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Andreas Exner

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2008-11-13

Obama – hell erstrahlt, wer am Abgrund steht

„Krieg, nicht etwa ökonomische Weisheit, beendete die Depression”, schrieb John Kenneth Galbraith. Mit ökonomischer Weisheit meint Galbraith den New Deal. Schon bei Amtsantritt 1933, mitten in der Großen Depression, hatte US-Präsident Franklin D. Roosevelt damit begonnen, die Amerikaner auf ein nationales Rettungspaket hin einzuschwören. Es sollte den Kapitalismus aus seiner bis dahin größten Krise ziehen.

Roosevelt galt als charismatisch, er war ein Führer. Die Zwischenkriegszeit war schlechthin die Zeit der Führer. Aufmerksamen Zeitgenossen entging das nicht. Hier trug sich etwas zu, das new und zugleich spooky war. „Inwieweit können wir eine faschistische Wirtschaftsplanung ohne eine faschistische Politik haben?”, fragt da zum Beispiel ein gewisser Norman Thomas. Der ist Sozialist und beantwortet in der New York Times vom 18. 6. 1933 die Frage, ob der New Deal Sozialismus ist - „Is the New Deal Socialism? A Socialist Leader Answers.” Fehlanzeige, so sein Verdikt.

Wolfgang Schivelbusch hat in „Entfernte Verwandtschaft” (S. Fischer, 2008) die Parallelen zwischen dem Faschismus, dem Nationalsozialismus und dem New Deal in der Periode von 1933-1939 untersucht. Die Studie Schivelbuschs ist bemerkenswert. Darin beleuchtet er den Boden, auf dem der New Deal Roosevelts entstand. Wendet man den Blick vom Führer Roosevelt ab, sieht man eine Bühne, die er mit italienischem Faschismus und dem Nationalsozialismus teilt.

„Aus Präsident Roosevelts Stimme sprechen Ernsthaftigkeit, Güte, Entschlossenheit, Überzeugung, Stärke, Mut und Zuversicht”, meinte ein Zeitgenosse. Und tatsächlich, so zeigen Studien zu Roosevelts blendender Radiorhetorik, die zu 70 % die 500 gebräuchlichsten Worte der englischen Sprache nutzte, um ihre Effekte zu erzielen, dass Roosevelts Radiostimme wahrgenommen wurde als: “a golden voice”, “fresh”, “pleasant”, “rich”, “brilliant”, “melodious”.

Und so sprach er also, der Führer des amerikanischen Volkes, am 4. März 1933, anlässlich seines Amtsantritts:

Die Fülle liegt vor unserer Haustür, aber um sie freigebig zu verwenden sind wir zu ermattet angesichts des Angebots. Der Grund dafür ist: die Herrscher über den Tausch der vom Menschen gemachten Güter haben versagt; wegen ihrer eigenen Sturheit und ihrer eigenen Imkompetenz; sie haben ihr Versagen zugegeben; und haben abgedankt. Die Praktiken der skrupellosen Geldwechsler stehen vor dem Gerichtshof der öffentlichen Meinung. Sie werden abgelehnt von den Herzen und dem Geist der Menschen.

Wahrlich, sie haben es versucht, aber ihre Bemühungen haben sie in die Muster einer abgenützten Tradition gegossen. Mit dem Versagen des Kredits konfrontiert, haben sie nur vorgeschlagen, mehr Geld zu verleihen. Der Verlockung des Profits beraubt, mit der sie unsere Leute dazu überredeten, ihrer falschen Führung zu folgen, haben sie zu Ermahnungen Zuflucht genommen, und flehen tränenreich darum, das Vertrauen wiederherzustellen. Sie kennen nichts anderes als die Regeln einer Generation von Selbstsüchtigen. Sie haben keine Vision, und wenn es keine Vision gibt, gehen die Menschen unter.

Die Geldwechsler sind ihren Thron im Tempel unserer Zivilisation geflohen. Nun mögen wir den Tempel den alten Weisheiten wieder zurückerstatten. Das Ausmaß dieser Rückerstattung liegt in dem Umfang, in dem wir soziale Werte, die nobler sind als reiner Geldprofit, zur Geltung bringen.

Glück liegt nicht im bloßen Besitz von Geld; es liegt in der Freude, etwas zu erreichen, in der Erregung der kreativen Anstrengung. Die Freude und die moralische Anregung der Arbeit darf nicht länger in der verrückten Jagd nach dahinschwindenden Profiten untergehen. Diese schwarzen Tage werden alles wert sein, was sie uns kosten, wenn sie uns lehren, dass unsere wahre Berufung nicht darin besteht, bedient zu werden, sondern uns selbst und unsere Gefährten zu dienen.

Die Falschheit des materiellen Reichtums als Erfolgsbeweis zu erkennen muss Hand in Hand damit gehen, den falschen Glauben abzulegen, dass öffentliches Amt und hohe politische Position lediglich nach Status und persönlichem Profit bewertet werden; und es muss Schluss mit einem Verhalten sein, das im Bank- und Geschäftswesen einem heiligen Vertrauen das Konterfei gefühllosen und selbstsüchtigen Verbrechens gegeben hat. Kein Wunder, dass das Vertrauen schwindet, da es doch nur auf Ehrlichkeit und Ehre, der heiligen Verpflichtung, auf vertrauensvollem Schutz, auf uneigennütziger Leistung floriert; ohne diese kann es nicht existieren.

Die Sanierung verlangt allerdings nicht allein nach einer Änderung der Moral. Die Nation verlangt nach Taten, und zwar jetzt.

Unsere größte Hauptaufgabe ist es, die Menschen in Arbeit zu bringen. Das ist kein unlösbares Problem, wenn wir es mit Weisheit und mit Mut angehen.

r http://www.bartleby.com/124/pres49.html

Wie nah uns die Vergangenheit doch ist.

Freilich: 2008 ist nicht 1933 und Obama ist nicht Roosevelt.Wenn etwas an Obamas sachpolitischer Botschaft bemerkenswert ist, dann ist es ihr konventioneller Charakter, der mit der Change-Rhethorik krass kontrastiert. Nichts daran ist new.

Das spiegelt sich auch in seiner Beraterkaste wieder. So gehört nicht nur Galbraith, sondern auch Paul Volcker zur Entourage des Präsidenten. Volcker war Vorsitzender der Federal Reserve vor Alan Greenspan. Während Greenspan mit leichtem Geld die Finanzblasen der letzten zwei Jahrzehnte aufpumpte, wurde Volcker durch seinen gnadenlosen Zinsschock 1979, noch unter dem Demokraten Jimmy Carter, berühmt. Wenngleich von Volcker unbeabsichtigt, stürzte die drastische Zinserhöhung der FED damals die Dritte Welt in eine massive Schuldenkrise. Nicht zuletzt war das der Vorlauf zur Ausplünderung des globalen Südens durch Investoren aus dem Norden. Sie leitete der Internationale Währungsfonds im Zuge der Strukturanpassungsprogramme, die er den Schuldnerländern verordnete, in die Wege. So regulierte der Währungsfonds die Umschuldung der Schulden und die Aufstockung des Schuldendienstes.

Demokraten und Republikaner - eine gar nicht so weit entfernte Verwandtschaft.

Einen „New Deal” wird Obama also kaum zustande bringen. New wird da nichts, spooky ist das dafür umso mehr. Denn die historische Situation ist völlig neu.

Die USA befinden sich nicht mehr am Beginn ihres Aufstiegs, wie in den 1930er Jahren. Die Große Depression war in dieser Hinsicht, so merkwürdig das klingen mag, ein Oberflächenphänomen des Übergangs der Macht aus den Händen Englands in die der Vereinigten Staaten. So jedenfalls im Rückblick und in der historisch langen Frist.

Das ist nun anders. Die USA befinden sich im Absturz. Schon Ende der 1970er Jahre, als Volcker die Stagflation mittels Zinsschock zur Rezession veredelte, war diese Entwicklung bedrohlich nahe. Der Vietnamkrieg hatte die USA nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch arg bedrängt. Die Produktivkraft der amerikanischen Ökonomie war immer mehr hinter ihren Konkurrenten Deutschland und Japan zurückgeblieben. Die beiden Ölschocks machten die militärische Schwäche der USA, die Embargos nicht verhindern konnten, bis in den Autotank der Masse hinein fühlbar. In den Jahren 1977 und 1978 schließlich drohte eine Flucht aus dem Dollar.

Volcker regelte die Sache. Reagan setzte nach. Der Neoliberalismus betrat den Mainstream.

Den hat auch Bill Clinton nicht verlassen. Clinton stand, wie alle anderen Sozialdemokraten dieser Periode, dafür ein, den neoliberalen Sozialkahlschlag zu kaschieren. An der Gesundheitsreform, die er wie Obama propagierte, scheiterte er kläglich. Ansonsten kaum unterscheidbar von den Republikanern.

Natürlich wirkt Obama nicht wie von gestern. Ja, im Vergleich zu McCain oder Bush sieht er richtig frisch aus, attraktiv, keine Frage. Und selbstverständlich ist es ein großer Erfolg für den Antirassismus, in dieser Hinsicht in der Tat ein historisch höchst bedeutsames Ereignis, dass Obama in einem ehemaligen Land von Sklaventreibern mit breiter Mehrheit in das höchste Amt gewählt worden ist. Allerdings hat auch die Regierung Bruno Kreiskys - um ein naheliegendes Beispiel zu bemühen - nicht dazu geführt, dass Österreich mit der Nazikontinuität brach. Was Obamas Erfolg wirklich für den Rassismus in den USA bedeutet, muss sich zeigen. Wie in anderen Bereichen ist Skepsis angebracht.

Von solchen Momenten abgesehen, ist die Stoßrichtung der national-popularen Botschaft Obamas von Roosevelt nicht weit entfernt.

Während Roosevelt, viel moderater im Ton, jedoch zeitgleich mit Hitler antisemitische Stereotypen bedient, in seiner Antrittsrede die „Selbstsucht” der „Geldwechsler” verantwortlich macht für die Krise, die „Geldwechsler” bildtreu aus dem „Tempel” vetreiben will, um das Gefühl nationaler Einheit wieder herzustellen, beschwört Obama in seiner Rede zum Wahlsieg den „amerikanischen Traum”:

Die Antwort kam von Jungen und Alten, von Reichen und Armen, von Demokraten und Republikanern, Weißen, Schwarzen, von lateinamerikanischen und asiatischen Amerikanern, von den amerikanischen Ureinwohnern, von Homosexuellen und Heterosexuellen, von Behinderten und Nichtbehinderten. Von Amerikanern, die der Welt klar machen, dass wir nie nur eine Ansammlung von Individuen oder roten und blauen Staaten waren. Wir sind - und wir werden es immer sein - die Vereinigten Staaten von Amerika.
r http://www.spiegel.de/politik/ausland

Wie aus einem Medium spricht hier der Gedanke, dass dieser Traum bereits ein Alptraum ist. Wir sind es, die Einigen, die Vereinigten. Wir sind es, und, noch wichtiger, werden es immer sein. Immer.

Wie seltsam. Als müsste man heutzutage die Ewigkeit des Staates, die nationale Dauer noch benennen, ja, beschwören. Man hätte das nicht mehr müssen. Aber man sieht, man muss. Muss das sagen: es wird immer so sein. Punkt.

Und sollte da jemand geglaubt haben, draußen in der Welt, die nicht Amerika ist, dass wir nur eine Ansammlung von Individuen sind, nein, das sind wir nämlich nicht, dann soll das einer nur geglaubt haben. Dann werden wir das nämlich klar machen, der Welt. Der, die nicht Amerika ist. Und das, umgekehrt, sind wir.

Die Krise rüttelt an den Grundfesten, in der Tat. Neben dem Einbruch der Kreditmärkte, der schon eine große Zahl von Amerikanerinnen und Amerikanern existenziell bedroht, zeichnet sich gerade in den USA deutlich eine Wirtschaftskrise ab, die global schlagend werden wird. Obama reitet, wie zuletzt Roosevelt, auf der Flutwelle einer großen Krise, die alle Sicherheit hinwegspült.

Ich war nie der erfolgversprechendste Kandidat für dieses Amt. Wir haben mit wenig Geld und wenig Unterstützung angefangen. Unser Wahlkampf wurde nicht in den Hallen von Washington ausgebrütet. Er begann in den Hinterhöfen von Des Moines, den Wohnzimmern von Concord und unter den Vordächern von Charleston. Er wurde von hart arbeitenden Männern und Frauen getragen, die tief in ihren wenigen Ersparnissen gegraben haben, um fünf, zehn oder zwanzig Dollar beizusteuern.

Die Krise ist der Moment, in dem der Führer kommt. Der Mann aus dem Nichts. Der, der zu Euch gehört. Wie selbstverständlich. Ihr hattet ihn nicht gekannt. Aber jetzt ist er da. Hört ihm zu, er ist bei Euch - ihr, das Volk. Ihr, der Souverän. Ihr, das Nichts, das mit dem Staat eins wird, wenn es ihm zuhört.

Da bleibt kein Auge trocken und kein GI versehrt. McCain, Teil eines schäbigen Kriegs für den amerikanischen Alptraum, wird im Mund Obamas zum nationalen Helden:

Er hat Qualen für Amerika ausgehalten, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können. Wir sollten die Dienste würdigen, die dieser mutige und selbstlose Mann für uns geleistet hat.

Den Helden braucht der Patriotismus wie ein Gebet das Amen.

Lasst uns also zu einem neuen Patriotismus auffordern, einer neuen Verantwortlichkeit - wo jeder einzelne von uns beschließt, sich zu beteiligen und härter zu arbeiten und nicht nur an sich selbst, sondern an uns alle zu denken. Lasst uns daran denken - und das ist vielleicht etwas, das uns die Finanzkrise gelehrt hat - dass wir keine prosperierende Wall Street haben können, wenn der kleine Mann leidet.

Hier kommt Obama in seiner Rede das erste Mal zu einer sachpolitischen Aussage, ganz traditionell sozusagen. Und was er sagt, ist das: wir setzen darauf, dass die Wall Street prosperiert. Aber das geht nur, wenn die Arbeiterklasse bei Laune bleibt. Dass da niemand auf dumme Gedanken kommt - Leistung bleibt oberstes Gebot. Und natürlich sollten wir nicht so egoistisch sein. Brav hackeln, schön Geld ausgeben. So wird alles wieder gut.

Oberflächlich wirken die USA eigenartig ruhig, aus der Entfernung des gelegentlichen Beobachters in Europa. Sicher, man kennt die Berichte von der alltäglichen Gewalt in den Ghettos, dem Elend und Rassismus, der militanten Engstirnigkeit. Doch schon David Harvey hatte darauf hingewiesen, dass der Irakkrieg nicht zuletzt vor dem Hintergrund der wachsenden, wenngleich latenten Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft zu verstehen ist. Der Krieg kam im rechten Moment, die Risse noch einmal zu kitten. James Kunstler übrigens geht davon aus, dass die USA angesichts der Verknappung fossiler Ressourcen und den daraus folgenden Turbulenzen als Staat früher oder später überhaupt zerbrechen wird. Unmöglich ist das nicht.

Auffällig nun, wie dünn die sachpolitische Botschaft Obamas angesichts solcher Plattenverschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge und seiner Perspektiven ist. Merkwürdiger noch. Als Beobachter aus der Entfernung, der schlicht die Worte liest, die da einer von sich gibt, versteht man gar nicht, worum es da gegangen sein soll, bei dieser Wahl, dem historischen Ereignis. Obamas Rede mutet eher wie die Predigt eines euphorischen Priesters an, nett aber ziellos, oder wie eine leicht trunkene Familienansprache anlässlich einer Hochzeit, eher schon als die Rede des Politikers, der amerikanischer Präsident sein wird. Was eigentlich, worum geht es? Wandel, wo? Wohin?

Vielleicht ist das zum Teil banal. Was soll einer sagen, der Leuten gegenübersteht, denen er nicht helfen kann. Aber das erklärt nicht alles. Obama kommt nämlich mehrmals auf das Bild der Einheit zu sprechen, ja, er beschwört die Einheit geradezu, und das ist signifikant. Da legt sich einer hinein, ins Zeug. Und das hat’s in sich.

Wir steigen in diesem Land auf oder wir gehen unter als eine Nation, als ein Volk.

Das sagt er, Obama: Ein Volk, ein Raum, ein Staat. Aufstieg oder Niedergang. Sieg oder Niederlage. Alles oder nichts. Und er sagt:

Lasst uns daran denken, dass es ein Mann aus diesem Staat war, der als erster die Flagge der Republikaner ins Weiße Haus gebracht hat, eine Partei basierend auf den Werten Eigenständigkeit und Freiheit und nationale Einigkeit.

Das sind Werte, die wir alle teilen. Und obwohl die demokratische Partei heute Nacht einen großartigen Sieg errungen hat, bleiben wir demütig und entschlossen, die Trennung zu überwinden, die unseren Fortschritt so lange verhindert hat. „Wir sind keine Feinde sondern Freunde”, sagte Lincoln zu einem Volk, das sehr viel gespaltener war als das unsrige. Auch wenn die Leidenschaft strapaziert wurde, muss das nicht das Band unserer Zuneigung reißen lassen.

Und natürlich verspricht er, dass Amerika eine neue Führungsrolle ausüben werde. Wer einen Beweis dafür braucht, soll ihn sich nur ansehen, ihn, Obama. Oder Euch, das Volk - the people, dem der eklige Geschmack des deutschen Pendants freilich fehlt. Während unter Bush die Freiheit nicht enden wollte, so will das unter Obama die Hoffnung nicht. Am Ende seiner Rede will auch der Glaube nicht mehr enden, woran auch immer.

Heute Nacht haben wir einmal mehr bewiesen, dass die eigentliche Stärke unserer Nation nicht von der Macht unserer Waffen oder unserem Reichtum abhängt, sondern von der andauernden Kraft unserer Ideale: Demokratie, Freiheit, Entfaltungsmöglichkeiten und nicht enden wollende Hoffnung.

Anders gesagt sagt er, dass weder Waffen noch Reichtum die Macht der USA noch aufrechterhalten. Das heißt, sie ist so gut wie bereits nicht mehr vorhanden. Die Amerikaner, die wie alle -aner und -eicher und -en und -is und -ir, die Österreicher und Deutschen und Kanadier und Mexikaner und wie sie alle heißen mögen, die sich da tummeln unter Flaggen, Mächten, Morden, doch nur von den Flaggen, Mächten und Morden leben, die sie aufrichten, indem sie sich ihnen zuordnen, unterordnen, sie begehen und feiern immerfort, diese Amerikaner haben realiter immer weniger, was sie noch aufrecht hält.

Ist seine Stimme so „frisch” und „melodiös” wie die Roosevelts? Ich weiß es nicht, Roosevelt habe ich nicht gehört. Aber er klingt gut, dieser Obama, richtig gut. Aufrichtig, ernsthaft, begeisternd, viel sympathischer als McCain oder Bush, er verheißt etwas. Aber was?

Sachpolitisch verheißt Obama das Gegenteil von Change. Er ist die perfekte Illusion, so perfekt wie der Zusammenhalt, den er er anruft und, wie er sagt, perfektionieren will. Nicht lange ist es her, da machten er und sein Beraterstab davon reden, sie wollten die Wall Street noch bis in die dunklen Gassen der amerikanischen Ghettos hinein verlängern, Aktien für alle, ein Volkskapitalismus, lautete das Programm. Die Realität hat dies vom Tisch gefegt. Obamas Zielvorstellung ist das aber wohl immer noch.

Obama hat auch ein Herz für Farmer. Er kommt aus Illinois. Illinois befindet sich östlich des Mississipi und südlich des Michigansees. In meinem Atlanten der Wirtschaftsgeographie sieht man dort das Wort “Mais” quer über den Bundesstaat geschrieben. Mit Mais verbindet Obama viel, denn die Maislobby in den USA ist mächtig.

Roosevelt hatte eine große Krise. Nimmt man Obama und vergleicht seine Chancen, die historische Krise des Kapitalismus zu bewältigen, so muss man ihn als einen bezeichnen, der am Rande eines Abgrunds steht. Den USA fehlt sogar das Geld für Krieg. Bevor aber ein Staatenlenker davon ablässt, Staat zu machen, stürzt er viele andere hinein, in den Abgrund. So oder so - Frieden reicht da völlig aus. Im Fall von Mais fallen jene, deren Lebensmittel teurer werden. Rund 20 % der Maisanbaufläche der USA werden bereits für die Produktion von Agrosprit genutzt. Das ist mit einer der Hauptgründe für die Hungerkrise in der Welt. Davon unberührt ist Obama dazu entschlossen, die Agrospritproduktion der USA auszuweiten.

Der Kapitalismus löst ein Problem, indem er es verschärft. Das wird Obamas Job sein.

Aber sehen wir die Dinge andersrum. Die Geschichte ist soeben erst wieder eröffnet worden. Insofern gibt es doch Wandel. Und das lässt tatsächlich hoffen. Zur Zeit Roosevelts war es die Arbeiterbewegung, die in zahllosen wilden Streiks gegen die Arbeitsdisziplin kämpfte, teilweise sogar mit dem Ziel vor Augen, die Kontrolle der Produktion zu erlangen. Der New Deal hatte nicht zuletzt den Effekt, die Arbeiterbewegung zu institutionalisieren und ihr Begehren nach Befreiung großteils abzutöten. Mit dem Zweiten Weltkrieg, der die fortdauernden ökonomischen Probleme nicht nur von NS-Deutschland, sondern auch des US-Kapitalismus löste, kam die Arbeiterbewegung unter eiserne staatliche Kontrolle. Und ihre Führungskader boten sich, wie in allen Industriestaaten der damaligen Zeit, willig an. Dennoch wird daran deutlich, dass die Zeit des gefährlichen Charismas zugleich die Chance bietet, den falschen Glanz zu zerstören. Die Schicht der Illusion ist dünn. Freilich, nur einem machtvoll verästelten Aufbegehren kann es gelingen, sie wirksam zu durchbrechen und etwas Neues sichtbar zu machen.

Uns sollten die Trennungen interessieren, die Obama offenbar zu schaffen machen. Und von denen wir hoffen, dass sie mehr ihm eine Sorge als die seiner Wählerinnen und Wählern sind. Die Spaltungen nämlich, die zwischen denen, die noch an Gott, Obama und den Staat glauben, und denen, die daran glauben, dass der Mensch ihre Geschichte selbst macht, verlaufen. Bruchlinien, die keinen Abgrund aufspannen, aber dennoch solche, an denen sich ein gesellschaftlicher Konflikt um eine Perspektive entwickeln kann. Man muss die Alternative aus ihrer Unsichtbarkeit in das Licht der Auseinandersetzung bringen. Und dazu brauchen wir die Trennung.

So bleibt Obamas Wahl zutiefst ambivalent. Zu hoffen bleibt, dass die Not, die kommt, nicht dem Amoklauf zur Norm verhilft, sondern den nahen Ausweg in die selbstbestimmte Kooperation erkennen lässt.

Hätte es die sozialen Bewegungen der 50er und 60er Jahre nicht gegeben, Obama und Hillary wären keine Spitzenkandidaten im gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf

schreibt Grace Lee Boggs, über 90, Aktivistin aus Detroit im Jänner diesen Jahres (r www.kaichang.net/2008/01/from-the-michig.html). Und weiter:

Aber weder Obamas Rasse noch Hillarys Geschlecht reichen für meine Unterstützung aus. Keiner von beiden ruft das amerikanische Volk dazu auf, sich dem Materialismus und Militarismus zu konfrontieren oder die konzerngesteuerte Globalisierung herauszufordern oder Alternativen dazu zu entwickeln. In dieser kritischen Periode der menschlichen Geschichte sollten wir aber genau das von uns verlangen und von jeglichem Präsidentschaftskandidaten, welcher Rasse, welchen Geschlechts oder welcher Religion auch immer.

Glücklicherweise entsteht eine neue Führerschaft aus der Unsichtbarkeit heraus, auf dem Grassroots-Level. Sie baut Gemeinschaft auf anstatt sich um Ämter zu bewerben.

In einem TV-Interview, das Grace Lee im selben Monat gab (r www.democracynow.org/2008/1/22/ive_never_had_this_much_hope), stellt sie noch deutlicher heraus, worum es geht:

Nun ja, Barack Obama verwendete eine Formulierung in seiner Rede in Ebenezer, die wir, wie ich glaube, in gewisser Weise begrüßen müssen. Er sagte, wir müssen “durch Beispiel” führen. Das ist, was wir tun müssen. Er kann das - vielleicht kann er das. Ich weiß es nicht. Aber wir hatten charismatische Führer in den 60er, und sie sind fast alle erschossen worden. Und wenn wir so sehr von charismatischen Führeren abhängen, sind nicht nur sie in echter Gefahr, sondern wir üben unsere Kräfte nicht in Beziehung zu den Situationen, in denen wir uns befinden, aus, um die Welt neu zu machen. Und an diesem Punkt stehen wir.

Und in einem Zeitungskommentar vom Oktober (r www.huffingtonpost.com) macht Grace Lee Boggs klar, dass die neue Art von Führung keine Führung ist und keine Führer hat. Ganz anders:

Nun müssen wir erkenen, dass die massiven Zwangsversteigerungen von Häusern, die ganze Stadtviertel zerstören, ein Ergebnis der traurigen Realität darstellen, dass wir auf der Main Street genauso wie auf der Wall Street eine Kasinowirtschaft geschaffen haben, unter der Annahme, dass wir endlos auf Kredit leben können.

Wenn wir anerkennen, dass wir selbst daran Schuld sind, anstatt andere dafür zu beschuldigen und zu dämonisieren, können wir die Kraft in jedem von uns entdecken, die Welt dadurch zu verändern, dass wir uns selber ändern. Eine Möglichkeit, um ein neues Gespräch zu beginnen, nicht nur mit Obama-Anhängern, sondern auch mit denen, die eher zu McCain neugen, ist, Beispiele dafür zu bieten, wie wir uns sicherer fühlen würden und glücklicher wären, wenn wir einfacher leben würden, sodass andere einfach leben können.

In Detroit zum Beispiel, wo Grace Lee Boggs selbst aktiv ist, gibt es eine breite Bewegung, die sich um r Urban Gardening und viele andere Ansätze für sozialen Wandel bemüht. Immer geht es darum, menschliche Beziehungen neu aufzubauen oder freundlicher zu gestalten und damit zu verknüpfen, anders zu produzieren, gemeinsam, mit Blick auf die wichtigen Dinge im Leben: Kunst, Gemüse, Spaß.

Mit diesen verschiedenen Mitteln, schreibt Grace Lee, begrüßen wir die Kraft in uns, die Welt neu zu kreieren. Und so befreien wir uns auch von den gewählten Vertretern in Washington, die uns entmächtigen, indem sie uns Lösungen versprechen, die uns dahin bringen, wie Opfer zu denken, von ihnen abhängig für ein paar Brosamen.

Zum Weiterlesen: r Das Obama-Projekt. Krise und charismatische Herrschaft, von Ingar Solty.

Redaktionelle Hinweise:

Der Artikel von Andreas Exner, „Obama – hell erstrahlt, wer am Abgrund steht" ist am 7.11.2008 erschienen auf www.social-innovation.org.

Hingewiesen sei auch auf die Diskussion zur Person bzw. zur Reaktion auf Obama unter REAKTIONEN im Anschluss an den Artikel r Ökonomie des Tötens, so in den Reaktionen 4240, 4241, 4242

Weiters sollte man sich zum Thema auch den Beitrag r Politisches Marodieren von Franz Schandl zu Gemüte führen, dieser behandelt zwar die Person Jörg Haider, manche Elemente erklären vielleicht aber doch die hiesige Obamamania.

Walther Schütz

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Eigentümlicher Missbrauch, 2008-11-13, Nr. 4244

kleine zeitung, 7.11.2008:

"Rot-Schwarz muss die Bürokratie reformieren.
Pack ma´s an. Yes, we can.
christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftkammer

mimenda, 2008-11-14, Nr. 4247

Die vaterländische Rhetorik und das nationale Pathos muss man zunächst einmal abziehen. Obama hätte diesen Wahlkampf nicht gewinnen können, wenn er auch noch die missliche Lage der nicht-US-amerikanischen Welt ins Kalkül gezogen hätte. Und sicher ist er kein Messias, der uns allen das Heil bringt.

Angesichts des geradezu pathologisch anmutenden Diktats einer spezifischen US-amerikanischen political correctness bezüglich dessen, was man sagen darf oder muss und was nicht, waren viele seiner Aussagen im Wahlkampf und zuvor von einer bemerkenswerten Tiefe und Nachdenklichkeit gewesen.

Das Zitat über die Wall Street ist nach meinem Verständnis vollkommen unzutreffend interpretiert. Ich kenne hierzu dieses Original:

"There were some irresponsible decisions that were made on Wall Street and in Washington. In the past few years, I think we learned an essential truth that in the long run we can't have a thriving Wall Street if we don't have a thriving Main Street."

Übersetzung: Es gab in den letzten Jahren einige unverantwortliche Entscheidungen, die in der Wall Street und in Washington getroffen worden. Ich denke, wir haben daraus eine wesentliche Wahrheit gelernt, nämlich dass wir auf lange Sicht keine blühende Wall Street haben können, wenn die Hauptstraße nicht blüht.

Die Bedingung des Blühens der Finanz ist also das Wohlergehen der Bevölkerung, nicht aber ist es deren Ziel, diese bloß bei Laune zu halten.

Und so wie ich Obama anhand seiner Aussagen einschätze, meint er nicht bloß die Main Street in den USA.

Wir sollten ferner nicht vergessen: dieser Mann hat einen Teil seiner Wurzeln in Afrika. Er ist ein wirklicher African American!

vorsicht!, 2008-11-17, Nr. 4250

wurzeln in afrika?
dann könne wir ja nur hoffen, dass obama nicht zu rice mutiert....

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