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Veronika Avila

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2008-02-20

Indigene Völker zwischen Selbstbestimmung und Anpassung

Fortsetzung
des Nachdenk-Prozesses:

„Grundeinkommen – Soziale Sicherheit ohne Arbeit" am
22. 2. 08 mit Andreas Exner

Ein Diskussionspapier

Entwicklung wird in der Menschheitsgeschichte grundsätzlich als ein positiver, den menschlichen Weiterbestand sichernder Prozess dargestellt: Wo wäre die Menschheit heute ohne Entwicklung? Soziale und ökonomische Entwicklung wird oft auch mit Wohlstand und Lebensqualität gleichgesetzt, während soziale und ökonomische Unterentwicklung einen Mangel an Wohlstand und Lebensqualität impliziert. Wer bestimmt jedoch, was Entwicklung, was Unterentwicklung oder Lebensqualität ist? Woran wird Entwicklung und Unterentwicklung gemessen?

Nähern wir uns dem Begriff kritisch, sehen wir auch, dass Entwicklung beziehungsweise Maßnahmen, die dahin führen sollen, nicht immer Verbesserungen für die Betroffenen, einschließlich deren Umwelt, mit sich gebracht haben. Anders gesagt, warum hungern noch immer weit mehr als eine halbe Milliarde Menschen trotz entwicklungspolitischer Maßnahmen?

Von der wachstumsorientierten zur sozialorientierten Entwicklungsplanung

Entwicklung von Außen hat eine andere Auswirkung als Entwicklung von Innen. Entwicklung, die nur ökonomische Indikatoren berücksichtigt, also Wachstumsorientierung zum Ziel hat und soziale Indikatoren, die sich nach den Grundbedürfnissen orientieren, vernachlässigt, führt zur immer größer werdenden Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Ende 60er/ Anfang 70er Jahre wurden Impulse für eine sozialorientierte Entwicklungsplanung gesetzt. Jan Drewnowski entwickelte ein gesellschaftsbezogenes Indikatorensystem der Wohlfahrtsmessung für Entwicklungsländer, (Drewnowski, 1974) das später in die Sozialindikatorenforschung mündete, bei der es um Wohlfahrt und Lebensqualität geht (vgl. W.Cobb, 2000; Esping-Andersen, 2000 in: Noll 2004) Auch hier liegt ein wesentlicher Unterschied darin, ob es sich um eine selbstbestimmte oder fremdbestimmte, angeleitete oder partizipative Gestaltung der Lebenspraxis handelt.

Wann ist Entwicklung eine positive Folge von Veränderungsnotwendigkeiten und nicht wie oft, eine Folge von (unbewusst) erzwungener Einwirkung von Außen? Würde die Menschheit ohne Entwicklung heute noch existieren? Indigene Gesellschaften haben weltweit im Laufe ihrer Geschichte eine andere Entwicklung eingeschlagen und auch eine andere Form von Lebensqualität entwickelt als Mehrheitskulturen. Und werden dafür als unterentwickelt dargestellt? Auch indigene Gesellschaften haben sich im Laufe ihrer Geschichte entwickelt, allerdings anders als der Mainstream. Die Gründe dafür könnten in einem anderen Wertesystem und Weltbild liegen, worin sich Indigene Völker generell von Mehrheitsgesellschaften unterscheiden. Wir sehen jedoch weltweit, wenn indigene Gesellschaften ihre Existenzgrundlage Grund und Boden verlieren, ist ihre eigenständige Entwicklung in Gefahr und es verändern sich dann auch ihre Werte.

Sozialer Wandel und Entwicklung am Beispiel der Mangyan

Die Mangyan auf der philippinischen Insel Mindoro befinden sich seit den 60er Jahren auf diesem von außen erwirkten Weg der Entwicklung – zwischen Anpassung und Selbstbestimmung.

Im Berg- und Hinterland von Mindoro leben an die 100.000 Mangyan. Sie waren die ursprünglichen Besiedler/innen der Insel und lebten vor der spanischen Kolonisierung noch entlang der Küstengebiete, von Fischfang, Jagd und Schwendbau. Im Zuge der Eroberung wurden sie weiter ins Hinterland verdrängt, wo sie das Land noch heute in Schwendbauweise bewirtschaften.

Die Mangyan zählen zu den ca. 150 Stammesbevölkerungen oder IPs - Indigenous Peoples auf den Philippinen und werden in 7-8 Sprachgruppen unterteilt. IPs bewohnen heute meistens die unzugänglicheren Gebiete des Archipels in SO-Asien mit über 7.000 Inseln. Nach spanischer und späterer US-amerikanischer Kolonialherrschaft, erhielten die Philippinen 1946 die formale Unabhängigkeit. Gemessen an der Gesamtbevölkerung nehmen die Stammesbevölkerungen einen Anteil von 15-20% ein (> 12 Mio. von insgesamt 81,5 Mio. 2003).

Die Welt der Mangyan

IPs leben weltweit in eigenständigen Systemen, die von den jeweiligen landschaftlichen Gegebenheiten geprägt sind. Von regionalen Unterschieden abgesehen, haben alle indigenen Bevölkerungen eines gemeinsam - nämlich die Achtsamkeit im Umgang mit Natur, Mensch und Tier.

Wie viele, im Regenwald angesiedelten Stammesbevölkerungen, glauben auch die Mangyan an eine beseelte Welt (Animismus) – was auf die Wertschätzung von allen umgebenden Dingen und Lebewesen schließen lässt. Dieses Lebensprinzip ging mit der fortschreitenden Anpassung an die monotheistischen Zivilisationen immer mehr verloren. Heute geht es IPs weltweit um Aufrechterhaltung ihrer Eigenständigkeit und ihres angestammten Lebensraumes. Für die meisten von ihnen bedeutet das auch einen Kampf um die natürlichen Ressourcen und ums eigene Überleben.

Die durchschnittliche Alterserwartung der IPs auf den Philippinen ist 65 Jahre. Die Kindersterblichkeitsrate ist hoch und liegt bei 34%.

Der Alltag einer Mangyan Familie beginnt in der Regel gegen 5 Uhr morgens, kurz vor Tagesanbruch und endet kurz nach Einbruch der Dunkelheit gegen 19 Uhr. Alle beteiligen sich an der Essensproduktion, wie Feuer machen, Wasser holen, Süßkartoffeln, Yams oder Taro kochen. Das Wasser wird meistens in Benzin- oder Ölkanister abgefüllt. Ein paar Alte nutzen noch Bambusstämme, die mit Wasser gefüllt werden. Jeder Tropfen zählt! Der Alltag ist ausgefüllt mit Feldarbeit, Besuchen, Erledigungen im Tiefland, Gelegenheitsarbeiten im Tiefland, die sehr schlecht bezahlt werden, Schularbeiten und Essensproduktion. Auch für die Schulkinder beginnt der Tag schon früh. Sie nehmen ein Bad an der nächstgelegenen Quelle, helfen noch bei den Hausarbeiten mit, bevor sie sich auf den Weg zur Schule begeben, der für manche Schüler/innen recht lang sein kann. Bevor der Unterricht beginnt, wird der Pausen- und Dorfhof gesäubert. Alle Bewohner/innen des Dorfes helfen mit. Die Kinder tauschen Neuigkeiten aus und spielen miteinander, bevor die Schulglocke läutet und die Kinder auffordert, ihren Platz im Klassenzimmer aufzusuchen. Die Lerninhalte des Unterrichts, orientieren sich nach den christlichen Werten der Tieflandbevölkerung. Wenn die Schulkinder das Glück haben, eine Mangyan-Schule zu besuchen, dann erfahren sie auch vieles über ihre eigene Kultur, wie sie von den meisten von ihnen schon nicht mehr in dieser Weise praktiziert wird.

Kaum ein Kind oder Jugendlicher kann noch ein ambahan singen, beklagen viele Älteste oder eines der traditionellen Instrumente, wie git-git, gitarra oder plauta spielen. Ambahans sind in Versform vorgetragene Rezitative, welche alle Lebensphasen der Mangyan zum Inhalt haben und zu entsprechenden Anlässen in einer wettbewerbsartigen Interaktion zwischen 2 oder mehreren Personen vorgetragen wurden. Damit wurden nicht nur die Meinungen des / der Vortragenden wiedergegeben, sondern auch gesellschaftliche Werte vermittelt. Noch vor 20 Jahren wurde diese Form der Wertevermittlung im Alltag gelebt. Selbst Dorftribunale oder Versammlungen wurden in dieser Form abgehalten oder zumindest in heiklen beziehungsweise auch geselligen Situationen eingeflochten. Persönlich erlebte ich, wie eine Scheidungssituation auf diese Art geschlichtet wurde.

Die sexuell offene Lebensweise der Mangyan und in diesem Zusammenhang auch die relativ große Autonomie der Geschlechter wird durch die kolonial geprägten Werte der Tieflandbevölkerung zunehmend verändert.

Mangyan müssen verheiratet sein, damit ihr Kind zum Schulunterricht zugelassen wird. Um sich verheiraten zu können, muss das Paar getauft sein. Mangyan brauchen zur Legitimierung ihres Familienstandes und ihrer Landrechte Nachnamen, die sie nie hatten. Frauen erhalten jetzt den Namen ihres Ehemannes, der auf patriachaler Linie vererbt wird. Viele formale Kriterien müssen akzeptiert werden, damit Mangyan ihre Grundrechte überhaupt erst in Anspruch nehmen können. Aus einer weitgehend egalitären Gesellschaft wird eine durch patriachale Werte geprägte Gesellschaft. Läuft hier nicht etwas verkehrt?

Selbstbestimmung braucht selbstbestimmte Entwicklungsmöglichkeiten

Indigene, wie die Mangyan, haben sich im Laufe des letzten Jahrhunderts zu einer Parallelgesellschaft entwickelt, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten ganz bewusst entscheidet, was sie zum Leben braucht und was nicht. Sie sind selektiv in ihren Bedürfnissen und verfallen nicht allen Verlockungen der modernen Gesellschaft.

Zu den primären Bedürfnissen der Mangyan zählen Grundrechte, wie die Absicherung der Rechte auf ihren angestammten Lebensraum (Grund und Boden), den gleichberechtigten Zugang zur Bildung und das Recht auf Chancengleichheit.

In der Regel lassen sich diese Rechte nur über eigene Interessensvertretungen erwirken. Das setzt voraus, dass sich die Gesellschaft durch gezielte Bildungsmaßnahmen weiteres Wissen aneignet und aufbaut, um sich gegenüber der Außenwelt durchzusetzen. Es bringt Veränderungen in die Lebensweise der Mangyan, doch bleibt ihnen keine Wahl, denn in erster Linie geht es darum, zu überleben.

Während die Tieflandbevölkerung diese Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis nimmt, da „die Mangyan jetzt schon zivilisiert seien“, hat diese Veränderung Konsequenzen in Hinblick auf die kulturelle Identität der Mangyan.

Die Feldarbeit, die Bestellung des Landes der Ahnen ist nicht mehr das vorrangige Ziel der Mangyan. Eine Erwerbsarbeit würde ihnen mehr Lebensqualität bringen und sie nicht so abhängig von einem guten Ernteertrag machen, der immer häufiger durch zunehmende Naturkatastrophen zunichte gemacht wird.

Wenn sie Arbeit finden würden, würden sie Geld verdienen, das sie zur Finanzierung des Schulbesuchs ihrer Kinder brauchen. Arbeit bekommt man als Mangyan bei den Tiefländern am ehesten dann, wenn man zumindest die Highschool absolviert hat. Am besten wäre ein College-Abschluss. Mit diesen Veränderungen droht auch der Wald zunehmend seine Bedeutung als Lebenserhalter zu verlieren. Die Achtung vor dem Land der Ahnen ist geblieben – auch bei den Jungen, die sich vielfach entwurzelt fühlen, wenn sie in die Städte ziehen. Die meisten kehren wieder zurück.

Meine Beziehung zu den Mangyan

Im Jahre 1987/88 habe ich im Zuge eines ethnologischen Forschungspraktikums an der Universität Zürich das erste Mal mit den sprachlich zu den Hanunoo-Mangyan gehörenden Mangyan Kontakt aufgenommen. Ich habe dort ein Jahr und 1989/90 weitere 6 Monate in ihrer Gemeinschaft verbracht.

Die Welt der Hanunoo, die als einzige Gruppe der Mangyan noch ihre Silbenschrift beherrscht, fasziniert mich noch heute. Mit ihrer zeit- und raumgebenden Lebensweise im Gegensatz zu einer eher zeit- und raumnehmenden Lebensweise der Mainstream-Kulturen, zeigen sie mir, was Menschen der modernen Zivilisation weitgehend abhanden gekommen ist: Zeit füreinander, Achtsamkeit und Wertschätzung uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Werte, die trotz Veränderungsprozesse aufrechterhalten geblieben sind. In ihrer Einfachheit und Unkompliziertheit entzaubern sie so manche Errungenschaften moderner Gesellschaften.


Anmerkungen

DREWNOWSKI, Jan: On Measuring and Planning the Quality of Life. Mouton: The Hague / Paris 1974

NOLL, Heinz-Herbert: Social Indicators of Life Research: Background, Achievment and Current Trends. im Netz unter: http://www.gesis.org/

NOHLEN, Dieter / NUSCHELER, Franz: Handbuch der 3. Welt, Band 8 Dietz. Bonn 1994

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