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Andreas Exner

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2013-04-14

Rassismus schädigt die Gesundheit schleichend

Gesellschaftliche Ursachen wichtiger als Risikofaktoren

Dass Rassismus tötet ist eine ebenso schreckliche wie einfache Wahrheit. Verantwortlich sind das Grenzregime der EU, die Polizeigewalt in Österreich und anderen EU-Ländern, der faschistische Mob von Deutschland bis Griechenland, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Weniger bekannt ist: Rassismus wirkt neben diesen akuten Folgen noch wie ein schleichendes Gift. Rassismus schädigt die Gesundheit auch auf langsame, fortdauernde Art. Dass Migrantinnen und Migranten nicht-weißer Hautfarbe, aber auch nicht-weiße Inländer etwa in Großbritannien oder den USA einen schlechteren Gesundheitszustand und eine höhere Sterberate aufweisen als Weiße, ist gut dokumentiert.

Wenn man sich mit dem Einfluss von Diskrimierung aufgrund der Hautfarbe, der Sprache oder des so genannten kulturellen Hintergrunds von Menschen befasst, denkt man zuerst oft an die Folgen schlechter Wohnverhältnisse und ähnlicher Lebensumstände. Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe gelten als minderwertig, kommen häufig aus Ländern mit geringerer wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit, verdienen daher häufig weniger als Menschen mit weißer Hautfarbe und hätten ergo auch schlechtere Lebensbedingungen.

Wissenschaftliche Befunde zu dieser Frage jedoch überraschen und frappieren. Zwar mögen schlechtere Lebensbedingungen, etwa ungute Wohnverhältnisse, einen Teil der Gesundheitskluft erklären. Für Asylwerberinnen und -werber ist dies wahrscheinlich auch in Österreich ein wichtiger Faktor für schlechte Gesundheit, trotz deren häufig jugendlichen Alters. Diese Menschen haben zudem oft eine lange und extreme psychische und physische Leidensgeschichte hinter sich – und aufgrund des Rassismus in der EU auch weiterhin vor sich.

Tatsächlich jedoch spielen von diesen extrem unterdrückten Gruppen abgesehen offenbar der soziale Stress der Diskriminierung und die Angst davor, schlecht behandelt zu werden, die Hauptrolle für den im Schnitt schlechten Gesundheitszustand bei von Rassismus Betroffenen.

Das zeigt eine Reihe von Untersuchungen, zusammengefasst von den beiden Gesundheitsforschern James Nazroo und David Williams in einem Beitrag für das Buch “Soziale Gesundheitsfaktoren”, das 2006 von Michael Marmot und Richard Wilkinson herausgegeben worden ist, auf Englisch: “Social Determinants of Health”.

So erklären zum Beispiel individuelle Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes, Blutdruck und so weiter nur einen sehr kleinen Teil des höheren Sterberisikos von Schwarzen in den USA im Vergleich mit Weißen. Der allergrößte Teil geht direkt auf den niedrigeren Status der Schwarzen zurück. Laborstudien zeigen, dass Erfahrungen von Diskriminierung großen Stress erzeugen und akute physiologische Reaktionen nach sich ziehen. Diese Stoffwechselreaktionen schädigen den Körper. Auch ist nachweisbar, dass allein schon die Angst vor Rassismus als solche das Risiko schlechten Gesundheitszustands um 60% erhöht, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Klassenposition.

Nazroo und Williams vermuten, dass die extreme soziale Ungleichheit, die sich im Rassismus äußert, auf drei Wegen zu gesundheitsschädlichem Stress führt: Erstens durch ökonomische Nachteile, zweitens durch das Gefühl, einer entwerteten sozialen Gruppe mit niedrigem Status anzugehören und drittens aufgrund des psychischen Drucks, den Beleidigungen und die Angst vor Übergriffen bewirken.

Nazroo und Williams schließen, dass “eine große Bandbreite überzeugender wissenschaftlicher Belege inzwischen nahelegt, dass ethnische Ungleichheiten im Gesundheitszustand überwiegend eine Folge sozio-ökonomischer Unterschiede sind“. Sie weisen darauf hin, dass es “wichtig ist, in jedem Versuch ethnische Gesundheitsunterschiede zu erklären die Zentralität des Rassismus zu berücksichten.

Diese gesundheitswissenschaftlich untermauerte Feststellung geht in eine ganz andere Richtung als hiesige Gesundheitsdebatten, die zumeist Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ärztin oder Arzt und migrantischen Patienten und Patientinnen in den Vordergrund rücken. Statistisch betrachtet dürften solche Schwierigkeiten jedoch praktisch keine Rolle für die Gesundheit bei Migranten und Migrantinnen spielen. Es scheint offensichtlich, dass viele eine Abneigung dagegen empfinden, Rassismus als Problem zu erkennen und etwas dagegen zu tun. So widmet man sich in der Mehrheit lieber Sprachkursen oder einer repressiven Integration anstatt den Rassismus anzugreifen.

Entsprechend stellen Nazroo und Williams fest, dass es vorrangig nicht um den ungleichen Gesundheitszustand als solchen gehen sollte. Sie plädieren vielmehr dafür, die Ursachen dieser Ungleichheit in den Blick zu nehmen. Und die liegen in der sozialen Ungleichheit.

Dazu sei aus dem Buchbeitrag von Nazroo und Williams abschließend noch der Gesundheitsforscher David Williams und sein wissenschaftliches Team aus dem Jahr 1994 zitiert:

“Man ist versucht, sich auf klar identifizierte Risikofaktoren als Brennpunkte von Gesundheitsmaßnahmen zu konzentrieren. Ganz im Gegensatz dazu zeigen unsere Forschungen jedoch, dass gesamtgesellschaftliche Faktoren und der Rassismus die Grundursachen ethnischer Unterschiede im Gesundheitszustand darstellen. Risikofaktoren und die Ressourcen damit umzugehen, sind nur die oberflächlichen Ursachen, die im jeweiligen Moment sichtbaren Wirkmechanismen. Diese Mechanismen können sich verändern. Doch so lange die Grundursachen bestehen bleiben, wird eine Veränderung der oberflächlichen Ursachen nur dazu führen, dass neue Wirkmechanismen auftreten werden, die zum gleichen Ergebnis führen.”

Die rassistisch diskriminierten Gruppen, so Nazroo und Williams abschließend, sind keine von Natur gegebenen Kategorien. “Rassen” und “ethnische Gruppen” seien vielmehr ein Produkt der Gesellschaft. Dies sei zu bedenken, wenn man auf wirklich wirksame Weise die Grundursachen der starken gesundheitlichen Unterschiede zwischen rassistisch Diskriminierten und anderen Gruppen überwinden will.

Literaturtip:

Michael Marmot, Richard Wilkinson (Hg., 2006): “Social Determinants of Health”, und der Artikel “The Social Determination of Ethnic/Racial Inequalities in Health” von James Y. Nazroo und David R. Williams darin.

Webtip:

http://solidarischgsund.org/

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mimenda, 2013-04-15, Nr. 5928

Mir gefällt das nicht so recht, weil es mir scheinen will, als fungiere der Rassismus - ähnlich wie der Tabak für die "Volksgesundheit" - als Sündenbock für alles, was wir auf diesem Gebiet falsch machen. Ich bezweifle nicht, dass gefühlte oder reale Diskriminierung die Gesundheit beeinträchtigen kann, aber das um 60% erhöhte Krankheitsrisiko halte ich für aberwitzig.

Wenn es um eine sozioökonomische Frage geht, hat diese einen soziale und eine ökonomische Dimension. Mit sozial ist die Diskriminierung beschrieben. Aber diskriminiert werden nicht nur "ethnische Gruppen", sondern auch andere Underdogs. Vergleicht man den Gesundheitszustand des gesamten marginalisierten Klientels, dürfte man kaum einen Unterschied finden.

Die ökonomische Dimension scheint mir für den Ausgang dieser Menschen aus ihrer unverschuldeten prekären Lage weitaus wichtiger als die Diskriminierung, der sie ja vor allem deshalb ausgesetzt sind, weil sie arm sind und nicht, weil sie Schwarze, Zigeuner oder etwa Juden wären.

Wir machen diese Menschen arm, insofern wir nicht in der Lage ist, uns Rahmengesetze zu geben, die Armut nicht zulassen. Wir schneiden sie vom Wohlstand und von der Bildung ab, nicht weil wir das dezidiert wollten, sondern weil es in der Logik der Entwicklung liegt.

Arme und Diskriminierte werden gebraucht, als wandelnde Exempel, billige Arbeiter oder um Druck aufzubauen, der auch jene verunsichern soll, die abzurutschen drohen oder sich vor dem Abstieg fürchten. Deren Gesundheitszustand dürfte auch zu wünschen übriglassen.

Rassismus ist mir daher in Bezug auf das Problem viel zu eng gefasst. Es ist doch gerade bei Verschärfung der allgemeinen wirtschaftlichen Zustände eine allgemeine Tendenz, auf die Armen zu schimpfen, als könnten sie in ihrem ureigensten Wesen etwas für ihre Armut, als sei es ihre Bestimmung, arm und folglich - in den Augen der "Wertvollen" - wertlos zu sein.

Da mag es besonders typisch sein, sich auf Zigeuner, Türken oder Araber zu konzentrieren, aber Rassismus könnte das ja nur für den Fall sein, dass man sich nicht mit derselben Verachtung den einheimischen Underdogs zuwendet. Diese treten zwar nicht klar durch Hautfarbe oder Teint hervor, aber sie sind an anderen Insignien zu erkennen. Sie gehören zur Unterschicht, schauen Unterschichtsfernsehen, haben Unterschichtsess-, -dress-, -trink-, -sprech- und liebesgewohnheiten. Sie sind ökomisch abgehängt und in einen Fatalismus gedrängt, aus dem zu erwachen oder zu entrinnen schwer ist und sicher nicht wesentlich leichter als für die Diskriminierten einer Ethnie.

Müssen wir also überall Rassismus draufzuschreiben, obwohl hier etwas viel Grundlegenderes angesprochen ist, das uns alle angeht und für das wir aufgrund der ökonomischen Verhältnisse umso empfänglicher werden, je mehr es um die Verteilung des Kuchens geht?

magellan, 2013-04-20, Nr. 5929

Danke Mimenda!

Mir scheinen die einheimischen Armen schon mehr diskriminiert zu sein, als solche mit ausländischen Wurzeln. Denn diese bekommen von NIEMANDEM Mitleid - höchstens noch den Spott zu all ihrem Unglück. Und die sogenannten Gutmenschen verschwenden ohnehin keinen Gedanken an sie bzw. denken sie, daß der Staat sich um sie kümmern müsse. Defakto kümmert sich aber auch der Staat eher um die Migranten, weil seine Vertreter offenbar Angst vor (z.B.) Erdogan haben.

Andreas Exner, 2013-04-22, Nr. 5930

@mimenda:

Danke für die Rückmeldung. Die Studie von Karlson et Nazroo 2004 zeigt, dass die Angst vor Rassismus mit einem um 60% erhöhten Risiko einhergeht, den eigenen Gesundheitszustand als mittelmäßigeoder schlecht einzuschätzen. "Self-reported health" (Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands) wird in public health Studien häufig angewendet, weil sie einfacher abzufragen ist als medizinische Untersuchungen durchzuführen. Man weiß, dass die Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands gut mit dem tatsächlichen Gesundheitszustand und auch mit dem Sterberisiko korreliert. Bemerkenswert ist dieses Ergebnis, weil darin schon eingerechnet ist, dass auch Alter, Geschlecht und Klassenposition den selbst eingeschätzten Gesundheitszustand beeinflussen. Das heißt, hier ist statistisch schon der mögliche Gesundheitseffekt von Armut herausgerechnet.

Das mag aberwitzig sein, gilt aber für die Gesellschaft, die Derartiges verursacht, nicht für die Studie.

Es ist leider so, dass der Rassismus selbst die schlimmste Beeinträchtigung des Gesundheitszustands darstellt. Allgemein ist soziale Ungleichheit der wichtigste Faktor für die Ungleichheit im Gesundheitszustand. Wohlgemerkt: nicht die Armut als absolutes Einkommensniveau etc. gefasst, sondern die Ungleichheit als solche. Deshalb korreliert der Gesundheitszustand im Vergleich von reichen Ländern nicht mit dem BIP/Kopf, sondern nur mit der Einkommensungleichheit - mit ihr jedoch statistisch signifikant und eng. Dennoch haben weiße Arme einen besseren Gesundheitszustand als nicht-weiße Arme. Es ist genau umgekehrt, wie zum Beispiel Daten aus den USA zeigen, wie Sie annehmen: Je höher das Einkommen, desto weniger spielt die Hautfarbe eine Rolle für den Gesundheitszustand.

Übrigens haben z.B. in England weiße Nicht-Engländer - sofern sie ein geringes Einkommen haben - ebenfalls schlechteren Gesundheitszustand als weiße Engländer.

Ja, der Sozialdarwinismus nimmt allgemein zu, allerdings trifft es hier die nicht-weißen Armen eben noch einmal härter als die weißen Armen.

Sozialdarwinismus ist die Naturalisierung von Armut, die bis zur Biologisierung gehen kann („der ist arm, weil er schlechte Gene hat“). Das teilt der Sozialdarwinismus mit dem Rassismus. Und es hat Zeiten in Europa gegeben, wo die Armen mit "den Wilden" in den Kolonien fast - aber eben nur fast - auf eine Stufe gestellt worden sind.

Dennoch gibt es einen deutlichen Unterschied, der Sozialdarwinismus kann selbst die Armen noch in einer rassistisch definierten „Volksgemeinschaft“ eingemeinden – wenn sie nur die richtige Hautfarbe haben oder – angesichts des heute dominierenden kulturellen Rassismus – die richtige „Kultur“. Und im 19. Jahrhundert sind die "einheimischen Wilden", die Proletarier, dann eben doch häufig auf den imperialistischen Zug aufgesprungen, und das ist heute im Grunde ebenso. (Nota bene: "Proletarier" ist nicht ein Begriff, der ins 19. Jahrhundert gehört, sondern bezeichnet die Lohnabhängigkeit mit Ausnahme der bestbezahlten Schichten, also eine soziale Position, die heute dominiert.)

@magellan:

Dass die weißen (christlichen oder nicht-islamischen etc.) Armen besser dran seien als jene, ist sicher falsch. Das zeigen nicht nur die Befunde oben, sondern schon die Lebensrealität, die sich dem bloßen Auge zeigt.

Das heißt natürlich nicht, dass daraus folgt, dass man sich „zuerst um die MigrantInnen“ kümmern müsse, denn das Elend der rassistisch Unterdrückten und das der bloß Arm gemachten hat ein und dieselbe Wurzel: Marktwirtschaft, Staatsmacht und Kapitalverwertung.

Andreas Exner, 2013-04-22, Nr. 5931

@magellan:

Ich muss ergänzen, damit klar ist, was ich denke:

Man muss in dem Sinn "zuerst für die MigrantInnen" kämpfen, weil sie jene Gruppe sind, die die meiste Unterdrückung erfahren. Weil soziale Ungleichheit uns alle erheblich schädigt (wenngleich in unterschiedlichem Maße) und Ungleichheit eben von der tiefsten bis zur höchsten Statusposition bemessen ist, würde die Verbesserung der Lage der am meisten Unterdrückten allen gut tun. Allerdings denke ich, dass man praktisch keine wesentlichen Verbesserungen auch nur in einem ganz engen (und dann falschen) Ansatz von "Migrationspolitik" erreichen kann, wenn man nicht Marktwirtschaft, Kapitalverwertung und Staatsmacht insgesamt kritisiert und praktisch angeht.

Davon abgesehen heißt das klarerweise nicht, dass man sich nicht ebenso für nicht migrantische Arme einsetzen soll, aber man kann auch nicht davon absehen, dass - um es krass zu sagen - es einen Unterschied gibt zwischen einer prekären Ich-AG, die ein Scheißleben führt aber wenigstens nicht jeden Tag schief angeschaut wird oder gar geschlagen oder im Knast sitzt, und einem Migranten oder gar einem illegalisierten Flüchtling.

Man nehme die Lage in Griechenland, um es ganz deutlich vor Augen zu haben, worum es geht. Als Nicht-Weißer lebt man heute in Griechenland in ständiger Verletzungs- und letztlich Todesgefahr. Als weißer verarmter Grieche lebt man im Elend, aber muss nicht mit Messerattacken rechnen, wenn man auf die Straße geht.

Das ist die Realität heute in der EU.

mimenda, 2013-04-24, Nr. 5936

Je mehr ich über die Ursachen nachdenke, desto mehr verkleben meine Synapsen. Da ist zuviel in einem Topf und gut verrührt.

Ich frage mich gerade, ob es nicht einen Unterschied macht, ob man als Schwarzer in den USA lebt oder in D oder A. In den USA hätte man Gesellschaft, in D und A nur Familie und Freunde.

Anfang dieses Jahrtausends gab es 10 mal mehr neue AIDS-Fälle unter den Schwarzen, ein Viertel von ihnen war nicht krankenversichert, die Kindersterblichkeit lag doppelt so hoch (übrigens auch bei schwarzen Frauen mit höherer Bildung verglichen mit der weißen Vergleichsgruppe), 5 mal mehr schwarze Kinder wurden wegen Asthma stationär aufgenommen. Die Chance einer Schwarzen, an Adipositas zu erkranken, ist heute um 70% höher als die einer Weißen.

Wie aber erklärt man solche Fakten? Wir machen die Ungleichheit (Armut) dafür verantwortlich und schreiben ihr den größten Stellenwert zu. Und den Rassismus. Aber reicht das zur Erklärung hin?

AIDS: anderes Sexualverhalten?

Keine Krankenversicherung: kein Geld?

Kindersterblichkeit: schlechtere Versorgung im Krankenhaus oder nicht versichert und deshalb keine oder geringere stationäre Leistung oder gar ungenügend betreute Hausgeburten?

Asthma: mehr Raucher, wohnen in Gegenden mit schlechter Luft, kümmern sich nicht frühzeitig um die Symptome?

Adipositas: schlechteres Essen, Arbeitslosigkeit, Antriebslosigkeit, Fatalismus?

Sicher kann man da den Rassismus nicht rausrechnen. Aber irgendwie, denke ich, müsste man ihn eingrenzen, wenn man nicht in Gefahr laufen will, ihn dadurch zu verniedlichen, indem man ihn überall draufklebt.

Ich finde es im Grunde schon fragwürdig, von DEM Rassismus zu sprechen, zumal wenn wir - wie im Falle der Gesundheit - auf Ursachen zurückblicken, die bis in die Kolonialzeit zurückreichen. Können wir ernsthaft behaupten, unsere Gesellschaft sei rassistisch und wenn ja, was stellt man sich konkret darunter vor?

Ich kann nur von mir sprechen und den Menschen, mit welchen ich zu tun habe. Dort ist Rassismus entweder inexistent, wird im äußerst seltenen Witzeleien kanalisiert oder Anwandlungen von Ressentiments werden reflektiert.

Wenn ich sonst die Ohren und Augen offenhalte, meine ich bemerken zu können, dass der augenscheinliche Unterschied und das daraus resultierende Unbehagen bei vielen Menschen durch Koketterie mit dem Thema oder durch Koseformen (im Dialekt, etwa in unserer Gegend ist "des Bimbosche" nicht notwendig abwertend gemeint) gebunden wird.

Zuletzt gibt es natürlich jene, die offen oder so latent fremdenfeindlich sind, dass man aus jedem Satz zum Thema die wahre Einstellung ablauschen kann. Aber diese Gruppe scheint mir doch recht klein. Sie wäre indes die einzige, die sich mit weißen "sozial Schwachen" solidarisch zeigen würde. nicht zuletzt, weil viele ihrer Mitglieder selbst "sozial schwach" sind (dieses "sozial schwach" hat es in sich, ist im Grunde ein unendlich menschenverachtendes, vernebeltes Gefüge).

Das mit der Volksgemeinschaft liegt mir ebenfalls ein wenig im Magen. Ich finde es nämlich vollkommen normal, dass es Menschen diffuse Angst macht, wenn sie ihre Kindheit und Jugend unter "Ihresgleichen" verbracht haben und dann "fremde" Menschen allmählich immer mehr werden. Ich kann auch jene "Bio-Deutschen" verstehen, die in Berlin Neukölln wohnen und gen Osten ziehen, weil da kaum Fremde wohnen. Denn nicht jeder ist so gefestigt, dass er sich mehr oder weniger allein unter Fremden wohlfühlt.

Angst steht hier Pate, bei den Rassisten ebenso wie bei deren Opfern. Diese Angst halte ich für durch die Ökonomie bedingt, also durch die Art des Wirtschaftens, der wir offenbar nicht Einhalt gebieten können. Es steht ein großer Umbruch an, das war schon vor Hitler klar. Die alten Rezepte fruchten nicht mehr, die Strohhälme werden dünner und zerbrechlicher. Und wie bei den alten Azteken führt Angst zum Darbringen von Menschenopfern.

Weniger Ungleichheit würde weniger Angst bedeuten und damit weniger Ressentiments. Der Rassismus erscheint mir in dieser Betrachtung eher als Symptom, denn als Ursache des Übels.

Andreas Exner, 2013-05-01, Nr. 5937

@mimenda:

Du fragst, "ob es nicht einen Unterschied macht, ob man als Schwarzer in den USA lebt oder in D oder A. In den USA hätte man Gesellschaft, in D und A nur Familie und Freunde."

Ich denke, es macht einen Unterschied. Studien haben herausgefunden, dass paradoxerweise der Gesundheitszustand von Angehörigen ethnischer Minderheiten (MigrantInnen) in einem Land besser ist, wenn sie unter ihresgleichen leben. Offenbar wirkt dann die rassistische Diskrimierung nicht ganz so unmittelbar. Das bestätigt übrigens erneut, dass die soziale Ungleichheit (in dem Fall in Form des Rassismus) den entscheidenden Einfluss auf den Gesundheitszustand ausübt, denn seltsamerweise ist der Gesundheitszustand der MigrantInnen besser, wenn sie in schlechter gestellten Vierteln aber "unter sich" leben im Vergleich zu relativ isolierten Angehörigen in besser gestellten Vierteln. Das ist klarerweise kein Plädoyer für Segretation, sondern zeigt, wie hart Rassismus wirkt.

Du schreibst:

"Anfang dieses Jahrtausends gab es 10 mal mehr neue AIDS-Fälle unter den Schwarzen, ein Viertel von ihnen war nicht krankenversichert, die Kindersterblichkeit lag doppelt so hoch (übrigens auch bei schwarzen Frauen mit höherer Bildung verglichen mit der weißen Vergleichsgruppe), 5 mal mehr schwarze Kinder wurden wegen Asthma stationär aufgenommen. Die Chance einer Schwarzen, an Adipositas zu erkranken, ist heute um 70% höher als die einer Weißen. Wie aber erklärt man solche Fakten?"

Bei Adipositas ist der enge und entscheidente ursächliche Zusammenhang mit der sozialen Ungleichheit sehr gut erforscht, bei Asthma kenne ich keine Literatur, auch nicht zu AIDS. Das Gesundheitssystem selbst leistet nur einen geringen Beitrag zum Gesundheitszustand, deshalb ist eher nicht zu erwarten, dass es statistisch eine besondere Rolle für die gesundheitliche Ungleichheit der Menschen etwa in den USA, die krass ist, ursächlich verantwortlich ist. Zudem zeigt sich der starke Effekt sozialer Ungleichheit auf die Gesundheit genauso in Ländern mit allgemeiner Krankenversicherung. Bei der Kindersterblichkeit ist ein enger Zusammenhang mit sozialer Gleichheit belegt. (Ursächlich wirkt hier offenbar vor allem das geringere Geburtsgewicht bei Müttern unter Stress, der eben vor allem durch niedrigen Status in sozial stark ungleichen Gesellschaften verursacht ist.) Das Sexualverhalten ist sicher tendenziell anders je nach Ungleichheit in einer Gesellschaft, zum Beispiel gibt es einen sehr engen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und dem Anteil von Schwangerschaften im Teenagealter. Weiters ist ein enger Zusammenhang zwischen Ungleichheit und dem Anteil psychischer Erkrankungen, darunter Suchterkrankungen bekannt. Man könnte also erwarten, dass AIDS dann bei höherer sozialer Ungleichheit auch häufiger in einer Gesellschaft auftritt.

Solche Gesundheitsgradienten bedeuten, dass mit jeder Stufe tiefer in der sozialen Hierarchie das Auftreten der Erkrankung zunimmt und die Größe des Gesundheitsindikators (z.B. Lebenserwartung) abnimmt. Sie sind also gerade nicht durch ein landläufiges Verständnis von "Armut" zu erklären, sondern laufen von "ganz oben" bis "ganz unten" in graduellen Abstufungen die soziale Rangordnung hindurch.

Du schreibst:

"Sicher kann man da den Rassismus nicht rausrechnen. Aber irgendwie, denke ich, müsste man ihn eingrenzen, wenn man nicht in Gefahr laufen will, ihn dadurch zu verniedlichen, indem man ihn überall draufklebt."

Statistisch kann man den Rassismus ganz sicher "rausrechnen", das wird ja in jeder medizinischen Studie gemacht, die Kausalzusammenhänge erforschen möchte.

Den Rassismus einzugrenzen geht ganz einfach: es ist bekannt, welche Gruppen rassistisch diskriminiert sind. Zum Beispiel zeigt sich das eben am Gesundheitszustand im Vergleich zu nicht rassistisch diskriminierten Gruppen gleichen Alters, gleicher Klassenlage und sonstiger vergleichbarer Eigenschaften. (Das nennt man dann in der Statistik das "Herausrechnen" eines Effekts: alle anderen Einflüsse als Erklärungsfaktoren mathematisch ausschalten.)

Du fragst: "Können wir ernsthaft behaupten, unsere Gesellschaft sei rassistisch und wenn ja, was stellt man sich konkret darunter vor?"

Diese Frage erstaunt mich wirklich. Wie kann man ernsthaft behaupten, unsere Gesellschaft sei nicht rassistisch? Was man sich konkret "darunter vorstellt", obliegt leider weniger der Vorstellung, sondern ergibt sich aus den Vorurteilen gegenüber Schwarzen, Indern, Türken, Roma, Juden, MuslimInnen etc. und den handfesten Diskriminierungen, die diese Menschen erfahren. Die weite Verbreitung von Rassismus ist übrigens in vielen Studien in Österreich, Deutschland und EU-weit statistisch sehr gut untersucht (dazu etwa Zick et al., "Die Abwertung der Anderen", Studie für die Friedrich Ebert Stiftung, online)

Die Gruppe rassistisch eingestellter Menschen ist leider nicht klein, sondern groß, in manchen EU-Ländern die Mehrheit.

Du meinst weiters:

"Ich finde es nämlich vollkommen normal, dass es Menschen diffuse Angst macht, wenn sie ihre Kindheit und Jugend unter 'Ihresgleichen' verbracht haben und dann 'fremde' Menschen allmählich immer mehr werden. Ich kann auch jene 'Bio-Deutschen' verstehen, die in Berlin Neukölln wohnen und gen Osten ziehen, weil da kaum Fremde wohnen. Denn nicht jeder ist so gefestigt, dass er sich mehr oder weniger allein unter Fremden wohlfühlt.

Angst steht hier Pate, bei den Rassisten ebenso wie bei deren Opfern. Diese Angst halte ich für durch die Ökonomie bedingt, also durch die Art des Wirtschaftens, der wir offenbar nicht Einhalt gebieten können. Es steht ein großer Umbruch an, das war schon vor Hitler klar. Die alten Rezepte fruchten nicht mehr, die Strohhälme werden dünner und zerbrechlicher. Und wie bei den alten Azteken führt Angst zum Darbringen von Menschenopfern.

Weniger Ungleichheit würde weniger Angst bedeuten und damit weniger Ressentiments. Der Rassismus erscheint mir in dieser Betrachtung eher als Symptom, denn als Ursache des Übels."

Dass der Rassismus aus der Angst entsteht, ist meiner Meinung nach nur teilweise richtig. Der Rassismus beruht auf autoritärem Charakter, der in einer Situation der Angst mit Rassismus reagiert. Andernfalls führt Angst als solche nicht zu Rassismus. Sie kann genausogut zu Solidarisierung, Organisierung, etc. führen.

Warum sich Menschen "fremd" und "unter ihresgleichen" fühlen, kann ich nicht verstehen. Ich fühlte mich in Österreich als "Österreich" nie "daheim" (bin hier geboren), geht mir aber auch an anderen Orten so. Ich kann mich bei lieben Menschen oder in schönen Landschaften oder in Gedanken oder in Musik "daheim fühlen", aber in einem Zufallsgebilde wie der Staat das ist?

Rassismus und Ungleichheit kann man denke ich nicht trennen. Es kann keine rassistische Gesellschaft der Gleichen geben. Umgekehrt kann es keine Gesellschaft der sozialen Ungleichheit ohne Rassismus geben, denn diese Gesellschaft ist eben der real vorfindliche Kapitalismus, und der ist wesentlich durch die "Abwertung der Anderen" (die man zuerst einmal überhaupt als "anders" definieren musste) ideologisch stabilisiert worden.

mimenda, 2013-05-04, Nr. 5938

@Andreas

Wir wissen oder glauben zu wissen, dass ca. 25% der Bevölkerung ein hermetisches Weltbild hat. Diese Zahl dürfte dem Prozentsatz an Rassisten entsprechen, welchen deutlich anzumerken sind, wes Geistes Kind sie sind. Nehmen wir zudem an, dass es nochmal 20% sind, bei welchen Rassismus latent vorhanden ist. Was aber ist mit dem Rest? Kann man sagen, eine Gesellschaft sei rassistisch, wenn 30-45% ihrer Menschen patent oder latent rassistisch sind?

Ich wohne und lebe ja nun einmal in D und kenne nicht nur meine Gegend, in die es seit jeher Einwanderung gab (in "Des Teufels General" gibt es eine bekannte Stelle über das Volk am Rhein) und deren Menschen man tolerant nennen kann (vgl. meinen Artikel auf Kaernoel: "Ein Schelm, wer Übles dabei denkt - Deutschland, peinlich Vaterland"). Ich kann die deutsche Gesellschaft beim schlechtesten Willen nicht für rassistisch halten. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass ich leugne, dass Rassismus in der deutschen Gesellschaft eine teils erhebliche Rolle spielt.

Das mit dem autoritären Charakter ist natürlich richtig. Aber dieser ist ja letztlich auch nur Produkt einer Angst, die über die Erziehung vermittelt ist. Diese Angst ist m.E. keine allgemeine, sondern eine soziale. Sie rührt aus dem un- oder halbbewussten Empfinden her, dass sich da etwas zusammenbraut, was uns überrollen und alles über den Haufen werfen wird. Wer zur Autorität um der Autorität willen Zuflucht sucht, der sucht Schutz.

Dieses Schutzbedürfnis klammert sich an Althergebrachtes, an die Idealisierung früherer Zustände, an Ideologien oder Religion. Das kann ich gut verstehen, auch wenn es mir - wie dir auch - wesensfremd ist. Aber wenn ich schaue, wie ich aufgewachsen bin und wie meine Kinder aufwachsen, dann liegt in den Möglichkeiten, mit anderen "Kulturen" Kontakt aufzunehmen, der Schlüssel zur Abwehr rassistischen Ressentiments. Meine Kinder gingen mit vielen Kindern mit "Migrationshintergrund" in die Kinderkrippe und in den Kindergarten. Die sind nichts anderes gewöhnt. Ferner hat jedes bereits ein Jahr im Ausland verbracht.

Ich hingegen kenne noch ein Land, das voller "Bio-Deutschen" war und weiß noch, wie interessant ich es fand, als langsam die "Gastarbeiter" kamen. Und wenn ich heute in Berlin-Neukölln bin, wo mein ältester Sohn wohnt, dann überfällt mich jedes Mal der Wunsch, Türkisch zu lernen. Dennoch kann ich verstehen, dass solch eine "türkische" Stadt inmitten Berlins Menschen Angst macht, wenn sie in ihrem Gepräge eine Vorlage für die ganze Gesellschaft sehen. Denn schließlich ist das sogenannte Prekariat in Deutschland im Gegensatz zur Mittelschicht nicht kleiner geworden. Dass sich die Angst vor dem Absturz dann auf jene projiziert, die man leicht als andersartig ansehen kann, ist für mich evident.

Ich denke aber nach wie vor, dass Ungleichheit auch der Unterschied zwischen gut situierten Wohlstandskindern und unterpriviligierten Kindern aus sogenannten bildungsfernen Familien ist, dass sie besteht zwischen Frauen und Männern, Andersartigen und Angepassten, Schlauen und Dummen, "Normalen" und Behinderten. In dieser Gesellschaft wirst du - entgegen anders lautender Propaganda - nichts, weil du besondere Fähigkeiten hast oder etwas leistest, sondern weil du zu den Priviligierten gehörst. Die Privilegien haben nun aber mit Rassismus nur am Rande zu tun. Und aus diesem Grund halte ich daran fest, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind, die zwar bei der Diskriminierung von "Fremden" zusammenspielen, aber dennoch auseinandergehalten werden müssen.

Den Rassismus könnten wir überwinden, indem wir die "Fremden" integrierten. Aber dadurch verlieren sich noch nicht die Privilegien, die m.E. auch auf der Angst beruhen, dass Ordnungen gefährdet sind und frischer Wind wehen könnte, wenn man den Begabungen und Charismen der Menschen freien Lauf ließe. Die Ängste, die beides antreibt, halte ich für ähnlich. Aber es ist eben doch etwas anderes, einen Menschen wegen seiner Hautfarbe abzulehnen oder ob man andere - oft unbewusste - Kriterien bemüht, um Menschen am Weiterkommen, also an der Teilhabe an jener Gesellschaftsschicht zu hindern, in der die Angst vor der Zukunft aus Wohlstandsgründen nur eine geringe Rolle spielt.

Andreas Exner, 2013-05-10, Nr. 5959

@mimenda:

Sicherlich hat soziale Ungleichheit viele Ebenen, geschlechtlich, rassistisch, über Bildung markiert etc.

Dennoch denke ich, dass sie im Kapitalismus die grundlegende Form des Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit hat. Das wird heute nur deshalb oft missverstanden - als ökonomistische Engführung oder gar traditioneller Marxismus - weil man sich schwer tut zu erkennen (wie übrigens gerade der viel gescholtene Traditionsmarxismus, paradoxerweise), dass die Lohnarbeit sich ja noch nicht selbst reproduziert, sondern dazu (1) die unbezahlten Tätigkeiten im Haushalt und im weiteren Bereich der Zivilgesellschaft benötigt, (2) auf einer weltweiten und eben rassistisch definierten Arbeitsteilung beruht.

Daher denke ich, dass man durchaus die westlichen Gesellschaften als strukturell rassistisch begreifen kann. Sie sind das Produkt des Kolonialismus, weil sie ohne der Ressourcen, die dieser nach Europa, in die europäisierten Amerikas usw. verschifft hat, nicht in heutiger Form existieren könnten. Der Kolonialismus wieder war (und ist) ohne Rassismus nicht denkbar.

Freilich hat der Rassismus heute, wo koloniale Beziehungen nicht mehr direkt gelten, sondern indirekten Charakter angenommen haben (Land Grabbing aktualisiert aber wieder die direkten kolonialen Formen), nicht immer biologistische Gestalt. Heute wird Rassismus häufig kulturell definiert. Die These, dass der Antiislamismus der in Europa vorherrschende Rassismus ist, hat m.M. einiges für sich. Und da geht es um einen kulturellen Rassismus (ob jemand praktizierender oder gläubiger Muslim ist oder nicht, ist dafür gänzlich unerheblich).

Andreas Exner, 2013-05-10, Nr. 5960

PS: Die westlichen Gesellschaften sind auch deshalb strukturell rassistisch, weil sie systematisch Menschen nicht-weißer Hautfarbe weitestgehend als "Fremde" behandeln und sogar systematisch dem Tod ausliefern (an den Grenzen der EU zum Beispiel, und auch zunehmend innerhalb davon). Die "Zivilisation" schützt ihre Grenzen, die "Barbaren" sollen schauen, wo sie bleiben und tunlichst nicht "zu uns" kommen. Das ist Rassismus, und er wird von fast allen "hier bei uns" ideologisch mitgetragen, auch deshalb ist diese Gesellschaft m.M. rassistisch, als Ganzes. Übrigens ist der Prozentsatz der antiislamisch eingestellten Menschen in Europa erschreckend hoch. Es ist eigentlich ein heute mehrheitlicher Rassismus, keineswegs ein Minderheitenphänomen, aber eben ein Kulturrassismus. Man müsste die genauen Zahlen bei Zick et al. 2009 nochmals nachlesen, meiner Erinnerung nach sind es an die 60, 70% in den meisten untersuchten Ländern der EU.

mimenda, 2013-05-18, Nr. 5964

Lohnarbeit beruht auf unbezahlter Tätigkeit und rassistischer Arbeitsteilung!

An diesem Satz, wenn ich ihn richtig paraphrasiert habe, wird mir klarer, was gemeint ist. Nur wird der Rassismusbegriff dadurch letztlich auf jedwedes strukturelle Unrecht im sozialen Bereich ausgedehnt. Denn es sind ja nicht allein die "Rassen" (die es ja genetisch bekanntlich nicht gibt), die benachteiligt sind, sondern die Menschheit ist letztlich zweigeteilt in Lohnabhängige und Nichtlohnabhängige oder Ausgebeutete und Ausbeuter, wenn man so will.

Wenn man die Friseusen mit Stundenlöhnen um die 5 EUR abfindet, dann ist das aber für mich kein Rassismus, sondern eine Schweinerei. Wenn die Arbeiter in Bangladesch unsere Klamotten nähen, dann ist das für mich Kolonialismus, ebenso wie die Verrammelung der EU-Außengrenzen.

Rassismus ist für mich, wenn in U.S.A. ein "Mischling" zum Präsidenten gewählt wird und alle sagen, es sei ein Schwarzer, wenn in Berlin ein Schwarzer von Nazis gejagt wird oder wenn der Nachbar dem schwarzen Postboten gegen allen Anschein unterstellt, er würde seine Arbeit nicht "anständig" machen.

Rassismus ist für mich nicht die Ungleichheit der Bezahlung oder der Lebensbedingungen (auch wenn dies im internationalen Kontext aus dem Kolonialismus herrührt). Rassismus ist für mich primär eine Empfindung, also etwas Subjektiv-Persönliches und objektiv-strukturell nur insofern, als die diachronen und synchronen gesellschaftlichen Bedingungen diesen entfachen und befeuern.

Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus, Antiziganismus, Homophobie, das ist alles ein und dieselbe selbstgekochte Soße, die keine Zutaten duldet, die ihr - ohne Rechenschaft darüber ablegen zu können - supekt erscheinen. Diese Soße braucht stets irgendwas, das ihr suspekt ist, um sich selbst nicht suspekt zu werden. Ihre Hauptzutat sind Ressentiments, ihre Köche sind Neid, Minderwertigkeitsgefühl und Angst.

Mir würde es jedenfalls besser gefallen, die Bedingung der Möglichkeit dieser Soße zu untersuchen und ihre Zutaten überall da aufzuspüren und zu deklarieren, wo wir sie nicht vermuten, statt durch das Label "Rassismus" (also durch die Fokussierung auf das Andersaussehen) zu suggerieren, dass nur eine manifeste Minderheit damit etwas am Hut habe.

That's the best answ, 2016-01-27, Nr. 6440

That's the best answer by far! Thanks for cortinbuting.

Pd, 2016-04-18, Nr. 6444

Alles großes gequatsche, egal wie arm, oder diskriminiert, weil schwarz oder weiss, oder islamische Frau, ohne Recht auf Führerschein ,reicher Yachtbesitzer, Bankbeamter, normaler unnormaler Durchschnittsmensch, es bleibt immer die eigene Haltung- oder besser gesagt, die innere Würde, welche uns erst zum Menschen macht.
Dann spielt Haarfarbe, Geschlecht usw keine Rolle mehr...
Findet Eure innere Würde-Menschheit!

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