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Lisa Rettl

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2003-12-20

Der Ulrichsberg ruft - I

Oder: Alles was recht(s) ist

Erstveröffentlichung:

Lisa Rettl, Der Ulrichsberg ruft. Oder: Alles was recht(s) ist, in: Peter Gstettner/ Grete Anzengruber/ Peter Malina (Hrsg.), Die Mühen der Erinnerung. Zeitgeschichtliche Aufklärung gegen den Gedächtnisschwund Bd.1 (=schulheft 105/2002), Wien 2002, S. 108-123.

In Kärnten prallen sehr unterschiedliche Gedenktraditionen mit gegensätzlichen gesellschaftspolitischen Zielen aufeinander, die wiederum in der politischen Wertschätzung des Landes an sehr unterschiedlichen Positionen rangieren: Während verschiedenste Opfergruppen noch immer um ihr Recht auf „öffentliche Erinnerung“ an das erfahrene Leid durch den NS-Terror kämpfen und sich damit gegen die gegenwärtige politische Forderung nach einem „endgültigem Schlussstrich“ wehren, werden ehemalige Soldaten der Wehrmacht und der SS, häufig mit viel Pomp und unter großem finanziellen Aufwand, auf Kriegerdenkmälern mehrheitlich zu Helden oder Märtyrern der Heimat stilisiert.

Zu den „prominentesten“ und aufwendigsten „Gedenkstätten“ dieser Art zählt der Ulrichsberg, dessen Ruf in rechten, nationalen Kreisen weit über die Kärntner Landesgrenzen hinaus geschätzt wird. Beinahe neidisch wurde etwa 1989 von einem Besucher der Gedenkfeier aus Deutschland lobend vermerkt: „Nirgendwo in Mitteleuropa wird der Gefallenen zweier Weltkriege so eindrucksvoll und feierlich gedacht, wie auf dem Ulrichsberg. [...] Was in Deutschland nicht stattfindet, hier geschieht es. Unter Regierungsbeteiligung, in Anwesenheit von jung und alt, wird derer gedacht, denen die Heimkehr versagt blieb. Der Ulrichsberg setzt ein Zeichen, damit die alten Begriffe nicht verloren gehen“[1] .

Damit ist exemplarisch nicht nur die überregionale Bedeutsamkeit der „Gedenkstätte“ angedeutet[2], sondern auch die programmatische Ausrichtung umrissen - die Erhaltung der „alten Begriffe“ bei integriertem Gefallenengedächtnis – oder umgekehrt.

Beide Elemente – das Totengedächtnis und das angeblich notwendige Konservieren der „alten Werte“ bedingen einander (nicht nur am Ulrichsberg) und sind – wie auch vom zitierten Besucher durch die parallele syntaktische Positionierung dargestellt, zu einer Einheit und permanenten Interaktion verschlungen: So geben die „alten Begriffe“ dem gewaltsamen soldatischen Sterben, das als großes Opfer fürs Vaterland im diskursiven Vordergrund steht, explizit einen Sinn und legitimieren implizit – ganz im Sinne des Sprichwortes „Der Zweck heiligt die Mittel“ - das damit untrennbar verbundene Töten, Morden und Vergewaltigen an und hinter der Front als nicht-erinnerte Kehrseite der glänzenden Medaille. Umgekehrt wird wiederum davon ausgegangen, dass der Tod der Soldaten die „Sache“ an sich rechtfertigen, ja sogar heiligen würde, denn die erbrachten Opfer – je nach Perspektive, Leben oder Jugend – könnten schließlich nicht umsonst gewesen sein.

Vor dem Hintergrund eines Kriegerdenkmales – oder wie am Ulrichsberg – eines ganzen Ensembles an Einzelgedenktafeln und Denkmälern – steht der Begriff des (mehr oder weniger heroischen) Opferns als aktiver Tätigkeit in krasser Opposition zur sonst gerne zitierten passiven Pflichterfüllung des kleinen Mannes, der nach dieser Auffassung ja niemals Subjekt, sondern immer nur Objekt der Politik bzw. Geschichte gewesen sei. Dieser Widerspruch findet in den Diskursen soldatischer Kriegsteilnehmer in der Regel keine Auflösung, vielmehr wird der Tod des (Wehrmachts) Soldaten[3] von realen Kriegserfahrungen und Kriegszielen abstrahiert, und - wie am Ulrichsberg – selbstbewusst, in unfassbaren Zynismus gegenüber den tatsächlichen Opfern herrenmenschlicher Verfolgungspolitik, zum heiligen Tod stilisiert, denn, so die Argumentation: „Alle Menschen müssen sterben – auch ohne Krieg. Aber es ist ein Unterschied, ob der Mensch an etwas oder für etwas stirbt. Der Tod derer, die für etwas sterben, erhält eine andere geistige Dimension. Sie gehen, wenn auch namenlos, in die Geschichte ein.“[4]

Das Eingehen-Wollen in die Geschichte – altbekanntes Desiderat männlicher Allmachts- und Unsterblichkeitsphantasmen – stellt für die Ulrichsberggemeinschaft[5] bzw. die UlrichsbergerInnen[6] ein besonderes „Problem“ dar, schließlich geht es darum, in einer ganz und gar unstolzen Geschichte Teil einer stolzen Geschichte zu sein. In diesem Sinne richten sich die revisionistischen Bemühungen am Ulrichsberg auf eine Neubewertung der Geschichte, die die vermeintlich „positive Rolle“ der deutschen Wehrmacht unter explizitem Einschluss verschiedener SS Einheiten bei gleichzeitiger Ausblendung des verbrecherischen Charakters des NS-Staates hervorkehrt. Nicht zuletzt zählt die Kameradschaft IV[7], eine Veteranenorganisation ehemaliger Angehöriger der Waffen SS, zu den Gründungsmitgliedern des Dachverbandes der Ulrichsberggemeinschaft, die, wie Norbert Rencher als Chronist der Ulrichsberggemeinschaft festhält, auf organisatorischem Level „wesentlich zur Erweiterung der Heimkehrer zur Europagedenkstätte Ulrichsberg beigetragen hat“[8]. In den damaligen Soldaten sieht Rencher – im Kontrast zur Pflichterfüllungsthese und die NS-Werte nun affimierend - die „damals jungen Idealisten“ und „Freiheitskämpfer“, die lediglich „dem Ruf zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus gemäß ihrer Grundeinstellung gefolgt“[9] wären.

Die Ulrichsberggemeinschaft, die im Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus als Vorfeld-, bzw. Umfeldorganisation des Rechtsextremismus qualifiziert wird[10], präsentiert sich – etwa in der Ulrichsbergdokumentation - in doppelter Weise: Als Heldin und Opfer. Einerseits als (vermeintliches) Opfer, da mit „einer unbeschreiblichen Perfidie und Außerachtlassung jedweder Toleranzbereitschaft [wird] die einmal vorgefasste Meinung als Dogma der Jetztzeit [Herv. im Orig.] förmlich zementiert“[11] wird und die deutlichen Friedensbezeugungen der ehemaligen Soldaten von den Vorausmarschierern der Nachkriegstruppe ins Lächerliche verzerrt würden[12]. Andererseits als „Heldin“ im Sinne einer, die „wahren“ und „echten“ Werte hochhaltenden, dem „Zeitgeist“ trotzenden (Volks) Gemeinschaft, die allen „Anfeindungen“ zum Trotz mutig und tapfer gegen Medienwelt und „einäugige Historiker“[13] kämpft und dabei noch einmal den „Geist wahrer und selbstloser Kameradschaft“[14], dem scheinbaren „Privileg“ der Krieger, durchlebt.

Fortsetzung: Samstag, 27. Dezember 2003

[1] Wolfgang Gast (Besucher der Ulrichsbergfeier im Jahr 1989), zit. nach Norbert Rencher, Ulrichsberg-Dokumentation Nr. 1, Klagenfurt 1999, S. 130.
[2] Tatsächlich gibt es bei den jährlichen Gedenkfeiern am jeweils ersten Sonntag im Oktober regen internationalen Zulauf, hauptsächlich aus Deutschland. Von einem regelrechten „Ulrichsbergtourismus“ zeugen u.a. auch die vielen Reisebusse am Parkplatz
[3] Grundsätzlich, d.h. in verschiedenen Festansprachen und auf einzelnen Gedenktafeln, wird nebenbei auch der Soldaten des ersten Weltkrieges und des Kärntner Abwehrkampfes gedacht. Insgesamt aber bezieht sich die Ansprachenrhetorik nahezu ausschließlich auf den 2. Weltkrieg, infolgedessen auf die Soldaten der Wehrmacht
[4] Ohne Autor, „Ihr Tod ist heilig“, in: Festschrift. 25 Jahre. Der Ulrichsberg ruft, hg. v. der Gesellschaft für die Heimkehrergedenkstätte Ulrichsberg, Klagenfurt 1984, o.S. Der Beitrag ist auch in Renchers Ulrichsbergdokumentation, S. 103, abgedruckt.
[5] Der offizielle Vereinsname lautet Verein für die Heimkehrergedenkstätte „Ulrichsberg“ und wurde 1958 gegründet.
[6] „Ulrichsberger“ bzw. „Ulrichsbergerinnen“ ist in erster Linie eine identitätsstiftende Eigenbezeichnung, die alle „eingefleischten“ BesucherInnen der Gedenkfeier einschließt. Zahlreiche Reden richten sich daher auch an die „liebe[n] Ulrichsbergerinnen und Ulrichsberger“ (u.a. vgl. Jörg Haider, Ulrichsbergrede, 02.10.2000) oder, häufiger, einfach an die „Ulrichsberger“ (u.a. vgl. Karl Semmelrock, Ulrichsbergrede, 07.10.2001).
[7] Im Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus wird die Kameradschaft IV als mitgliederstarke, Ortsgruppen und Landesverbände umfassende rechtsextreme Veteranenorganisation ehemaliger Mitglieder der Waffen SS beschrieben. Vgl. Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Wien 19932, S. 148.
[8] Norbert Rencher, Ulrichsbergdokumentation, S. 128.
[9] Ebd.
[10] Vgl. ebd, S. 239 und 250f.
[11] Norbert Rencher, Ulrichsbergdokumentation, S. 5.
[12] Vgl. ebd
[13] Ebd., S. 13.
[14] Ebd.
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