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Hans D. Smoliner

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2006-01-27

DER GÖSTA IST ANDERS

„Kennt er den Gösta?“, hat mich vor ca. 20zig Jahren ein Freund gefragt. „Nein“, hab ich gesagt, „Der Name sagt mir nichts“. „Wenn er ein Schriftsteller werden will, sollte er den Kärntner „IG-Autorenvorsitzenden“ aber dringend einen Antrittsbesuch abstatten“ meinte mein bildschaffender Freund. So hat er sich ins schwarze Schreibgewand gesteckt und ist halt voller Hoffnung nach Wernberg gefahren, um dem „IG-Autorenvorsitzenden“ seine Aufwartung zu machen. Derselbe hat ihn mit höflicher Distanz in seinem Schreibatelier empfangen. Zwischen unzähligen Büchern, Manuskripten und handbeschriebenen Zetteln hörte dieser geduldig dem Literaturkarrieregeiling bei seinen teilweise irrationalen literarischen Selbstreflexionen zu, um zum Abschluss, scheinbar ohne Zusammenhang, auf einen Stapel unfrankierter Einladungen zu verweisen und dem gesprächigen Anstandsbesucher zwei kleine Büchlein zu überreichen. Er war verunsichert, wenn nicht enttäuscht. Einen Erkenner, einen Förderer der zukünftigen österreichischen Großliteratur hatte er sich erwartet. Nichts dergleichen. In seiner, zum Devotismus degradierten Verzweiflung, bot er dem „IG-Autorenvorsitzenden“ an, die zu dem Stapel unfrankierter Einladungen gehörenden Briefmarken mit seinem, schon vom vielen Selbstreden vertrocknendem Speichel zu beschlecken und höchstpersönlich zur Post zu bringen. Darauf hin der Gösta, sich eine Zigarette anzündend und in stoischer Ruhe: „Wenn´s meinen?“

Die meinigen und seinigen Wege haben sich zwischenzeitlich getrennt, um sich gegenwärtig bei kärnöl – Der Alabasterklausur im Proletariat - bei einem Glas Rotwein, ein paar Zigaretten, auf der Straße eines virtuellen Anarchismus diensttäglich zu treffen.
Aus dem mittlerweile in den verdienten Ruhestand getretenen „IG-Autorenvorsitzenden“, dem Augenoptiker der Sprache, dem Wegmacher der Kärntner Literaturszene, dem Holzfäller und Hilfstotengräber für Literaturkarrieregeilinge ist für mich eine personifizierte Insel im Scherbenhaufen, im Splitterfeld von Leil-leigestammel und psychischer Mordlust geworden. Ein Freund, der mich gelehrt hat, dass auch das Gefühl der Menschen mit dem Anarchismus betrachtet werden muss.
Der Gösta war und ist unter den Anarchisten von Anfang an ein Außenseiter. Das will heißen: ein echter Anarchist. Wenn er auch statt einer Bombe nur Wortgranaten im Hosensack trägt, ist sein Wollen nicht schlechter als das der verbalen Totschläger. Nur erscheinen deren Mittel dem Gösta nicht die richtigen. Kann sein, dass noch viele Ungeduldige die Gedanken des Gösta vom Tisch fegen wie ein blindwütiger Hurrikan. Für den Gösta jedenfalls steht fest, dass man Gesellschaft von unten her umwandeln muss und nicht von oben.

Er fühlt sich zwar nicht als Künstler, seine Bereiche seien zu unterschiedlich, und trotz seiner schon sprichwörtlich bekannten Bescheidenheit schuf und schafft er literarische Meisterwerke in fast allen Literaturgenres.
Er liebt Buchstaben und Wörter ebenso wie den Traum von einer Koketten. Seine multiplen Literaturpersönlichkeiten sind ganz eigenartige Sprachschizophrenien. Sie sind geistig das, was die Natur als drei Augen, fünf Hände oder sechs Zungen hervorbringt. Mehrfachschizophrene also - Gesunde Schizophrene. Seine literarischen Persönlichkeiten sind – sowie er – großartige Menschen in einer lausigen Welt.
In seinen Psychoautomatischen Texten reizt er die schizophrene Grundstruktur des menschlichen Bewusstseins mit einer anarchistischen Vehemenz und mit einer sprachlichen Exzessivität bis an die Grenzen des Wahrsinns aus. Wortkreaturen von der zerbrechlichen Schönheit einer venezianischen Maske zerren den Leser, den Zuhörer von Wirklichkeit zu Wirklichkeit und entlassen ihn scheinbar abrupt in die Möglichkeit.
Das ist der augenblickliche Zustand des Zentralnervensystems. Genau eine Stunde vor Greenwich! Ein paar Minuten vor der Lesung von Gösta Maier - dem Grandseigneur der österreichischen Literaturszene – zu der ich sie im Namen von kärnöl herzlich willkommen heiße.



Literatur:
Die kursiv geschriebenen Textpassagen sind Zitate von Gösta Maier:
Gösta Maier: „Der elektrifizierte k. u. k. Hofoptiker, Sisyphus 2003
Gösta Maier: „Die Mitzi war anders“, Alekto, 1997
Gösta Maier: „Die Kleine Belladona“, Hermagoras, 1998
Gösta Maier:"Psychoautomatische Texte", Edition kärnöl, 2006

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