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2008-03-22

zu: Graparji. So haben wir gelebt

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Anton Haderlap: Graparji. So haben wir gelebt. Erinnerungen eines Kärntner Slowenen an Frieden und Krieg. Deutsch von Metka Wakounig und Klaus Amann. Verlag: Drava. 176 S.,
ISBN-13: 9783854355274
ISBN-10: 3854355270
ca. EURO 19,80

Rede anlässlich der Präsentation des Buches von Anton Haderlap im Palais Epstein in Wien am 28.01.2008

Sehr geehrte Frau Präsidentin; sehr geehrte Damen und Herrn!

Nach dem Überfall des Dritten Reiches auf Jugoslawien im April 1941 war für die Slowenen kein Platz mehr in Kärnten. Im Schatten des Krieges sollte auch die Slowenenfrage einer buchstäblich endgültigen Lösung zugeführt werden. Der Leiter des Gauhauptamtes für Volkstumsfragen, SS-Obersturmbannführer Maier-Kaibitsch, erklärte Anfang 1942: „Die Ereignisse auf dem Balkan geben uns die Handhabe, im Gebiet nördlich der Karawanken mit der sogenannten slowenischen Minderheit Schluss zu machen.“ Da waren Verfolgung und Unterdrückung bereits in vollem Gange. Die slowenischen Kulturvereine waren aufgelöst, Sparkassen und Genossenschaften standen unter kommissarischer Verwaltung; die slowenische Sprache war nicht nur in Kirchen, Schulen und in der Öffentlichkeit verboten, sie durfte auch im privaten Verkehr nicht mehr verwendet werden. Die Slowenen standen unter Generalverdacht, sie waren Menschen zweiter Klasse, rassische Angehörige einer Feindnation. Die leisesten Anzeichen von Kritik, Eigensinn oder abweichendem Verhalten bedeuteten Kerker oder Konzentrationslager. Das politische Ziel der Nazis war die vollständige ethnische Säuberung Südkärntens. Am 14. und 15. April 1942 wurden 221 slowenische Bauernfamilien, fast 1000 Personen, in Lager außerhalb Kärntens deportiert.

Auch die Familie von Anton Haderlap stand auf der Liste der ‚Auszusiedelnden’, wie der Vorgang verharmlosend bezeichnet wurde. Sein Buch erzählt in sensibel beobachteten und scharf erinnerten Details, wie ein Kind den schrittweisen Prozess der Willkür und der Entrechtung erlebte, aber auch, wie mit dem langsamen Erstarken der Partisanenbewegung die Hoffnung auf ein Ende der Diktatur wuchs. Immer weniger slowenische Männer waren bereit, als Soldaten für ein Regime zu kämpfen, das zur gleichen Zeit ihre Familien verfolgte und verschleppte. Auch der Vater des Erzählers schloss sich dem Widerstand an, der sich in der stark katholisch geprägten Bevölkerung von Bauern, Keuschlern, Holzfällern und Knechten in der Region um Eisenkappel und Zell Pfarre bildete und der schnell Verbindungen zur Partisanenarmee Marschall Titos fand. Da die Nationalsozialisten mit unvorstellbarer Härte gegen Angehörige, Sympathisanten und Helfer der Partisanen vorgingen, kam auch die Haderlap-Familie bald unter großen Druck; der 10-jährige Bruder Zdravko wurde von Polizisten gefoltert und drangsaliert; die Mutter, die im Haus lebende Cousine Mici und mehrere Verwandte wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. (Eine Tante, ein Onkel und die Cousine Mici sollten die Befreiung nicht erleben.) Im Oktober 1944 wurden Sympathisanten und Unterstützer der Partisanen durch Spitzel verraten. Verhaftungen drohten. Viele flüchteten und schlossen sich den Partisanen an. Auch die beiden Buben mit ihrer Tante Leni. Der damals 14-jährige Anton und sein 11-jähriger Bruder Zdravko wurden der Kurierabteilung des Vaters zugeteilt; dort erlebten sie unter großen Entbehrungen und mit viel Glück das Kriegsende. Von all dem erzählt das Buch.

Nach dem Krieg hat man aus politisch-taktisch Gründen die Verdienste der Kärntner Partisanen und Partisaninnen bei der Befreiung Österreichs kurz gewürdigt, die slowenischen Widerstandskämpfer dann aber sehr bald an den Pranger gestellt, weil die Befreiungsfront OF Ansprüche auf Teile Südkärntens erhob. Der eigentliche Grund für die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und Achtung ihrer Leistung lag aber wohl tiefer, nämlich in der kollektiven österreichischen Haltung, den Mantel des Schweigens über das Geschehene zu breiten. In Kärnten, das massive deutschnationale – um nicht zu sagen nationalsozialistische Haltungen in die Demokratie herübergerettet oder genauer gesagt, herübergeschwindelt hat, gewöhnte man sich daran, die Partisanen in der Diktion von Goebbels weiterhin als ‚Banditen’ zu beschimpfen; man diffamierte sie als ‚Titokommunisten’ und versuchte jahrzehntelang, das grauenhafte Massaker auf dem Peršmanhof ihnen in die Schuhe zu schieben. Noch in den 90er Jahren weigerte sich ein Landeshauptmann das „Ehrenzeichen für die Verdienste um die Befreiung Österreichs" an ehemalige slowenische Widerstandkämpfer zu überreichen.

Das offizielle Österreich und vor allem das offizielle Kärnten interessierten sich nach dem Krieg für die vielen gefallen Partisanen und die vielen zivilen Opfer der Kärntner Slowenen in den Lagern und den Hinrichtungszellen nicht. Man fühlte sich nicht zuständig, forschte nicht nach, fragte nicht nach dem Warum und Wieso. Niemand kümmerte sich um die Überlebenden, niemand nahm sich der traumatisierten Kinder an. Niemand fand es der Mühe wert, die Namen der Ermordeten und Gefallenen zu eruieren; noch heute gibt es keine vollständigen Aufzeichnungen über die Opfer des Naziterrors in der Umgebung von Bad Eisenkappel. So ist es wohl auch kein Zufall, dass die Kärntner Landesregierung sich an dem richtungweisend Projekt des Dokumentationsarchivs über ‚Widerstand und Verfolgung in den österreichischen Bundesländern’ nicht beteiligt hat. Man hielt es offenbar für ausreichend, dass die Überlebenden sich in Privatvereinen und Opferorganisationen organisierten und nahm halt widerwillig in Kauf, dass sie zuweilen als lästige Bittsteller in Erscheinung traten. Vor ungeschulten und oft genug auch reserviert eingestellten Beamten, die meist nicht des Slowenischen mächtig waren, durften dann die slowenischen Holzfäller und Bauern, die Bäuerinnen und Mägde aus den Gräben rund um Eisenkappel und Zell Pfarre darlegen, warum sie glaubten, unter der Naziherrschaft gelitten und einen Anspruch auf Unterstützung oder Entschädigung zu haben.

So ging es auch den Haderlap-Buben und ihrer Familie. Niemand hat nach ihren Erlebnissen, Verletzungen oder bleibenden Belastungen gefragt. Die Mutter der beiden, die das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überlebt hatte, musste bis in die 60er Jahre hinein um ihre Amtsbescheinigung und um eine Opferpension kämpfen. Ihre Leiden während der zweijährigen Haft waren für die Behörde nicht erheblich genug: sie habe das Lager ja überlebt, hieß es. Daran, dass in solchen Verfahren auch ärztliche Gutachter tätig waren, die Mitglieder der SA und Mitarbeiter rassenhygienischer Institute gewesen waren, stieß außer den Opfern sich offenkundig niemand. Vielleicht tut man sich in Kärnten besonders schwer mit den Opfern der Nazis. Man will sie nicht sehen, will ihnen nicht zuhören, will nichts von ihnen wissen. Sie sind ein lebender Vorwurf. Die Mitglieder der Kärntner Landesregierung, die in den vergangenen zehn Jahren an den Gedenkfeiern beim ehemaligen KZ am Loibl teilgenommen haben, das übrigens auch erst durch eine private Initiative Mitte der 90er Jahre ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde, lassen sich an drei Fingern abzählen. Und noch ein aktuelles Beispiel: Das Denkmal der Namen, das an die Opfer des Nationalsozialismus im Raum Villach erinnert, wurde innerhalb weniger Jahre dreimal demoliert, zuletzt kurz vor Weihnachten 2007. Täter wurden bisher keine ausgeforscht, die Polizei, so konnte man lesen, hält den wiederholten Zerstörungsakt für eine „besoffene G’schicht“.

Unschätzbar allerdings ist, was mit dem Nationalfonds, und früher schon mit der Arbeit des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, in Bewegung gekommen ist. Nach vielen Jahrzehnten hatten Mensch wie Anton Haderlap oder sein Bruder Zdravko, der den heutigen Tag leider nicht mehr erleben durfte, zum ersten Mal das Gefühl, dass man auf sie zugeht, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert, dass ihnen eine späte Genugtuung zuteil wird. Sie müssen ihre Erinnerungen, ihre Erfahrungen, ihr Leid und ihre Trauer nicht mehr in sich vergraben. Zumindest nicht an ein Ort wie diesem und vor Mensch wie Sie es sind. Stellen Sie sich vor: Jemand ist gezwungen, ein ganzes Leben, 60 Jahre, lang, in allen seinen Begegnungen und Gesprächen zu überlegen und abzuschätzen, ob er es wagen kann, zu erwähnen, was das Gravierendste, das Einschneidendste in seinem Leben war, nämlich dass er Partisan gewesen ist. Bei vielen seiner Bekannten und bei den allermeisten seiner Landsleute galt das jahrzehntelang als Makel, als etwas Unehrenhaftes, als Verrat. Das ist der tiefere Grund dafür, weshalb es ein Buch wie ‚Graparji’ bis heute in der österreichischen Erinnerungsliteratur nicht gegeben hat.

Und dabei bedürfen wir solcher Bücher aus vielen Gründen. Menschen wie Anton Haderlap legen auch ein Zeugnis dafür ab, wie man die schwarze Verzweiflung überwindet und welche Kraft in einer kämpferischen, lebensbejahenden Haltung steckt. Er zeigt, dass man Unrecht nicht hinnehmen muss und dass man ‚Nein’ sagen kann, wo die große Mehrheit ihr ‚Ja’ brüllt. Sein Buch widerlegt die üble und diffamierende Rede von den ‚titokommunistischen’ Kärntner Partisanen, eine Rede, die nichts anderes bezweckt als den bewaffneten Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit Nazi-Argumenten herabzuwürdigen. Die Kärntner Partisanen und Partisaninnen waren in ihrer überwiegenden Mehrheit unpolitische, bäuerliche, tiefreligiöse Menschen, deren Antrieb zum Widerstand primär der Lebens- und Überlebenswille war, der Wunsch nach Freiheit und nach Gerechtigkeit. Manch einer, der durch den Terror der Nazis in die Wälder getrieben wurde, hat mit seinem Dorfpfarrer die Nacht durchgebetet, bevor er Haus und Hof verließ.

Aus der Erfahrung des Nazitums und des Krieges hat Anton Haderlap das, was er als das Entscheidende erkannt hat, gelebt und nun in seinem Buch vermittelt: Jeden Tag als ein Geschenk und als eine Aufgabe zu sehen, dem Nächsten mit Offenheit, Freundlichkeit und Respekt zu begegnen, ihn nach seinem Handeln zu beurteilen und nicht nach vorgefassten Meinungen und Urteilen; kurz: sich um Redlichkeit und Gerechtigkeit zu bemühen, Humor und Empathie zu pflegen. Es sind die gewalttätigen, menschenverachtenden Umstände der Naziherrschaft in Kärnten, die ihm vor Augen geführt und ihn gelehrt haben haben, wie eine Gesellschaft sich selber zerstört, in der solche Haltungen keinen verbindlichen sozialen Wert mehr haben.

Wer in den vergangenen Jahren hin und wieder nach Kärnten geblickt hat, weiß auch, dass diese Lektion dort noch nicht alle gelernt haben. Hinter Diskolächeln und Eventstimmung droht immer wieder die Fratze der Menschenverachtung. Zum großen Kärntner ‚Wir’, das von allen Plakatwänden grinst, gehören die Flüchtlinge aus Tschetschenien, die ohne gesetzliche Grundlage abgeschoben wurden, so wenig wie die Kärntner Slowenen, denen seit Jahrzehnten ihr Recht auf zweisprachige topographische Aufschriften verweigert wird.

Zum Thema siehe auch: Peter Gstettner, r Das Ende der Geschichte – die Kärntner Partisan/innen

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