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2011-10-20

Neue Strukturen schaffen neue Werte

Müssen wir uns zuerst selbst verändern, damit es in der Welt besser zugeht? Brauchen wir neue Werte, damit die Gesellschaft gleicher, freier und glücklicher wird? Lässt sich der Kapitalismus durch eine andere Moral verändern?

.

Ich denke nicht. Der Zusammenhang zwischen Ethik und Struktur ist genau umgekehrt.

Die kapitalistische Gesellschaft ist ein widersprüchliches Ganzes: alles hängt in ihr letztlich mit allem zusammen. Wie Mann und Frau miteinander umgehen hat etwas damit zu tun, dass sich die Menschen in Kapitalisten und Lohnabhängigen aufspalten; wie die Medien funktionieren ist unter anderem ein Ausdruck der kapitalistischen Eigentumsordnung; das System der Ausbildung steht in engem Zusammenhang mit den Arbeitsverhältnissen; die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ist vom Geschlechterverhältnis ebenso geprägt wie von der Arbeitsorganisation, die von den Eltern tagtäglich erfahren und zugleich mit aufrecht erhalten wird und so weiter.

Die Widersprüche im Ganzen

Was vielleicht wie ein geschlossenes, einheitliches Ganzes aussehen mag, ist jedoch durchzogen von Widersprüchen. Die Unterordnung von Frauen unter Männern, die Unterordnung von Männern unter die patriarchale Norm, die Unterordnung von Kindern unter die Zumutungen der Gesellschaft (vermittelt über die Eltern und die Schule), die Unterordnung von Lohnabhängigen unter das Kapital und sein Management, all diese und noch viele andere Formen der Unterordnung von Menschen unter die sozialen Zwänge dieser Gesellschaft sind niemals total. Die Autonomie des Menschen ist unzerstörbar, es gibt keine komplette Anpassung, tatsächlich ist die Realität sogar voll von Passfehlern zwischen Rollenanforderungen und wirklichem Verhalten, von ständigen Verhaltensmutationen, die das System fortlaufend gefährden.

Dazu kommt, dass die Marktwirtschaft und das Kapital, die diese Gesellschaft dominieren, nicht aus sich heraus existieren können. Die Konkurrenz am Markt bedeutet ein ständiges Auseinanderstreben der Menschen, die darin gegeneinander antreten und das meiste aus allen anderen für ihren eigenen Vorteil herausholen müssen. Sie würde zersprengen und kann das Mindestmaß an Vertrauen und emotionalen Fähigkeiten, das sie benötigt, nicht selbst erzeugen. Die für eine Marktwirtschaft grundlegenden Fähigkeiten und Leistungen entstehen im Haushalt, in den verschiedenen Formen bürgerschaftlichen Engagements und in sozialen Bewegungen, deren Druck dafür verantwortlich ist, dass der Staat Gesetze zum Schutz der Ware Arbeitskraft und anderes erlässt.

Auch das Kapital existiert nicht aus sich heraus: es braucht Arbeitskräfte, die ihre Lohnabhängigkeit als Schicksal oder gar einen wünschenswerten Zustand hinnehmen und es benötigt eine außerökonomische Macht, die abweichende Lohnabhängige auf Linie bringt. Beide Leistungen erbringt der Staat.

Die Ethik spiegelt die Produktions- und Lebensverhältnisse

Das sind die widersprüchlichen Lebensverhältnisse der Menschen im Kapitalismus. Wie werden diese Lebensverhältnisse aufrecht erhalten? Zum Einen, das wurde bereits angesprochen, durch nackten Zwang. Das ist jedoch ein kostenintensives Mittel und kann keine Stabilität erzeugen. Zum Anderen ist daher die Ideologie, sind die Vorstellungen der Menschen über das richtige Leben entscheidend. Was jemand als unwandelbar oder jedenfalls als grundsätzlich richtig ansieht, wird sie oder er kaum in Frage stellen. In jeder Gesellschaft entstehen die Vorstellungen vom richtigen Leben aus der praktischen Verhaltensnorm. Was die Menschen im Rahmen der Beziehungsstrukturen einer Gesellschaft tun, finden sie in aller Regel richtig.

Die ethischen Vorstellungen legitimieren also die Art und Weise, wie Menschen in einer Gesellschaft leben. Auf der anderen Seite führt eine Veränderung in den Produktions- und Lebensverhältnissen auch zu einem Wandel der Ethik.

Die Ethik ist nur der geistige Widerschein des tatsächlichen Charakters und der wirklichen Handlungen der Menschen. Die Charakterstruktur entsteht in einem langen r Auslese- und Formungsprozess von der Familie über das Bildungssystem bis zu den Arbeitsverhältnissen. Deshalb unterscheiden sich die Charakterstrukturen von Manager/innen und Lohnabhängigen, von Spitzenverdiener/innen und Hausfrauen und so weiter.

Die Ethik, das was Menschen für gut und richtig erachten, erwächst also aus dem praktischen Leben, aus den Beziehungen, die Menschen tatsächlich Tag für Tag eingehen. Das ist auch der Grund, warum es wohl noch keine einzige moralische Erneuerungsbewegung in der Geschichte gab, die ihren Lauf wesentlich beeinflusst hat. Sicherlich gibt es moralische Erneuerungen und geistige Innovationen, es entstehen neue Religionen, Weltbilder, Theorien, Utopien und so weiter. Diese Innovationen setzen sich jedoch in der Regel erst dann auf breiter Front durch und werden handlungsrelevant, wenn sich die Produktions- und Lebensverhältnisse der Menschen ändern. Die Freiheit der geistigen Produktion bietet sozusagen ein Reservoir an Ideen, auf die Menschen in Zeiten eines gesellschaftlichen Umbruchs zurückgreifen. Auch in einer Situation des Wandels treibt die Ethik die tatsächlichen Strukturumbrüche nur voran und legitimiert sie begleitend oder rückwirkend.

Die „Solidarische Hochleistungsgesellschaft” (Gusenbauer)

Den widersprüchlichen Verhältnissen des Kapitalismus entspricht eine widersprüchliche Ethik. So paart sich konservatives Familienglück mit der rücksichtslosesten Orientierung auf die Konkurrenz am Markt; die kalte Berechnung von Ausgaben und Einnahmen soll ein warmes Herz für die Familie und die Kinder ergänzen; die in der Arbeit geforderte Selbstständigkeit soll am Gehorsam gegenüber dem Management seine Grenze finden; die allseits für gut befundene Kreativität und Flexibilität soll nicht so weit gehen eine neue Gesellschaft zu entwerfen und so weiter.

Die „Solidarische Hochleistungsgesellschaft” (dazu Walther Schütz, r Neue Fairness braucht das Land????) des ehemaligen SPÖ-Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer bringt die damit verknüpfte Widersprüchlichkeit gut auf den Punkt. In einer solchen Vorstellung sollen die Menschen zugleich konkurrieren und solidarisch sein. Das Idealbild dieses ethischen Undings wäre ein Manager / eine Managerin, der / die warmherzig und mitfühlend Leute auf die Straße setzt oder ein/e leistungs- und konkurrenzorientierte/r Lohnabhängige/r, der / die daheim absolut relaxed die reine Liebe ist.

Tatsächlich kann jemand, der konkurriert, nicht gleichermaßen kooperieren oder solidarisch sein. Gleichzeitig ist das schon rein logisch unmöglich, aber auch zeitlich versetzt wird’s schwierig. Denn die Menschen lassen sich nicht in Jekyll und Hyde unterteilen, eine Logik setzt sich als die dominante durch und zugleich versetzen derart widersprüchliche Anforderungen die Menschen in ständige Dilemmata. Sie provozieren geradezu die Heuchelei, der unerfüllbare Widerspruch zu konkurrieren und zugleich ein Mindestmaß an (entsprechend selektiver) Solidarität zu zeigen muss zu gespielter Solidarität führen, solange nicht das Konkurrenzprinzip und damit die Marktwirtschaft aufgelöst werden soll.

Woher kommt dann die Veränderung der Gesellschaft?

Wenn die Ethik nicht die Führung in der Veränderung der Gesellschaft übernehmen kann, weil sie kein autonomer Faktor ist, sondern von den Produktions- und Lebensverhältnissen abhängt, woher kommt die Veränderung zu einer emanzipierten Gesellschaft des guten Lebens für alle dann?

Ich sehe drei Ursprünge solcher Veränderungen, eine ontologische Bedingung, eine Kontextbedingung und eine spontaneistische Komponente:

Erstens bildet die unzerstörbare Autonomie der Menschen, ihre immer nur mangelhafte Unterordnung unter die sozialen Zwänge das anfängliche und andauernde Reservoir jeder emanzipatorischen Veränderung.

Zweitens unterscheidet sich die Wirkung von Akten der Unangepasstheit, des Widerstands, des Nicht-Gehorchens je nach historischer Situation, je nach Kräfteverhältnissen und ökonomischen Konjunkturen. In einer Krisensituation, wo die Herrschaft in Gefahr läuft, an Stabilität und Legitimität zu verlieren, findet autonomes Handeln im Ganzen und mittelfristig gesehen bessere Bedingungen vor als in Zeiten der Stabilität und des nahtlosen Ineinanderlaufens der unterschiedlichen Mechanismen und Prozeduren der Herrschaft.

Während in einer stabilen Herrschaftsperiode Zugewinne an Autonomie in einem bestimmten gesellschaftlichen Bereich durch Veränderungen in anderen Bereichen kompensiert und damit unwirksam gemacht werden können, ist dies in Zeiten, wo das Herrschaftssystem allgemein unter Druck gerät, nicht mehr so leicht möglich. So konnte das System etwa die Forderungen der 1968er in gewissem Ausmaß integrieren und diese Forderungen ließen sich letzlich auch integrieren. In einer Situation angespannter Kapitalverwertung ist es jedoch schwieriger, selbst kleine Forderungen noch systemkonform zu erfüllen.

Drittens ist das r Handeln kleiner Gruppen entscheidend. Die Mehrheit der Menschen agiert zumeist opportunistisch. Veränderungen zum Schlechteren oder zum Besseren sind daher immer von Minderheiten ausgegangen. Jene Minderheiten, die sich immer wieder für eine Gesellschaft des guten Lebens für alle einsetzen, agieren aus ihrer Leidenschaft heraus. Es ist erneut die unzerstörbare Autonomie der Menschen, die als solche nicht erklärlich ist, sondern eine menschliche Konstante darstellt, unser Wesen ausmacht, die sich in diesen Minderheit aufgrund konstitutioneller oder biografischer Besonderheiten verstärkt äußert.

Aus der Verhaltenstherapie ist bekannt, dass etwa 10% aller Menschen auf den Mechanismus der Konditionierung in so genannten Token Economies nicht oder nur wenig ansprechen. Vielleicht illustrieren die r Therapieresistenten der Verhaltenstherapie in etwa den Prozentsatz der überdurchschnittlich unangepassten Menschen, die von einem verstärkten Wunsch nach Autonomie beseelt sind, wenig auf die (übliche) gesellschaftliche Konditionierung reagieren und daher als Change Agents der Emanzipation fungieren.

Die Aktionen dieser Minderheiten werden von ihnen selbst mitunter ethisch legitimiert, tatsächlich ist die Ethik aber auch hier nur eine nachfolgende Ausdrucksweise der tatsächlichen Bestrebungen, die in diesen Minderheiten wirken: “Ich muss das tun, und ich finde das auch gut und richtig so.” Diese besondere Konstitution der kleinen Gruppen, der Change Agents, ist es, die ihr Durchhaltevermögen ausmacht und ihnen die deutlich höhere Frustrationstoleranz verleiht, die notwendig ist um tatsächliche Veränderungen zu bewirken. Für Außenstehende drückt sich das manchmal in einer eigenartigen ethischen Orientierung aus. Wäre es aber nur eine ethische Orientierung, so hätte sie in etwa genausoviel Bestand wie das Zölibat in einem Bordell, wenn der Vergleich erlaubt ist. Es ist eine bestimmte Charakterstruktur, eine abweichende Konstitution, die Change Agents ausmacht.

Wie aber soll von diesen löblichen Minderheiten ausgehend nun ein Strukturwandel vollzogen werden?

Es gibt viele Beispiele, die veranschaulichen, dass die Struktur der Beziehungen das Verhalten und nachfolgend auch die Ethik prägt. Wolfgang Weber (Universität Innsbruck) und seine Forschungsgruppe etwa konnten zeigen, dass Menschen in demokratisch organisierten Unternehmen überdurchschnittlich prosozial und tolerant sind. Man konnte darüberhinaus zeigen, dass diese Abweichung von der Norm nicht dadurch zustande kommt, dass demokratische Betriebe Menschen aufnehmen, die ohnehin schon prosozial und tolerant sind, sondern dass das Unternehmen selbst die darin Tätigen in dieser Weise formt und prägt.

Ein weiteres Beispiel sind Gemeinschaftsgärten. Die Studie r Profiling Community Gardeners stellte fest, dass Menschen mit zunehmender Dauer ihres Engagements immer länger im Gemeinschaftsgarten arbeiten und einen wachsenden Teil ihres Produkts an andere Menschen kostenlos abgeben. Relativ rasch verändert sich laut dieser Studie die Ernährung der in den Gemeinschaftsgarten Aktiven. In diesem Fall wurde jedoch nicht untersucht, ob die verstärkte Freigiebigkeit nur auf die längere Verweildauer der ohnehin schon freigiebigen Menschen in den Gemeinschaftsgärten zurückzuführen ist oder ob die Gemeinschaftsgärten selbst deren Handlungsweise prägen. Ich würde vermuten, dass die Produktionsverhältnisse des Gemeinschaftsgartens die Menschen in dieser Richtung formen, wie das für die demokratischen Unternehmen nachgewiesen ist. Dies sehen die Studienautoren ähnlich und vermuten (eigene Übersetzung):

Darüberhinaus scheinen die Gärten ein Gefühl von Altruismus in der Gemeinschaft zu unterstützen. Fast ein Drittel aller in den Gärten Aktiven spendet Produkte ihrer Plots an Hilfsprojekte, und jene, die spenden, verbringen 40% mehr Zeit auf ihren Plots als die anderen Gärtnerinnen und Gärtner.

Ein weiteres Beispiel ist die Auswirkung von r Community Supported Agriculture-Modellen mit einem so genannten Gemüsekisterl auf r Essgewohnheiten und Wahrnehmungsweisen der Beteiligten. Man konnte feststellen, dass sich bei Menschen, die sich auf ein Gemüsekisterl einlassen, allein schon durch die Struktur dieser Beziehung die Wahrnehmung der Landwirtschaft und ihrer Produkte deutlich verändert. Sie begannen zum Beispiel, das Wetter anders wahrzunehmen: war zuvor Regen einfach nur schlechtes Wetter, sahen die Beteiligten das schlechte Wetter immer mehr mit den Augen der Landwirtin als gutes Wetter, das die notwendige Feuchtigkeit spendete. Die Einschränkung der Wahlmöglichkeit beim Gemüse wurde paradoxerweise von vielen als eine Ausweitung ihrer Erlebnismöglichkeiten erlebt. So wurde häufig angegeben, dass die Aufgabe, aus einer eher wenig bekannten Gemüseart eine gute Mahlzeit zu kochen, mehr Abwechslung und interessante Herausforderungen in den Küchenalltag brachte. Auf ähnliche Weise verändert die Teilnahme an sozialen Bewegungen zum Thema Ernährung die demokratischen Orientierungen der Beteiligten, wie eine r Studie zu einer Initiative für Ernährungsgerechtigkeit in Toronto ergab.

Die Motive, solchen Projekten beizutreten mögen ganz unterschiedlich sein, vielleicht nur in der Lust auf Abwechslung liegen oder in einer vagen Sympathie mit den darin verkörperten Anliegen. Die fortgesetzte Beteiligung daran formt – in gewissem Maße unabhängig von den anfänglichen Motiven – Elemente der Persönlichkeit der Beteiligten.

Möchte ein Mitglied eines Gemüsekisterl-Modells weiterhin partizipieren, vielleicht aus einer instinktiven Ablehnung von Supermärkten heraus oder aus der praktischen Erwägung, dass ein Gemüsekisterl Arbeit spart oder ganz selbstsüchtig, weil man an gesundem Essen interessiert ist, so muss es die damit verbundenen Regeln akzeptieren. Damit unterliegt diese Person jedoch automatisch auch den strukturellen Tendenzen, das Gemüse, sein Koch- und Ernährungsverhalten und vielleicht auch die Landwirtschaft oder das Wetter anders wahrzunehmen. Möglicherweise verändert eine solche Person ihre Handlungen auch in anderen Lebensbereichen in der Folge entsprechend – je nachdem wie bedeutend die alternative Praxis der Ernährung in ihrem Leben ist.

Auf der negativen Seite sind die charakterprägenden Auswirkungen von Beziehungsstrukturen wohlbekannt. Die Unterschiede in der Charaktertruktur von Manager/innen und verschiedenen Schichten von Lohnabhängigen oder von r Bauern und Bäuerinnen wurden schon erwähnt. Ein furchtbares und zugleich instruktives Beispiel ist der Krieg. Es ist weithin bekannt, dass Kriege eine tiefgreifende Umgestaltung der Charakterstruktur der daran Beteiligten bewirken. Man kann die Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg vermutlich zu einem großen Teil allein aus den Veränderungen, die der leichtsinnig und optimistisch vom Zaun gebrochene Erste Weltkrieg schuf, verstehen. Das waren freilich nicht nur charakterliche, sondern auch ökonomische und institutionelle Veränderungen.

Ebenso unterliegen linke bewaffnete Gruppen der Gefahr, in eine bloße Reproduktion dessen, was sie bekämpfen, abzugleiten. So beschreiben etwa r Frauen der Brigate Rosse ihr Engagement im bewaffneten Kampf als eine Geschichte der schrittweisen Angleichung an den Staat, den sie eigentlich schwächen wollten. Dies ist vermutlich ein besonders deutliches Beispiel für die zweitrangige Bedeutung der Ethik. Früher oder später haben solche letztlich isoliert von sozialen Bewegungen agierende Gruppen allein schon durch ihre Handlungsweise der linken Ethik, die sie vorgaben zu vertreten, widersprochen. Die Selbstverteidigung als bewaffnete Gruppe, die keine soziale Bewegungsbasis und historische Perspektive mehr vorfand, zwang sie dazu. Die Lebensverhältnisse erweisen sich in diesem Fall erneut als das eigentlich ausschlaggebende Moment jenseits aller Rhetorik.

Als ein letztes, positives Beispiel soll das Erziehungswesen im Kibbutz dienen. Es wurde von Menschen entwickelt, die selbst schon zu anderen Menschen geworden waren, indem sie in sozialistischen Jugendgruppen und ähnlichen Zusammenhängen Autonomie erfahren und gelebt hatten. Die Kibbutzerziehung sollte Menschen formen, deren Charakterstruktur und soziale Kompetenzen dem Kibbutz entsprachen. Dieses Erziehungssystem ist vermutlich das bestuntersuchte pädagogische Experiment der Welt. Die Kibbutzerziehung, die auf einer Sozialisation in der Gruppe und relativ weitgehender Autonomie der Kinder und Jugendlichen beruhte, hielt zwar nicht den Verfall der ursprünglichen Kibbutzidee auf. Man konnte und wollte sich der Zwänge der kapitalistischen Umwelt auf Dauer nicht erwehren.

r Allerdings ist nachzuweisen, dass diese besondere Lebensweise der Kinder und Jugendlichen tatsächlich ihre Charakterstruktur prägte, und zwar in Richtung von mehr Kooperation und Selbstständigkeit. (Angemerkt sei nur, dass nicht alle Veränderungen, die die Kibbutzerziehung bewirkte, positiv bewertet werden müssen. So stellte sich heraus, dass die im Kibbutz erzogenen Menschen weniger intimen Beziehungen eingehen, vermutlich aufgrund des relativ starken Gruppendrucks, der sich in dieser besonderen Lebensweise entwickelte.)

Ein Modell zum Verständnis gesellschaftlicher Veränderung unter den Bedingungen im Norden heute

Daraus lässt sich meiner Meinung nach ableiten, dass es kleine Gruppen von Change Agents sind, die strukturelle Veränderungen setzen, und zwar aus einer überschießenden, vielleicht ethisch legitimierten, aber im Grunde auf abweichenden Charakterstrukturen (oder Lebens- und Produktionsverhältnissen) gründenden Motivation heraus. Diese strukturellen Veränderungen können Menschen anziehen, die zum Beispiel aufgrund von Verarmung einen alternativen Lebensunterhalt benötigen. Oder sie ziehen Menschen an, die aus biografischen oder sonstigen Gründen eben nicht dazu gekommen sind, ein Projekt zu initiieren, eine soziale Bewegung aus der Taufe zu heben, eine Besetzung oder eine Betriebsübernahme zu starten, sich davon aber leicht ansprechen lassen, weil ihre Charakterstruktur jener der Change Agents ähnelt.

Wenn die strukturelle Veränderung einmal weitere Kreise gezogen hat, kommen vermehrt Menschen hinzu, deren Charakterstruktur (und Ethik) anfänglich noch nicht der sozialen Basisinnovation einer Solidarischen Ökonomie entspricht. Sie suchen einfach einen materiellen Vorteil (wie alle Menschen in größerem oder geringerem Ausmaß) und sehen ihn eben darin, sich einer Kooperative anzuschließen oder in einem Gemeinschaftsgarten mitzumachen.

Materielle Vorteile beziehen sich auch auf Momente der Freude, von Spaß und Lust. Man muss kein Kommunist sein, um Freie Software cool zu finden. Das heißt nicht, dass Freie Software von Kommunistinnen entworfen worden ist. Allerdings sieht sich interessanterweise Linus Torvalds, der das freie Betriebssystem Linux entwickelte, durchaus von seinem Großvater, der Kommunist war, beeinflusst. Man darf vermuten, dass die Initiator/innen der Freien Software doch in der Regel Menschen waren, deren Wunsch nach Autonomie so groß war, dass sie die Hürden der eigenständigen Softwareproduktion eher als lustvolle Herausforderungen sahen und proprietäre Software als eine Einschränkung ihrer Freiheit erlebten. Ich kann mir die Entstehung der Freien Software auch schwer ohne den Vorlauf von 1968 und seinen Nachwirkungen in den 1980er Jahren vorstellen. Nachdem die Freie Software einmal als Struktur von Change Agents etabliert worden war, schlossen sich ihr viele andere Menschen an und begannen die Produkte der neuen Struktur zu nutzen und die Struktur dadurch weiter zu verbreiten. Ich denke, dass diese Entwicklung dazu beigetragen hat, den Gedanken des Teilens und der freien Kooperation erneut in gewissem Maß gesellschaftsfähig zu machen. Man möge mich korrigieren.

Entfaltet eine soziale Basisinnovation, die von Change Agents initiiert worden ist, eine größere Anziehungskraft aufgrund von Umständen, die sie nicht selbst erzeugt und von Change Agents nur in begrenztem Ausmaß beeinflusst werden kann (etwa die übergreifende Krisendynamik, soziale Proteste und so weiter), so kommen viele neue Leute hinzu, deren Charakterstruktur sich dadurch zu verändern beginnt, was weitere Möglichkeitsräume der Veränderung aufmacht und die Innovationen stabilisieren hilft.

Eine solche Dynamik ist insbesondere bei anwachsenden sozialen Protesten möglich. Selbst eine einfache Demonstration auf der Straße kann für viele den geistigen Horizont erweitern, sie kann die Erfahrung von Solidarität ermöglichen, die die meisten Menschen im Kapitalismus selbst in ihrer simpelsten Form nicht kennen. Noch viel weitergehende Erfahrungen sind in einem Streik möglich, noch mehr bei einer Betriebsbesetzung. In einem allgemeinen Klima gesellschaftlichen Aufbegehrens können sich einschneidende biografische Erfahrungen ergeben, die einen Menschen für den Rest seines Lebens prägen oder jedenfalls seine künftigen Denk- und Handlungsmöglichkeiten deutlich verändern. Als ein Beispiel soll die Beschreibung von Erfahrungen im Pariser Mai 1968 dienen, die Karl Reitter in seinem r zweiteiligen Artikel über die 1968er gibt:

„Ohne daß irgendeine Person oder Gruppe mit Entwürfen und Plänen bereitgestanden hätte, waren Zehntausende plötzlich dabei, ein Viertel, ihr Viertel, in eine riesige Baustelle zu verwandeln. Auf diese Weise hatte innerhalb des Perimeters dieser „Kommune des 10. Mai“ ein Leben begonnen, das die Reporter in ihren Übertragungswagen stets neu zu beschreiben suchten: ein kollektiver Enthusiasmus, ein lautlos sich kommunizierender Jubel.“ (Rauch/Schirmbeck 1968; 75)

Nach Augenzeugenberichten entstand spontan an den verschiedensten Orten die Idee, die Bodengitter, die die Bäume umgrenzen herauszunehmen, um damit das Pflaster aufzuschlagen. Obwohl die Brutalität der Pariser Polizei, die während der Demonstrationen gegen den Algerienkrieg 1961 hunderte Menschen algerischer Herkunft ermordet hatte, selbstverständlich bekannt war, breitete sich bei den BarrikadenerbauerInnen ein eigenartiges Hochgefühl aus.

Das berichten nicht nur die eben zitierten Autoren, sondern ist übereinstimmend auch in anderen Quellen zulesen: „Das subjektive Erleben hinter den Barrikaden schlägt um in Freude, eine Art Feststimmung kommt auf.(…) Einander Unbekannte umarmen sich, verstehen sich, verlieben sich in ein Gefühl der Exaltation. Es entsteht, wie Le Monde berichtet, ‚un enthousiasme communicatif’, der die Bewegung eint und in ihrem Anliegen bestärkt.“ (Gilcher-Holtey 1995; 245)

Wird hier nicht eine Art neuer Avantgardismus vertreten, der zurecht in die Kritik geraten ist? Schwingt da nicht eine Überhöhung und ein großes Vertrauen in angebliche Bewegungseliten mit? Ich denke, es kommt darauf an, was man unter einer Avantgarde versteht. Es handelt sich in dem hier skizzierten Modell gesellschaftlicher Veränderung an den sozialen und ökologischen Grenzen des Kapitalismus nicht um eine politische Avantgarde in der Form der leninistischen Parteien oder Kadergruppen gleich welcher Provenienz.

Meine Überlegungen sollen dem Versuch dienen, eine nüchterne Einschätzung der Lage im globalen Norden zu formulieren. Jedenfalls im Norden dominiert die Anpassung und Veränderung als eine spontane Erhebung der Massen zu denken scheint mir nicht realistisch. Es gibt aber kleine Gruppen von Menschen, die Alternativen zu entwickeln versuchen und mitunter dafür auch einiges risikieren. Und es gibt ein soziales Klima, das in manchen Teilen Europas (wie es in den USA aussieht, weiß ich nicht genau) eine „rebellische Subjektivität” (Uli Brand) zu begünstigen scheint und damit auch die Voraussetzungen einer Ausbreitung sozialer Basisinnovationen.

Der Klassenkampf ist eine Massenerfahrung, und sei es in seiner passiven Form als stille Verweigerung, gelegenheitsweise Sabotage, oder in seiner extrem reduzierten, gleichwohl sehr entscheidenden Form der inneren Kündigung gegenüber den kapitalistischen Zumutungen, des mangelnden Glaubens oder eines brüchig gewordenen Glaubens an die Richtigkeit und Beständigkeit der herrschenden Zustände. Dass aus dem passiven oder aktiven Klassenkampf aber ein Kampf gegen das Zur-Klasse-Gemacht-Werden (John Holloway) wird, der ja eine Perspektive der klassenlosen Gesellschaft, der Auflösung von Lohnarbeit, Marktwirtschaft und Staat beinhalten und diese praktisch entwickeln muss, dafür sehe ich momentan im globalen Norden eben noch keine anderen Anhaltspunkte als ziemlich verstreute und nach wie vor randständige kleine Gruppen. Man kann nur hoffen, dass es sich dabei um Change Agents handelt.

Anders mag die Situation in anderen Teilen der Welt aussehen oder hierzulande in zehn oder fünfzehn Jahren. Das wird man sehen.

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Zuerst erschienen auf r www.social-innovation.org

Zum Thema auch: Walther Schütz, r Über Populismus, Vernunft und andere Ideologien

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