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2003-11-15

kärnöl, Kunst und Politik

Eine Fernanalyse zur politischen Lage von kärnöl aus den Niederungen des Burgenlandes

In letzter Zeit werden bei den dienstäglichen Treffen heftige Diskussionen bzgl. der politischen Dimensionen von kärnöl geführt (oder vielleicht besser: bejammert). Dem einen sind die Aktivitäten von kärnöl zu politisch und die künstlerische Qualität leide dadurch, den anderen zu wenig radikal und zu schöngeistig. Auf jeden Fall: es fliegen Fetzen!

Ich liebe Diskussionen und wer mich kennt weiß, dass ich mich stundenlang für oder gegen eine Argumentation einsetzen kann. Ich werden heute keine Meinung zur politschen Dimension kärnöls abgeben, möchte aber das Thema aufgreifen und die Diskussion um ein paar Perspektiven bereichern, vielleicht auch anzuheizen.

Im Zentrum jeder Diskussion steht ein mehr oder weniger explizites Thema bzw. Fragestellung. In meinem Beruf hat es sich als hilfreich erwiesen, zwischen expliziten bzw. vordergründigen und impliziten bzw. hintergründigen Themen und Fragen zu unterscheiden.

In unserem Fall lautet das explizite Thema "kärnöl und Politik" und die dazugehörige vordergründige Frage ungefähr so: "Dürfen bzw. sollen bei kärnöl als unabhängiger Kunst- und Kulturinitiative im nicht subventionierten öffentlichen Raum Diskussionen über die politischen Auswirkungen von Kunst und Kultur geführt werden? Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Ist kärnöl politisch?"

Welche impliziten Themen und Fragen könnte nun diese vordergründige Fragestellung beinhalten? Ich habe versucht, einige hintergründige Themen und Fragen herauszufiltern, wobei die folgende Liste sicherlich nicht vollständig ist:

  • Kunst- und Kulturinitiativen im nicht subventionierten öffentlichen Raum haben politisch neutral zu sein bzw. sind also kein öffenliches politisches Diskussionsforum. Sie haben ausschließlich der Präsentationsmöglichkeit für Kunstschaffende jeglicher Art zu dienen und nicht dazu, durch etwaige politisch kritische Aussagen potentielll öffentliche oder private Kunstinvestoren zu verschrecken. Oder: "Sogst bitte nix folsches, sunsta vakaf i kane Büldn, wenn i bei kärnöl ausstöl."
  • Künstler und Kunstinteressierte sind in erste Linie apolitsche Personen - das heißt: Ein auf das Mäzenatentum angewiesener Kunstschaffender hat das Wertesystem seines Mäzens nicht zu hinterfragen oder besser: "Die Hand die einen füttert, beisst man nicht."
  • Ein Kunstwerk jeglicher Art repräsentiert in erster Linie die individuelle Wahrnehmung und die Ausdrucksfähigkeit des Kunstschaffenden und ist klar von dessen persönlichen und politischen Meinungen sowie Einstellungen zu trennen oder: "Wahre Kunst macht frei!"
  • Diskussionen über Kunst und Kultur sind unabhängig von ihrer sozialen und politischen Relevanz für die Gegenwart zu führen. Die sozialpolitische Bedeutung von Kunst und Kultur überlassen wir den Historikern oder: "Nur ein mundtoter Künstler ist ein guter Künstler."
  • Kunstschaffende und Kunstinteressierte sind für regionale und überregionale politische Verhältnisse nicht zuständig, geschweige denn dafür verantwortlich, oder: "Auf da Olm do gibts ka Sünd."

Wie ich hoffentlich aufzeigen konnte, verbergen sich hinter den manchmal populistisch wirkenden Themen und Fragenkomplexen eine Fülle von oft unbewußt versteckten Themen und Fragestellungen. Ich habe in meiner kurzen Analyse bewußt auf die sehr sensible Ebene der emotionalen Seite verzichtet. Trotzdem scheinen mir beim gegenwärtigen Stand der Diskussion diffuse Ängste, Aggressionen, Hilflosigkeit, usw. implizit mitzuschwingen und eine möglichst sachliche Gesprächsführung der durchaus interessanten sozial- sowie kulturpolitsich relevanten Themen zu blockieren.

Das zur Zeit geführte rethorische Scharmützel bei den dienstäglichen Treffen erinnert mich aber auch an Max Weber, die Frankfurter Schule und andere namhafte Wissenschafter, die schon im 20 Jhdt. heftige Diskussionen um die Wertfreiheit der Wissenschaft führten. Wir wissen aber auch, was ein Rückzug auf das Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaft für Folgen nach sich ziehen kann!

Die Wertediskussion, aus der keine Generation entlassen wird, wird uns in der heutigen Zeit wieder vorenthalten. Was ist der gegewärtigen Gesellschaft Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur wert? Sie werden zum Privateigentum degradiert. Wollen sie singen, so gründen Sie einen Gesangsverein und lassen Sie sich durch namhafte Konzerne sponseren. Wie wäre es mit "Infineon Arbeitslosen-Sextett" mit schicken Benetton Leibchen?

Ist kärnöl politisch, ist kärnöl innovativ, ist kärnöl gut, ist kärnöl schlecht? Hinter dieser vordergründig scheinbar unwichtigen weil lokalbezogenen Wertediskussion geht es aber meiner Meinung nach um grundlegendere Dinge als um kärnöl. Um persönlichen Werte nämlich und die Wertschätzung, die eine Gesellschaft den kreativen, ntellektuellen und sozialen Aktivitäten ihrer Mitglieder entgegen bringt. Diese Diskussion ist mir zu wichtig, als dass ich sie aus den Gasthäusern und Kneipen, verbannt und den befristeten Mietern des Hohen Hauses überlassen sehen möchte.

Wenn mir danach ist, werde ich mir dienstags einen oder mehrere GesprächspartnerInnen aussuchen und mit ihnen über die Frage: "Sind Kunst und Kultur politisch?" diskutieren. Falls mir dabei fad wird, kann ich ja Gösta bitten, mir eine seiner köstlichen Urlaubsanektoten zu erzählen, vielleicht spielt Mary einen ihrer Songs auf der Gitarre. Ich kann mit Gottfried über die Geheimnisse des Grillens plaudern oder Hans bei seinen interessanten historischen Kurzanalysen zuhören. Peter erzählt mir sicher etwas über die immerwährend schwierige Finanzlage der Arbeiterkünstler, Herwig etwas über das letzte Stones-Konzert und Helen über ihre neuen Variationen in Rot. Oder ich diskutiere mit Stephan über die Auswirkungen des kritischen Rationalismus auf die Kunstbetrachtung.

Und wenn keiner mit mir über Kunst reden will, zünde ich mir eine Zigarette an, bestelle ein kleines Bier, beobachte diese "Ansammlung unterschiedlichster Persönlichkeiten", diesen Schmelztiegel der Menschlichkeit und denke mir: Mensch, ist kärnöl politisch!

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bernhard teferle, 2003-11-21, Nr. 730

mit einem versönlichen schlussatz hat der hans versucht die kurve zu kriegen. die feststellung, dass letztlich alles handeln politisch ist, hilft ihm doch wieder alle unter einen hut zu bringen. nach dem motto:" machts euch nicht zu viele gedanken darüber , ob ihr politisch seids oder nicht , auf irgendeine weise seids es eh alle". die einen heftiger, die anderen weniger.
nur das ist nicht der punkt. der punkt ist, wenn es so ausschaut, wie es eben einmal ausschaut, dann hat man/frau die verdammte pflicht sich ein zu mischen und zu handeln. und zwar politisch, am besten parteipolitisch.
ein blick in den gestrigen standard genügt, um fest zu stellen, dass im sechstreichsten land der welt nicht einmal der von den politikerInnen vielgepriesene wohlstand so sicher ist, wie behauptet wird.
750 000!! lohnpfändungen pro jahr, bei 3,3 millionen unselbstständig erwerbstätigen und 920 000 gerichtliche pfändungen. gleichzeitig zieht der milliardenschwere flick nach österreich um, weil er hier sein, ist es überhaupt seins, geld steuerschonend anlegen kann.
und da soll man/frau nicht politisch sein.
von der geschlechter, vor allem der frauensituation, vom ökologischen zustand, vom nahrungssondermüll, rassistischen und antisemitischen verbalen übergriffen, dem umgang mit ausländischen mitbürgerInnen, den nationalen rülpsern der nationalfreiheitlichen uw. usw.usw. ist ja nicht einmal die rede.

hasta la victoria sempre

bernhard

DocHoliday, 2003-12-01, Nr. 772

Da Berni kann halt nicht abstrahieren, muss immer gleich das Geldbörsl und den Zuchtriemen auf den Tisch knalln, der (nicht nur physische) Bua vom Lond.

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