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2010-10-19

Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung holen: Zwangsarbeiter/innen in Kärnten

Anlässlich der r Gedenkveranstaltung, die am Donnerstag, den 21. Oktober um 17.00 Uhr beim Denkmal der Namen in der Widmanngasse stattfinden wird, werden r Julija Izmajlova und r Felix Strasser vom Theaterprojekt r VADA den folgenden Text lesen.

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Sprecher A

Über 60.000 Menschen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft in Kärnten zur Zwangsarbeit herangezogen. Davon waren 26.000 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und 36.000 in der Industrie beschäftigt. Alle großen Industrie- und Bergbaubetriebe beschäftigten Zwangsarbeiter/innen. Es gab kaum einen Bauern in Kärnten, der nicht einen Zwangsarbeiter auf seinem Hof hatte. Ohne die Arbeit hunderttausender ausländischer Zwangsarbeiter/innen wäre das Wahngebilde deutscher Herrschaft in Europa schon viel früher zusammengebrochen.

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Sprecher B

Njetotschka Wassiljewna ist im ukrainischen Dorf Dòbenka zur Welt gekommen. Als 14-jähriges Mädchen wurde sie 1943 von den Deutschen aus ihrer Familie herausgerissen und nach Kärnten verschleppt. Sie erinnert sich:

„Um zwei Uhr morgens wurde ich von Polizisten aus dem Bett geholt und zum Bahnhof gebracht. Mit anderen Leuten aus Dòbenka wurden wir in einen Viehwaggon verfrachtet und nach Kärnten zur Zwangsarbeit geschickt. Im April 1943 kamen wir, nach einer vierwöchigen Fahrt, in Villach am Bahnhof an. Von dort wurden wir durch die Stadt zum Arbeitsamt getrieben. Vor dem Arbeitsamt, auf einen großen Platz, mussten wir uns aufstellen, die Bauern waren schon da, sie haben auf uns gewartet. Wie ein Stück Vieh haben uns die Bauern gemustert und herausgesucht, was ihnen brauchbar schien. Ein Bauer trat auf mich zu. Er machte Melkbewegungen mit seinen Händen und fragte mich damit, ob ich melken könnte. Ich sagte ja. Es war der Kofler Bauer vom Amberg. Mit dem Zug sind wir von Villach nach Feistritz gefahren, und von dort nach Fresach zum Bergbauernhof Stameter hinauf gegangen. Zu diesem Bergbauernhof sind die Bauern aus der Umgebung gekommen und haben die übrigen russischen Buben und Dirndeln ausgesucht. Ich kam zum Niederstarzer Bauer nach Mooswald.
Es war verboten, dass die Ausländer, die Russen und die Polen, Verhältnisse mit den Kärntnern eingingen. Die Ausländer wurden aufgehängt, die Kärntner mit dem Arbeitslager bestraft, den schwangeren Frauen wurden die Kinder abgetrieben. In Paternion wurde ein Pole aufgehängt, weil er eine Kärntnerin geschwängert hatte. Zur Abschreckung wurden alle Ausländer, alle Polen und Russen, zu dieser Hinrichtung geführt.“

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Sprecher A

Ende März 1943 wurde in einem Waldstück unweit von Greifenburg, an einem Baum hängend, ein lebloser Körper entdeckt. Bei dem Toten handelte es sich um den 40-jährigen polnischen Zwangsarbeiter Anton Staroicicz. Der Bürgermeister von Greifenburg meldete an das Arbeitsamt Villach, „dass Staroiciz Anton sich anscheinend in einem Anfall geistiger Umnachtung erhängt hat. Arbeitskollegen haben angegeben, dass Staroicicz an Heimweh litt und schon seit längerer Zeit von hier fort zu seiner Familie wollte.“ Anton Staroicicz stammte aus Galizien. Dieses Gebiet wurde von den Nationalsozialisten zum Schauplatz brutaler Unterdrückung und Ausplünderung der polnischen und jüdischen Bevölkerung gemacht. Dazu gehörte die zwangsweise Rekrutierung und Verschleppung von Arbeitskräften in das Deutsche Reich sowie die Errichtung von Vernichtungslagern für den fabriksmäßigen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas. Von dieser Art deutscher geistiger Umnachtung ist im Briefwechsel zwischen dem Greifenburger Bürgermeister und dem Arbeitsamt Villach natürlich nicht die Rede. In der rassistischen Ideologie des Nazismus war es völlig klar, dass die polnischen „Untermenschen“ für die Deutschen zu arbeiten hatten. Abschließend bemerkte der Bürgermeister von Greifenburg: „Ein Nachlass ist – abgesehen von einigen alten wertlosen Kleidungsstücken – nicht vorhanden.“

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Sprecher A

Im April 1944 flüchteten der 19-jährige Theodor Jadlowski, der 18-jährige Petro Jeremenko, der 19-jährige Nikolaj Lesenko, der der 21-jährige Wladimir Timofjew, der 18-jährige Eugen Tschernschof, der 34-jährige Wladimir Zelinski und der 23-jährige Kim Prokofjew wegen menschenunwürdiger Bedingungen von ihren Arbeitsstätten aus der Umgebung von Himmelberg. Gemeinsam versuchten sie nach Italien gelangen. Alle sieben wurden jedoch bei Arnoldstein von der Gestapo aufgegriffen und in das Gestapogefängnis nach Klagenfurt gebracht. Ein paar Tage später gestalteten die Kärntner Nazis den „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ auf ihre Weise. Am Morgen des 1. Mai 1944 wurden alle sieben in einem Waldstück nahe Himmelberg durch Erhängen auf Bäumen hingerichtet.

August Walzl beschreibt die Hinrichtung in seinem Buch »Zwangsarbeit in Kärnten«

„Um 9 Uhr am Morgen erschien der Autokonvoi unter der Führung des Klagenfurters Gestapoleiters Berger an der Richtstätte in Pichlern. SS Männer warfen die Schlingen über die Baumäste und stellten Blöcke darunter. Das Urteil wurde zuerst in deutscher, dann in polnischer und russischer Sprache verlesen. Zwei mitgebrachte russische Zwangsarbeiter mussten dann die Blöcke unter den Füßen der Opfer wegstoßen.“

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Sprecher B

Der polnische Zwangsarbeiter Lew Demianczuk musste auf dem Gutshof von Wilhelm Kaufmann in St. Ruprecht bei Villach arbeiten. Weil er sich weigerte, an einem Sonntag den Misthaufen in Ordnung zu bringen und mit dem Gutsherren darüber in Streit geriet, wurde er vom Gaurichter Georg Häusler zum Tod durch Erhängen verurteilt. Die Hinrichtung fand am 28. August 1942 in St. Ruprecht bei Villach statt. Bei dieser Schauhinrichtung mussten alle Zwangsarbeiter aus der Umgebung zuschauen. Auch der Bruder von Lew Demianczuk, damals als Zwangsarbeiter in den Emailwerken in Unterseebach beschäftigt, musste zusehen.

Eine Zuschauerin erinnert sich an die Hinrichtung

„Der Pole ist mit dem Zug gebracht worden, vom Bahnhof haben sie ihn abgeholt und dann aufgehängt. Bei uns war ein Kindermädchen aus Fiume, mit der bin ich raufspaziert, das war wie ein Trauerzug, so viele Leut sind da mitgegangen, da ist die Eiche gewesen, die steht heute noch, da haben sie ein Fassl druntergestellt, eine rote Schleife haben sie drübergetan und dann das Fassl einfach weggeschupft.“

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Sprecher A

Am 9. Jänner 1945 um 6 Uhr morgens, es war noch finster, führte der Gefängniswärter Johann Petschar aus Töplitsch den 21-jährigen Michael Kassulin, den 20-jährigen Wasil Gollobin und den 20-jährigen Juan Sirokin in den Hof des Villacher Polizeigefängnisses zur Hinrichtung. Alle drei stammten aus Kursk in Russland. Anwesend bei dieser gespenstischen Szenerie waren die Villacher Gestapobeamten Demmelhuber, Glatz, Werba, Conle und zwei polnische Zwangsarbeiter. Einen Tag zuvor hatten die Gestapo entschieden, die Russen hinzurichten. Im Sommer 1944 waren diese drei Zwangsarbeiter von ihrer Arbeitsstelle geflüchtet und hatten sich den Treffner Partisanen angeschlossen, einer Widerstandsgruppe, die vor allem im Gegendtal aktiv war. Im November war die Gruppe aufgeflogen. Alle drei wurden von der Gestapo festgenommen und in das Villacher Polizeigefängnis eingeliefert, wo sie verhört und misshandelt wurden. Das Todesurteil wurde zuerst von einem polnischen Zwangsarbeiter in russischer Sprache verlesen, worauf der Gestapobeamte Conle das Urteil in deutscher Sprache bekannt gab:

„Der Führer hat diesen Menschen Arbeit und Brot gegeben, sie haben es aber vorgezogen, ihre Arbeitsstätte zu verlassen und sich den Banditen anzuschließen. Daher hat sie der SS-Führer und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, zum Tode durch den Strang verurteilt.“

Nach der Verlesung erfolgte die Exekution, die von den beiden polnischen Zwangsarbeitern durchgeführt werden musste. Michael Kassulin, Wasil Gollobin, und Juan Sirokin wurden mit Stricken an den Fensterkreuzen im Gefängnishof erhängt. Die Leichname ließ man zur Besichtigung noch einige Tage hängen. Die Zwangsarbeiter aus der Villacher Umgebung wurden mit Lastwagen zum Gefängnishof geführt, wo ihnen die Gehängten gezeigt wurden. Bei jeder Besichtigung wurde das Todesurteil in polnischer, russischer und deutscher Sprache verlesen.

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Sprecher A

Anija Deniskaja ist in der ukrainischen Ortschaft Ljubikowitschi zur Welt gekommen. Im Mai 1942 wurde sie als 15-jähriges Mädchen ihrer Familie entrissen und zur Zwangsarbeit nach Kärnten verschleppt. Sie erinnert sich:

„Die deutschen Soldaten kamen auf unsere Höfe und nahmen uns die Hühner, Enten, Schafe, Kühe und Pferde weg. Die Menschen waren verzweifelt. Sie machten sich Sorgen, wie sie wohl selbst überleben werden, denn es blieb ihnen beinahe nichts mehr übrig. Später begannen die Deutschen junge Menschen einzusammeln, die sie zur Arbeit nach Deutschland schickten. Es gab den Befehl, dass jedes Haus eine arbeitsfähigen jungen Menschen zur Verfügung zu stellen hat. So kam ich in ein Sammellager in der Nähe der Stadt Sarni. Insgesamt haben die Deutschen dort rund zweihundert junge Menschen aus den umliegenden Dörfern zusammengefangen. Nach einer Woche wurden wir in Viehwaggons verfrachtet, deren Boden mit Stroh bedeckt war. Sonst war im Waggon nichts vorhanden, nicht einmal ein Kübel, um die Notdurft zu verrichten. Nach wochenlanger Fahrt sind wir endlich in Klagenfurt angekommen. Vor dem Bahnhof mussten wir uns alle in einer Reihe aufstellen. Es kamen Mannsbilder daher, die uns genau betrachteten. Dabei haben sich die Herrschaften recht gut unterhalten. Oft brachen sie in lautes Gelächter aus und stupften uns armselige Menschen. Keiner hat jemals versucht, etwas Tröstendes zu sagen. Nach stundenlangem Warten vor dem Bahnhof kam ein Mann daher, der mich kurz musterte und sich entschied mich zu nehmen. Es dämmerte schon, als wir mit einem Pferdegespann die Stadt verließen. Spät in der Nacht erreichten wir den Bauernhof. Erst ein paar Tage später begriff ich, dass ich mich in St. Johann bei Poggersdorf befand. Der Hausherr war Micha Ilgoutz.
Wir Zwangsarbeiter wurden stets in Furcht gehalten. Wenn sich etwas ereignete, waren die Strafen unerbittlich. Einmal wurde in einem Wald bei Grafenstein ein junger Student russischer Herkunft gehängt. Es kam zu einem Streit mit der Bäuerin, bei der er arbeitete. Die Bäuerin verständigte die Gestapo, die die Angelegenheit schnell erledigte und entschied, den jungen Menschen zu erhängen. Damit dies eine wirksame Einschüchterung für alle wird, wurden die Zwangsarbeiter aus den umliegenden Dörfern zur Hinrichtungsstätte beordert. Dabei betonte die Gestapo, dass es jedem, der sich zu Ungehorsam verleiten ließe, gleich ergehen werde.“

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Sprecher B

Auf dem Zentralfriedhof in Villach gibt es ein Massengrab, in welchem Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der ehemaligen Sowjetunion, die in unserer Stadt um ihr Leben gebracht wurden, begraben sind.

Die Inschrift auf dem Denkmal lautet:

Здесь покоятся воины советской армии и гражданские, лица погибшие вовремя отечественной войны, 1941 – 1945, Вечная вам память

Die deutsche Übersetzung lautet:
Hier ruhen Soldaten der sowjetischen Armee und Zivilbevölkerung, umgekommen während des Vaterländischen Krieges 1941 – 1945, Ihnen ein ewiges Gedenken

Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort begraben sind und wir kennen auch nicht die Namen dieser Menschen. Die Nationalsozialist/innen haben die Namen dieser Menschen ausgelöscht. Diese Menschen wurden namenlos begraben.

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Quellen:

Josef Winkler, 1984, Die Verschleppung

Wilhelm Baum, Peter Gstettner, Hans Haider, Vinzenz Jobst, Peter Pirker, 2010, Das Buch der Namen.

KLA LG Strafakten / Sch 257, Vr 2831/46.

August Walzl, 2001, Zwangsarbeit in Kärnten im zweiten Weltkrieg.

Hubert Speckner, 2003, In der Gewalt des Feindes.

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