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2012-08-20

Franz Nöstlinger: ein Aufrechter, der seinen Weg ging

Er war mir nicht sehr gut bekannt, und dennoch nahe: Franz Nöstlinger, der am 17. August an den Folgen eines Krebsleidens in Klagenfurt verstorben ist. Franz lernte ich vor vielen Jahren in Kärnten, wo ich einige Jahre lebte, kennen. Wenig weiß ich von diesem Mann an Persönlichem, der für mich gleichwohl ein Fixpunkt der linken Szene in Kärnten war. Zwar hatten wir uns einige Male durchaus im Persönlichen getroffen, doch gingen die Gespräche mehr um das Politische, wie es so oft die schlechte Angewohnheit ist in solchen Beziehungen.

Was ich von ihm wusste, nahm mich jedoch für ihn ein.

Wiederholt ist mir in den Sinn gekommen, wie er, der leidenschaftliche Wanderer, einmal im Wirtshaus mir gegenüber da saß und beiläufig, aber mit einem Gewicht in der Stimme, die alles sagte, was nicht ausgesprochen wurde im typischen Kärntner Dialekt bemerkte: “Auf die Berg, do is ma no frei, sunst gibts jo ka Freiheit mea.”

Das meinte er aus tiefstem Herzen. Die scheinbare, für ihn jedoch fast allerorts zu fühlende Totalität der kapitalistischen Gesellschaft, das Bedrückende, das sie ausmacht, schien ihm nur auf den Gipfeln der Berge aufgehoben, weggeblasen vielleicht vom Wind, entfernt durch die Makellosigkeit der Natur. Was für Adorno die Kunst, war Franz Nöstlinger der Berg.

Der Kärntner Dialekt, der die Worte dehnt und in ein eigentümliches Gleiten versetzt, bekam, wenn Franz ihn sprach, einen stolpernden, fast schon gehetzten Ausdruck. Was für ein Schicksal hat sich darin geäußert? Es muss ein schweres gewesen sein, das dachte ich mir oft, wenn ich ihn sah. Franz Nöstlinger war ein bedrückter Mensch, eine große Last schien auf ihm zu legen, ein Gift in ihm zu fressen, eine fremde Schwerkraft an den Rand zu drängen. Er war nicht selten zornig, konnte ungehobelt sein und distanziert. Doch konnte er genauso gut lächeln wie ein Bub und ich erlebte ihn ebenso oft charmant wie zuvorkommend. Er war ein Stiller, kein Redner. Jemand, der sich in sozialen Zusammenhängen, in Beziehungen, nicht wirklich zurecht fand, und darunter arg gelitten haben musste. Dennoch berührte mich sein Wesen, vielleicht weil ich mich ein Stück weit in ihm erkannte.

Längere Zeit an der Universität tätig, habilitierte sich Franz Nöstlinger mit einer theoretisch-empirischen Arbeit zur sozialen Ungleichheit in Kärnten, wobei er den Schwerpunkt auf die Situation von Frauen legte. Dies ist einigermaßen ungewöhnlich. Anders als so vielen linken Männern seiner Generation stand ihm die patriarchale Unterdrückung im Zentrum des Interesses. Seine Verbundenheit mit diesem Thema, ich weiß nicht, woher sie rührte, ließ ihn sogar die Mühen einer Lehrveranstaltung an der Universität Klagenfurt in Kauf nehmen – und den Hohn der Studierenden, die sich über seine Erscheinung und seinen Vortragsstil belustigten, mit Ärger, ertragen. Er, der den überall fast widerspruchslos herrschenden postmodernen Feminismus – als Mann – wegen seiner Kapitalismus- und Marktaffirmation kritisierte, beantragte und hielt eine Lehrveranstaltung am Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien der Universität Klagenfurt, wo gerade dieser Feminismus, trotz mancher Widerstandsnester, dominiert.

Er hatte, wie er mir erzählte, an der Universität schlicht den Zug der Zeit verloren. Im Milieu der 1970er Jahre mit ihrer allgemeinen Linkstendenz im akademischen Milieu sozialisiert, trat für ihn eine Karriere mit fortschreitendem Neoliberalismus, noch verschärft durch seine persönlichen Eigenheiten, in unerreichbare Ferne.

Der Habilitierung folgte daher kein fixes Engagement im universitären Rahmen, sondern eine Anstellung im Amt der Kärntner Landesregierung. Ich erinnere mich noch der überraschten Frage eines Bekannten, welcher komische oder verwegene Kauz da wohl in diesem Hort des Bösen säße, der sich ungeniert nach seinem unschwer als linkesradikales Werk erkennbares Buch unter ungenierter Benutzung seiner beruflichen Emailadresse erkundigte. Sein Abgang von dort in die Frühpension war offenbar erzwungen, die genauen Umstände erfragte ich nicht, nahm jedoch an, man wollte sich seiner entledigen. Er nahm mich einmal mit in die gelblichen, tot wirkenden Stiegenhäuser und Zimmerfluchten des Verwaltungsgebäudes, in dem er tätig gewesen war. Ich spürte eine Art von Erschrecken ob der Verließ gewordenen Bürokratie und fühlte mit ihm, dem absoluten Außenseiter mit.

Franz Nöstlinger war das, was die Leute gemeinhin verschroben nennen, entsetzlich einsam, wie ich glaube, in seiner Lebensweise fast misanthropisch. Doch es leuchtete aus ihm ein gutes Herz, klar und deutlich, wenn man sich nicht von den Oberflächlichkeiten des alltäglichen Verkehrs blenden ließ. Ein Herz, das der Sache der Befreiung unumstößlich treu war, so sehr er selbst sich der Befreiung Lichtjahre fern fühlen musste, schon ganz allein aufgrund der Lebensumstände, die ihn, so bin ich sicher, zu dem gemacht hatten, der er war.

Darin ist Franz Nöstlinger ein Vorbild für uns alle.

In allen von uns lagern sich im Lauf unseres Lebens Schmerz und Leid an, strukturell, denn das ist dieser Gesellschaft eingeschrieben: bei manchem mehr, bei anderen weniger. Bei Franz war es viel Schmerz, viel Leid. Er aber mutierte nicht zum Rechtsextremen, er suchte nicht sein Leiden durch das Einprügeln auf die Schwächeren zu verdecken, zu vergessen, was nicht nur, aber auch in Kärnten leicht ist. Nein, er gestand sein Leiden vielmehr ein und solidarisierte sich mit den Unterdrückten. Er ist ein Vorbild, weil er zeigt, dass eigener Schmerz nicht legitimiert, anderen Schmerz zuzufügen oder den Schmerz, den diese Gesellschaft verursacht, gutzuheißen.

Wertkritische Strömungen betrachtete Franz vermutlich nur mit lockerer Sympathie. Zu sehr war in ihm der Pragmatiker am Wort, so denke ich, der sich an der sozialen Ungleichheit empörte, den Schmerz der Zurücksetzung der Vielen als eine Zumutung empfand und als eine strukturelle Konsequenz des Kapitalismus skandalisierte. Doch war er nicht sozialdemokratisch borniert. Franz unterstützte das, was ihm wohl als “die Linke” geschienen hat, vorbehaltlos und mit offenem Geist: alle jene, die dem, was ihm jenseits der Berge die Luft zum Atmen nahm – und so vielen anderen, wie er mit statistischer Genauigkeit wusste – ein Ende und damit einer besseren Gesellschaft den Anfang machen wollen.

Er war einer, der, wie er mir erzählte, alle linken Zeitschriften, die von der Universitätsbibliothek Klagenfurt im Laufe der Jahre sukzessive abbestellt wurden, auf eigene Rechnung weiter abonnierte. Er war einer, der Neues freudig aufnahm, sofern es ihm für eine Bewegung der Befreiung dienlich schien, die er selbst, wie ich glaube, nicht konstatiert hätte. Ich erinnere mich noch an seine Begeisterung, als er die Zeitschrift “Grundrisse” r www.grundrisse.net/ kennenlernte und an sein Gefühl der Achtung vor den Menschen, die sich in solchen Projekten engagieren.

Er war unter anderem Mitglied des Beirats der Kärntner Armutskonferenz, ein aktives Mitglied der Plattform “Solidarisch G’sund“, r http://solidarischgsund.org/ ein regelmäßiger Besucher der Veranstaltungen von Kärnöl, er unterstützte die Forderung nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen, und trat ein für eine Gesellschaft, worin gilt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Franz Nöstlinger ist für mich auch ein Mensch, an dem ich selbst Einiges versäumte. Und dies schmerzt. Er nämlich war einer, der aktive Zuwendung brauchte, weil er selbst so schwer aus sich heraus konnte. Wenn er zu einer Veranstaltung kam, und das tat er regelmäßig, dann war dies nicht nur Interesse, das ihn zweifellos zuvorderst motivierte, sondern wie bei den meisten Menschen auch die Suche nach einer Art der Berührung, des persönlichen Gesprächs. Anders als Walther Schütz, den er kannte und schätzte, ging ich darauf zu wenig ein.

Franz Nöstlinger war ein Weggefährte, und ich trauere um ihn.

In r Gegenwart und Zukunft der Frauenarbeit einem Artikel, der 2005 auf der Website der Gruppe Kärnöl erschienen ist, legt Franz Nöstlinger seine Analyse der neoliberalen Veränderung der Kapitalverwertung und des Stellenwerts wie der für eine gesellschaftliche Befreiung essenziellen Zielrichtung feministischer Kritik dar.

Die Verabschiedung von Franz Nöstlinger findet am Freitag den 07. September um 15.00 in der Zeremonienhalle am Friedhof in St. Veit an der Glan (Eingang Völkermarkter Straße) statt.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf: http://www.social-innovation.org/
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mimenda, 2012-08-20, Nr. 5699

Es kommt mir ein wenig seltsam vor, zwei Nachrufe loben zu wollen, aber ich tu's dennoch, weil sie dadurch unmittelbar anrühren, dass sie die emotionale und intellektuelle Begegnung des Autors mit diesen beiden Menschen (der andere ist Walther) höchst sensibel und eindringlich und ohne Beschönigungen und falsches Pathos schildern.

Besonders haben mir in diesem Nachruf die Passagen zu denken gegeben, die vom Kauz Nöstlinger, von seiner Verschrobenheit handeln, diese aber in keiner Weise in ein negatives Licht rücken.

Mir fällt immer wieder einmal auf, wie sehr sich in unserer "Gesellschaft" eine Tendenz breitmacht, vermeintliche Verirrungen als Perversion zu brandmarken (und ehemalige Perversionen als schick herauszustellen). So hörte ich vor ein paar Monaten zwei Studentinnen hinter mir sagen, als sie einen Herrn mit einer großen Topfplanze in den Bus einsteigen sahen: "du, das ist bestimmt wieder der Psycho von gestern; der hatte da auch sone Riesenpflanze dabei!".

Schon kleine Abweichungen von der ungeschriebenen Regel genügen, um in den Augen dieser Jünger des alternativlosen Stilgötzen der Hölle des Aussatzes verfallen zu sein, an die man sich mit jeder Sünde (die sie "no go" nennen) ein Stück weiter annähert, so man nicht unverzüglich - etwa ob des unerhörten Frevels, Socken in Sandalen zu tragen - in sie expediert wird.

Gegen diesen stylischen Neokniggeanismus nimmt sich dieses Lob der Verschrobenheit nicht nur wohltuend aus, sondern es ebnet der Erkenntnis die Bahn, dass der Mensch heute eher Individuum gegen etwas als für etwas sein kann. In der manifesten Beschädigung steckt doch so ungleich mehr an Menschlichkeit als in der scheinbar nicht vorhandenen.

Diana Wolschner, 2012-08-21, Nr. 5700

Leider bist du von uns gegangen.
Dein großer Gerechtigkeitssinn,
Dein soziales Herz,
Dein philosophisches Wissen ist aber unsterblich.

In tiefer Verbundenheit,
Deine Diana

Christina Mick, 2012-08-26, Nr. 5701

Oh Franz, der Tod nahm dich bei der Hand & in Ruhe wanderst du…

Farewell!

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