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Ludwig Roman Fleischer

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2013-12-22

PUNSCHVERSCHWÖRUNG

Der Weihnachtsmarkt in unserer Stadt ist ein gutes Geschäft. Das ganze Jahr lang rackert man sich auf Kirchtagen, Jahrmärkten, Bezirks- und Feuerwehrfesten ab und meist ist der Erlös spärlich. Um drei Uhr früh tut einem das Kreuz weh, sodass man kaum noch stehen kann und wenn man dann die Kasse zählt, fragt man sich, ob es dafür gestanden ist, die ganze Zeit dazustehen und Bosna, Langos, Würsteln, Dosenbier und Energydrinks zu verkaufen. Besonders fragt man es sich als arbeitsloser Soziologe, der gezwungen ist, auf diese windige Weise sein Geld zu verdienen. Auf dem Weihnachtsmarkt ist das anders. Den Leuten sitzt das Geld locker in der Tasche, und hat man – nach einer Ochsentour durch die Ämter - gar die Konzession für eine Punschhütte erworben, dann macht man in sechs Wochen Advent so viel Gewinn wie ansonsten in einem halben Jahr.
Das Punschtrinken ist in den letzten Jahren zum Volkssport geworden. Jung und Alt, Hilfsarbeiter und Universitätsprofessor, Mutter mit Kinderwagen und Unternehmer mit Laptop, alles säuft Punsch. Ich muss gestehen, dass ich Punsch zwar ausschenke, diesen heißen Hustensirup aber aus ganzer Seele verabscheue. Die Wirkung eines Punschrausches ist ganz anders als jene eines Wein-, Bier- oder Schnapsbesäufnisses. Der Punsch hat – ähnlich wie Glühwein, Glühmost oder Jagatee (die ich ebenso verkaufe, ohne sie trinken zu wollen) – ein Zeitfenster. In den ersten drei Minuten ist das Zeug so heiß, dass man sich als Punschnovize das Maul und die Speiseröhre verbrennt. Nach sieben, acht Minuten wird der Punsch urinwarm, nach zehn Minuten ist er lauwarm, nach zwölf kalt, und wer ihn dann noch hinunterbringt, der muss einen wahren Saumagen haben. Freilich sind die meisten Punschtrinker Routiniers. Drei Minuten lang blasen und rühren sie in ihrem Häferl herum, dann stürzen sie den Großteil des klebrigen Zeugs hinunter und geben sich danach noch je einen urinlauen und einen eiskalten Schluck. Weil das Vergnügen so kurz war, bestellen sie üblicherweise gleich den nächsten Punsch. Bald setzt dann die typische Punschtrunkenheit ein: eine sentimentale Verblödung, eine Wattierung des Gehirns, die melancholisch, selbstgerecht und spendabel stimmt. Nach dem dritten Punsch wird für jeden Blödsinn gespendet, den allfälligen Kindern jeder noch so idiotische Kaufwunsch erfüllt. Es ist daher empfehlenswert, karitatives Punschsaufen zu propagieren, als Vermarktungsstrategie, als absatzfördernde Motivationsmaßnahme. Zehn Prozent für „Licht ins Dunkel“, zwanzig Prozent fürs Kinderdorf, fünf für UNICEF oder ein Obdachlosenheim. Alle einigermaßen intelligenten Punschhüttenbetreiber haben irgendeine karitative Saufmotivationsnummer in ihrem Programm, mit allerbestem Umsatzerfolg.
Man ist auf einander nicht neidisch. Ohnedies schenken wir alle dieselbe Brühe aus: Orangenpunsch, Apfelpunsch, Beerenpunsch, Vierfrüchtepunsch, Kinderpunsch; und für Leute, die bei der Traktierung ihrer Geschmacksnerven und Gehirnganglien vor wirklich gar nichts zurückschrecken, gibt es Marzipan-, Amaretto-, Schokolade-, Tiramisupunsch und ähnliche Ungeheuerlichkeiten, mit deren Hilfe man Preis und Blutzucker in die Höhe treiben kann. Der Punschextrakt wird in Zehn-Liter-Containern von Kraft-Unilever angeliefert. Dazu panscht man Tee, Fruchtsaft, Kunsthonig; für die exotischen Punschsorten rührt man Kirschkonzentrat, Flüssigschokolade auf Glutamatbasis, Marzipanteig und ähnliches ein. Geheimnisse haben wir Punschhüttenbetreiber eigentlich keine vor einander. Alle schwören auf die hohe Qualität ihres kalorienträchtigen Synthetikpansches. Einzig ich bin mir darüber im Klaren, was für einen Beleidigungsextrakt für die Menschenwürde ich da unter die Leute bringe.
Wir haben nie gegen einen von uns etwas gehabt. Am Ende der sechs- bis achtwöchigen Adventszeit ist jeder sehr viel besser dagestanden als zuvor mit den blöden Kirchweih-, Dorf- und Feuerwehrfesten. Die Zusammenarbeit ist schon durch die amtlich verordnete Punschhäferl-Pfand-Bestimmung vorgegeben. Wer eine Punschhüttenkonzession errungen hat, verpflichtet sich, für jedes Häferl zwei Euro Pfandgeld einzuheben und bei der Rückgabe des leeren Gefäßes rückzuerstatten: Dies auch dann, wenn die Häferln von einer anderen Punschhütte stammen und der jeweilige Punschschlürfer – Punschhäferl in Händen – sich ambulant durch den Weihnachtsmarkt gesoffen hat. Die Häferln sind ja identisch. Also genaugenommen gibt es sie in drei Varianten: Blau mit Dom, Rot mit Weihnachtsmann und Grün mit Christbaum. Meistens geht es sich aus: Man bekommt in etwa so viele leere Häferln zurück, wie man volle ausgegeben hat, Pfandeinnahme und Pfandrückerstattung halten sich im Allgemeinen die Waage. Oberlercher und Hoschek, die am Anfang, beziehungsweise am Ende des Marktes ihre Punschhütten haben, sind vielleicht ein bisschen benachteiligt. Bei ihnen werden die meisten Häferln abgegeben. Das macht nichts. Einmal in der Woche gibt es ein Häferl- und Pfandgeld-Austauschtreffen, und danach hat wieder jeder Punschverkäufer seine zweihundert Häferln auf dem Regal. (Halbwegs sauber. Würden die Leute um die hygienische Seite des Punschhäferlwesens Bescheid wissen, es würde ihnen der Punschdurst vergehen. An starken Tagen hältst du die Häferln – eins an jedem Finger – kurz unters lauwarme Wasser, und damit ist die Reinigung erledigt. Ich bin sicher, dass sich Grippeviren, Mundecken, Hustenbazillen und Mundschleimhautentzündungen dank des Punschsaufens vor Weihnachten weit schneller verbreiten als außerhalb der Adventszeit). Egal. Man hat bei den Punschhäferl- und Pfandgeldaustauschtreffen immer fair zusammengearbeitet, keiner ist zu kurz gekommen, alle sind nach dem Abbau ihres Standes besser dagestanden. Dann trat letzte Weihnachten Holik auf den Plan: ein Jungspund mit Zopf und dürrer Freundin. Schon, dass er eine zusätzliche Punschhüttenkonzession erhalten hatte, ging uns gegen den Strich. Es hieß, Holik habe Protektion im Gemeinderat, seine Mutter sei die Geliebte des Vizebürgermeisters, und so seien ihm eben Türen offengestanden, die anderen verschlossen blieben. Ein weiterer Punschstand bedeutet naturgemäß eine Umsatzeinbuße. Bei sieben statt sechs Punschhütten muss man da mit einem Minus von sechs bis sieben Prozent rechnen, wenn nicht mehr. Gut, das wird durch den jährlich steigenden Punschkonsum ausgeglichen, es gibt ja jedes Jahr einen neuen Punschsaufrekord, aber um wie viel hätten wir mehr verdient, hätte sich Holik nicht eine zusätzliche Konzession ergaunert!
Und nun kam der Typ mit neuen und höchst erfolgreichen Punschvermarktungsmethoden daher. Biopunsch mit Obst aus kontrolliertem Anbau. Karitatives Krebshilfesaufen. Eine Punschtombola: Jeder Kunde bekam eine Nummer, und die Sieger gewannen Honigschnaps, schafwollene Bettvorleger und Wellness-Aufenthalte auf Holiks alternativem Biobauernhof. Das war ein klarer Fall von unlauterem Wettbewerb. Doch was soll ein Wanderbudenbetreiber ausrichten gegen die Protektion durch Vizebürgermeister und Gemeinderat? Unsere Protesteingabe wurde abgewiesen. Selbst der Bürgermeister machte Holik die Mauer, diesem hohlwangigen Zopfgespenst mit seinem alternativen Biogeschwafel und seinem triefäugigen Weihnachts-Sentimentalismus: Wenn Sie bei uns trinken, helfen Sie krebskranken Kindern, vereinsamten Senioren, behinderten Behinderten.
Das dürre Biomodel an seiner Seite war auch ein erfolgreicher Marketing-Gag: sie säuselte alle Punschsäufer mit großen Kuhaugen und lächelnden Lefzen an, sodass jeder männliche Kunde glaubte, sie sei in ihn verliebt, und jede weibliche Punschschlürferin, diese dürre Pute sei eine Personalunion der Jungfrau Maria und des Christkinds! Zum Kotzen, wie das Punschsaufen überhaupt (wenn man mich fragt)! Wir hatten keine Einbußen von sechs oder sieben, sondern von zwanzig bis dreißig Prozent. Holik mit seinem alternativen Gewissensbissbeibringungs-Gesäusel, seinen Tombolas und seinen Dumpingpreisen hatte stets eine Traube von karitativen Alternativpunschzuzlern vor seiner Bude, während wir an schwachen Tagen fast arbeitslos waren. Einmal habe ich mich überwunden und an Holiks Stand einen Granatapfelpunsch 1001 Nacht aus biologischem Anbau verkostet: Garantiert das gleiche Gepansch wie meine eigenen Kraft-Unilever-Suppe! Heißer Hustensirup mit Zeitfenster. Aus einem bazillenverseuchten roten Häferl mit Weihnachtsmann. Wir ärgerten uns grün, blau und rot über Holik, doch konnten wir ihm nichts anhaben, diesem alternativen Biozopfgespenst mit seiner magersuchtverdächtigen Tussi. Holiks Bude florierte, kiloweise verscherbelte er seine Vollkornlebkuchen-Weihnachtsmänner aus kontrolliertem Anbau, literweise kredenzte er seinen heißen Biosirup, behauptete, zehn Prozent des Fuselschlemperns komme brasilianischen Straßenkindern zugute und trieb allen möglichen anderen karitativ-alternativen Firlefanz. Lange zerbrachen wir uns die Köpfe, wie man diesem Spuk Einhalt gebieten könnte, dann hatten wir die Königsidee.
Bis zum vierten Advent warteten wir mit unserer Rache an Holik. Punschhäferln kosten im Großhandel einen Tineff, und so hatten wir uns mit tausend weiteren eingedeckt. Am Heiligen Abend senkten wir die Preise, setzten ein Karitativsaufen für Asylanten, missbrauchte Kinder, krebskranke und arbeitslose Globalisierungsopfer aufs Programm. Vor allem verlangten wir kein Pfand für die Punschhäferln. Die Kundschaft wiesen wir diskret darauf hin, dass sie – sollten sie es wollen – das Pfandgeld an Holiks Stand einfordern könnten.
Wir hatten schon am frühen Nachmittag mehr Kunden als sonst, weil jeder Punschsäufer sein Häferl behalten oder es sich bei Holiks Stand ablösen lassen konnte. Es war unglaublich, wie viele Karitativsäufer sich durch Punschhäferlpfand-Rückerstattung ein Körberlgeld machen wollten! Einige fragten mich dezidiert: Nur zwei Euro der Marzipanpunsch, und dann krieg ich zwei Euro bei Stand vierundvierzig? Aber da trink ich ja gratis, oder? Ein gewichtiges Nicken genügte. Die Leute soffen und sammelten Häferln. Bei Holiks Hütte war die Kundentraube noch gewaltiger als sonst. Allerdings kamen die meisten, um das Pfandgeld für ihre drei, vier Häferln zu verlangen, und keineswegs, um Holiks Biopunsch zu schlürfen. Jedenfalls hatte Holik alle Hände voll zu tun, und so dauerte es einige Zeit, bis er ahnte, was da vor sich ging. Da hatte er schon mehr als tausend Euro verloren. Er musste sich vom Nachbarstandler (der Weihnachtsschnitzereien verklopft, die an indonesischen Fließbändern hergestellt werden) Geld ausborgen, um die Ansprüche der noch immer seine Hütte umdrängenden Pfandgeldeinforderer befriedigen zu können. Erst spät kam er auf die Idee, die Kleingeldauszahlerei seiner dürren Tusnelda zu überlassen und ein bisschen lokale Weihnachtsmarktforschung zu betreiben. Nach der Sperrstunde hüpfte er von Punschhütte zu Punschhütte und schrie herum: Eine Sauerei sei das, eine Kabale, eine Verschwörung. Wir seien Lügner, Betrüger, Arschgesichter.
Ich kann nicht sagen, dass das vorjährige Weihnachtsgeschäft überragend gewesen wäre. Immerhin sind wir Holik wieder losgeworden. Er könne Feindseligkeit nicht ertragen und im Falle solcher weiche er der Aggression, ließ er uns per Punschhüttenrundschreiben wissen. Wir müssten das mit unserem eigenen Gewissen ausmachen.
An Holiks vormaligem Stand 44 verkauft heuer ein Bosnier Kinderspielzeugschrott: Plastikgewehre, Kunststoffkanonen, Handschellen, Gummiknüppel, Polizeiuniformen und -kappen. Holiks Punschvermarktungsideen waren freilich so übel nicht. An allen sechs Punschhütten gibt es heuer Biopunsch, Hare Krishna-Punsch, Granatapfelpunsch 1001 Nacht und ähnlichen Unfug. Selbstverständlich alles auf der Basis von Kraft-Unilevers Punschextrakt. Auch die Auswahl an karitativen Punschsauf-Alternativen haben wir erweitert. Wenn die Saison so weiterläuft, steht ein neuer Rekordumsatz bevor.

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dw, 2015-01-08, Nr. 6320

schon lange nicht mehr soooo gelacht....
genial-lustig

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