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Hans D. Smoliner

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2000-11-23

Kunst oder die Hausfrau vor dem Spiegel

Manchmal, wie gewöhnlich im stundenlosen Morgengrauen, fängt sie der mit Kukidentschaum bespritzte Spiegel ein und hält sie fest. Gefesselt steht sie davor. Sie ist versunken, abgetrennt von der Wirklichkeit und alleine mit ihrem lieben Laster, der Eitelkeit. Denn wie sie alle anderen Laster bereitwillig ausbreitet vor ihrer Mutter, so haltet sie dieses eine geheim und verleugnet es selbst vor ihren besten Freundinnen.

Da steht sie und starrt die Landschaft an, die sie selber ist. Das Gebirge ihrer Nase, die abgeschminkten Schluchten und Falten, an die die Jahre sie schon so gewöhnten, dass sie nicht mehr weiß, wie sie entstanden sind, ihre hängenden Schultern, raue Hände und Haut und die frauigfachen Urwälder ihrer Haare. Sie sinnt, sie ist befriedigt, sie sucht sich selbst zusammen. Manches ist zu klein geraten, und es ist gut, dass es so klein ist, manches wiederum ist zu groß und es ist herrlich, dass es so ist. Männer haben sie gelehrt, dass es nicht auf die Masse ankommt. Männer haben ihr gesagt, was schön an ihr sei, sie hat es vergessen, aber nun sucht sie sich selbst wie Staub zusammen aus dem, was Männer an ihr gefiel. Denn sie selbst weiß nicht, was schön an ihr ist.
Nur die schönen Frauen wissen um sich selbst Bescheid, aber schöne Frauen taugen nicht zur Liebe: sie überlegen noch im letzen Augenblick, ob es ihnen auch steht. Zur Liebe taugen die kleinen Hässlichen, die ihre Gesichter mit Stolz vor sich hertragen wie eine Maske. Die kleinen Schweigsamen, die hinter ihrem Schweigen viel verbergen oder nichts.

Hände, schmale mit langen Fingern oder kurze, die zugreifen. Der Ansatz eines Nackens, der steil aufsteigt, um sich im Waldrand der Lockenwickler zu verlieren, die zärtliche Kurve der Haut hinter dem Ohr, die geheimnisvolle grindbesetzte Muschel des Nabels, die flachen Kiesel der Kniescheibe, die geschwollenen Knöchel ihrer Fußgelenke, die zwei Hände umspannen, um sie vom Sprung zurückzuhalten - und über der weiten und immer noch unbekannten Gegend Körper, viel älter als er, viel mehr getragen, allem Geschehen offen: Dies Gesicht, immer wieder dies Gesicht, das sie so gut kennt. Denn einen Körper besitzt sie nur des nachts und fast nur in den Armen eines Mannes. Aber stets mit ihr geht, immer gegenwärtig, ihr Gesicht.

Der mit Kukidentschaum bespritzte Spiegel sieht sie an. Da nimmt sie sich zusammen. Sorgfältig, als putze sie ihre Zähne, ordnet sie ihre Züge. Frech, ernst und ihrer Schönheit bewusst, so dreht sie sich um zur alltäglichen Kunst.


Eine Wortinstallation nach PROSE SELAVY bzw. Marcel Duchamp (Nov. 2000)

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