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Lisa Rettl

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2004-01-03

Der Ulrichsberg ruft - III

Oder: Alles was recht(s) ist

Erstveröffentlichung:

Lisa Rettl, Der Ulrichsberg ruft. Oder: Alles was recht(s) ist, in: Peter Gstettner/ Grete Anzengruber/ Peter Malina (Hrsg.), Die Mühen der Erinnerung. Zeitgeschichtliche Aufklärung gegen den Gedächtnisschwund Bd.1 (=schulheft 105/2002), Wien 2002, S. 108-123.

Der Ulrichsberg ruft - I
Der Ulrichsberg ruft - II

Über dem Westportal – symmetrisch und thematisch zum „Unbekannten Soldaten“ gehörend - hängt etwa seit 1980 ein Relief, dem hoher Symbolwert zugeschrieben werden kann: Es trägt den Titel „Kameradschaft“ und wurde 1940 von Arno Breker gestaltet, einem von Hitler persönlich protegierten Künstler, der während der nationalsozialistischen Herrschaft mit einigen Großprojekten zur künstlerischen Verherrlichung des NS-Regimes betraut wurde. Das Relief thematisiert den Tod eines Soldaten in den Armen seines „Kameraden“, wobei die Darstellung der Szene sowohl arische Idealmaße als auch eine Ästhetisierung männlicher Kraft repräsentiert.[28]

Davon abgesehen ist das gesamte Innere der Kapelle mit dicht aneinander gehängten Einzelgedenktafeln ausgestattet, die an verschiedenste militärische Einheiten, Divisionen etc. aus ganz Europa erinnern, wenngleich es sich bei den hier Erinnerten keineswegs um „ehemalige Feinde“[29], sondern eher um ehemalige „Waffenbrüder“ handelte, die zum Teil in der Garnisonsstadt Klagenfurt stationiert waren. Die Absurdität einer Europagedenkstätte, als die der Ulrichsberg nunmehr in der Öffentlichkeit dargestellt wird, und die in Eigendiktion „ein unbeirrbares Bekenntnis“ darüber ablegen soll, „daß nie wieder Söhne Europas feindlich gegenüberstehen“[30] manifestiert sich nicht zuletzt in einem anonym gebliebenen Schreiben eines „Kameraden“ aus dem Jahr 1979, der gerade die freundschaftliche Verbundenheit und die gemeinsame Vergangenheit als große Wir-Gruppe unterstreicht: „Dieses Jahr am 7. Oktober kommen sie wieder zusammen, die Kameraden aus allen Windrichtungen Europas. Folgen wir diesem Weckruf, um auf dem Gipfel des Ulrichsberges unseren Dank auszusprechen, daß wir alle zurückkehren konnten und daß wir die Verfolgungen und Verleumdungen gut überstanden haben. Sorgen wir dafür, daß wir uns nicht provozieren lassen. Aus Sympathie für unsere Kärntner Kameraden müssen wir darauf besonders achten [sic!]. Laßt uns Vorbild sein von wirklicher Europäischer Kameradschaft.“[31]

Insbesondere interessant erscheint dabei der Hinweis auf die Verfolgungen und Verleumdungen, die sich folgerichtig nur auf die Kriegsverbrecherprozesse bzw. diverse Entnazifizierungsprogramme beziehen können. Nicht zufällig werden Haftstrafen von verurteilten Kriegsverbrechern im „Heimkehrerdiskurs“ als (ungerechte) „Kriegsgefangenschaft“ interpretiert, wie etwa eine Rede von Karl Semmelrock aus dem Jahr 1969 zeigt, als er an das „Schicksal Major Reders, der noch immer Kriegsgefangener“[32] sei, erinnerte. Auch der Appell an die Kameraden, sich nicht provozieren zu lassen, dürfte wohl dahingehend zu interpretieren sein, dass keine (eindeutig strafbaren) NS-Parolen geäußert werden sollten, um weder der „Sache“ noch den Kärntner Kameraden mit dem Ulrichsberg zu schaden.

Neben dem, im Grunde zum Nebenprodukt verkommenen Totengedächtnis und dem im Vordergrund stehenden „Erhaltens der „alten Begriffe“ bzw. dem revisionistischen Versuch einer Geschichtsumdeutung („weil man es in der Zeit, als die Väter noch lebten, ganz anders gelernt hätte“[33]) manifestiert sich im Eingangszitat des Ulrichsbergbesuchers zu Beginn des Beitrages noch ein anderer Aspekt, nämlich die Andeutung politischer und breiterer gesellschaftlicher Akzeptanz. Dies erscheint in Hinblick auf den Zeitpunkt der getätigten Aussage (1989) insofern paradox, als dass das Ende der 80iger Jahre mit der Waldheimkontroverse (1986) und dem Gedenkjahr (1988) eine durchaus kritischere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit österreichischer Väter und Großväter als pflichterfüllende Soldaten einleitete und nicht wenige PolitikerInnen den Ehrenschutz für kleinere und größere lokale und regionale Ausstellungen bzw. (Forschungs-) Projekte zum Thema Holocaust übernommen hatten.

Tatsächlich ist – wie die chronologische Auflistung der Festredner von 1959-1999 in der Ulrichsbergdokumentation auch zeigt - jene verschwörerische Eintracht zu konstatieren, die in Sachen „Heimat“ immer wieder irritiert: ÖVP, FPÖ und SPÖ (zumindest ihre männlichen Ent- und Gesandten) üben sich im politischen „Miteinander“ in den Erinnerungsräumen und –träumen deutschnationaler Verbände wie der Ulrichsberggemeinschaft, dem Kärntner Abwehrkämpferbund oder dem so genannten Kärntner Heimatdienst. Dabei wird gerade die Not zur Tugend erklärt und die Überparteilichkeit als „Beweis“ für die „friedlichen Absichten“ und „Toleranzbereitschaft“ der UlrichsbergerInnen ins Feld geführt, die immer darum bemüht waren, „den Ulrichsberg aus dem täglichen Parteihader herauszuhalten“[34] Insofern liegt der eingangs zitierte Ulrichsbergbesucher nicht ganz falsch, wenn er für die Feiern „Regierungsbeteiligung, in Anwesenheit von jung und alt“ konstatiert.

Dass der Ulrichsberg auf breiterer gesellschaftlicher Ebene akzeptiert wurde, ist hingegen zu bezweifeln: Dagegen spricht eine durchaus kritische Berichterstattung seitens auflagenstarker Medien wie etwa dem Profil bzw. auch die Tagespresse wie Standard oder Presse etc., sowie zahlreiche LeserInnenbriefe auch in den Kärntner Medien, die tendenziell eher zu positiv gefärbter Berichterstattung neigten, (was grundsätzlich aber nicht bedeutet, dass es nicht auch in Kärnten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ulrichsberg im Zusammenhang mit NS-Kriegsverherrlichung gegeben hätte). Die mediale Auseinandersetzung Kärntens mit dem Ulrichsberg als „Gedenkstätte“ konnte bis vor einiger Zeit durchaus noch als kontroversiell bezeichnet werden.

Eine markante Zäsur markierte das Jahr 2001, in der sich jene Entwicklung fortgesetzt haben dürfte, die sich schon ein Jahr zuvor angekündigt hatte und in engem Zusammenhang mit der schwarz-blauen Wende stehen dürfte.

Schon im Jahr 2000 konnte die Ulrichsbergfeier mit der Grundmessage „Nie wieder Krieg“ an die Medien als „Versöhnungsfeier“ präsentiert werden, bei der es angeblich, zumindest expressis verbis um ein „Gedenken an a l l e, die Opfer von Gewalt wurden“[35] , wobei sich die Ulrichsberggemeinschaft auch darüber freuen würde, „kämen auch ehemalige KZ-Insassen und Widerstandskämpfer“[36] . Die der Aussage innewohnende Bedeutung einer Gleichstellung von Opfern des Holocausts und jenen soldatischer „Pflichterfüllung“ sowie das Faktum, dass Gesten der Verzeihung und Versöhnung wohl nicht im Ermessen der Tätergesellschaft liegen, wurde kaum realisiert. Diese Strategie gehört demnach zu einer Spielart dessen, was der amerikanische Literaturwissenschaftler Geoffrey Hartman als „Gegen-Gedächtnis“ definierte: Eine spezifische Form der Repräsentation von Vergangenheit, „die sich den Anstrich der Erinnerung gibt, diese in Wirklichkeit aber blockiert.“[37]. Für das Jahr 2001, d.h. zwei Jahre freiheitliche Politdominanz in Kärnten mit Jörg Haider an der Spitze – ist hinsichtlich der Kärntner Medien festzustellen, dass eine kritische Berichterstattung (Kommentare, Glossen, Tagesberichterstattung etwa) kaum stattgefunden hat, was wohl mindestens so bedenklich und hinterfragenswert erscheint wie die Feier selbst.

Fortsetzung: Samstag, 10. Jänner 2004

[28] Näheres dazu vgl. Lisa Rettl, Kärntner „Friedensfeiern“ an der Schwelle ins Dritte Jahrtausend, in: Zeitgeschichte (2002) 6. (noch nicht erschienen).
[29] Vgl. unter vielen anderen etwa Jörg Haider in seiner Ulrichsbergrede am 02.10.2000, wo es diesbezüglich heißt: „Daher ist der Ulrichsberg eine Begegnungsstätte, an der sich Menschen, die einstmals als Feinde einander gegenübergestanden sind, als Freunde begegnen und die Hand reichen.“
[30] Norbert Rencher, Ulrichsbergdokumenation, S. 107.
[31] Anonymer Autor, dessen Schreiben sich, wie Rencher vermerkt, an die „flämischen Ulrichsbergfahrer und Freunde“ richtet. Zit. nach Norbert Rencher, Ulrichsbergdokumenation, S. 82.
[32] Karl Semmelrock, zit. nach Volkszeitung, 07.10.1996, S. 4. SS –Sturmbandführer Walter Reder war als Kriegsverbrecher verurteilt wegen des Massakers in Marzabotto mit mehr als tausend ermordeten Opfern. Er wurde am 26. Jänner 1985 aus der Haft entlassen und kehrte nach Österreich zurück (daher auch er ein „Heimkehrer“). Er starb am 26. April 1991
[33] Norbert Rencher, Grundsatzerklärung in der Ulrichsbergdokumentation, S. 6.
[34] Norbert Rencher, Grundsatzerklärung in der Ulrichsbergdokumenation, S. 5.
[35] Leopold Guggenberger, ÖVP Bürgermeister von Klagenfurt/Celovec (1973-1997) und Obmann der Ulrichsberggemeinschaft im Interview mit der Kleinen Zeitung, 29.09.2000, S.18.
[36] Ebd.
[37] Geoffrey Hartman, Der längste Schatten. Erinnern und Vergessen nach dem Holocaust, Berlin 1999, S. 78.
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