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Walther Schütz

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2005-12-15

Chancen für die Armen durch besseren Marktzugang?

2. Diskussionsbeitrag zum Liberalismus als herrschender Ideologie

Ausgehend von der Veranstaltung "No Mono: Marktwirtschaft ohne Konzerne" diskutieren wir rGrundannahmen der herrschenden Ideologie betreffend "unsere" Gesellschaft . Mit Stephan Janks Beitrag r Grüne Politökonomie wurde die Debatte eröffnet.

Mein vorliegender Diskussionsbeitrag über die Segnungen des Marktes bzw. einen "unverfälschten" Liberalismus soll nun auf einen Punkt eingegangen werden, der bei Vertreter/innen und Sympathisant/innen mit der sogenannten 3. Welt besonders weit verbreitet ist. Diese lautet in etwa:

Wenn nur nicht die USA und die EU mit ihrer marktverzerrenden Politik wären, wenn nur nicht die Lobbys einen derartigen Einfluss auf ihre Regierungen hätten, wenn nur endlich der unverzerrte Mark hergestellt würde, dann würde sich alles zum Guten wenden: Dann hätten endlich auch die Länder der 3. Welt ihren Marktzugang, dann könnten sie sich "entwickeln".

Da geht es tatsächlich um ein brandaktuelles Thema, wie die derzeit laufenden Verhandlungen der WTO in Hongkong demonstrieren. (Eine sehr grundsätzliche Kritik zur aktuellen WTO-Runde ist übrigens nachzulesen bei Vandana Shiva, r Jenseits von Hongkong?

Zum Thema Chancen für die 3. Welt, gegen Verelendung ... fordert r Walter Oswalt in seinen Beiträgen "die konsequente Öffnung der Weltmärkte, die tatsächliche Durchsetzung des Leistungswettbewerbs, ..." Der Offene Leistungswettbewerb sei entscheidend, denn: "Die meisten Menschen sind durch den Protektionismus, den die reichen Länder im Interesse der Multis betreiben, von der Möglichkeit ausgeschlossen, unternehmerisch an freien Märkten teilzunehmen. Dies bedeutet für Millionen von Kleinbauern, Kleinhändlern, und Handwerkern in der "Dritten Welt" Hunger und Armut. ". Klingt ja zunächst einmal irgendwie plausibel:

Aber: Geht die "ordo-liberale" Logik auf? Ich möchte die Frage an einem Extrembeispiel, der Baumwolle, abhandeln. Auf den ersten Blick stellt sich die Situation wie folgt dar:

Der über die Börse festgelegte Preis lässt den Bauern in Burkina Faso trotz ausgezeichneter Qualität durch Handpflückung ihrer Baumwolle keine Chance, obwohl sie dreimal billiger Baumwolle produzieren als die US-Bauern. Für Baumwollbauern rund um die Welt ist das so, als habe ihnen eine ominöse, höhere Macht ihr Einkommen halbiert. Nur die 25.000 Baumwollfarmer in den USA müssen sich nicht sorgen. Zwar haben sie durch das Überangebot den Preisverfall an der Börse maßgeblich verursacht. Aber obwohl sie weltweit zu den ineffizientesten Produzenten gehören, haben sie unter ihm nicht zu leiden, denn sie bekommen ihr Geld vom Staat. Im Jahr 2002 waren es 3,9 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie 1992, dreimal so viel wie die gesamte amerikanische Entwicklungshilfe für 500 Millionen Afrikaner. So gesehen „sät der Norden den Hunger“.*)

*) Zitate aus: Wolfgang Uchatius, Der Norden sät den Hunger. In: Die Zeit, 34/2003

Aus dieser Sicht liegt die Schlussfolgerung nahe: Weg mit den wettbewerbsverzerrenden Subventionen, dann würden die Bauern in Afrika so wie früher etwas mehr verdienen und ein bescheidener Wohlstand würde einkehren.

Der Blick in die Zukunft

Doch reicht es aus nur die Subventionen abzubauen, damit alles sich zum Guten wendet? Denkt man sich die Folgerungen konsequent weiter, dann scheint der Ruf nach mehr Liberalisierung, nach einem „echten“ Freihandelssystem problematisch:

  1. Die Baumwolle aus Burkina Faso wäre am Weltmarkt gegenüber dem hochtechnisierten Baumwollanbau der USA konkurrenzfähig, denn „Die preiswerteste landwirtschaftliche Maschine ist immer noch der Mensch, jedenfalls, wenn er zum Arbeiten nichts braucht als ein, zwei Schälchen Mais am Tag“*) Soll das die Perspektive der Globalisierung sein? Welchen Geschmack bekommt da der Wettkampf zwischen den jeweils betriebswirtschaftlich Effizientesten? Das also wäre die Logik der „optimalen Ressourcenallokation“, wie es im Jargon der Technokrat/innen heißt?
  2. Gerade an diesem Punkt zeigt sich die falsche Argumentation der Ordoliberalen: Auf der einen Seite setzen sie voll auf die "Effizienzpeitsche Markt" (schöngeredet als "Leistungswettbewerb"). Auf der anderen Seite soll die Durchsetzung von großen Firmen, von Konzernen etc. aus Eingriffen des Staates, wie Walter Oswalt meint, resultieren. Demgegenüber muss aber festgehalten werden: Der Markt belohnt die betriebswirtschaftlich Effizienteren, und das sind in der Regel die mit den größeren, neueren, moderneren Maschinen, mit den größeren Stückzahlen, den größeren Vertriebssystemen, den höheren Werbebudgets ... Selbst das Extrembeispiel Baumwolle (mit seinen ja tatsächlich existierenden Marktverzerrungen) demonstriert dies bei genauerem Hinsehen: Erst wenn die Lohnkosten der Handarbeit bei ein, zwei Schälchen Mais am Tag“ liegen, kann mit Maschinen konkurriert werden. Gerade an diesem Punkt zeigt sich die Skurilität ordoliberaler Positionen: Einerseits wird der Markt gefordert, wenn er aber wirksam wird und die Kleinbetriebe im Konkurrenzkampf geschluckt werden, dann muss immer eine Erklärung von außerhalb der Ökonomie herhalten. Das ist die typische Mittelstandsideologie, der Wettbewerb soll für alle gelten, nur nicht für einen selbst!
  3. Die gestützten Preise der US-Landwirtschaft führen zur Überproduktion am Baumwollmarkt, aber was wäre, wenn die Preise höher lägen – würden dann nicht mehr Entwicklungsländer ihre Produktion in diesen Bereich verlegen und dann erst recht ein Preisverfall eintreten?
  4. Was würde eine stärkere Entwicklung von Exportgütern auf den noch dazu von Verwüstung bedrohten Flächen für die landwirtschaftliche Eigenversorgung bedeuten? Wer in den Familien bestimmt, welche Früchte bei Arbeitsspitzen den Vorzug bekommen – die Männer, die eher über das Geld verfügen oder die Frauen, die eher für die Versorgungsarbeit zuständig sind? Würde dann nicht erst recht der Hunger gesät?
  5. Bei rentablen Renditen im Baumwollanbau in Burkina Faso wäre zu erwarten, dass sich sehr schnell Investoren fänden. In der Folge würden die Böden in den Händen weniger akkumuliert, die Natur übernutzt und die ländliche Bevölkerung vertrieben…..
  6. Wird nicht überhaupt schon zu viel Baumwolle weltweit verbraucht – etwa durch eine sich immer schneller drehende Modeindustrie? Bekommt man dieses Problem in den Griff, indem noch mehr Menschen auf Gedeih und Verderb auf den Verkauf dieser Ware angewiesen sind? Ist "Mode" - also die künstliche Alterung / Entwertung von Kleidung - nicht geradezu der Inbegriff des zentralen Marktmechanismus "Umwandlung von Menschen in belieferungsbedürftige Mängelwesen"? Mehr speziell zu diesem Aspekt in meinem Artikel zur r Spirale immer neuer Bedürfnisse

Mein Resümee: Was zunächst aus einer "Gerechtigkeitsperspektive" so einleuchtend erscheint - nämlich der freie Marktzugang für alle, ist eine Falle: Die Verelendungsspirale wird mit mehr Markt nur noch schnell laufen. Daher ist es kein Wunder, dass weltweit Kleinbauernorganisationen etwas ganz anderes fordern: r Ernährungssouveränität!

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