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Hans D. Smoliner

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2006-02-24

Kunst – eine aisthetische Prothese?

Einführende Worte zur Veranstaltung „Aisthetische Prothesen“

Die Sprache, deren Worte sind Prothesen der sinnlichen Wahrnehmung.

Nach Auskunft des Grimm`schen Wörterbuches leitet sich das deutsche Wort „Kunst“ vom althochdeutschen „chunst“. ab und wandelte sich im Mittelhochdeutschen zu „Kunst“. Der mehrdeutige Begriff bezeichnete anfangs ein Substantiv zum Verbum „können“ mit der Bedeutung Kenntnis bzw. Wissen oder auch Selbsterkenntnis.

Mit der bürgernahen Sprach- und Wortliberalisierung Goethes wird die Kunst von der Wissenschaft unterschieden: „ …ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur That. Wissenschaft wäre Vernunft und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.“

„Die Tiefe ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Tiefe tief zu sein hat.“
(Roman Wildholm)

Schon in der soziologischen Frühzeit der menschlichen Entwicklung war das Auftreten von Kunst einer von mehreren Indikatoren für die Bildung von Bewusstsein und menschlichem Denken. Kunst meint in diesem Zusammenhang Tätigkeiten, Verrichtungen, oder Darstellungen, die keinen unmittelbaren Nutzen zur Lebenserhaltung erkennen lassen. Ihre einzige Funktion war ein sozialemanzipatorischer – die des gemeinsamen Genusses.

Mit der von Gustav Theodor Fechner eingeführten Differenzierung zwischen einer Ästhetik von unten und einer Ästhetik von oben wird Kunst von ihrer sozialemanzipatorischen Dimension entfremdet und Kunsterleben nur mehr als ein alltägliches psychologisches Phänomen betrachtete, das man in Experimenten untersuchen und gewinnorientiert vermarkten kann. Die soziale Rolle der Kunst, deren revolutionäres Potential wird zu Gunsten einer globalen Nettogewinnsubeventionierung aufgegeben und zur marktwirtschaftlichen Funktionstherapie, zur Prothese der Wahrnehmung degradiert.

In ihrem Beisein kommen Martin Moser, Roman Widholm, Josef und Paul Manske vor apollinischen Erkenntnishorizonten im Cafe Platzl zu Sturz und benetzen uns mit dionysischer Erlebnisqualität. Entlang aisthetischer Spannungsfelder widmet sich ihre Performance der Entlastung und Verflüssigung unserer individualen Oberflächen. Dieser kärnöl - Abend lässt sicherlich keinen unmittelbaren Nutzen für unsere Lebenserhaltung erkennen.

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