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Gösta Maier

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2004-02-18

Reise nach Abbazia - Teil I

Über den Bergen glänzt manchmal die Hoffnung. Doch wo sind die Berge, die Sterne? Dort, im nebelfernen Süden, hinter der Rax, hinter dem Schneeberg und dem Gebirgsland.

Dort sind Menschen, sie jodeln und melken und stampfen auf beim Tanzen, und stoßen Jauchzer aus mit todernstem Gesicht.

Sie haben Seen dort. Und ihre Gräber sind dünn. Zum Meer ziehen ihre Flüsse, wie unser Fluß. Doch ihre Augen sind kurz. Sie kennen die Weite nicht. Nur die Höhe, die sie einklemmt und verklemmt. Ihre Seelen sind begrenzt. In schmale Täler gepfercht. Wie blasse, dünne Schößlinge, mit Albinoseelen, weißsüchtigen, wachsen sie Gott entgegen. Die Männer müssen stramm tun, sind aber, ehe sie dem Suff verfallen, schon lebensmatt und ausgelaicht. Die Männer sind alle schon verbraucht von der Zeugung her. Aale sterben danach und Lachse auch.
Zeugungen sind Todeszeichen, Endpunkte.

Steigen hinauf auf die Gipfel der Berge. Nennen sich Bergsteiger. Versteigen sich. Verfertigen Gipfelkreuze und trinken Enzianschnaps dazu. Pressen die letzten Samen aus, in den jodelnden Sennerinnen. Gibt keine Sünd auf der Alm, ist kein Feigenblatt vonnöten.

Ihr Lachen ist hölzern und traurig. Ihre Liebe ist kurz, und wird von den Bergen und Felsen erdrückt: Wird auf steinigen Wegen aufgerieben.

Die Nahrung ist karg, die Arbeit schwer, das Leben kurz, die Mühe groß, die Trauer still. Ein Kind ist ein Mensch, ein Mensch nichts. Er wird vergessen, gesegnet und eingesegnet, versehen vorerst und vergessen. König Ottokar ist in habsburgischen Bergseen ertrunken. Traurige, stille Wasser in den Alpen.

Die Berge sind gut für die Lunge, aber schlecht für das Gemüt. Zwar singen sie, daß sie gern in den Bergen sind und sich da das Gemüt gefreut, aber letztlich zieht, wer nur irgendwie kann, ins Tal, in die Städte, in den Süden, Denn um in den Bergen zu bleiben, muß man aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein. Oder Herrgottschnitzer selber womöglich

In den Bergen wachsen den Menschen Kröpfe an den Hälsen, und die Augen quellen ihnen über die Wangen heraus. Ist nicht wie in den transylvanischen Wäldern, wo zwar die Wölfe heulen, die Menschen sich aber vom Aberglauben und vom Glauben zugleich ernähren, und recht guter Dinge sind, während sie inmitten gräßlichster Ereignisse leben. Wie das Totenschmatzen eines sein soll. Während man sich klarer Stirne und offenen Blickes in den Alpen nur am Totenschmauße erfreut.

Da hinten aber, wo Mürzzuschlag ist, Knotenpunkt an der Bahn Wien -Triest, Zuschlag also und noch weiter hinten, wo nur kleine Spalten zwischen den schwindelhohen Felsmassiven der Dolomitalpen zum Meere führen, da hinten kann einer nur leben, der mit dem Teufel im Bunde ist, der die Absolution Satans zugleich hat mit der Gnade Gottes, und die ständige Oberaufsicht der vierzehn Nothelfer extra noch. Da hinten können also nur Wilderer leben, bis sie vom Förster selber oder dem Jagdgehilfen erschossen werden. Dann werden die herzliebsten Mägdelein der toten Wilderer früh um Vier beim Brombeerpflücken von den Förstern und den Forstadjunkten vergewaltigt, gepackt, nennen es die Waidmänner. Und nicht einmal der Mond schaut zu.
Da überall also muß man durch, um nach Miramar zu kommen, wieder in die Zivilisation, nach der großen, mächtigen Stadt Triest. Dem Tore zur Welt.

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