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Hans Haider

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2012-11-19

Szenische Lesung des Vereins “Erinnern-Villach”

SPRECHER A

Schon vor dem Anschluss an Nazi-Deutschland im März 1938 gab es einen weitverbreiteten und hasserfüllten Antisemitismus in Kärnten.
  1. Im Jahre 1922 hat der Villacher Alpenverein auf dem Gipfelhaus am Dobratsch eine Tafel angebracht mit der Inschrift : „Für Juden und Hunde Eintritt verboten“.
  2. Im Jahre 1933 beging der jüdische Mathematiklehrer Ernst Singer des Villacher Peraugymnasiums Selbstmord, weil er die andauernden rassistischen Beschimpfungen seitens einiger Kollegen nicht mehr ertragen konnte. Mit einer Pistole erschoss er sich im Konferenzzimmer.
  3. Dem Villacher Leopold Fischbach gelang 1938 die Flucht in die USA. Von 1923 bis 1927 besuchte er die Unterstufe des Peraugymnasiums. In seinen Erinnerungen schilderte er sehr eindringlich die täglichen Schikanen, denen ein jüdischer Schüler in Villach damals ausgesetzt war. Der tägliche Weg von der Klagenfurterstraße über den Hauptplatz zur Schule war für den 11-jährigen Leopold ein einziger Spießrutenlauf. Von seinen Mitschülern wurde er andauernd verspottet: „ Jüdchen Jüdchen hed hed hed Schweinefleisch macht dick und fett“. In der Folge mied er den Hauptplatz und benützte Seitengassen um in die Schule zu kommen.
  4. Im Jahre 1933 forderte der Villacher Turnverein seine Mitglieder dazu auf nicht bei Juden zu kaufen: „Jeder Groschen, der zu einem Juden getragen wird, hilft mit, die jüdische Macht zu stärken. Deutsches Geld, durch Arbeit deutscher Hände, gehört wieder in deutsche Hände“.

Sprecher B

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Großdeutsche Reich kam es in Kärnten zu weiteren massiven Diskriminierungen und Einschränkungen gegenüber den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern. Der Besuch von höheren Schulen wurde ihnen verboten, in bestimmten Berufen durften sie nicht mehr arbeiten.
Dem Villacher Rechtsanwalt Marzell Glesinger wurde unmittelbar nach dem Anschluss die Ausübung seines Berufes verboten. Seine Kanzlei am Hans Gasser Platz musste er schließen. Mit seiner Frau Sophie, seiner fünfjährigen Tochter Sascha und seinem zweijährigen Sohn Eduard emigrierte er nach Palästina, wo er als Nachtportier und Gelegenheitsarbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente. Er kehrte nie mehr nach Villach zurück.
In der folgenden Zeit gehörten Verhaftungen, Beschlagnahmungen jüdischen Eigentums, Sperrungen jüdischer Geschäfte und die Auflösungen jüdischer Vereine zum Alltag. Sogar Freunde und Bekannte bemühten sich fortan, den Kontakt mit ihren jüdischen Mitbürgern zu meiden. Die Ausgrenzungen nahmen ihren Lauf.


SPRECHER C

Verlautbarung vom Juni 1938. Was ist ein jüdischer Gewerbebetrieb. Erschienen in der Tageszeitung Freie Stimmen.
Weil es für Parteimitglieder, für Beamte und für Mitglieder aller Gliederungen der nationalsozialistischen Bewegung verboten ist bei Juden einzukaufen und weil bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen der Begriff des jüdischen Gewerbebetriebes sehr wichtig ist, ist nunmehr eine eindeutige Entscheidung über diese Frage ergangen:
  1. Ein Betrieb ist dann als jüdisch anzusehen wenn der Inhaber ein Jude ist.
  2. Eine Aktiengesellschaft ist bereits dann als jüdisch anzusehen, wenn im Vorstand oder Aufsichtsrat auch nur ein Jude vertreten ist.
  3. Die jüdischen Gewerbebetriebe werden in Listen zusammengefasst und diese zur Einsichtnahme für jedermann offengelegt. Somit hat jeder Volksgenosse die Gelegenheit sich darüber zu unterrichten, ob ein Geschäft jüdisch ist oder nicht.
  4. Jüdische Betriebe, die sich in absehbarer Zeit nicht arisieren lassen, müssen ein besonderes Kennzeichen führen.

SPRECHER D

Der Villacher Otto Friessner war damals 15 Jahre alt. Er erinnert sich: Bald nach dem Anschluss sind alle jüdischen Geschäfte gekennzeichnet worden, indem man JUDE auf das Geschäft hinaufschrieb. Leute, die es trotzdem wagten bei Juden einzukaufen wurden zur Rede gestellt. Einmal habe ich beobachtet wie man drei oder vier Leute den Hauptplatz hinunter führte. Sie hatten alle eine Tafel umgehängt auf der geschrieben stand: „Dieses arische Schwein kauft bei einem Juden ein“ .


Sprecher A

Paris am 7. November 1938: Der 17jährige Jude Herschel Grynszpan, dessen Eltern Ende Oktober 1938, zusammen mit 12000 Jüdinnen und Juden, nach Polen deportiert wurden, verübte ein Schussattentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. In einer Abschiedskarte an seine Eltern schreibt er:
„ Meine lieben Eltern!
Ich konnte nicht anders tun, soll Gott mir verzeihen, das Herz blutet mir wenn ich von eurer Tragödie und 12000 anderen Juden hören muss. Ich muss protestieren, dass die ganze Welt meinen Protest hört, und das werde ich tun, entschuldigt mir“ .
Zwei Tage später stirbt Ernst von Rath. Noch am selben Abend hält Propaganda Minister Göbbels eine antijüdische Hetzrede in der er die Bevölkerung zu Aktionen gegen Jüdinnen und Juden anstachelt. Anschließend gaben die SA-Führer entsprechende telefonische Anweisungen an ihre Mannschaften durch und in der Folge kam es im gesamten Deutschen Reich zu einer ungeheuren Welle der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden. Systematisch zerstörte der Nazimob jüdische Geschäfte und Wohnungen. Dabei kam es auch zu tätlichen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung. Allein in Wien wurden 27 Juden ermordet. Beinahe alle Synagogen wurden zerstört und niedergebrannt, die Schaufenster wurden eingeschlagen und die Geschäfte geplündert. Jüdinnen und Juden wurden gedemütigt, verspottet, geschlagen, verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Etwa 30 000 Juden wurden festgenommen und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen eingeliefert. Hunderte von ihnen sind in den Konzentrationslagern zu Tode geschunden worden.


Sprecher B

In Österreich begannen die Ausschreitungen einen Tag später am Morgen des 10. November. 4600 Wiener Juden wurden nach Dachau deportiert. Auch in Kärnten, vor allem in Klagenfurt und Villach, kam es in diesen Tagen zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden und deren Eigentum. Zerstörung von Besitz, Enteignung und tätliche Attacken prägten auch in Villach und Klagenfurt das Bild dieser Tage. Erstmals wurde der Bevölkerung die Verfolgungspolitik und Brutalität des NS-Regimes direkt vor Augen geführt. Das Ausmaß der Barbarei übertraf alles Bisherige. Die Hoffnung, mit der Zeit würde die Hetze gegen die Juden nachlassen, war nun endgültig gebrochen. Nun war klar, es wird kein Entrinnen geben. Wer Jude oder Jüdin war saß endgültig in der Falle. Das ganze Reich war Feindesland, war Todeszone. Das Judenpogrom November 1938 war der Auftakt zum bürokratisch organisierten und fabriksmäßig durchgeführten Massenmord an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und behinderten Menschen.


Sprecher C

Der Villacher Jude Leon Zwerling war zur Zeit des Novemberpogroms 72 Jahre alt. Der pensionierte Eisenbahner besaß ein Haus am Oberen Heidenweg Nr. 34. Um Kärnten judenfrei zu machen, musste er 1942 nach Wien übersiedeln. Von Wien aus organisierte Adolf Eichmann die Deportationen in die Konzentrationslager. Leon Zwerling war nicht darunter, er hatte Glück und kehrte im Oktober 1945 nach Villach zurück.
Beim Villacher Bezirksgericht schildert er die Ereignisse des Novemberpogroms: Am Nachmittag des 10. November 1938 erschien bei mir im Garten der Kaufmann Franz Wutte, der Malermeister Friedrich Meyer, der Arbeiter Hubert Latterer, und ein gewisser Hans Triebelnig. Ich war damals gerade im Garten beschäftigt. Der Malermeister Friedrich Meier forderte mich mit den Worten „Jude gib die Waffen heraus“ zur Waffenabgabe auf. Ich erwiderte, dass ich keine Waffen habe und dass sie beruhigt meine Wohnung nach solchen durchsuchen können. Es begaben sich dann alle in meine Wohnung im ersten Stock. Auf die neuerliche Aufforderung zur Herausgabe von Waffen, beteuerte ich keine zu besitzen, worauf Friedrich Meier das Kommando los gab. Alle vier Personen machten sich dann daran, meine Wohnungseinrichtung zu zerstören. Es dauerte kaum eine halbe Stunde und die gesamte Wohnungseinrichtung war demoliert. Sie haben nicht nur Einrichtungsgegenstände, sondern auch Geschirr, Lebensmittel und dergleichen vernichtet. Außerdem wurden Gläser mit Eingekochtem vernichtet. Nach diesem Zerstörungswerk sind sie wieder fort und haben hinter sich die Wohnungstür abgesperrt, sodass ich mit meiner Frau genötigt war, die Wohnung über den Balkon zu verlassen. Meine Frau ist 66 Jahre alt und ich bin schon 75 Jahre. In der Folge musste ich mit meiner Frau, da wir gar keine Betten hatten, mehrere Tage auf dem Boden liegen. Später erhielten wir von Verwandten Betten und Geschirr.


SPRECHER D

Auch Kärntner Juden wurden nach dem Anschluss und im Zuge des Novemberpogroms von der Gestapo verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.
Berthold Altmann aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Leopold Blau aus Villach in das KZ Buchenwald
Heinrich Bibring aus Klagenfurt in das KZ Dachau
David Fleischmann aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Max Fischbach aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Ignaz Friedländer aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Elias Friedländer Elias aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Emil Friedländer aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Simon Friedländer aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Friedrich Harnisch aus Völkermarkt in das KZ Dachau
Georg Krammer aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Heinrich Lilien aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Erich Loewe aus Villach in das KZ Dachau
Jakob Müller aus Klagenfurt in das KZ
Emil Preis aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Felix Preis aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Robert Preis aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Simon Reinisch aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Hermann Schaier aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Mathias Spierer aus Völkermarkt in das KZ Dachau
Josef Sternschuß aus Villach in das KZ Dachau
Ignaz Stößl aus Klagenfurt in das KZ Dachau
Moritz Zeichner aus Klagenfurt in das KZ Dachau


SPRECHER A

Jene Kärntner Jüdinnen und Juden, denen die Flucht gelungen war, überlebten das nationalsozialistische Regime in unterschiedlichen Ländern. Nach Kriegsende kamen nur wenige von ihnen nach Österreich zurück. Die Verletzungen waren zu groß. An eine Rückkehr in jenes Land, in dem man ermordet werden sollte und wo oft ein Großteil der Familienangehörigen getötet worden war, war nicht zu denken. In Kärnten wurde keine neue jüdische Kultusgemeinde eingerichtet Das jüdische Leben war vollkommen zerstört worden. Heute erinnern nur mehr der jüdische Friedhof in Klagenfurt und eine Gedenktafel am Ort des früheren Bethauses in Klagenfurt an die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Kärnten.

Quellen: Archiv der Gedenkstätte KZ Dachau. Landesarchiv, Strafakten Sch 196 Vr 463-46. Brief von Leo Fischbach vom 14. August 2005 an den Autor. Gespräch des Autors mit Otto Friessner im Oktober 1998. Archiv des Peraugymnasiums. Lisa Rettl/Werner Koroschitz, Ein korrekter Nazi, Oskar Kraus NS-Oberbürgermeister von Villach, 2006 Edition kärnöl. Werner Koroschitz/Lisa Rettl, „Heiss umfehdet, wild umstritten…“ Geschichtsmythen in Rot-Weiß-Rot, 2005 Drava Verlag Klagenfurt/Celovec.

Hans Haider, Oktober 2012
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