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Stephan Jank

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2008-10-15

Wie lange ist überhaupt noch Kapitalismus?

FRAGEN ÜBER FRAGEN - UND KEINE ANTWORT WEITUM

Kapitalismus funktioniert solange "normal", solange sein ewig gleicher, monotoner Rhythmus nicht gestört ist. Solange also aus Geld (G) durch die Produktion und Distribution von Waren und/oder Dienstleistungen (W) mehr Geld (G') gemacht werden kann. Alles andere ist in einem kapitalistischen System bestenfalls nebensächlich und nur insofern von Relevanz als Friktionen mit G-W-G' zu minimieren sind. Ob Menschen hungern (eine knappe Milliarde tun das zur Zeit weltweit), Kinder sterben (etwa 20.000 tun das täglich), ob ganze Landstriche verwüstet werden oder uns die Luft zum Atmen ausgeht, ob vormalige Mittelschichten in die Armut gedrängt werden oder immer größere Teile der Bevölkerung dem Arbeitswahnsinn mit psychischen Krankheiten Tribut zollen, all das ist bestenfalls in Talksshows von Interesse, solange im global(isiert)en Kapitalismus G-W-G' friktionsfrei läuft. Doch wehe, wenn G-W-G' ins Stottern kommt! Man mochte ja bis vor wenigen Tagen gar nicht glauben, was sich dann so von einem Tag auf den anderen alles in Bewegung setzen lässt.

Um das einmal ein wenig zu verdeutlichen: Ganze 6 Milliarden Euro hat die deutsche Bundesregierung noch in der (scheinbaren) kapitalistischen "Normalität" für eine Verbesserung des Bildungssystems ins Auge gefasst und nach meinem Wissensstand kürzlich auch beschlossen. Wurde aber auch Zeit, ein Bildungssystem zu verbessern, das sozial bekanntermaßen genauso durchlässig ist wie der Stoff eines Regenschirms. Und wohl auch deshalb haben einschlägige Kreise lange und lautstark nachgefragt, ob man sich diese "Investition in die Zukunft" denn überhaupt "leisten" könne oder ob es nicht besser wäre die Steuern zu senken und überhaupt und so weiter und so fort. Jedenfalls hat sich diese Diskussion lange - um nicht zu sagen: sehr lange - hingezogen. Eine Diskussion um 6 Milliarden Euro - oder waren's 4 Milliarden? Nicht dass da jetzt jemand auf die Idee kommt, ich wäre der Überzeugung, dass gesteigerte Bildungsausgaben irgend etwas zur Verbesserung unseres Lebens beitragen würden. Das können sie nämlich mitnichten, weil sie einzig und allein die Konkurrenz der Vielen gegeneinander auf ein höheres und damit mörderischeres Niveau befördern. Aber zumindest in binnenkapitalistischer Denke erweckt diese Maßnahme den Anschein als könnte sie zur Verbesserung des Lebens der Menschen beitragen. "Gut gemacht!", würde man im "Normalfall" einer solchen Maßnahme vielleicht Applaus spenden. Doch dazu ist jetzt keine Zeit.

Denn wie (scheinbar) "normal" noch bis vor wenigen Tagen die kapitalistische Realität war und wie (scheinbar) "unnormal" sie zur Zeit ist, zeigt ein Blick auf jene Maßnahmen, die innerhalb weniger Stunden und ohne nennenswerte (öffentliche) Diskussion als Reaktion auf das große Stottern von G-W-G' beschlossen werden (mussten). Diese "Maßnahmen" werden in diesen Tagen wohl alle dazu notwendigen Parlamente und sonstigen Gremien in Deutschland passieren und haben das unvorstellbarre Ausmaß von 400.000.000.000,00 € (in Worten vierhundert Milliarden Euro). Dabei geht's aber nicht um Bildung, um Soziales, Gesundheit oder gar Entwicklungshilfe. Nein, dabei geht's ausschließlich um G-W-G' und sein weiteres friktionsfreies Funktionieren. Die Relation zur "Bildungsinvestition" vor Augen - und damit den finalen Abgrund vor den Füßen - können daher auch die bestbezahlten Experten plötzlich nur noch fragen: "Was ist los mit der 'schönen Maschine'?". Warum ist ihr der millionenfache Blutzoll, den sie in so vielen Regionen dieser Welt (ge)fordert (hat), nicht genug? Warum gibt sie sich nicht zufrieden mit dem globalisierten freien Kapital- und Warenverkehr und den daraus resultierenden verheerenden sozialen Verwerfungen? Warum nutzen all die Opfer nichts, die wir ihr im Standortwettbewerb gegen unseresgleichen dargebracht haben und die wir ihr auch in Zukunft demütigst weiter darbringen wollten? Warum ist dieser, unser Gott so unerbittlich? Warum ist dieser Gott so unersättlich?

Fragen über Fragen! Und offensichtlich keine Antwort weitum. Zumindest nicht von jenen "Experten", die neuerdings mit immer rat- und fassungsloseren Fratzen auf eine unter Hochdruck stehende und dabei zerplatzende "Maschine" starren, deren bedingungsloses und ewiges Funktionieren doch ihr einziges Credo war. 1989 als Sieger aus dem "Systemwettbewerb" hervorgegangen, versprach der Kapitalismus seinen siegreichen Armeen doch unbegrenzte Prosperität und Freiheit ohne Ende. Denn wenn - nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - die unsichtbare Hand der freien Märkte ihre segensreiche Wirkkraft erst im vollen globalen Umfang entwickelt hätte, ja dann stünden der ultimativen Glückseligkeit nur noch jene paar Weltverbesserer im Wege, die an den Heilsversprechungen dieses Systems noch immer Zweifel hegten. So oder ähnlich jedenfalls malte man sich noch bis vor wenigen Tagen (nicht nur) im politischen Mainstrem den Himmel auf Erden aus. Und dabei war es so einfach, die tatsächliche Hölle auf Erden völlig auszublenden. Solange G-W-G' funktionierte waren Hunger, Krieg und Massenelend in vielen Weltregionen bestenfalls "Kollateralschäden", deren Behebung nicht lange auf sich warten lassen würde.

Diese Sichtweise hat sich in den vergangenen Tagen nun doch ein wenig geändert. Denn plötzlich geht die Angst um. Die Angst vorm Verlust des Arbeitsplatzes und der damit verbundenen Reise in die von Peter Hartz geschaffene soziale Antarktis. Eine Angst gespeist von der Vision einer sich beschleunigenden Massenverelendung in den kapitalistischen Kernländern. Und die berechtigte Angst vor dem lauten Ruf nach einem starken Mann, zu dem ja der politische Mainstream mit seinen Sagern von den "Heuschrecken", "gierigen Managern", "verantwortungslosen Bossen", etc... die Menschen ja herzlichst einlädt. Warum eigentlich reden Müntefering, Merkel und wie die hochmoralischen Saubermänner und -frauen sonst noch alle heißen, nicht gleich ihr strukturell antisemitisches Tacheles. Warum nicht gleich: "Hängt sie höher!" Gerade so als wären ein paar Manager und Bosse schuld am globalen Zusammenkrachen eines Systems, dessen maschinenhafter Automatismus noch nie im Bereich der menschlichen Steuerbarkeit gelegen hat, und - wenn man die jahrzehntlangen Privatisierungsorgien gerade dieser Saubermänner und -frauen betrachtet - es aus ihrer Sicht ja auch gar nicht liegen sollte.

Jetzt plötzlich - wenn G-W-G' stottert - bekommt der politische Mainstream ein Gedächtnis. Plötzlich erinnert man sich an die schweren kapitalistischen Krisen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jhdts, der 1930er Jahre, der 1970er, 1980er und 1990er Jahre. Und auf einmal erscheint das einzig mögliche - das Siegersystem - gar nicht mehr so glanzvoll. Woran man sich aber (noch) nicht errinnert, ist all das Elend und millionenfache Leid, das der Kapitalismus in seiner mehrhundertjährigen Durchsetzungsgeschichte über die Menschen gebracht hat: die Versklavung von zig Millionen Afrikanern (teilweise noch bis ins 20. Jhdt), die Ausbeutung und Verwüstung ganzer Kontinente im Kolonialismus, die unsäglichen Arbeits- und sozialen Verhältnisse in den Bergwerken und Fabriken, 16-Stundentag, Kinderarbeit, Hungerlöhne, bis hin zu all den Kriegen, in denen den Menschen das "Freedom, Democracy and Human Rights" auf die Dächer ihrer Häuser gebombt wurde und wird. All das aber war und ist auch Kapitalismus. Und der soll das einzig mögliche System sein? Das Siegersystem? Oder könnte es nicht vielmehr so sein, dass der Kapitalismus vielleicht doch nicht Bestandteil der menschlichen Anatomie ist? Könnte es sein, dass wir das Ende der Geschichte doch noch nicht erreicht haben? Dass es die Möglichkeit zur Umkehr für den Zug der Lemminge tatsächlich noch gibt?

Leider nein! Denn dass es sich bei der kapitalistischen Heilsversprechung - Krise hin, Krise her - nach wie vor um das unantastbare Tabu einer Quasi-Religion handelt, zeigt gerade jetzt in der Krise die Tatsche, dass sogar vermeintlich "systemkritische" Strömungen schon lange - wenn auch nicht in allen Details so doch - mit den fundamentalen Prinzipien der kapitalistischen Vergesellschaftung ihren Frieden geschlossen haben. Arbeit? Welcher Linke oder gar ATTACie würde daran zweifeln, dass sie zur genetischen Grundausstattung des Menschen gehört, wie sein aufrechter Gang. Geld? Jeder (nicht nur) österreichische Kommunist muss einsehen, dass seine jüngsten Forderungen nach Umverteilung und bedingungslosem Grundeinkommen ohne die Kategorie Geld ja noch nicht einmal formulierbar wären. Staat? Kein Linker unterscheidet sich jetzt in der Krise von Merkel, Bush und Sarkozy. Während also Kaiser Wilhelm noch verlautbarte: "Ich kenne keine Parteien. Ich kenne nur noch Deutsche.", können jene heute (zu Recht) verlautbaren: "Wir kennen weder Parteien noch Nationen. Wir kennen nur noch G-W-G'."

Aber genau diese bedingungslose und allgemeine Akzeptanz der zentralen Formprinzipien kapitalistischer Gesellschaft (Arbeit, Geld, Staat, ...) und die durch sie hervorgerufene allseitige Bereitschaft, die aktuelle Krise (gemeinsam) zu "bekämpfen" anstatt sie als erste Möglichkeit beim Schopf zu packen, um zumindest erste Ansätze einer transformatorischen Überwindung kapitalistischer Strukturen zu entwickeln, wird im besten Fall wirkungslos bleiben und im schlechteren Fall zu einer kurzen Verlängerung der Halluzination einer ewig funktionierenden Maschine beitragen. Der Dampf aber, unter dem diese Maschine dann stehen wird, wird zu einer noch viel größeren Explosion führen als das der Fall wäre, wenn man sie gleich heute explodieren liese. Denn solange das Tabu, welches die fundamentalen Formprinzipien der kapitalistischen Gesellschaft (Arbeit, Geld, Staat, ...) gegen jede (auch noch so kleinlaute) Kritik immunisiert, nicht gebrochen werden kann, so lange wird die Aussicht auf eine katastrophale finale Krise den globalen Kapitalismus begleiten wie den Nebukadnezar sein sein Mene Tekel.

Wer sich nämlich eine Gesellschaft nur auf der Basis des Äquivalententausches (also auf der Basis einer Geldwirtschaft) vorstellen kann, der sollte dann aber auch den Mund halten, wenn in kürzester Zeit die ganze Welt zum Kasino wird. Wer glaubt, eine Intervention des Staates würde an der kapitalistischen Malaise irgend etwas zum Besseren wenden, der hat offenbar schon lange vergessen, dass genau der Staat es ist, der ja erst die Grundlagen, Voraussetzungen und Imperative zu deren ewiger Perpetuierung schafft. Am deutlichsten aber zeigt sich die Idiotie der Immunisierung der zentralen kapitalistischen Kategorien am Beispiel der Kategorie Arbeit. Arbeit nämlich (zumindest in ihrer kapitalistischen - also unterbezahlten und auf aktuellem Produktivitätsniveau vernutzten Form), nach der all jene auf der einen Seite winseln, die auf der anderen Seite die "gierigen" Manager lieber heute als morgen an den Laternen baumeln sehen würden, ist das Kerosin, welches jede Finanzblase zu ihrer Entwicklung so dringend braucht wie wir die Luft zum Atmen. Warum?

Die (gerade abdankende) neoliberale Kriegsdoktrin hat dem Kapital- und Warenverkehr transnational sämtliche Regulative aus dem Weg geräumt. Dadurch hat sie in der Folge einen nie dagewesenen mörderischen Standortwettbewerb zwischen Städten, Regionen, Nationen und ganzen Wirtschaftsräumen entfesselt, dessen soziale aber insbesondere ökonomische Verheerungen in ihrem vollen Umfang gar nicht abgeschätzt werden können. Schon gar nicht von jenen Herren "Experten", die bis vor wenigen Tagen noch genau diese Kampfparolen in jedes Mikrofon geschrieen haben, das man ihnen hingehalten hat. Denn für die einzelnen "Standorte" bedeutete dieser "Wettbewerb" nichts anderes als die Tatsache, das Arbeitsplätze und damit das dazu benötigte Kapital nur dann zu halten bzw. neu dazu zu gewinnen waren, wenn sie mit obszönstem Steuer-, Sozial- und Infrastrukturdumping dazu bewegt werden konnten. Die zusätzlichen (und atemberaubenden) Profite, die auf Grund dieser "Voraussetzungen" (nota bene: im Namen der Arbeit!!!!) plötzlich in noch nie dagewesenem Ausmaß zu sprudeln begannen, wussten aber schon kurz darauf nicht mehr, wohin mit sich selbst. Als einzige Möglichkeit blieb da eben nur die spekulative Verwertung auf den Finanzmärkten. Das hat mit "Gier" genausowenig zu tun, wie ein Löwe nur wegen eines "Desserts" nie den kühlenden Schatten seines Baumes verlassen würde. Ganz im Gegenteil ist es der kategorische Imperativ des G-W-G' bzw. hier des G-G', welcher genau diese Entwicklung erzwingt. Was aber dann passiert - wenn also Kapital sich nicht mehr dauerhaft realwirtschafltich verwerten lässt - das sieht man (nicht nur) dieser Tage ja an jeder Börse.

Wer also - anstatt die "Arbeit" mit dem nassen Fetzen zum Teufel zu jagen - um diese winselt, wie der Hund um den Gnadenschuss oder wer sie gar durch Steuer-, Sozial- und Infrastrukturdumping schafft, der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die dadurch zwangsläufig entstehenden zusätzlichen Profite nicht mehr wissen wohin mit sich selbst und zu ihrer Verwertung auf die bösen, bösen Finanzmärkte ausweichen müssen. Wer also Arbeit auf Teufel komm' raus fordert, der wird gerade im neoliberalen Kapitalismus "gierige" Manager auf unkontrollierbaren Finanzmärkten ernten. Wann werden wir einsehen, dass die vermeintlich "gute" Arbeit und das vermeintlich "böse" Finanzkapital nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind? Wann werden wir aufhören, das scheinbar "Gute" am Kapitalismus dem scheinbar "Schlechten" entgegenzuhalten? Kapitalismus ist total! Zur Zeit aber stellt sich wohl eher die Frage:

Wie lange ist überhaupt noch Kapitalismus?

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dw, 2008-10-15, Nr. 4219

Ich küsse deine finger für solch hochgeistige tastaturakrobatik

danach lehne ich mich zurück und kann mir ein schallendes lachen nicht verkneifen wenn ich daran denke, wie sie alle aufgescheucht und ziellos umheragieren....

hestro, 2008-10-18, Nr. 4225

Ein essayistisches Glanzstück des Villacher Marxismus und Anarcho-Imaginären!! Herzlichen Dank dafür aus dem stockreaktionären Klagenfurt (4 Kasernen + 1 Hubschrauberstützpunkt, 1 lausige Universität usw. usw.) ...

gberger, 2008-10-21, Nr. 4227

Ich hasse Welterklärungsartikel - (zumindest Kurzfassungen)

Ja, noch leben wir unter Verhältnisse, die der Ware-Geld-Beziehung unterliegen und es gibt keinen Anlaß zur Vermutung, daß sich dies kurzfristig ändern würde. Ich glaube zwar an ein Leben nach dem Kapitalismus (übrigens das Einzige an was ich glaube) aber aus dem möglichen implodieren der Finanzblase ein Ende des Kapitalismus abzuleiten halte ich zumindest für gewagt.

Also nicht das Jenseits (des Kapitalismus) ist gefragt, sondern das Diesseits, das Heute. Die meisten Menschen wollen jetzt etwas von ihrem Leben - und für Millionen geht es schlicht ums Überleben - das schreibst Du ja selbst. Aber gerechte Verteilung der Resourcen (sprich Umverteilung), sind natürlich unsinnig. Danke lieber Stefan für solch "revolutionäre Weitsicht" - die IV würde Dich als "Linker" angesichts der laufenden Lohnverhandlungen sicher für auszeichnungswürdig erachten!!

Natürlich ist mir klar, daß jeder Euro auf dem Gehalts- oder Pensionskonto, einen Schritt in den Systemzusammenhang bedeutet. Man will keine gesellschaftlichen Veränderungen mehr, wenn das Leben im Kapitalismus "auszuhalten" ist. Ist das das Deine Befürchtung? Dem halte ich entgegen: Wenn materielle Not ein guter Verbündeter für große Umwälzungen wäre, dann wäre der ganze Trikont von Revolutionen erfüllt.

Es geht darum, die Kapitalisierbarkeit aller Lebensbereiche zu bekämpfen. Wir können es uns leisten den "Moloch" Lohnarbeit zurück zu drängen. 30 Stunden Wochenarbeitszeit 30 Jahre Lebensarbeitszeit sind genug. Verdrängung der Ware-Geld Beziehung aus mehr und mehr Lebensbereichen: Gesundheitswesen bedingungslos und unentgeltlich, Bildung detto, Öffentlicher Verkehr, Öffentliche Grundversorgung.usw...
Wer soll das finanzieren? Darüber reden wir dann, wenn alle Reserven belegt sind, die derzeit die internationale Finanzblase speisen.

Hier kommt der Staat ins Spiel. Du schreibst: "Wer glaubt, eine Intervention des Staates würde an der kapitalistischen Malaise irgend etwas zum Besseren wenden, der hat offenbar schon lange vergessen, dass genau der Staat es ist, der ja erst die Grundlagen, Voraussetzungen und Imperative zu deren ewiger Perpetuierung schafft."

Das ist so nur teilweise richtig: Ja, der Staat ist ein Instrument der Klassenherrschaft. Anders gesagt, die Existenz eines Staates setzt voraus, das die Gesellschaft in Klassen gespalten ist. Nur auf dieser Basis bedarf es einer scheinbar über den Divergenzen der Gesellschaft stehenden Institution als sogenanntes Regulativ als Interessensausgleich. Auf Grund dieser gesellschaftlichen Konstellation kann der Staat natürlich nichts anderes sein als die Herz und Lungen Maschine des Kapitals. Das muß aber nicht so sein. Der Staat ist ein Herrschaftsinstrument der herrschenden Klasse. Das die Herrschende Klasse das Kapital repräsentiert, ist kein Naturgesetz.

Tatsache ist aber auch, das der Staat als Nationalstaat seinen Löffel abgegeben hat. Das nationale Regulativ funktioniert nur mehr bedingt. Das sich internationalisierende Kapital braucht den traditionellen (National) Staat nicht mehr.

Ich pflege keine nostalgischen Visionen eines kleinstrukturierten "gezähmten" Frühkapitalismus wie es dem politischen Kleinbürgertum vorschwebt. Die heutige Befindlichkeit des internationalen Kapitals entspricht dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte. Es gibt keinen Weg zurück!

Es ist nicht auszuschließen, dass uns eine Phase des ökonomischen und politischen Siechtums bevor steht - wenn sich nichts findet, was den Widerspruch zwischen vergesellschafteter Produktion und privater Aneignung aufhebt.

Trotzdem, jeder weite Weg beginnt mit dem ersten Schritt im Diesseits und jetzt und unser Handlungsspielraum ist nicht gleich Null

Walther Sch., 2008-10-22, Nr. 4228

Lieber gberger!

Soweit ich den Artikel von Stephan Jank gelesen habe, geht er – so wie du – nicht davon aus, dass der Kapitalismus von selbst verschwinden würde. Genau deswegen hat er ja wohl den Beitrag verfasst.

Und natürlich muss man AUCH auf der unmittelbaren Ebene (du nennst dies den Kampf im Diesseits) um jede Not-Wendigkeit kämpfen. Da ist Dir schon recht zu geben.

Auf der anderen Seite schreibst Du, dass es nicht auszuschließen sei, „dass uns eine Phase des ökonomischen und politischen Siechtums bevor steht - wenn sich nichts findet, was den Widerspruch zwischen vergesellschafteter Produktion und privater Aneignung aufhebt“. Da sind wir also einer Meinung.

Aber nun meine Frage an dich: Wie bitte sollen wir jemals aus dem Siechtum zu einer humaneren Gesellschaft kommen, wenn wir nicht die Systemfrage immer und immer wieder stellen? Klar, davon alleine kommt eine humanere Vergesellschaftung auch nicht, aber die grundsätzliche Frage nach den Ursachen, nach dem WARUM, ist eine notwendige Voraussetzung für einen Umschwung.

Nichts für Ungut, aber bei Deinem beständigen Verweis auf das Hier und Jetzt läufst Du Gefahr, dass Dir vor lauter unmittelbarer Praxis die Rede von der Notwendigkeit einer grundsätzlichen Systemänderung zur rhetorischen Floskel zu gerinnen droht.

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