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Andreas Exner

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2011-06-11

Welt ohne Geld

Die Mehrfachkrise von Klima, Energie, Hunger und politischer Legitimität zeigt immer deutlicher: so darf es nicht weiter gehen. Viele haben jedoch die Illusion, eine andere politische Regulierung würde reichen und das Ruder schon noch herumreißen. Dem ist nicht so. Eine Welt ohne Geld ist möglich. Und für unser Überleben notwendig.

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Geld existierte lange vor der kapitalistischen Produktionsweise, worin die Lebenszeit zu einer Ware Arbeitskraft formiert und in der Produktion ausgebeutet wird. Doch macht es, wie Karl Polanyi feststellte, einen entscheidenden Unterschied, ob man eine „Wirtschaft mit Märkten“ vor sich hat oder eine „Marktwirtschaft“ im heutigen Sinn. r Wirtschaftshistoriker können sogar zeigen, dass das, was etwa in der Antike unter „Markt“ verstanden worden ist, mit unserem heutigen Markt nicht viel zu tun hatte. Sogar wenn wir vom Arbeitsmarkt, der damals nicht existierte, einmal absehen.

Geld ist Fremdheit

Märkte und damit Geld spielten in früheren Zeiten dort eine Rolle, wo die Ränder von Gemeinwesen, die einander fremd waren, aneinander stießen, wie Karl Marx bemerkte. Die einzelnen Wirtschaftseinheiten selbst waren weitgehend autonom. Gehandelt wurden zuerst vor allem Luxusgüter für den Adel, später auch gelegentliche Überschüsse der autonomen Wirtschaftseinheiten. Gemeingüter spielten eine entscheidende Rolle in Europa. So wurden Wiesen zumeist gemeinsam genutzt, manche kennen heute noch den Begriff der Allmende dafür. Und die früheren Gemeingüter existieren nach wie vor mit einer bedeutenden Flächenausdehnung in Form von r Wald- und Agrargemeinschaften, etwa in Österreich.

Geld ist also Ausdruck und Ergebnis wechselseitiger Fremdheit. Ab dem Moment, wo es in die Gemeinwesen selbst Einzug hält, verallgemeinert sich eine existenzielle, fundamentale Fremdheit. Wir werden einander fremd.

Diese Fremdheit ist Ergebnis des gesellschaftlichen Sündenfalls der r Enteignung. Man trennt die Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land, sie werden vertrieben, ins Nichts gestoßen. Damit entsteht das Kapital als eine Macht über die Produktion. Es wird mächtig, weil andere ohnmächtig gemacht werden. Das Geld als allgemeines Mittel des Stoffwechsels, scheinbar harmlos, trägt diese Spur der Enteignung, der Gewalt, immer mit sich. Das Geld selbst ist nicht nur eine Gewalt, sondern ist schlicht: Gewalt. Wer kein’s hat, kommt um. So wie jene um ihr mehr oder weniger gutes Leben und häufig auch um ihr Leben überhaupt kamen, die dem Geld im Weg standen. Dies setzt sich, mit gesteigerter Sprengkraft, bis heute fort.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Geld und Tausch zusammengehören. Austausch im Sinn von Geben und Nehmen ist Teil der menschlichen Existenz. Tausch jedoch, im Sinn eines gleichwertigen, bedingten Gebens und Nehmens, ist eine sehr spezifische Form des Austauschs, des Stoffwechsels. Der Tausch folgt der Logik von: „Du bekommst genau so viel wie Du gibst“ und „Du bekommst nur das, was Du gibst“ sowie „Ich gebe nur und genau so viel wie das, was ich bekomme“.

Eine verpflichtende Beziehung des Gebens und des Nehmens, die auf Aushandlung beruht, ist kein Tausch, sondern Austausch, ganz einfach Stoffwechsel, wie die Lunge mit der Atmosphäre in einem Austausch steht. In einer Welt ohne Geld wird weiterhin gegeben und genommen. Jedoch sind Geben und Nehmen nicht gleichwertig. Denn ohne die gewaltsame Vergleichung des Unvergleichbaren durch das Geld gibt es keine Gleichwertigkeit.

Und Geben und Nehmen sind nicht bedingt, weil das Geben seinem Charakter nach unbedingt ist, es ist eine Leidenschaft des Menschen, unser Wesensgrund. Und im Übrigen, was vielleicht keine kleine Sache ist, die Voraussetzung des Überlebens des Menschen als biologischer Art. Das hindert freilich nicht, Lösungen für praktische Probleme der Aufteilung von Tätigkeiten mit einer relativen Stabilität zu versehen, mit Vereinbarungen in Gestalt spezifischer Kooperationen, wie sie etwa zwischen einer Stadt und ihrem Umland denkbar sind.

Dass der Tausch die bestimmende Art des Stoffwechsels, von Geben und Nehmen zwischen uns wird, ist auf das Geld zurückzuführen. Ebenso wie sich das Geld aus dem Tausch als der bestimmenden Form des Stoffwechsels, von Geben und Nehmen, ergibt. Das ist auch der einfache Grund, warum Tauschkreise r keine Alternative zu Marktwirtschaft und Kapitalismus darstellen.

Die existenzielle, fundamentale Fremdheit, die das Geld stiftet und verkörpert, ist umso dramatischer, als die heutige Gesellschaft ja überhaupt keine einander fremden, heimelig-lokalen Wirtschaftseinheiten mehr kennt. Mit Ausnahme einiger Regionen im globalen Süden, und auch dort nur eingeschränkt. Über den Weltmarkt sind alle mit allen verbunden, ob sie wollen oder nicht. Das macht sich in den wiederkehrenden Krisen, zuletzt im Einbruch von 2008, schlagend bemerkbar.

Es ist gerade die strukturelle Fremdheit, die das Geld zwischen den Menschen stiftet, die mit der Tatsache allseitiger Vernetzung im Weltmaßstab aufs heftigste in Widerspruch gerät. Dieser Widerspruch äußert sich in den Krisen.

Geld ist eine Projektion

Die Menschen sind in der Geldwirtschaft, dem Kapitalismus, einander so fremd geworden, dass sie sich ohne den Besitz von Geld nicht einmal mehr als Menschen, geschweige denn vollgültige Menschen anerkennen. Wir tragen mit dem Geld, sagt Marx, die Gesellschaft quasi in der Tasche mit uns herum. Die Gesellschaft, die ja eigentlich wir und nur wir als Menschen selbst erschaffen und bilden, wird zu einem Ding, das wir angreifen können. Das Geld gilt so als der Ausweis unserer Menschlichkeit, die ja in der Teilhabe an der Gesellschaft, in den sozialen Beziehungen besteht. Wer kein’s hat, der und dem muss es gegeben werden oder durch Raub anheim fallen. Ohne Geld sind alle nichts.

In der Psychologie ist ein solcher Mechanismus als Projektion bekannt: die eigenen Triebkräfte und Leidenschaften werden in ein fiktives Außen halluziniert. Wer zum Beispiel seine eigene Kraft unterdrückt, projiziert sie nach außen. Alle anderen erscheinen dann als kraftvoll und mächtig, während man sich selbst kraftlos und ohnmächtig fühlt. Man kennt solche Beispiele vielfach aus dem Alltag: der eigene Ärger wird aus Höflichkeit unterdrückt, dafür fährt man die nächstbeste Person an, warum sie denn so grantig dreinschaue; oder: man ängstigt sich im Halbdunkel und sieht deshalb in jedem Schatten einen Geist. Auch die intensive Verliebtheit erwächst aus der eigenen Liebe, die sich an einer Person entzündet und sie in die leuchtendsten Farben taucht, so als würde sie aus ihrem eigenen Inneren erstrahlen.

All das bewirkt der Mechanismus der Projektion.

Nichts anderes ist dafür verantwortlich, dass uns das Geld allmächtig erscheint. Es ist die Projektion unserer Kräfte der Kooperation in ein Ding, das im zweiten Schritt wie mit Magie begabt erscheint. In dieser Magie erblicken wir uns selbst und wissen es nicht.

Die Befreiung des Menschen ist ein Prozess der Rücknahme von Projektionen, damit wir das als uns selbst erkennen, was wir auch selbst erschaffen. Dies ist notwendig, damit es uns nicht so geht wie dem Zauberlehrling in Goethes Faust. Ändern können wir nur, was wir selbst bewirken. Das Geld gehört dazu. Verstehen wir also Befreiung als einen Weg fortschreitender Integration dessen, was wir von uns abspalten, dann ist die Rücknahme des Geldes in die ihm zugrundeliegende Kraft der gesellschaftlichen Kooperation ein folgerichtiger Schritt. Angesichts der Mehrfachkrise ist er zwingend.

Doch ist das Geld keine bloße Einbildung, wie das bei einer individuellen psychischen Projektion der Fall ist. Es ist eine kollektive Halluzination, die umso größere Festigkeit erlangt, je mehr wir unser einzelnes Überleben und Leben daran ketten, Geld zu bekommen und ausgeben zu können. Selbst die Götter der Antike waren, wie Marx bemerkt, real, weil alle daran glaubten. Um wieviel mehr gilt dies für das Geld, das keinen Glauben abverlangt, sondern nur die eigene Angst benötigt, im Gefängnis zu landen und in der Tabuzone der Gesellschaft, wenn eins nicht zahlt für das, was eins braucht und sich nicht verkauft für das, was eins kauft.

Es ist der Staat, der den Eingang zu diesem Höllenreich des Marktes hütet wie weiland der Cerberus das Tor zur Unterwelt. Wer seine Regeln nicht beachtet, wird bestraft mit Verbannung oder Vernichtung.

So ist es eben keine Frage eines nur inneren Wandels, wie sich das manche zurecht legen wollen, am Ausgang eines Supermarktes nicht mehr zahlen zu müssen, sondern schlicht das nehmen zu können, was man zum Leben braucht. (Das wäre dann freilich auch kein Supermarkt mehr, super vielleicht, aber kein Markt.)

Geld: aus einem Übel entspringen viele

Verstehen wir die Geldbeziehung als ein allseitiges, existenzielles Einander-Fremd-Werden, eine fundamentale Trennung voneinander, so lassen sich im Grunde alle anderen ihrer Eigenschaften und Folgewirkungen verstehen. Die Einsicht in den Mechanismus der Projektion hilft zu erkennen, warum die Geldbeziehung trotz allen Elends bisher so stabil blieb und wo daher die Ansatzpunkte einer Welt ohne Geld liegen.

Das Phänomen der wiederkehrenden Krisen wurde oben bereits erwähnt.

Weiters folgt aus der Geldbeziehung, dem strukturellen Einander-Fremd-Werden und der damit einhergehenden Projektion der gesellschaftlichen Macht in ein Ding das scheinbar endlose Wachstum der Geldwirtschaft. Es entspringt aus dem Umstand, dass das Geld als solches die überragende Form des Reichtums, pure soziale Macht, absolute gesellschaftliche Anerkennung repräsentiert. Und dass jede bestimmte Menge Geldes diesem absoluten, totalen, puren, endlosen Anspruch Hohn spottet – dass jede bestimmte und damit kläglich begrenzte Menge Geldes danach zu rufen scheint, in die Fluchtlinie des Endlosen, das Totalen, das Puren und Absoluten, deren immer erneuerter, niemals zureichender Anfangspunkt es ist, vermehrt zu werden. Profaner gesagt: weil man Geld nicht essen kann, macht es niemals satt. Und weil wir ohne Geld nichts sind, müssen wir seiner habhaft werden. Je mehr, umso besser. Daraus ergeben sich Drang und Zwang des Wachstums von Kapital. Und, wie wir in den verelendeten Regionen dieser Welt sehen müssen, der Umschlag der ökonomischen Konkurrenz um das Geld in den Totschlag.

So wie das Geld rücksichtslos ist gegen uns, weil wir rücksichtslos gegeneinander sind, ist es rücksichtslos auch gegen die konkreten Bedürfnisse, die zu befriedigen wir fähig sind. Es ist ebenso rücksichtslos gegen ökologische Beschränkungen, die sich selbst aufzuerlegen der Menschheit dienlich wäre. Deshalb wird nur produziert, was auch Profit produziert. Und deshalb wird alles produziert, was Profit bringt. Diese strukturelle Rücksichtslosigkeit des Geldes gegen uns und die Natur ist nur eine andere Erscheinungsweise des strukturellen Einander-Fremd-Werdens, das es verkörpert und auf immer höherer Stufenleiter fortschreibt.

Welt ohne Geld

Not tut also eine Welt ohne Geld und ohne Tausch. Das ist eine Welt, die auf allseitiger Kooperation beruht. Darin mag es weiterhin Wettbewerb um Schönheit, gute Texte, interessante Ideen, schnellere Läufe und höhere Häuser geben. Was es darin definitiv nicht gibt, ist jedoch die Konkurrenz um das Überleben, das in dieser Gesellschaft vom Geldbesitz abhängt, der notwendig unsicher, unzureichend, ungleich bleiben muss.

Kooperation alleine ist zu wenig. Viel zu wenig. Denn Kooperation ist dem Kapitalismus, der Marktwirtschaft, ja eingebaut. Sie ist tagtägliche Praxis in den Büros, Fabrikshallen, den Konzernen und Konzernchen dieser Welt. Sie ist tagtägliche Praxis übrigens auch in den Parteien, Regierungen, Ministerien. Auch im Ehrenamt, in den sozialen Bewegungen und den Milliarden von Haushalten dieser Erde. Kooperation ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, Kooperation über jenen Punkt hinweg zu verbreitern, wo sie lediglich der Konkurrenzfähigkeit dient. Dieser Punkt, ein springender Punkt, markiert die Grenze zwischen einer Welt mit und einer r Welt ohne Geld.

Es ist die Grenze zwischen Leben und Elend.

Zuerst erschienen auf r www.social-innovation.org

Zum Thema auch:
Andreas Exner, r Mythos Geld. Ein Diskussionsanstoß in 5 Akten

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