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2010-04-04

Lachen über Hitler

Der politische Witz im Nationalsozialismus

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„Das Misstrauen gegenüber dem Witz ist der Anfang der Tyrannei.“
Edward Abbey

Der politische Witz im Nationalsozialismus als Aufzeigemittel politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Missstände wurde ob seiner im 1934 beschlossenen „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen" der NSDAP festgelegten Strafen entgegen vieler Meinungen nicht nur von Gegnern des Nationalsozialismus als sogenannte Flüsterwitze in die Öffentlichkeit getragen, sondern oft auch direkt von Mitgliedern der nationalsozialistischen Politik untereinander selbst erzählt. Klar gezeigt u.a. im semihistorisch gehaltenen Film „Jud Süss – Film ohne Gewissen" (2010), in dem man ein hochrangiges SS-Mitglied in kameradschaftlicher Runde Flüsterwitze zum Besten gibt, sehr zum Vergnügen seiner Kumpanen. Exzessive Selbstironie als Ausdruck der deutschen Verzweiflung, vor allem nach der Schlacht um Stalingrad an der Jahreswende 1942/43, bedeckte nun auch vermehrt Soldaten und Offiziere in den eigenen Reihen, nicht selten sogar politische Repräsentanten – in solchen Positionen gewissermaßen über dem Gesetz stehend. Auch oder gerade deshalb kaum verwunderlich, wenn Personen, die durch Erzählen von Flüsterwitzen des Heimtückengesetzes angeprangert wurden, vorwiegend aus unteren sozialen Schichten entstammten. Ausgeforscht wurden jene Personen, sogenannte „Volksschädlinge", durch das ausgeklügelte, denunziatorische, nationalsozialistische Spitzelwesen, das eine Verunmöglichung jeder Form des Widerstandes gegen das totalitäre Regime zur Aufgabe hatte – Denunziation, Angst und Schrecken avancierten zu einem Massenphänomen. Die daraus entstandenen schwarzhumorigen Witze „Schweigen ist Gold und Reden ist Dachau" sowie „Müller fragt: ,Was gibt es für neue Witze?' Worauf Schulz antwortet: ,Sechs Monate KZ'" schmähten die zunehmende Rationierung der Sprechfreiheit im deutschen Reich und die Tatsache der des Reiches vorsätzlich verursachter Verunsicherung des Volkes zur uneingeschränkten Machtausübung infolge pervertierter Ordnung der nationalsozialistischen Sicherheitsorgane: „Ein Mann wird nachts in einer dunklen Gasse von einem Räuber überfallen. ,Sofort die Brieftasche her!', sagt der Unbekannte. ,Sie haben mir aber einen Schrecken eingejagt', sagte der Mann erleichtert. ,Ich glaubte schon, Sie wären von der Polizei'".

Einen Nährboden für viele weitere Witze bildeten natürlich die „Protagonisten" des Dritten Reiches selbst: das Bild des Ariers in Gegenüberstellung der Figuren Hitler, Goebbels, Göring und Röhm wird in folgendem Witz durch das große Kontrastreichtum umweglos zur bitter-traurigen Karikatur der Welt in der Welt geneckt:
„Wie sieht der ideale Deutsche aus? Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring und keusch wie Röhm".

Auch der Fanatismus nach Glorifizierung und Idealisierung des Führers und dadurch entstehende Rituale wie der Hitlergruß bat anhaltend Gelegenheit zur „Verunglimpfung":
„In einer Kärntner Schule fehlt das Hitlerbild. Endlich wird es in einem Kasten gefunden. Entrüstet sagt die Lehrerin: ,Wie oft hab' ich euch schon gesagt, der Führer gehört nicht eingesperrt, sondern aufgehängt'",
„Der deutsche Gruß ist zu erweisen durch die - aufgehobenen - Rechte!",
„‘Warum schreien in Deutschland jetzt alle Leute so laut Heil Hitler?‘, fragte einer. Er erhielt die Auskunft: ‚Weil sie in Deutschland keinen guten Tag mehr kennen‘“
oder „Ein Arzt trifft einen bekannten Chirurgen: ‚Heil Hitler!‘ begrüßt der Arzt seinen Kollegen. – ‚Aber nein‘, winkt dieser ab, ‚heil‘ du ihn doch‘“.

Auch politische Fehltritte – im Falle des deutschen Reiches also die gesamte politische Landschaft – boten unentwegt Stoff zum satirischen Infragestellen des deutschen Nationalsozialismus:

Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, der am 10. Mai 1941 in Eigenregie nach England reiste, um Friedensverhandlungen aufzunehmen, dort allerdings als Kriegsgefangener inhaftiert wurde, wurde daraufhin von Hitler als wahnsinnig und psychopathisch bezeichnet. Bald darauf erzählte man sich:
„Im KZ treffen sich zwei alte Bekannte. ‚Warum bist du denn hier?‘ – ‚Ich habe am 5. Mai gesagt: Hess ist verrückt. Und du?‘ – ‚Ich habe am 15. Mai gesagt: Hess ist nicht verrückt‘“. Eine Dame soll einige Tage nach Hess‘ Aktion ein Inserat in einer Tageszeitung geschaltet haben: „Brauner Wellensittich entflogen“.

Eine Gefangennahme des Reichsführer-SS und Reichsinnenministers Heinrich Himmler durch die Engländer wäre anstelle der des Rudolf Hess einigen offenbar lieber gewesen: „Ein ‚Volksgenosse‘ zu Himmler: ‚Wie der Hess nach England geflogen ist, war das h(a)esslich. Wenn Sie es aber täten, wäre das himmlisch“‘.

Hermann Göring, der im Dritten Reich unzählige Funktionen inne hatte, bat nicht nur aufgrund seiner korpulenten Figur immer wieder Anlässe zu Witzeleien unter dem Volk. Der Spruch „Gestern hab ich Göring in der Leipziger Straße gesehen“, sagt ein Bürger zum anderen. „So?“, erwidert dieser. „Wo hat’s denn da gebrannt?“ stellt eine Anspielung auf seine maßgebende Beteiligung am Reichstagsbrand auf dem Wege zur Ausschaltung des Parlaments im Jahr 1933 dar, die er öffentlich vehement bestritt.

Weil durch die deutsche Propaganda eine Reihe von Tatsachen durch eine hemmungslose Fälscherpraxis im „deutschen Sinne“ umgemodelt und wirkungsvoll beleuchtet wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die deutsche Propaganda unter Goebbels nicht mehr mit der politischen Realität vereinbaren ließ. Goebbels war fanatischer Verfechter des sogenannten „Endsieges“ – selbst dann, als der Krieg schon mehr oder weniger entschieden war. Seine Figur, die von einem angeborenen Klumpfuß geprägt war, verband man geschickt mit seinem politischen Verständnis, resultierend das Sprichwort „Lügen haben ein kurzes Bein“. Die Reichskulturkammer, die Goebbels unterstellt war, wurde im Geheimen „Reichskulturjammer“ genannt.

Nicht selten mit Judenwitzen – also streng genommen antisemitischen Witzen – verwechselt wird der jüdische Witz, laut Siegmund Freud eine eigentümliche Frucht in der Geschichte des Judentums, in diesem Falle die des Holocausts: „Durch eine prüfungsreiche Geschichte und ihre jahrhundertelange Minderheitenrolle waren die Juden gezwungen, sich immer wieder selbstkritisch zu prüfen. (…) Kein Volk habe sich dadurch selbst so ironisiert und verulkt wie das jüdische.“ Nach der Ermordung des deutschen Botschaftsbeamten Ernst vom Rath durch den jüdisch-gläubigen Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in Paris wurde den deutschen Juden von Göring eine Sühneleistung von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Als inoffizielle Antwort bekam Göring den abgewandelten Sinnspruch „Guter Rat(h) ist teuer“ vorgelegt – eines der traurigsten Abschnitte der menschlichen Geschichte, die Reichskristallnacht als „Vorgeschmack“ auf den organisierten Massenmord an deutschen Juden nahm in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 als Antwort auf die Ermordung Raths seinen Lauf. „Die Juden wollten Deutschlands Kultur zerstören und unsere Heimat total zugrunde richten. Aber der Führer Adolf Hitler ist ihnen zuvorgekommen“, in selbstironischer Manier, bekam man nach dem Novemberpogrom 1938 immer öfter auf der Straße und in jüdischen Ghettos sowie in Konzentrationslagern zu hören.

Der jüdische Witz in Bezug auf den deutschen Nationalsozialismus gilt – wenn auch mit absehbarem Ende, in den meisten Fällen nämlich den Mord an Juden – als die letzte Freiheit des Menschen, da die Freiheit der Sprache, die geistige Erhebung und Lösung aus einer Epoche, die sich nicht, niemals wiederholen darf.

Zum Abschluss vermerke ich einen weiteren aus der großen, absolut lesenswerten und amüsanten jüdischen Witzsammlung gegen das Nazi-Regime: Der Judenstern, in Anspielung auf den Orden „pour le mérite“ nun „pour le Semite“ genannt, war für Abzeichen- und Ordenfetischist Hermann Göring wohl einer der wenigen Orden, die er nie tragen könne.

Genaue Zahlen über gerichtlich verurteilte Witzerzähler, die übrigens nicht selten dem Widerstandsmilieu entsprangen und deren Strafen in Form von Geld-, Freiheits- und in manchen Fällen auch zu Todesstrafen durch „Defätismus“ und „Wehrmachtszersetzung“ auftraten, konnten aufgrund der Schwierigkeit eines differenzierten Urteils der NS-Justiz bislang nicht erfasst werden, nicht zuletzt auch darum, weil der Kontrast des Witzes und des Nationalsozialismus für viele Geschichtsforscher schwer in Einklang zu bringen ist und bis dato stark vernachlässigt wurde.

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Quellen

Wiener Ralph – Gefährliches Lachen, Schwarzer Humor im Dritten Reich

Gamm Hans-Jochen – Der Flüsterwitz im Dritten Reich

Danimann Franz – Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz

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