrungen bei Weltsozialforen mit bis zu 150.000 Personen wurde die Zahl auf 500 beschränkt. Via Campesina, der Weltfrauenmarsch, Friends of the Earth, Organisationen traditioneller Fischer und weltweite Sozialbewegungen haben das Forum zwei Jahre lang vorbereitet. Sie haben den Organisationen aus Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika dreiviertel der Plätze zugeteilt, weil in vielen südlichen Ländern 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten.
„Die meisten von uns erzeugen selbst Lebensmittel," heißt es in der r «Erklärung von Nyéléni», die am Forum verfasst wurde. „Wir sind bereit, fähig und willens, alle Menschen der Welt zu ernähren. Insbesondere Frauen und indigene Völker haben im Lauf der Jahrtausende das Erfahrungswissen in der Landwirtschaft und für die Zubereitung des Essens geschaffen, ihre Leistungen werden jedoch gering geschätzt. Unser Kulturerbe und unsere Fähigkeiten, gute, gesunde und ausreichende Lebensmittel zu erzeugen, werden durch Neoliberalismus und einen globalisierten Kapitalismus bedroht und untergraben."

Die ersten zwei Tage vergehen damit, das Programm vorzustellen und diverse Eröffnungsreden, darunter auch die des Präsidenten von Mali, anzuhören. Mali hat Ernährungssouveränität in das Gesetz für Agrarpolitik aufgenommen. Dann teilen wir uns auf in thematische Arbeitsgruppen. Die Themen lauten: 1. lokale Märkte und Welthandel; 2. Erfahrungswissen und Technologie; 3. natürliche Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut, Biodiversität als Gemeingut; 4. Nutzung der natürlichen Ressourcen durch die einzelnen Sektoren; 5. Konflikte und Katastrophen; 6. Lebens- und Arbeitsbedingungen, Migration; 7. Produktionsmodelle. Ich wähle die Arbeitsgruppe 3, weil Gentechnik und die Erhaltung des bäuerlichen Saatgutes dort hineingehört.

In jeder Gruppe bearbeiten wir drei Fragen: Wofür kämpfen wir? Wogegen kämpfen wir? Was können wir tun? In unserer Gruppe sind etwa hundert Leute aus allen Teilen der Welt. Henry Saragih aus Indonesien, der Generalsekretär von Via Campesina, erklärt:
„Vor der Ausbreitung des Neoliberalismus verfügten wir über Nutzungsrechte auf Land und Wasser. Das hat sich geändert. Viele Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, haben heute Hunger, weil alles exportiert wird. Das trifft auch für den Fischfang zu."

Die Länderberichte über die Zerstörung der Umwelt und den Zugriff transnationaler Konzerne auf Land, Wälder, Saatgut und die Meere sind erschütternd. In Malaysia und Indonesien holzen skrupellose Geschäftemacher den Urwald ab und legen Palmölplantagen an, in Südostasien werden die Fischrechte privatisiert. Fischer mit kleinen Booten verlieren ihre Arbeit, weil große Fischfangunternehmen mit Industrieschiffen die Meere rücksichtslos ausbeuten. An diesem Forum sitzen Imperialismus, Neoliberalismus, der Freihandel und das Patriarchat auf der Anklagebank. Die Regierungen holen selbst die Konzerne ins Land und beteiligen sich an der Vertreibung der indigenen Gemeinschaften, die auf ihrem Land Nutzungsrechte, aber keine Eigentumstitel haben. Ein Kampf ums Überleben.

Selbsthilfe und Widerstand

Ermutigend sind dann die vielen Beispiele von Selbsthilfe und Widerstand. Wir teilen uns nach Sprachen in kleinere Gruppen auf und brauchen keine Übersetzung mehr. Ich wähle die englischsprachige Gruppe, in der Asien stark vertreten ist. Für Pramila Swaim, Indigene aus dem indischen Bundesstaat Orissa, sind Graswurzelbewegungen unabdingbar. Ohne sie verkommt Ernährungssouveränität zu einer hohlen Phrase. Entscheidungen müssen auf lokaler Ebene gefällt werden. Pramila leitet eine nichtkommerzielle Saatgutbörse. Sie vergibt Saatgut an Bäuerinnen und Bauern, die es ihr später zurückgeben, manchmal auch Sorten, die sie noch nicht hat. Pramila arbeitet mit 2000 Dörfern zusammen, das sei aber nur ihr Bereich, betont sie, daneben gäbe es andere Saatgutbörsen. Das Saatgut muss in den Händen der Gemeinschaften bleiben, die es über Jahrhunderte selektioniert haben.

In Südindien hat Monsanto genmanipulierten Reis auf Versuchsfeldern ausgesät. Einige tausend Bauern haben die Felder angezündet und ihre Regierung solange unter Druck gesetzt, bis Monsanto gehen musste. „Wir sind aber nur ein Bundesstaat Indiens mit 50 Millionen Einwohnern. Wir wollen ein gentechnikfreies Indien." Andere Länder, andere Dimensionen. Eine gentechnikfreie Welt wollen wir alle.

Bei der Beantwortung der Fragen sind wir uns schnell einig. Ernährungssouveränität braucht umfassende Agrarreformen, die den Arbeitenden die Nutzungsrechte auf Land, Saatgut und Wasser sichern und Solidar-Wirtschaften, in denen Menschen, nicht Profite, im Mittelpunkt stehen. Das Wissen dafür ist vorhanden. Die Gruppenergebnisse werden in der r «Erklärung von Nyéléni», die vorgeschlagenen Aktionen in einem globalen Aktionsplan zusammengefasst. Organisationen, die nicht am Forum vertreten sind, sollen sich anschließen.

Die Küche: Ein eingezäunter Platz in der Sonne. Etwa fünfzig Frauen kochen für uns Frühstück, Mittag- und Abendessen. An offenen Feuerstellen brutzelt und brodelt es in großen Pfannen und Töpfen. Zum Frühstück gibt es in Sesamöl ausgebackene kleine Hirsekrapfen und Khenkuliba, einen Heilkräutertee aus Blättern des lichten Waldes der Savanne. Die Frauen verwenden zum Kochen Mais, Hirse, Reis, Kohl, Fisch, Fleisch von Schafen, Hühnern und Rindern, alles im Dorf erzeugt. Sie bereiten Soßen aus Blättern, die wir nicht kennen. Mangos und kleine grüne Bananen erntet man hier das ganze Jahr.

Um vier Uhr früh, jeden Morgen, noch bevor der Muezzin in der Ferne zum Gebet ruft, höre ich Stimmen aus dem Rundhaus nebenan. Wie wenn einer den anderen weckt, dann diskutieren sie laut, lachen, streiten. Nach einer Weile schaue ich hinaus, denn ich kann nicht mehr einschlafen. Auf Bastmatten am Boden sitzen sechs Männer aus Nepal. Sie winken mir zu, ich solle mich zu ihnen setzen. Freundlich, äußerst gut aufgelegt, erzählen sie mir:
„Ja, wir sind auch Bergbauern. Bei uns arbeiten dreiviertel der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Wir haben gerade den König verjagt. 238 Jahre lang war dieses Königshaus an der Macht. Ihr da in Europa, ihr habt doch schon längst keine Könige mehr? In Katmandu, unserer Hauptstadt, haben wir demonstriert. Das Militär hat in die Menge geschossen und 25 Menschen getötet. Aus Empörung sind Millionen in die Stadt geströmt. Wir haben 19 Tage lang demonstriert, dann ist er gegangen. Jetzt schreiben wir eine neue Verfassung, darin wird auch Ernährungssouveränität stehen."

Als es hell wird, gehen wir frühstücken.

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Anmerkungen

[1] Übernommen von der Zeitschrift bzw. Homepage r «Archipel». Geringfügige redaktionelle Bearbeitung durch Walther Schütz. ... zurück zum Text

[2] Nyéléni war eine Frau. Sie lebte im 18. Jahrhundert in einem Dorf im guineischen Wald von Westafrika. Nyélé bedeutet in der Sprache der Bambara die erstgeborene Tochter. Sie blieb ein Einzelkind, für die Bambara ein Fluch, denn würde Nyéléni heiraten, blieben ihre Eltern im Alter allein. In ihrer Kindheit litt sie unter dem Spott des Dorfes. Deshalb beschloss Nyéléni, den Frauen ihre Würde zurückzugeben. Sie versorgte ihre Eltern und wies alle heiratswilligen Männer ab. Neben den traditionellen Frauenarbeiten tat sie auch alles, was in ihrem Volk Männersache war: Brunnen graben, auf die Jagd gehen, Bienen halten. Nyéléni nahm nicht an Dorffesten teil, forderte die Männer jedoch zu landwirtschaftlichen Wettbewerben heraus. Sie besiegte alle Männer ihres Dorfes und der weiteren Umgebung. Ihr Ansehen wuchs. Sie verbesserte Anbaumethoden und schuf durch Auslese des Saatgutes Getreidesorten wie den Fonio. Nyéléni wurde zur Legende und ist heute ein Symbol für Entschlossenheit, Hoffnung und Selbsthilfe, erklären uns die malischen Frauen am ersten Tag des Forums, dem Frauenforum. ... zurück zum Text

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