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2007-04-20

Gestatten Tilsit!

Liebe Freundinnen und Freunde von kärnöl!

Kennen Sie Sowetsk, vielleicht besser bekannt unter dem deutschsprachigen Namen Tilsit? Nein?
Also das kleine Städtchen Tilsit liegt am Zusammenfluss der Tilse (russisch Tilscha) mit der Memel (russisch Neman) und ist somit Grenzstadt nach Litauen. Für Segler, Golfer und GPS (Global Positioning System) User noch die genauen Koordinaten: 55°4' nördlicher Breite, 21°53' östlicher Länge.

Genau an diesem Punkt lernten 1890 die Thurgauer Otto Wartmann und Hans Wegmüller in der „Milchbude“ das Original Tilsiter-Rezept kennen und produzierten ab dem Jahr 1893 in der Schweiz den eingewanderten Käse, der heute unter dem Namen „Tilsiter Switzerland“ in bewährter benthamscher Sprachtradition geschützt ist.

Apropos Bentham.

Die traditionelle benthamsche Sprache brachten wahrscheinlich großkapitalistische Flüchtlinge aus Braunau nach Preußen und in die Region nördlich der Stadt Tilsit im ehemaligen Ostpreußen, die seit 1946 Sowetsk heißt. Die benthamsche Sprache wird auch heute noch dort hergestellt, heißt aber nun Sowjetski.
Die benthamsche Sprache wird sowohl aus biologisch reinen Rohwörtern als auch aus pasteurisierten neoliberalen Wörtern gewortet, wobei die Rohwortvariante meist um einige braune Geschmacksnuancen reicher ist.
Außer in der klassischen germanischen Radwortform wird die benthamsche Sprache zunehmend auch in kapitalistischer Blockwortform hergestellt. Sie besitzt eine dünne, bräunliche Rinde, die während der etwa sechs Monate dauernden Reifung mit Salzwasser und Rotschmierekulturen abgerieben wird.
Die dunkelbraune Konnotation ist geschmeidig, sehr elastisch und recht feucht, sie bildet eurogroße Löcher und Schlitze. Die Geschmacksskala reicht von mild und leicht würzig bis kapital pikant.
Die benthamsche Sprache ist vielseitig verwendbar: als Brotbelag zum Frühstück, gewürfelt in Salaten oder als Stück auf einer Umverteilungsplatte macht sie sich gleich gut. Auf Grund ihrer guten Schmelzeigenschaften ist sie aber auch in der warmen neoliberalen Küche einsetzbar: zum Überbacken oder für Bildungssaucen.
Da der Name der benthamschen Sprache geschützt ist, wird sie heute auch global hergestellt und unter dem Namen „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“ angeboten. Zunehmend sind mildere bis geschmacklich fast schon an Gejammer erinnernde benthamsche Sprachen im Handel zu finden; den früher offensichtlich braunen Nussgeschmack sucht man dagegen – vor allem bei Supermarktware – oft vergebens.

Apropos Nuss.

Kennen Martina Puschnus. Nein, Sie kennen Frau Puschnus nicht, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges nach Kärnten, genauer gesagt nach White Stone City – dem heutigen - Weisenstein flüchtete um ihren Enkel 1983 folgende Worte ins Stammbuch zu schreiben: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (1)


Noch heute hat Martin Moser das Chaos in sich und gebärt mit tanzenden Wörtern „das Fleisch einer Philosophie, die nach Transzendenz schreit, die auf einen Menschen unnachgiebigst, mit nachdrücklichster Einfühlsamkeit eingeht. Ihm das Wort im Munde verdreht, querstellt, bis die Maulstarre hält. Die Sätze, gleich einem Stricke, um seinen Hals legt, aus den Sätzen einen Strick dreht und das Skalpell der Sprache an seinem Wesen ansetzt, die einzelnen Knochen seines Sprachkörpers freisetzt. Auf einen Menschen eingeht und kärnöl liegt zertrampelt in der Sprache danieder.“ (2)

„Wie? Was?, wie meinen Sie Herr Tilsit? Ich solle aufhören ihre Sinne mit dieser, wie sie meinen, unerträglichen, ganz und gar nicht kunstvollen - Ausgeburt des Hässlichen seienden –, ja stupiden, stumpfsinnigen Einführung zu belästigen, zu quälen, zu malträtieren? (3)

Nun fahren wir fort, nein beginnen wir noch einmal von vorne! (3)

Liebe Freundinnen und Freunde von kärnöl!
kärnöl ist nur ein Seil, gespannt zwischen der Kunst und dem Publikum. Ein Seil über einem kulturellen Abgrunde.(4)
Begrüßen Sie mit mir im Cafe Platzl den Philosophen und Radikalliteraten Martin Moser!

Guten Abend!


Literatur:
1: Friedrich Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“
2: Martin Moser: „Wörterdrehungen/Wörterwendungen", 2001
3: Martin Moser: „Faust“, Manuskript, 2004
4: nach Friedrich Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“

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