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Gösta Maier

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2003-12-30

JEKATERINA

I

ch habe eine einsame, alte Frau gekannt. Es war meine Großmutter. Eine hagere, kleine Großmutter mit langen, vom Korpus baumelnden Armen und undeutlichen Äugen. Verwässert oder verkümmert und verlebt, das war sie vor Jahren. Von ihr ist nicht viel vorhanden. Nur ein Bild, ein Sohn, eine Tochter, ein Enkel, spärliche Erinnerungen, einige abgenützte Sachen unterm Gerümpel, vielleicht noch ein Skelett. Das Bild habe ich. Es wurde in ihren letzten Lebensjahren gemacht. Sie steht vor einer öden, kahlen Mauer, irgendwo in der Ecke eines Hofes, vielleicht in derselben Ecke, in welcher ich als Vierjähriger aus Sand und Wasser und Schmutz Häuser baute. Die schönsten Häuser. Dort steht sie mit leerem Blick, ausgehungert und abgewrackt, behangen von einen schwarzen Kleid, wie es alte Weiber trugen.

Nur Augenblicke oder Bruchteile davon widmete ich in den vielen vergangenen Jahren diesem Bilde, wenn es mir beim Kramen in die Hände kam. Am liebsten hätte ich es weggeworfen, so unbehaglich war mir der trostlose Anblick. Aber das Unbegreifliche unterdrückte diesen Gedanken schon im Entstehen. Unbegreiflich, unerklärlich und namenlos war für mich diese alte Frau in den Jahren meines Stolzes. Gerne hätte ich die Dürftigkeit ihres Menschenlebens eingegrenzt in die Geometrie der Vernunft und abgezirkelt vom Gewissen. Gerne hätte ich ein Zeichen gesetzt, welches mir die verklärten, traurigen alten Zeiten ohne Bitternis heraufbeschwören sollte. Ich fand aber keines. Was sich mir aufdrängte, war eine namenlose, alte Frau, die ihr einziges Enkelkind geliebt hat, noch als nur mehr drei Zähne in ihrem Kiefer waren und die Krankheit bereits ein warmes Nest gefunden hatte in ihren Eingeweiden.

Was aber hat sie namenlos gemacht für mich, den durch sie geborenen? Ich war stolz und wollte vornehm sein, ich wollte ein großer und eleganter Mann werden und weder ein uneheliches Kind sein, daß bei seiner armen Großmutter aufwuchs, noch eine Familie haben, in der jeder ein durchschnittliches Gesicht, lächerliche Neigungen und, wie mir schien, nicht allzuviel Verstand hatte. Die meisten dieser Makel sind tot. Mit ihren Gesichtern, die mir nicht gefielen und mit der wenigen Weisheit, mit dem kindischen Lächeln über alltägliche Dinge sind sie weggestorben von der großen Welt, unbeachtet, und kein Verlust für die Fabriken, in denen sie arbeiteten. Vielleicht, daß der Onkel die Tante ein wenig traurig machte durch seinen Tod, oder die Tante durch den ihren den Schwager, der nun ganz verlassen war. Vielleicht, daß der Abgang des einen oder anderen ein wenig Durcheinander in die Tage brachte.

Großmutters Abgang hat uns, die wir auseinandergerissen noch übrig waren von der großen Familie, nicht einmal dieses kleine, beängstigende Durcheinander bereitet. Sie hat es so gewollt. Es war eine Geste der Liebe. Ebenso wie ihr Testament. Ihre wenigen Sachen, die blaue Kaffeeschale, den abgeschabten, verzierten Silberlöffel, hat sie mir vermacht. Darunter auch das Bild. Vielleicht hatte ein verschollener Neffe oder dessen Freund, oder der Sohn des Hausbesorgers - ich denke aber eher der junge Sohn eines Beamten aus dem dritten Stock des Nebenhauses jene Idee, die Großmutter in eine Ecke zu stellen und ihr überflüssigerweise zu sagen, sie solle ruhig halten. Vielleicht wollte sie gar nicht und hat abgewehrt. Da sagte der Bursche, das Bild sei für mich, ihren Enkel. Daraufhin blieb sie stehen, wie sie war und sagte im Gedanken:

Siehe, ich warte auf dich. Ich bin niemand mehr, für niemand mehr, sie geben mir keine Arbeit mehr, weil ich ihnen leid tue. Ich habe immer Schmerzen. Ich höre in mich hinein, ich taste meine Schmerzen ab. In mir wuchert es. Ich bin immer sehr müde. Ich bin zu müde, hier zu stehen, ich würde so gerne sitzen - aber du kennst mich ja nicht mehr. Nein, ich kannte sie nicht mehr. So wie sie in der Ecke, weitab vom einstigen Glanze stand, war sie das Unmögliche. Die Person auf dem Bilde war nicht jene Frau, die mich an der Hand führte und hundertmal mit Kirschen fütterte. Im Gegenteil, ohne Vertrautheit war sie und namenlos für die Söhne und Töchter und Enkel in der Welt, das Ende des Lebens, wie wir es nicht sehen mögen : Ausgehungert, abgewrackt, deformiert, glanzlos.

Sie hat aus ihrem Leben nichts gemacht. Man sagt, sie wäre einst eine sehr schöne Frau gewesen. Das weiß ich nicht. Ich weiß, daß sie eine große Warze an der Wange hatte, ich weiß, daß sie Essen gekocht hat immer wieder, und ich erinnere mich sehr gut, wie oft ich sie im Nebel einer Waschküche gesucht habe. Ich weiß, daß sie fast keinen Morgen, wenn ich erwachte, da war und manchmal ging ich nach dem Aufstehen in irgendein Haus, wo sie - wenn es auch immer wieder andere Häuser waren - immer wieder das gleiche tat : Sie kniete irgendwo im Stiegenhaus auf den steinernen Stufen , neben sich Eimer und Reibtuch und bürstete. Wenn ich kam, griff sie in die Tasche ihres weiten Rockes und gab mir eine Semmel. Dann ging ich wieder.

Ich glaube, sie arbeitete sehr gründlich. Andere wischten nur mit dem feuchten Tuch über die Stufen, sie aber bürstete jede einzelne sorgfältig bis in die Ecken. Wahrscheinlich war sie ehrgeizig. Nun, sie hat jetzt ein schönes Grab mit den anderen. Ein Familiengrab. Aber mir scheint, damit ist die Sache nicht endgültig erledigt, den ich habe den Eindruck, die Welt sei ihr etwas schuldig geblieben. Ich habe nämlich das Gefühl, sie hätte in ihrem Leben nicht genügend Musik gehört. Vielleicht hätte es schon genügt, wenn ich ihr manchmal ein Lied gesungen hätte - vielleicht hätte ich ihr darin einen Namen geben sollen, den ich jetzt wohl für sie habe. Doch wie tief in die Erde dringen die Lieder der Menschen? Ich glaube, sie erreichen kaum die Wurzeln der Gräser. Ein wenig Traurigkeit ist übrig geblieben in mir, wie das einsame Gold eines Apfels, der gereift ist, nachdem der Baum schon alle seine Blätter zerstreut hat in die Stürme des Herbstes.

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Elisabeth Faller, 2003-12-30, Nr. 868

Lieber Gösta,
was für ein wunderbar poetisches Bild
von Deiner Großmutter, in diesem Bild
finde ich Dich wieder, Deinen Tonfall,
Dein Bild, als hättest Du sie in Dir selbst
"abgebildet", und aus diesem Abbild
in Worte geformt. Die Gestalt rührt mich,
berührt mich und Deine Erinnerung an
Sie. Mir kommt vor, sie war Dir so nahe
gewesen, "eingebildet", was uns am Nächsten
ist, vermögen wir kaum zu beschreiben.
So ist sie nun aus Dir herausgetreten
und ich sehe sie, wie sie dasteht, auf
dem Bild und vor Dir, auch vor mir, die
ich Dir nahe stehe.
Ich danke Dir für diesen Text !
Elisabeth

Mojca Gregorič, 2003-12-30, Nr. 869

Leber Goesta,

das Hoffnung bleibt doch, immer ...
Sehr raffiniert.

In der Hoffnung leben in 2004,


deine Waage, Portorož

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