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2004-03-23

CORA

Seit einigen Wochen ist der Weg von der Haltestelle des Postautobusses hinauf zum Firnisserhof länger, obwohl Georg ahnt, daß er ihn jetzt schneller geht. Früher hat er den anderen - die Schultasche schulternd - noch irgendetwas zugeprahlt, dem Chauffeur ein betont erwachsenes "Pfiat di" hingerufen; die Bustür hat sich schnaufend hinter ihm geschlossen, und wenn er die hölzerne Brücke über die Ach betreten hat, ist ihm Cora schon entgegengesprungen gekommen. Sie hat ihm die Vorderpfoten auf die Schultern gelegt und ihm die Wangen abzulecken versucht, und dann ist Georg die enge, walddunkle Forststraße hinaufgestiegen, getänzelt, gehüpft, auf Coras Einfälle eingehend - oder sie auf die seinen - und für Cora ist der Weg nach Hause zum Firnisserhof gut fünfmal so lang gewesen wie für ihn, soviel galt es zu entdecken: die ersten Kuhschellen am Waldrand, ein abgestoßenes Rehgeweih, eine Schermaus, die auf Georgs Befehl nicht totgeschüttelt oder gar gefressen werden durfte, sondern zu entkommen hatte. Cora gehorchte, ihre Stirn in Treuherzigkeitsfalten gelegt, und spielte guter Hund, indem sie ein Bett von Walderdbeeren oder eine Batterie Pfifferlinge erspähte, und Georg zu der Fundstelle lotste, mit ihrer Schnauze in seine Kniekehlen stupste oder ihn - so sanft wie möglich - mit den Zähnen an der Hand nahm und mit sich zerrte.

Georg steht auf der Brücke und starrt in das eisblaue Gekräusel der Ach und hofft, es werde werden wie es war, doch weiß er Cora vor dem Herd dösend, weiß sie röcheln, dann und wann ein ersticktes Japsen von sich geben, weiß die Geschwülste an ihrem Bauch, die die alte Marthe mit einem der grausamsten Worte benannt hat, die Georg kennt. Er weiß Cora nicht mehr fressen, weiß sie nur noch stark gewässerte Milch vertragen, und er ahnt sich wieder allein werden, so allein wie noch früher als früher, als jeder Tag wie ein Jahr war, und jedes Jahr wie eine Ewigkeit. Georg ahnt sich so allein werden wie damals, als der Firnisserhof ein "Männerhof" zu sein begann, den ein melancholisch schweigsamer Vater und ein sich für alles zu klein wissender Sohn führten, unterstützt von der alten Marthe, die - so gut es ging - die Pflichten einer Bäuerin, einer Magd und einer Mutter in einem zu erfüllen trachtete.
"Das kriegen sie nur, wenn sie nie gedeckt worden sind," hat die alte Marthe gesagt, "eine Hündin, die Kinder gehabt hat, kriegt das nicht."
Marthes Worte haben Georg ins Herz geschnitten, und - um sich gegen den Schmerz dieser Worte zu schützen - hat er daran gedacht, daß die alte Marthe niemals Kinder gehabt hat und daher "das" kriegen müßte, doch dann ist ihm dieser Gedanke ungeheuer grausam vorgekommen und er hat sich - statt ihn weiterzudenken - lieber dem Schmerz ausgesetzt.

Bei der "Lieben Frau vom Achwald" hält Georg an, tut die Tulpe, die er im Rathauspark der Schulstadt gestohlen hat, in den himmelblauen Krug und betet wie damals: Heilige Muttergottes, nimm sie mir nicht weg, ich geb dir alles, was ich habe, und die liebe Frau vom Achwald blickt ihn aus hilflosen Augen an, wie damals, und scheint das Kind fester an die Brust zu drücken. Georg erwischt sich bei dem Gedanken, daß dieses Kind die liebe Frau vom Achwald davor bewahrt hat, "das" zu kriegen, was man angeblich nicht kriegt, wenn man Kinder hat. Und er denkt, daß seine eigene Mutter ihn dann für nichts und wieder nichts gekriegt hat, und denkt sich als Kind der lieben Frau und die liebe Frau als seine Mutter, und denkt, solche alles mit allem verknüpfenden Gedanken früher nicht gedacht zu haben: auch damals nicht, was ihm jetzt als Versäumnis erscheint. Überhaupt ist es zum ersten Mal, daß er ständig an ein Damals denkt, und damit an Versäumtes.

Damals ist er wohl sechs Jahre alt gewesen und demnächst in die Schule gekommen. Und mit Gottes Hilfe würde die Mutter dem Vater ein zweites Kind schenken, auf Barbara oder danach. Es ist eine Ewigkeit der guten Hoffnung gewesen, aber Barbara oder danach ist ausgeblieben. Da war ein Abend, an dem das Essen ungekocht blieb und das Tischgebet ungesprochen, und auf dem Firnisserhof hielt ein Auto, von dem Georg nur noch die rotierenden Lichtblitzschrauben in Erinnerung hat: ein Lichtgewitter, in dessen Zucken man durch das Stubenfenster hinausäugte, wobei man sich die Nase plattdrückte an der kalten Scheibe, und sich an der kalten Scheibe ein Gesicht aus Rotz und Wasser abbildete, ehe die alte Marthe kam und einen an der Hand hinter sich herzog, in den Stall hinüber, in dem erst kürzlich gekalbt worden war und das Leben folglich weiterging.

Es waren die Abende gewesen, an denen mehr gebetet als gegessen wurde, und an denen der Vater seine Pfeife nicht rauchte und die alte Marthe es nicht wagte, das Geschirr abzuräumen oder den Stubenboden aufzukehren. Und immer wieder das Gebet vor der hölzernen Klause der lieben Frau vom Achwald, die einen aus hilflosen Blauaugen anblickte und das Kind an ihre Brust drückte wie jetzt. Heilige Muttergottes, nimm sie mir nicht weg, ich geb dir alles, was ich habe.
Georg hatte das Beten nicht mehr richtig beherrscht, nur noch die Worte waren irgendwie von seinen Lippen gefallen, aber es hatte ihnen nichts mehr entsprochen in ihm. Erst jetzt hat er das Beten anscheinend wieder gelernt, es anfangs nur ausprobiert: das Gefühl zu den wohlbekannten Worten, die von den Lippen fallen, während die gefalteten Hände das Herz pochen spüren, das sich bei jedem Schlag an etwas wundreibt.

Es war ein Morgen gewesen, an dem der Vater nicht aus dem Stall kam, nicht an der Stubentür die Überschuhe abstreifte, sich nicht die Hände wusch und sich nicht am Tisch niederließ, um seine Milchsuppe zu löffeln. Und der Vater sagte nicht zu einem, daß man schon bald um diese Tageszeit zur Schule würde aufgebrochen sein und daß schon bald ein Geschwister in der Wiege liegen würde, die man nebenan in Vaters und Mutters Kammer wußte. An jenem Morgen häkelte die alte Marthe nicht an den Strümpfen für das Geschwister und besserte nicht das Tauftuch aus, sondern sie beugte sich über Georg, nahm seinen Kopf in ihre großen, nach Milch und Zwiebeln riechenden Hände, preßte den Kopf an ihren Schürzenbauch und schluchzte etwas von beide beim Herrgott im Himmel und von einem armen, armen Kindel, das keine Mutter mehr habe.

Und es war der lange Zug zum Friedhof hinüber, und das leise schwankende Kreuz, das der Herr Pfarrer vorantrug, und von dem unser Heiland müde herablugte. Und es waren zwei Schaufeln voll Erde, die man in eine Grube schüttete, wobei einem die alte Marthe die Hand führte. Und es war der riesige graue Stein mit einem Dutzend verwitterter und mit zwei frisch in leuchtender Goldschrift prangender Namen.
("Eine Nottauf", sagte die alte Marthe, "damit das arme Kindel zum Herrgott darf und einen Namen hat, an den man sich erinnern kann.").
Und es war der Sonntagabend, an dem der Vater mit einem winselnden Wollknäuel in den Armen die Stube betrat, und man in den Knäuel griff und etwas Warmes und Feuchtes spürte, das irgendwie an Tränen erinnerte, und der Vater sagte, daß der Knäuel Cora heiße, und zur alten Marthe: "Daß er sich ein bissel tröstet, der Bub."
"Das kriegen sie nur, wenn sie nie gedeckt worden sind. Eine Hündin, die Kinder gehabt hat, kriegt das nicht."
Georg will trotzig aufbegehren gegen diesen Schuldspruch, doch ist hier nicht der Ort für Trotz und Zorn. Georg verabschiedet sich mit dem großen Kreuzzeichen von der lieben Frau in ihrer Holzklause und setzt seinen länger und kürzer gewordenen Weg zum Firnisserhof fort. Der größte Teil des Weges liegt noch vor ihm, aber er denkt nur an den Weg, der hinter ihm liegt und der unendlich lang scheint.

Wie Georg den Fuchsbauerhans gefragt hat, ob die Kinder so kämen wie die Kälber und die Kaninchen, und der Fuchsbauerhans geantwortet hat, ja schon, aber der Vater ist oben und die Mutter unten, und Georg wieder an die Grube gedacht hat, in die zwei Schaufeln Erde geschüttet worden sind. Wie Georg in der Schule vom Lunzer Leonhard erfahren hat, daß du etwas hineintun mußt, damit etwas herauskommt wie bei den Kühen und den Kaninchen, und wie er gedacht hat, daß auch der Vater etwas hineingetan hat, aber nichts herausgekommen ist, das gelebt hätte. Wie Georg und der Vater einen Männerhof geführt haben, mit nur der alten Marthe als Hilfe, und die alte Marthe immer gesagt hat, daß Georg der Erbe ist und der Bauer wird und gut obacht geben muß, damit er alles dazu Notwendige lernt: das Melken, das Buttern, das Hühnerstechen, das Kaninchenausnehmen. Und wie Georg sich ein bissel getröstet hat, wenn Cora - zuerst als verspielter Wollknäuel, später als ein Trumm Rottweilermischling - immer um ihn gewesen ist und er mit ihr die Geheimnisse des Achwaldes entdeckt hat, wenn nicht gerade gemolken, gebuttert, ausgenommen oder in die Schule gegangen werden mußte.

Georg bleibt beim Steinerwirt stehen und wird vom alten Nero verbellt, der einer der Kandidaten war, die etwas hineintun sollten, als Cora läufig gewesen ist. "Soll die Cora doch ein paar Kinder haben, zu ihrer Freud und zu unserer", sagte der Vater, und da schüttelte Georg den Kopf und schloß die Augen, und der Vater verstummte und sog an der Pfeife: ein feuchtes Röcheln, an dem man hörte, daß es nichts zu sagen gab.
Nicht der alte Nero und nicht der gelbe Köter vom Fuchsbauern und auch nicht der Schäfer des Lehrers. Georg wollte es nicht, wollte nicht, daß in Cora etwas hineingetan wurde wie bei den Kühen und bei den Kaninchen. Da konnte seine Phantasie grausam werden. Als der Vater - ein Schweiger sonst - wieder einmal davon sprach, die Cora solle ein paar Kinder haben zu ihrer und zu unserer Freud, da schüttelte Georg nicht bloß den Kopf, sondern schrie: "Ich ersäuf sie im Teich!" Und danach tat ihm dies so leid, daß er heulen mußte, weil der Vater so große, erschrockene Augen machte, so verletzte, himmelblau-hilflose Augen wie die liebe Frau vom Achwald.
"Das kriegen sie, wenn sie nie gedeckt werden. Eine Hündin, die Kinder gehabt hat, kriegt das nicht."
Georg erwartet Cora am Herdfeuer dösen, erwartet ihre Geschwüre am Bauch hervorquellen, erwartet sie bei seinem Eintreten mühsam den Kopf anheben und ein Stummelschwanzwedeln versuchen, und erschöpft aufjapsen von der Anstrengung. Doch als Georg die Stube betritt, ist nur die alte Marthe da, die sich an den Töpfen zu schaffen macht. Ein freudiges Erschrecken durchzuckt Georg, wie nach einem bösen Traum, aus dem man eben erwacht.
"Die Cora ist in den Keller gegangen."
Die alte Marthe sagt es nicht so, als ob es ein freudiges Erschrecken rechtfertigen würde.
"Und der Bauer?"
"Der ist zum Jägerlois."
Georg wirft den Schulranzen auf die Stubenbank und läuft aus dem Haus und rennt die Kellerstiege hinunter und rammt die Tür aus dem Rahmen, und da gewahrt er im Licht einer Petroleumlampe den Vater. Der Vater kniet auf dem Kellerboden wie zu einem Gebet, doch halten seine Hände keinen Rosenkranz und sie halten nicht einander, sondern halten die alte Wehrmachtspistole des Jägerlois, die immer dann irgendwo an einem der zwölf Gehöfte auftaucht, wenn es gilt, ein Leiden zu verkürzen.
Der Vater bewegt sich nicht, nur seine Hände zittern ganz leicht.
"Geh hinauf, Georg."
Es kniet der Vater auf dem Kellerboden, und die Pistole des Jägerlois scheint ins Wackeln und ins Schwanken zu geraten.
"Geh hinauf, Georg."
Nun klingt es halb wie eine Frage. Georg kniet neben dem Vater nieder, schließt die Augen und öffnet sie wieder, und sieht mit offenen Augen, was die geschlossenen vorausgesehen haben: einen dunklen Packen Schmerz in flackerndem Licht, aus dem zwei glänzende, flehende Augen lugen.
"Geh hinauf, Georg."
Die Stimme des Vaters bricht, seine Hände zittern, und Georg hält die beiden Hände, scheu zuerst, dann kräftiger, hält sie so lange, bis das Zittern verebbt ist, und schließt die Augen und drückt die Hände und läßt sie los, als er den Vater begreifen fühlt.
Der Schuß kracht, die Waffe schlägt dumpf auf dem Boden auf, und Georg hört sich sagen:
"Ich hätt es auch getan, Vater."
Dann spürt er seinen Kopf an der Brust des Vaters, und spürt die Hände des Vaters an seinen Schläfen, und hört das Herz des Vaters schlagen, und ahnt die Schläge des eigenen Herzens, das den gleichen Rhythmus hat wie das des Vaters.

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