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2014-05-13

Perspektivenwechsel in der Kärntner Erinnerungskultur

Bis in die Anfänge der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es in Kärnten keinen ernsthaften öffentlichen Diskurs über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, in die viele unserer Mütter und Väter schuldhaft verstrickt waren.
Das Schweigen der Kriegsgeneration war lange Zeit auch unser Schweigen, und das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus war über Jahrzehnte hinweg von verschiedensten Tabus begleitet, die auch heute noch nicht ganz überwunden sind. Für die Nachkommen war und ist es offensichtlich schwierig, die aktive Teilhabe der Väter und Mütter am NS-Terror zu akzeptieren, diese (Mit)Schuld und Verantwortung anzuerkennen, darüber zu sprechen und öffentlich einzugestehen.
Mit der zeitlichen Distanz zum historischen Geschehen, dem damit einhergehenden Generationenwechsel und den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen hat sich jedoch mittlerweile ein Perspektivenwechsel ergeben, sodass ein kritisches und auch selbstreflexives Hinschauen heute leichter möglich ist. Dies ist zu begrüßen, denn das von der Nachkriegsgesellschaft gepflegte Schweigen, Zudecken und Vergessen bietet keine Hilfe, um mit der Geschichte, die eben auch unsere eigene ist, ins Reine zu kommen.

Spurensuche in Kärnten – grabe wo du stehst

Erst in den letzten zwanzig Jahren entstanden in Kärnten außerhalb der traditionellen Opferverbände Erinnerungsinitiativen, die auf Basis zivilgesellschaftlichen Engagements die Opfer des Nationalsozialismus ins Zentrum zu stellen begannen.
Seit der Jahrtausendwende zeichnete sich – trotz gegenläufiger gesamtpolitischer Trends – ein überaus erfreulicher Paradigmenwechsel in der Kärntner Erinnerungskultur ab. Praktisch im ganzen Land entstanden zivilgesellschaftlich getragene Initiativen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise auf Spurensuche begaben und die nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Region zu erforschen begannen. Um das zu untermauern sei ein kleiner Überblick über diese bemerkenswerten Entwicklungen erlaubt – nicht zuletzt deswegen, weil sich diese trotz des vielfach starken politischen Gegenwinds und dank beharrlicher, langjähriger und meist ehrenamtlicher Arbeit behauptet haben und heute aus dem kulturellen Leben Kärntens nicht mehr wegzudenken sind.
So konstituierte sich im Jahre 1995 unter der Ägide des Klagenfurter Universitätsprofessors Peter Gstettner die Gedenkinitiative Loiblpass Nord zur Erinnerung an das im Herbst 1943 errichtete Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Fünfzig Jahre nach Kriegsende kam es erstmals zu einer von Österreichern besuchten Gedenkfeier in Erinnerung an dieses Kärntner Konzentrationslager. Seither finden jedes Jahr Gedenkfeiern in Erinnerung an die KZ-Häftlinge statt, welche bei den Bauarbeiten des Loibltunnels zum Einsatz gekommen waren und um ihr Leben gebracht wurden – sei es hier, oder in Mauthausen, wohin sie bei Krankheit oder Schwäche nach Selektionen durch den Klagenfurter Lagerarzt Sigbert Ramsauer zur Ermordung rücktransportiert wurden.
1995 nahm auch die Gedenkinitiative Erinnern-Villach ihre Arbeit auf. Vier Jahre später wurde in der Widmanngasse das Denkmal der Namen errichtet, das an die Villacher Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert. Seither finden auch hier alljährlich Gedenkveranstaltungen statt. Außerdem organisiert derselbe Verein seit 1996 in Zusammenarbeit mit Schulen und Kirchen alljährlich eine Gedenkfeier in Erinnerung an das Novemberpogrom 1938.
1998 veröffentlichte der Verein Alpen-Adria-Alternativ gemeinsam mit dem Verein Erinnern-Villach in Zusammenarbeit mit der Historikerin und Autorin Andrea Lauritsch die Broschüre Wo ist dein Bruder? – Novemberpogrom1938. Drei Jahre später erschien das Buch Nationalsozialismus in Villach, herausgegeben vom Verein Erinnern-Villach. Beide Publikationen entfachten in Villach einen öffentlichen Diskurs.
Auch im Auftrag der Stadt Villach und der Stadt Wolfsberg gab es bemerkenswerte Ausstellungen und Publikationen, die sich nachhaltig auf die gesamte Kärntner Erinnerungskultur auswirkten. Ich erwähne in diesem Zusammenhang die im Jahre 2000 von der Stadt Wolfsberg erschienene Broschüre Die Juden von Wolfsberg – Nationalsozialistische Judenverfolgung am Beispiel von Wolfsberg verfasst von der Historikerin Andrea Lauritsch. Ebenfalls in diesem Zusammenhang erinnere ich an die vom Verein Industrie und Alltagsgeschichte erarbeiteten Ausstellung in Villach Heiß umfehdet, wild umstritten – Geschichtsmythem in Rot-Weiß-Rot im Jahr 2005, in der unsere nationalsozialistische Vergangenheit ebenso zum Thema gebracht wurde wie unsere Schwierigkeit in der Zweiten Republik, damit umzugehen. Ein Jahr später folgte die Ausstellung Der Onkel aus Amerika eine Sonderausstellung, die sich mit dem Themen Flucht und Migration im Kontext des Nationalsozialismus auseinandersetzte. In beiden Projekten wurde der in Kärnten tief verwurzelte Antisemitismus in Verbindung mit Schicksalen von Kärntner Jüdinnen uns Juden thematisiert.
Seit 1982 erinnert am Peršmanhof bei Eisenkappel/Železna Kapla der Verband der Kärntner Partisanen mit einem zweisprachigen Museum an die kärntner-slowenische Geschichte von Verfolgung und Widerstand ebenso wie an eines der letzten NS-Kriegsverbrechen auf Kärntner Boden, das am 25. April 1945 an kärntner-slowenischen Zivilisten begangen wurde. Damals wurden von einem NS Polizeiregiment elf Angehörige der kärntner-slowenischen Bauernfamilien Sadovnik und Kogoj – vom Kleinkind bis zur Greisin – von Männern des Polizeiregiments erschossen und der Hof anschließend in Brand gesteckt. Mit Gründung des interkulturellen Vereins Društvo/Verein Peršman im Jahr 2001 erhielt die Gedenkstätte Peršmanhof sowie der Partisanenverband Unterstützung seitens jüngerer Generationen, die mittlerweile ein umfangreiches pädagogisches Vermittlungsprogramm betreuen. Mit dem Ausbau und der Neugestaltung des Museums im Jahr 2012 stiegen nicht nur die Besucherzahlen rasant an, sondern auch das Land Kärnten beginnt in zunehmendem Ausmaß den Peršmanhof als zeitgeschichtlich relevante Bildungseinrichtung wahrzunehmen.
Seit 2011 ist auch im Gailtal eine Gedenkinitiative tätig, die sich mit der NS-Vergangenheit des Tales auseinandersetzt – eine erste Publikation als Ergebnis der Auseinandersetzung wurde kürzlich vorgelegt.

Zeichen der Erinnerung

Insbesondere in den letzten fünf Jahren entstanden in ganz Kärnten verschiedenste Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum. So wurde 2007 in der Khevenhüller-Kaserne im Klagenfurter Stadtteil Lendorf eine Gedenktafel enthüllt, die daran erinnert, dass sich dort von 1943 bis 1945 ein weiteres Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen befand.
Die Gedenkinitiative Rosegg /Rožek wiederum schuf im Jahr 2010 in Rosegg ein Namensdenkmal zur Erinnerung an die lokalen NS-Opfer, deren Schicksale in einer wissenschaftlich erarbeiteten Begleitpublikation dokumentiert sind. Auf Initiative des Kulturvereins Kuland rund um den Zeithistoriker Peter Pirker entstand im Oberen Drautal das vom Künstler Hans Peter Profunser gestaltete Erinnerungsmal in Greifenburg – auch hier flankiert von einer begleitenden Publikation, die sich mit den NS-Opfern der Region auseinandersetzt.
1965 wurde auf Initiative der Opferverbände ein antifaschistisches Mahnmal, gewidmet den Opfern für ein freies Österreich am Klagenfurter Friedhof Annabichl errichtet und feierlich eröffnet. Seitdem findet dort alljährlich am Nationalfeiertag ein Gedenken statt. Im Jahre 2000 hat der dafür zuständige Verein die Betreuung dieser Gedenkstätte an die jüngere Generation weitergegeben, die sich anschließend unter den Namen Memorial Kärnten Koroška neu konstituierte. Ein Jahr später wurde das Mahnmal in Annabichl durch einen Namensteil, gewidmet den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, erweitert. 2013 sorgte Memorial Kärnten Koroška mit der Errichtung einer Stele vor dem Klagenfurter Landesgericht, in welche die Namen jener Frauen und Männer eingraviert sind, die während der NS-Zeit in diesem Gerichtsgebäude zum Tode verurteilt wurden, für ein Erinnerungszeichen. Den Bemühungen dieser Gedenkinitiative ist es auch zu verdanken, dass im Februar 2014 der Kärntner Landtag den Beschluss fasste in der Burg in der Klagenfurter Innenstadt, wo sich während der NS-Zeit das Gestapo Hauptquartier befand, eine Gedenkstätte zu errichten. Ebenfalls im Umfeld dieses Vereins entstand die Publikation Tatort- Schauplätze – Erinnerungsarbeit an den Stätten nationalsozialistischer Gewalt in Klagenfurt, die in weiterer Folge zu einem antifaschistischen Gedenkwanderweg in Klagenfurt führte. Seit zwei Jahren verlegt die Österreichisch-Israelische Gesellschaft Landesgruppe Kärnten in Zusammenarbeit mit Memorial Kärnten Koroška auch sogenannte Stolpersteine vor jenen Häusern in Klagenfurt, in denen vertriebene und ermordete Jüdinnen und Juden lebten.
Im September 2012 wurde in St. Veit im Jauntal/Šentvid v Podjuni eine Gedenktafel für zwei Widerstandskämpferinnen enthüllt – auf Initiative der Villacher HTL-Lehrerin Adele Polluk, die in diesem Dorf ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte. In Villach wiederum organisierte im Juni 2011 das Klagenfurter Unikum in Kooperation mit dem Villacher Alpenverein, dem Verein Industriekultur und Alltaggeschichte sowie dem Verein Erinnern Villach die Aktion Hausbergverbot am Dobratsch. Im Zuge dieser Veranstaltung brachte die Villacher Sektion des Alpenvereins am Gipfelhaus eine Gedenktafel an, die daran erinnert, dass man selbst im Jahre 1922 eine Tafel mit der Aufschrift „Für Juden Eintritt verboten“ anbringen ließ.
Im Dezember 2013 fand in der Türkkaserne in Spittal an der Drau die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel statt, die an das Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten auf diesem Gelände erinnert. Tausende Gefangene der ehemaligen Sowjetunion kamen in diesem Lager ums Leben. Die Inschrift der Gedenktafel lautet: Das Österreichische Bundesheer gedenkt jener Soldaten der Alliierten. die als Opfer des Nationalsozialismus in der Zeit von 1939 bis 1945 auf dem Areal der Kaserne gelitten und ihr Leben verloren haben.
All diese Geschichten und Schicksale, die im Rahmen der oben erwähnten Initiativen recherchiert, dokumentiert und erzählt werden, haben vor allem eines gemeinsam: sie sind im jeweiligen lokalen historischen Raum, am Ort des Geschehens selbst, verankert und weisen starke Bezüge zur Gegenwart auf. Es ist immer der Bezug der räumlichen und personalen Nähe, die hergestellt werden muss, damit Erinnerungen lebendig bleiben und kritische Selbstreflexion ermöglichen kann.

Über den Umweg der Erinnerung finden wir zu uns selbst

Menschen von heute sind es, die sich auf Spurensuche begeben und auf traumatische Orte stoßen. Orte, wo Leben gewaltsam ausgelöscht wurde: Am Peršmanhof, am Loiblpass, im Gaukrankenhaus Klagenfurt, in der Khevenhüller-Kaserne, in den Kriegsgefangenenlagern, oder an den Hinrichtungsstätten, über die in den meisten Fällen das buchstäbliche Gras gewachsen ist. Orte wie Gestapogefängnisse und Polizeiwachstuben, Gerichte und alle möglichen Behörden; Orte der demütigenden Diskriminierung wie das Gipfelhaus am Dobratsch oder auch das Villacher Peraugymnasium, wo sich der jüdische Mathematiklehrer Ernst Singer 1934 im Konferenzzimmer das Leben nahm, weil er die antisemischen Attacken der Kollegenschaft nicht mehr ertragen konnte; das Parkhotel in Villach, wo Juden und Jüdinnen die Bedienung oder der Zutritt verweigert wurde.
Diese realen Gedenkorte und die mit ihnen verbundenen Ereignisse sind gleichzeitig die eindrucksvollsten „lieux de mémoire“, wie sie der französische Historiker Pierre Nora bezeichnet. Diese „Orte“ besitzen eine emotional besonders aufgeladene, symbolische Bedeutung, die eine identitätsstiftende Funktion hat für all jene Menschen, die sich dafür einsetzen, dass wir aus unserer Geschichte der Gewalt die richtigen Lehren ziehen.
Diese Orte und die mit ihnen verbundenen Geschehnisse dem Vergessen zu entreißen und in das aktive Gedächtnis zu überführen, ist von zentraler demokratiepolitischer Bedeutung: Nicht nur, um für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln unsere Lehren zu ziehen, sondern auch, um über den Umweg der Erinnerung zu uns selbst zu finden.

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