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Hans D. Smoliner

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2007-05-11

Lili Marleen - eine andere Hymne?

Liebe Freundinnen und Freunde von kärnöl!

Berlin, April 1915.

Los mit dem Ersatz! Munition empfangen, eiserne Ration, Verbandspäckchen, Sandsack, Feldspaten, Stacheldraht-schere und - nicht zu vergessen - die münzkleine graue Scheibe aus Aluminium, die Erkennungsmarke, der Leichenorden. Angetreten in Linie zu zwei Gliedern! Abzählen! In Gruppen linksum ... marsch! - Ade also! (1)

Während Hans Leip, der junge Gardefüsilier, mit seinen Einheit aus dem Kasernenhof marschiert, wiederholt er leise immer wieder die Zeilen, eines noch während dieser letzten Nachtwache in Berlin niedergeschriebenen Gedichtes, bevor er an die Russlandfront abgezogen wird.

Soldaten, Schwule, Lesben, Minderheiten und kärnöl sind keine “Nation”, sie haben keine institutionalisierte Hymne, die einerseits ihre Identität, andererseits ihre Gemeinschaftsbildung im benthamschen Sinn bestärkt. Trotzdem oder gerade deswegen bedienen sich „Minderheiten“ fast traditionsmäßig sozialemanzipatorischer Elemente des literarischen und musikalischen Schaffens um ihren benthamschen Opferlammzustand - den ideologisierten kapitalistischen Missbrauch des Zustandes Mensch – Stimme zu geben.

Ohne es zu wissen, ohne es zu wollen hat Hans Leip in jener Nacht, vielleicht unter einer Laterne, die Grundwörter für die Hymne, jener Menschen gelegt, die aufgrund ihrer Stimm- und Machtlosigkeit zum benthamschen Kanonenfutter degradiert werden, um mit ihrem Tod den Gewinn zu maximieren. Die Grundbedürfnisse des Menschen – im Wort Liebe abstrahiert – wird im Massengrab der fahrlässigen Menschenkrida tagtäglich verscharrt.

Helga Pankratz und Nada Zerzer - Mitautorinnen des Buches „Die andere Hymne“ - beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven das neoliberalistische Phänomen der Nationalhymnen als Symbol der Macht. Denn diese beziehen sich weder im Text noch in der Melodie auf jene Teile der Gesellschaft, die wir als Minderheiten bezeichnen, meist schließen sie diese sogar aus. In einer Gesellschaft, Gemeinschaft, in einer Gruppe, ist jedoch jedes Individuum, jede Person, aufgrund ihrer Eigenart eine Minderheit.

Im Gegensatz zur benthamschen Pädagogik, will kärnöl, – auch wenn es in der Realbegegnung oft den Anschein hat, dass man Bentham persönlich begegnet – im Sinne der Autorinnen – Helga Pankratz und Nada Zerzer – dass Nationalismen, Kapitalismen und nicht transparente Machtansprüche hinterfragt und Gegenstimmen propagieret werden. Hören Sie zu und verleihen Sie ihrer Wahrnehmung, ihren Gedanken, Gefühlen - wann immer Sie heute Abend wollen – Stimme,

wie einst Lili Marleen!


Guten Abend



Literatur:
(1) Hans Leip: „Das Tanzrad - persönlicher Lebensrückblick“, 1979

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susi brinks, 2007-09-15, Nr. 3920

sehr schön skizziert! wertvoll.

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