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2010-03-17

Gerhard Pilgram: Schloss Katzenstein – Gestapo-Hauptquartier in Begunje

Aus der Perspektive eines Wanderers, der über den Loibl und die Preval-Alm nach Slowenien kommt, ist Begunje die erste größere Ansiedlung nach der Grenze. Ihre Besichtigung gerät zu einer Art Einführungskurs in slowenische Zeitgeschichte und Kultur.

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Zu Beginn wird man aber mit den »zivilisatorischen Leistungen« der deutschen Okkupatoren konfrontiert. Im Dragatal, dem Hintereingang Begunjes, erinnert eine Gedenkstätte an die massenhafte Ermordung einheimischer Geiseln durch die Nazis. Es handelt sich dabei um sogenannte »Sühnemaßnahmen« zur Vergeltung von Partisanenangriffen. Eine Übergroße Metallskulptur von Boris Kalin hält den Augenblick einer Hinrichtung fest und verleiht ihm durch künstlerische Überhöhung so etwas wie Würde. Furchtlos und mit entblößter Brust blickt die Geisel dem Tod ins Auge. Ringsherum stehen steinerne Prismen mit den Namen und Herkunftsorten der Opfer. Im Sommer düngen Kühe den moosigen Boden. Etwas abseits trägt eine abstrakte Skulptur die Inschrift:

»Hier in dieser Bergwelt
und in schrecklichen Zeiten
wurden Männer Frauen und Kinder dahingemetzelt.
Nun herrscht wieder Frieden
aber die Stille
klagt die Mörder an
und huldigt den Erschlagenen.«

Im Fremdenverkehrsprospekt ist der Hain als lustiger Grabhügel mit blauen Blümchen dargestellt.

Nur wenige Schritte weiter macht die verfallene Burg Kamen mit einem mächtigen und teilweise restaurierten Turm auf sich aufmerksam. Es ist die bedeutendste Ruinenanlage in Gorenjska. Ihre beachtliche Größe wird aber erst bei der Begehung deutlich. […] Die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem 12. Jahrhundert und dienten erst den Ortenburgern, später dem Grafen von Celje als Herrschaftssitz. Später residierten hier die Lamberger, deren angeblicher Heldenmut im Kampf gegen die Türken im Volkslied besungen wird. Freilich suchten die tapferen Ritter hier auch vor den aufständischen Bauern Zuflucht. Anfang des 18. Jahrhunderts übersiedelten die Schlossherren ins Ortszentrum und die Burg Kamen verfiel.

Ihr neuer Sitz, nach dem Geschlecht der Kacijaner Schloss Katzenstein genannt, beherrscht seither Begunje – weniger in architektonischer Hinsicht als aufgrund seiner mehrfachen Zweckentfremdung. Im Park sitzen Frauen und Männer im Pyjama und Morgenrock auf den weiß lackierten Bänken – Patienten des psychiatrischen Krankenhauses, das hier untergebracht ist. Wer an Depressionen leidet wird das Ambiente vielleicht als paradoxe Intervention erleben: Das Schloss fungierte von 1941 bis 1945 als Gestapo-Gefängnis. Der von einer hohen Mauer umgebene Garten, er diente als Anhaltelager, wurde nach dem Krieg zur Gedächtnisstätte umgestaltet. Im Eingangsbereich, wo die Kranken auf Besuch oder Entlassung warten, kauert ein Gefangener aus Metall. Ein paar Schritte weiter, rechts der Allee, hält eine friedhofartige Anlage die Erinnerung an die Naziopfer wach. In einem Nebentrakt des Schlosses wurde 1961 das muzej talcev (Geiselmuseum) eingerichtet, das die Geschehnisse während der deutschen Besatzung dokumentiert.

Schon wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht im April 1941 wurde Oberkrain (Gorenjska) dem Reichsgau Kärnten angegliedert. Zum Chef der Zivilverwaltung wurde SS-Brigadeführer Franz Kutschera ernannt, den der »Führer« mit weitreichenden Vollmachten ausstattete. Der Auftrag lautete »dieses Land wieder deutsch« zu machen, und zwar mit allen Mitteln. So ordneten die Besatzer die Besatzer die Auflösung sämtlicher slowenischen Vereine und Organisationen sowie die Beschlagnahmung ihrer Vermögen an. Slowenische Bibliotheken und Archive wurden geplündert oder überhaupt zerstört. Auch alle äußeren Zeichen slowenischer Kultur verschwanden: Slowenische Orts- und Straßennamen mussten deutschen Bezeichnungen weichen, slowenische Vornamen durch deutsche Taufnamen ersetzt werden. Slowenische Kindergärten wurden geschlossen, und in den Schulen übernahmen mehrere hundert deutschsprachige Lehrer aus dem »Reich« den Unterricht. Auch die erwachsene Bevölkerung wurde angehalten Deutschkurse zu besuchen und sich ihrer »germanischen Wurzeln« zu besinnen.

Gleichzeitig gingen Sondereinheiten gegen »rassisch unzuverlässige Elemente« vor. Die erste Säuberungswelle galt slowenischen Führungskräften, Priestern und Intellektuellen, der bald Massenverhaftungen und Deportationen anderer Bevölkerungsgruppen folgten. Tausende Gefangene befanden sich in den Sammellagern von Begunje, Goričane und Šentvid wieder, um von dort in den Südosten von Jugoslawien verfrachtet zu werden. So wurden im Juli 1941 2.300 Personen nach Serbien deportiert. Weitere Massentransporte fanden im Frühjahr 1942 statt. Der ursprüngliche Plan der Besatzer, rund die Hälfte der Bevölkerung in Gorenjska auszusiedeln, musste jedoch aufgrund des wachsenden bewaffneten Widerstandes aufgegeben werden. Auf die ersten militärischen Erfolge der Partisanen reagierten die Deutschen mit verschärften Repressalien gegen die Zivilbevölkerung. Um der Befreiungsfront die materielle Basis zu entziehen, wurden ganze Dörfer, darunter Kokra und Gradišče »geräumt«, d. h. dem Erdboden gleichgemacht, und wer immer sich der Unterstützung der Partisanen verdächtig machte, musste damit rechnen, hingerichtet zu werden.

In Begunje, das die Deutschen Vigaun nannten, befand sich das Gestapo-Hauptquartier. Hier wurden insgesamt 12.134 Personen festgehalten – neben aktiven Widerstandskämpfern hauptsächlich deren Angehörige bzw. Sympathisanten, darunter auch Kleinkinder und Greise. Die Nazis konnten hier auf die Infrastruktur zurückgreifen, die im 19. Jahrhundert geschaffen worden war, als man das Schloss in ein Frauengefängnis umfunktionierte. Um dem Naziterror den Anschein von Legalität zu geben, installierte Kutschera im Jahre 1941 ein »Sondergericht«, das sich unter dem Vorsitz von Kurt Messinger mit der »Aburteilung kommunistischer Elemente« befasste. Das Gericht tagte in der Kapelle des Schlosses. Die erste Sitzung fand im August 1941 statt und endete mit vier Todesurteilen, die bereits am darauf folgenden Tag vollstreckt wurden.

Ihren besonderen Sinn für Proportionen stellten die Nazis bei den Geiselerschießungen unter Beweis. Für jeden Deutschen, der bei Partisanenüberfällen umkam, mussten zehn Geiseln ihr Leben lassen, während für jeden slowenischen getöteten Kollaborateur »nur« fünf Geiseln exekutiert wurden. Meist fiel die Wahl auf die Bewohner der betreffenden »Bandengebiete«. Ihre Hinrichtung fand entweder vor Ort oder auf dem Richtplatz in Begunje bzw. im Dragatal statt. Gipfel des Zynismus: Die öffentliche Anprangerung der Geiseln und die Bekanntgabe ihrer Exekution auf zweisprachigen! Plakaten und Flugblättern.

Aus der peniblen Buchführung der Nationalsozialisten geht hervor, dass in Gorenjska während der Okkupation mindestens 1. 270 Geiseln erschossen wurden, darunter 849 Häftlinge aus Begunje. Weitere 5.100 Häftlinge landeten in deutschen Konzentrationslagern, davon 989 im KZ Mauthausen. Die wenigsten kehrten nach dem Krieg zurück.

Beklemmender als jede Statistik sind die zehn ehemaligen Gefängniszellen im Geiselmuseum. Hier waren die »gefährlichsten Volksfeinde« untergebracht, buchstäblich in Ketten gelegt und den sicheren Tod vor Augen. Ständige Appelle, stundenlange Verhöre und Folterungen gehörten zur täglichen Praxis und sollten die unterernährten und geschwächten Häftlinge moralisch brechen. Besonders standfeste Gefangene, wie etwa der kommunistische Parteisekretär in Gorenjska, Tone Dolinšek-Metod, wurden mehrmals gezwungen, die Erschießung ihrer Genossen mitanzusehen.

An den Zellenwänden finden sich eine Reihe von Inschriften und Zeichnungen der Häftlinge. Die Graffiti wurden nach dem Krieg freigelegt und restauriert. Kaum nachzuvollziehen ist der Heldenmut mancher Todeskandidaten. »Mutter es ist besser zu sterben, als so ein Leben zu leben«, ritzte etwa Rezika Dragar, »Arbeiterführerin, Revolutionärin und Nationalheldin« in den Putz. »Das Hakenkreuz wird unter der Gewicht unserer Opfer zerbrechen. Mein Körper muss zwar sterben, aber meine Idee wird weiterleben.« Neben heroischen Botschaften und verzweifelten Durchhalteparolen finden sich aber auch Inschriften wie diese: »Ich bin allein im Bunker. Ich weiß nicht was aus mir wird. Ich leide sehr. Mutter, wo bist Du? Ich bin siebzehn Jahre alt. Frančka Baglic«.

Als Zentrum nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Gorenjska geriet Begunje bald ins Visier der Befreiungsfront. Bereits im August 1941 planten die Partisanen eine groß angelegte Operation zur Befreiung der Lagerinsassen. Die Aktion scheiterte am Verrat eines Kollaborateurs. Die daraufhin verstärkte Bewachung verhinderte jeden weiteren Angriff auf das Lager. Erst im April 1945 endete das Martyrium der Gefangenen. 300 Partisanen umstellten das Lager, und die Deutsche Garnison, die den Befehl zur Ermordung aller Insassen erhalten hatte, ergab sich nach zweitägiger Verhandlung. &32 Häftlinge konnten gerettet werden.

Nach der Befreiung, heißt es auf der Homepage des Ortes, »wurde in der Burg eine Besserungsanstalt eingerichtet« - eine noble Umschreibung der Tatsache, dass man hier hochrangige Nazis, Kriegsverbrecher und Kollaborateure festhielt. Unter ihnen befanden sich auch etliche jener Kärntnerinnen und Kärntner, die zu Kriegsende festgenommen und nach Jugoslawien gebracht wurden. In der Kärntner Öffentlichkeit gelten diese Verhaftungen als willkürliche »Verschleppungen«, durch die sich die Partisanen an ehemaligen Abwehrkämpfern und anderen »Heimattreuen« gerächt hätten. Auch wird bisweilen behauptet, dass kein einziger von ihnen aktiver Nationalsozialist oder an Kriegshandlungen beteiligt gewesen sei. Dabei werden gleich mehrere Tatsachen unterschlagen: Erstens handelte es sich bei den Partisanen zu diesem Zeitpunkt bereits um reguläre, von den Alliierten als Verbündete anerkannte Truppen. Zweitens konnten sich die Jugoslawen bei den Festnahmen auf die Moskauer Deklaration berufen, wonach NS-Verbrecher zu verhaften und zu bestrafen waren. Denn auch die These von der pauschalen Unschuld der »Verschleppten« lässt sich kaum aufrecht erhalten, auch wenn sich unter den Inhaftierten zwei halbwüchsige Kinder sowie zwei Ehefrauen befanden. Bei den in Begunje festgehaltenen Kärntnern handelte es sich im Wesentlichen um zwei Gruppen. Die eine war in der NS-Zeit in Kärnten tätig gewesen und auch dort verhaftet worden, darunter zahlreiche NS-Funktionäre und »Alte Kämpfer«. Die andere Gruppe, im Nachkriegs-Kärnten verharmlosend als »Zivilbeamte« bezeichnet, war Teil des NS-Okkupationsapparates in Gorenjska gewesen. Sie bekleideten wichtige Funktionenwie die eines Bürgermeisters, Amtsarztes oder Leiter des Kreisgerichtes. Auch der Lagerkommandant von »Vigaun« sowie Angehörige der Wachmannschaft und Gestapobeamte zählten dazu. Die Mehrzahl der Inhaftierten kehrte nicht mehr nach Kärnten zurück. […]

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Der Text stammt von Gerhard Pilgram, mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen dem Buch

Gerhard Pilgram, Wilhelm Berger und Gerhard Maurer
Slowenien entgegen
Zu Fuß von Klagenfurt nach Ljubljana

312 Seiten
25.-- € | 42.90 Chf
ISBN: ISBN: 978-3-85435-425-3
Verlag: DRAVA
lieferbar

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Reaktionen Auf den Beitrag reagieren

Walter Gassner, 2017-11-05, Nr. 6547

Geschichtsfälschung , der Pilgram ghäört dort einsperrt !!!

Reaktionen auf andere Beiträge

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