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Ludwig Roman Fleischer

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2021-12-23

O TANNENBAUM

Wie mit so vielen Dorfschenken ging es auch mit unserem eigenen Wirtshaus, dem Waldschrat, bergab. Gott sei Dank haben wir noch den Wald, sagten meine Eltern.
Dazu hatten wir auch noch ein leicht zum Pramberg hin ansteigendes Grundstück, das ungenutzt war, sieht man von einigen kleinen und ziemlich verkrüppelten Apfelbäumchen ab. Besenbäume habe ich sie als Kind genannt. Sie lieferten vielleicht zwanzig Kilo Äpfel pro Saison. Mutter verwendete die kleinen sauren Früchte für ihren Bratapfelkuchen. Der wurde in unserem Wirtshaus angeboten, zum größten Teil, freilich in der Tiefkühltruhe gehortet und bei Gelegenheit verschenkt.
Das Wirtshaus Zum Waldschrat hatte also bessere Zeiten gesehen. Die spärliche Dorfjugend traf sich lieber in Adam´s and Eve´s Disco im vier Kilometer entfernten westlichen Nachbarort, oder sie segelten daheim durchs Internet. Ich selber saß meist an den Büchern, wollte ich doch die Matura in der Kreisstadt schaffen, danach an der Uni studieren, um nur ja nicht den Rest meines Lebens in diesem Dorf fristen zu müssen. Die Alten sahen sich lieber im Fernsehen einen Tatort oder den Musikantenstadel an. Fernsehen und Internet haben auch das Kino im östlichen Nachbarort umgebracht; schließlich ist Adam´s and Eve´s Disco wegen des Corona-Lockdowns eingegangen. Die Dorfjugend besäuft sich jetzt auf Garagenpartys und wischt per Smartphone durch die social media. Die meisten wandern in die Stadt aus, wie seinerzeit ich.
Mit dem Waldschrat ließ sich nichts mehr verdienen. Die Eltern haben das Wirtshaus aus Liebhaberei und Gewohnheit weiterbetrieben. Aber da war eben noch der Wald. Einen Hektar Fichtengehölz hatte der Vater vom Großvater geerbt. Das ist zwar kein Goldschatz, aber wer sorgfältig auf den Gesundheitszustand seiner Bäume achtete, kranke abholzte und sein Waldstück regelmäßig wieder aufforstete, konnte damals mit dem Verkauf von Fichtenholz ganz gut verdienen. Neben seiner Motorsäge und einem halben Dutzend Äxte besaß Vater einen Holzkran und einen klapprigen Traktor samt Anhänger. Größere Mengen von Stämmen mussten freilich von einem LKW abtransportiert werden. Jedenfalls brachte der Wald ein schönes Zubrot ein, wie Vater das nannte. Allerdings hat er mich immer ermahnt, brav zu lernen:
Damit du dich nicht genauso abrackern musst wie die Mutter und ich.
Das habe ich gerne beherzigt. Mich interessierte weder das muffige Wirtshaus noch die Forstwirtschaft. Kinder sind Egoisten und wer sein Leben lang ein egoistisches Kind bleibt, passt besser in die Stadt als aufs Land.
Ab den Neunzigern war immer öfter von der Klimakrise die Rede: Wegen der Luftverschmutzung durch sogenannte Treibhausgase würde es immer heißer werden, ein Artensterben stünde bevor, letztlich würden die Polkappen abschmelzen, die Meeresspiegel um mehrere Meter steigen und weite Landflächen überschwemmen. Tatsächlich wurden die Sommer von Jahr zu Jahr heißer und trockener, die Winter merklich milder. In unseren Bergen wäre der Schitourismus ohne Kunstschnee nicht mehr möglich gewesen. Übrigens spucken die Schneekanonen gar keinen Schnee aus, sondern gefrorene Tröpfchen, die Reiskörnern ähneln und sich beim Pistenpräparieren gut zusammenpressen lassen. Sie sind viel haltbarer als Schneekristalle. Dem weißen Brei aus Natur- und Kanonenschnee mangelt es an der Fähigkeit zur Wärmeisolation, der Luftaustausch zwischen Boden und Atmosphäre funktioniert nicht und es gehen massenweise Pflanzen und Bodentiere zugrunde. Freilich, der Wintertourismus ist ohne Kunstschnee längst nicht mehr denkbar.
Im Millenniumsjahr habe ich maturiert. Nach dem Zivildienst bei den Johannitern bin ich in die Stadt übersiedelt. In jenem Sommer fiel der Borkenkäfer – Ips Typographicus – erstmals über Vaters Fichten her. Dieses Rüsselvieh – auch Buchdrucker genannt – liebt extrem heiße und trockene Sommer. Es brütet zwischen Holzkörper und Rinde und vernichtet das Wachstumsgewebe des jeweiligen Baums. Jedes der Abermillionen Käferweibchen legt pro Sommer bis zu hundert Eier. Das Holz an sich bleibt dabei verschont und man merkt der Fichte zunächst nichts an. Wenn dann aber die Traubenzuckerversorgung aus den Kronen unterbrochen ist und die Wurzeln darum kaum noch Wasser und Nährstoffe aufnehmen können, beginnen die Nadeln abzufallen und die Fichte ist dem Tod geweiht.
Tonnenweise musste Vater minderwertiges Holz zu einem Spottpreis verkaufen. Im Fernsehen wurde eine Dokumentation über Forstschädlinge und –schäden gezeigt. Wenn es so weiterginge mit der Klimaerwärmung, hieß es, werde die Fichte auf die Dauer nicht überleben. Die Tanne hingegen sei – weil weniger an klimatische Bedingungen angepasst – bedeutend robuster. Wenn schon Monokultur, dann Tanne.
Na soll ich jetzt vielleicht meine Fichten Baum für Baum gegen Tannen austauschen? fragte Vater. Tannen, na ja, sinnierte Mutter,
Tannen sind also robuster. Hätte ich nicht gedacht.
Tanna, sagte ich, ein wenig Gymnasiastenwissen wichtigtuerisch weitergebend, Tanna hieß im Althochdeutschen der Wald schlechthin. Siegfried im deutschen Tann und so.
Heute weiß ich, dass Tannen keine Harzgänge und keine Harzgallen haben; das macht sie widerstandsfähiger gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer. Schwerer und wetterbeständiger als Fichten sind sie auch; ihr Holz ist besser zum Bauen geeignet und hat einen höheren Heizwert. Nach dem nächsten Rekordhitze-Sommer beschloss meine Mutter, auf unserem Besenbaum-Brachland Christbäume zu züchten. Wenn ich gerade auf Besuch im Dorf war, half ich ein wenig mit. Die verkrüppelten Apfelbäume hatten wir abgeschnitten und das Grundstück mit einer Kohorte dreijähriger Tännchen bepflanzt.
Nun hieß es warten. Acht Jahre lang, in denen das Wirtshaus Zum Waldschrat zur Gelegenheitsschenke für Landarbeiter und ein paar versprengte Touristen verkam. Vaters Fichtenwald schien sich zuerst zu erholen: Es gab zwei Jahre, in denen der Ertrag gar nicht so übel war. In der folgenden Saison schlug der Borkenkäfer aber gnadenlos zu. Fast der halbe Wald musste geschlägert werden. Wenigstens verdiente Mutter erstmals ein bisschen was mit ihren Christbäumen. Bis jetzt hatte sie das Tannenzüchten eine Menge Geld gekostet: für zwei- bis dreimal pro Jahr notwendige Boden- und Nadelanalysen etwa. Das war eine ziemlich teure Angelegenheit gewesen. Ab dem fünften Jahr hat Mutter das selber gemacht, auch einige unansehnliche Bäumchen ausgerissen und dafür neue gepflanzt.
Der Boden war für Tannen sichtlich gut geeignet. Das Geschäft ging von Jahr zu Jahr besser. Mutter hatte es verstanden, sich ein Netzwerk von Stammkunden zu schaffen. Unsere Christbäume standen in einem guten Ruf. Schön gewachsen waren sie, und auch nach Wochen in der geheizten Stube nadelten sie nicht ab. Man konnte sie ohne Weiteres bis Lichtmess aufgestellt lassen.
Freilich werden irgendwann auch die Tannen den Klimawandel nicht mehr aushalten, sagte Mutter, aber das erleb ich gottseidank nicht mehr.
Mit Vaters Fichtenwald ging es nun rasant bergab. Der sechszahnige Fichtenborkenkäfer fühlte sich bei der sommerlichen Hitze und Trockenheit wie Gott in Frankreich.
Vor drei Jahren hat Vater aufgegeben und den Rest seines Waldes um einen Spottpreis verkauft.
Zum Glück haben wir noch das Wirtshaus, sagte er, und Gott sei Dank stehst du auf eigenen Füßen, Bub.
Ja, das tat ich. Ich hatte mein Studium abgeschlossen und war Lehrer in der Landeshauptstadt geworden. Wenn ich ins Dorf kam und in unserem Wirtshaus saß, fühlte ich mich wie ein notorischer Zechpreller.
Das Wirtshaus haben meine Eltern mittlerweile verkauft. Zu einem halbwegs fairen Preis an einen Holländer, der den Waldschrat in ein Haute-Cuisine-Restaurant verwandeln will. Meine Eltern wohnen jetzt in einer alten Kleinhäuslerkeusche und leben von ihrer bescheidenen Rente. Wenigstens verdient Mutter mit ihrer Christbaumzucht was dazu. Freilich kaufen immer mehr Leute ihren Weihnachtsbaum im Supermarkt oder im Bauhaus. Dort kostet er die Hälfte. Bis Lichtmess würde er garantiert nicht durchhalten, aber heutzutage räumt man seinen Christbaum ohnedies schon nach Dreikönig ab.
Weiter blasen wir Abgase und Stickoxyde in die Luft. Wir fahren unnötig viel mit dem Auto herum und es gibt immer mehr von diesen Sports Utility Vehicles, die besonders viel Gift in die Luft blasen. Wir asphaltieren fruchtbares Land und bauen Autobahnen, Einkaufszentren und Parkplätze. Wir fliegen nach Übersee, sogar in so grauenhafte Gegenden wie Dubai oder Katar, wir lieben Luxuskreuzfahrten auf Riesenschiffen, die das Meer verpesten, wir vergiften Speisefische mit Plastikabfall, wir sind drauf und dran, die für ein gesundes Meer lebenswichtigen Haie auszurotten, damit wir uns im Urlaub nicht vor ihnen fürchten müssen und Haifischflossensuppe fressen können. Wir verblasen hochgiftige Insektizide, massakrieren Bienen, Hummeln und Singvögel. Wir verschwenden Unmengen Wasser und zerstören Regenwälder, um mehr Billigfleisch, palmölgetränkten Weizenmatsch, Kartoffelchips und anderes Dreckszeug in uns hineinstopfen zu können. Wahrscheinlich sind wir gemeingefährliche Irre, die ihren Nachkommen eine ruinierte Erde vererben und letztlich ihrer eigenen Art zum Aussterben verhelfen werden.
Gut, dass wir das nicht mehr erleben, sagt Mutter, und ich muss ihr beipflichten.
Immerhin tu ich nichts Böses, wenn ich Tannen züchte, sagt sie auch und wieder hat sie recht. Tannen sind robust. Es wird sie noch lange geben. Schade, dass man eine Tanne schon im zarten Kindesalter umbringen muss, wenn man Christbäume verkaufen will.

Mit freudlicher Genehmigung des Autors

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