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Hans Kandler
Walther Schütz

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2007-09-09

Die Illusionen sind verflogen ...


Ein Denk-Prozess
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Im Mitte August 2007 erschienenen Beitrag r Brasilien zwischen Agrarreform und Ethanolrausch hat Hans Kandler drastisch die negativen Auswirkungen der sogenannten Agrotreibstoffe (statt Nahrungsmitteln wird auf den Feldern Zuckerrohr für Autos angebaut) geschildert:
Ökologische Probleme mit der Monokultur, Vergiftungserscheinungen, Landkonzentration, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, steigende Lebensmittelpreise ...

So aufrüttelnd der Beitrag von Hans Kandler ist, so beunruhigt doch der letzte Teil, in dem so etwas wie die „Chance auf eine Marktnische" durchklingt - auf einen sozial und ökologischen verträglicheren Agrotreibstoffes. Und zwar auch bei der MST (Movimento sem terra = Bewegung der Landlosen), mit der ja Hans Kandler seit Jahrzehnten in engstem Kontakt steht:

Als positives Beispiel wird die Kooperative „Mario Lago“ genannt: Hier produzieren Bauern auf kleinen Feldern Zuckerrohr. Und man träumt von kleinen Ethanolanlagen - positive Erfahrungen mit kleinen Destillieranlagen gäbe es bereits. Vorteile neben der Vermeidung der Monokultur seien kurze Transportwege, die Verwertung aller Nebenprodukte als Futtermittel, Dünger und Brennstoff, Schaffung von Arbeitsplätzen, Einkommenssteigerung für die bäuerlichen Familien u.a.m. ...
Daher wird von der Regierung Unterstützung eingefordert – ein Programm zur Biodieselproduktion in der familiären Landwirtschaft. Angesichts der bisherigen verheerenden Erfahrungen mit der "konventionellen" Agrotreibstoffproduktion lautet daher die Schlussfolgerung:
Es ist daher dringend notwendig, die aktuellen Entwicklungen in Richtung Bioenergie nach sozialen und ökologischen Kriterien zu gestalten, um ein Desaster zu vermeiden.

Dazu 3 Fragen an Hans Kandler bzw. an die MST (Movimento sem terra = Bewegung der Landlosen) in Brasilien

Walther Schütz: Wenn Agrotreibstoffe nicht bloß der legitimen eigenen Versorgung mit Energie und damit der Erleichterung der Arbeit dienen sollen (wie früher das Futter für die Ochsen, Pferde ....), dann muss doch klar sein, dass AUCH ÖKOLOGISCH und SOZIAL nachhaltig produzierte Agrotreibstoffe nie und nimmer den Bedarf eines vom Kapitalismus geschaffenen Mobilitätsbedürfnisses wird stillen können – da gibt es kein sowohl als auch, sondern die Frage lautet einfach: Treibstoff ODER Nahrung?

Hans Kandler: Auf diese Frage ist vor kurzem der Ökonom João Pedro Stedile (Mitglied der Leitung des MST - Movimento sem terra und von Via Campesina Brasil) eingegangen. Ich zitiere:
„Wir meinen, dass eine Grundsatzdebatte mit allen Akteuren der Gesellschaft erfolgen muss, um dem Problem auf verschiedenen Ebenen zu begegnen. Das erste und wichtigste ist, dass wir das Transportwesen verändern: Ersatz des Individualverkehrs, der viel Diesel und Alkohol verbraucht, durch den Gemeinschaftstransport, der Gas benutzen kann, elektrische Energie oder andere nicht verschmutzende Formen.
Zweitens muss die Energieversorgung der gesamten Gesellschaft verändert werden, alle Alternativen sollten gefördert werden, in kleinerem Umfang, wie z.B. kleinere und mittlere Staudämme, die eine geringe Auswirkung auf die Umwelt haben, Agroenergie, Windenergie, etc.
Drittens müssen wir die Idee der Energiehoheit aufgreifen. Das bedeutet, dass jedes Dorf, jede Stadt, eigene lokale Lösungen suchen muss, um nicht von angelieferter Energie abhängig zu sein. Wenn es richtig ist, dass die großen Städte dies nie erreichen, können wir zumindest in diese Richtung aktiv werden, indem wir vorher erwähnte Alternativen kombinieren. Wir könnten nichtverschmutzende Energieformen finden und ein Gleichgewicht mit der Umwelt. Wir hoffen, dass die perversen Konsequenzen der Erderwärmung, des Klimawandels, die die städtische Bevölkerung bereits spürt, eine Bewusstseinserweiterung der Bevölkerung bewirkt, damit diese von der Regierung diese Änderungen einfordert. Denn die Firmen und Kapitalisten fühlen keinerlei Verpflichtung gegenüber dem Menschen, nur gegenüber ihren Profiten.
Und schließlich treten wir dafür ein, dass der Energiehandel, auch die Agroenergie, einer staatlichen Aufsichtsbehörde unterliegen muss, einer öffentlichen Einrichtung und nicht dem Kapital. Das ist ein langer und schwerer Kampf. Aber wir sind bereits da drin." (zit. nach: Zeitschrift BIODIVERSIDAD, 31. Mai 2007)
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Walther Schütz: Wie sicher seid Ihr, dass nicht auch innerhalb eurer Bewegung sich über kurz oder lang die Logik des Marktes durchsetzen wird und ein sich gut verkaufender Agrotreibstoff eine immer stärkere Rolle einnehmen wird? Welche Mechanismen der Reflexion habt Ihr eingebaut? Welche Richtungen / Flügel innerhalb der MST gibt es?

Hans Kandler: Die MST ist eine sehr dynamische Bewegung innerhalb der brasilianischen Gesellschaft und erleidet viele Einflüsse, da gibt es viele unterschiedliche Meinungen und Bewusstseinsstufen. Der überwiegende Teil ist kollektiv ausgerichtet, aber es gibt auch welche, denen die Produktion wichtiger ist, um mehr zu verdienen. Mit der Erfahrung vieler Jahre gibt es ein Regelwerk, innerhalb dessen sich die Mitglieder bewegen können. Es gibt ziemlich viel Autonomie für die Basisgruppen und verschiedenen Vernetzungsebenen, keine zentralisierten Strukturen. MST hat keinen institutionellen Charakter, existiert formal juridisch nicht. Es wird viel in Bildung investiert, damit die Menschen Strukturen und Zusammenhänge verstehen, selbstständig denken lernen und weniger manipulationsgefährdet sind. Es gibt Mechanismen der Evaluierung und der Kritik, um die Prinzipien des MST im Alltag zu leben um die angestrebte zukünftige Gesellschaft Realität werden zu lassen. Innerhalb des MST gibt es unterschiedliche Gruppierung und Linien, kommt auch auf die Region an. Aber die Unterschiede sind nicht sehr groß, wer die MST-Linie nicht mitträgt, schließt sich einer anderen Landlosenbewegung an, von denen es mehrere gibt – entweder weiter rechts oder weiter links. Ein prominenter MST-Aussteiger ist z.B. José Rainha, der mit seiner Gruppe als radikal eingeschätzt wurde, inzwischen aber bei den Agrotreibstoffprogrammen der Regierung mitmacht.
Eines darf man nicht vergessen – MST ist keine politische Partei, sondern eine soziale Bewegung von landlosen Bauern, die eine Agrarreform fordern und um Land kämpfen, auch mittels Besetzungen , aber innerhalb des verfassungsmässigen Rahmen. Da geht es ums Überleben, um konkrete Aktionen, allerdings findet nach den Prinzipien von Paulo Freire eine Reflexion der Praxis statt und das führt zur Politisierung. Das ist ein großer Unterschied zu Österreich und Europa.
Die Frage ist vielleicht weniger, wie etwas abgesichert werden kann bzw. wie die kapitalistische Logik verhindert werden kann, sondern wie ein anderes Modell so attraktiv gestaltet werden kann, dass es sich historisch durchsetzt.
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Walther Schütz: Habt Ihr nicht illusionäre Vorstellungen gegenüber der Rolle der Regierung? Ausgerechnet die, die Brasilien zum Global Player machen wollen (bzw. in den Gesetzmäßigkeiten des Systems gedacht: machen MÜSSEN), sollen ein Programm entwickeln, nach dem die Agrotreibstoffproduktion soziale und ökologische Kriterien erfüllen und die trotzdem auch die Eigenversorgung mit Lebensmitteln gewährleisten solle?

Hans Kandler: Illusionen gab es bei Regierungsantritt, weil viele dachten, dass damit automatisch die Kontrolle der Macht verbunden wäre. Dann kam die Ernüchterung – es wurde eine Wahl gewonnen, aber es fand keine Revolution statt. Auch Lula hat zusätzlich enttäuschende Positionen eingenommen, aber immer noch interpretieren viele seinen 2. Wahlsieg als Abstimmung gegen ein neoliberales Wirtschafssystem.
Aber es wäre ein Fehler, die Regierung als einen einheitlichen Block zu sehen – im Gegenteil, alle Interessensgruppen finden sich dort wieder und es gibt jene die versuchen, ihren Spielraum zu nutzen, um Alternativen umzusetzen und die staatlichen Strukturen nicht einfach den Eliten zu überlassen. Wie stark sich diese Alternative durchsetzt, kommt auf das Kräfteverhältnis an, sowohl in Brasilien wie weltweit. Gelingt es uns in der EU Druck bei den Agrotreibstoffen zu machen, dann haben sie mehr Chancen, ansonst setzt sich die Agroindustrie voll durch. In Brasilien selbst erleben die Linke und die sozialen Bewegungen seit den 90er-Jahren eine Abwärtsbewegung, das ist mit einer der Gründe, dass der Neoliberalismus sich gestärkt hat.
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Mimenda, 2007-09-09, Nr. 3911

Angeregt durch diesen Beitrag habe ich das Interview, auf das das Zitat von Hans Kandler beruht, ausfindig gemacht und übersetzt. Es enthält noch ein paar für mich interessante Hintergrundinformationen:

Überschrift: Örtliche Lösungen suchen - Krise oder Energiehoheit

Carlos Vicente spricht mit João Pedro Stedile von der Landlosenbewegung Brasiliens (MST) über Agrotreibstoffe und neue Formen des Profits des internationalen Kapitals.

CV. Wie sieht die Landlosenbewegung den Fortschritt der Projekte zur Produktion von Agrotreibstoffen in Brasilien?

JPS. Wir sind sehr besorgt. Es gibt eine enge Allianz zwischen drei Typen transnationalen Kapitals: den Ölunternehmen (welche die Abhängigkeit vom Öl verringern wollen), den Autofabrikanten (die weiter nach dem Muster des Individualverkehrs verfahren wollen, um Gewinne einzufahren) und die Agrounternehmen (z.B. Bungue, Cargill, Monsanto), welche den Weltmarkt der Agrarprodukte weiter monopolisieren wollen. Dieses Imperium des internationalen Kapitals will nun eine Allianz mit den Großgrundbesitzern bilden, mit den Landbesitzern des Südens, besonders in Brasilien, um große Landflächen zur Produktion von Agrotreibstoff nutzen zu können. Sie wollen eine Ware produzieren, die sie nur insofern interessiert, als sie mit ihr die Gewinnquote und ihren Lebensstil fortführen können. Die Umwelt interessiert sie überhaupt nicht, ebensowenige die globale Erwärmung und andere Dinge, die uns einfache Menschen sehr wohl interessieren. Das Kapital hat zum alleinigen Ziel: sich in den Gewinnquoten zu reproduzieren.

CV. Warum nennt man diese Treibstoffe Agrotreibstoffe und nicht Biotreibstoffe?

JPS. Wir waren beim Weltforum zur Ernährungssouveränität in Mali, Afrika. Und wir haben da gelernt, dass dieses Kapital ganz schön manipuliert, wenn es die nachwachsenden Treibstoffe pflanzlichen Ursprungs mit der Vorsilbe Bio- versieht. Das bedeutet nämlich "Leben". Das ist eine Verirrung, denn alle Lebewesen haben diese Komponente "Leben". Wir könnten uns daher ebensogut alle Bio-Menschen nennen, ich mich einen Bio-João Pedro, oder den Soja Bio-Soja. Aber sie benutzen die Vorsilbe Bio-, um den Menschen zu suggerieren, dass es sich um eine gute Sache handle, etwas, was politisch korrekt sei. Deswegen haben wir uns bei La Vía Campesina Internacional darauf geeinigt, es bei seinem wahren Namen zu nennen: Treibstoff oder Energie, die auf dem Acker produziert wird; daher ist der korrekte Begriff Agrotreibstoff oder Agroenergie. Ob dessen Produktion angemessener ist als die Energie aus fossilen Brennstoffen wie dem Öl und der Kohle, das ist ein anderes Thema. Aber sie können die Vorsilbe Bio- nicht einfach als Zeichen für etwas Gutes verwenden.

CV. Welchen Einfluss hat das auf den Ackerbau, die Ernährung und den Bodenbesitz?

JPS. Im kapitalistischen Ackerbau gelten die Regeln der politischen Ökonomie für die gesamte Agrarproduktion, die auf den durchschnittlichen Gewinnraten basiert. Wenn der Äthanol oder der Agrotreibstoff anderer pflanzlicher Herkunft dem kapitalistischen Produzenten mehr Gewinn einbringt als Mais, Baumwolle, Weizen oder Bohnen, gibt es natürlich einen Wandel von den Nahrungserzeugnissen, die gewöhnlich weniger Gewinn abwerfen (weil die Konsumenten geringe Einkommen haben) hin zu den Agrotreibstoffprodukten. Das ist die kapitalistische Regel. Da braucht niemand etwas vorauszusagen oder zu planen. Es passiert ja schon in Brasilien. Das Zuckerrohr überlagert die Anbaugebiete von Bohnen, Mais und die Milchviehzucht. Gleichzeitig erweitern sich die Flächen mit Monokulturen. Weite Teile fruchtbaren Bodens werden zukünftig von der Monokultur des Zuckerrohrs und des Sojas beherrscht, um Energie zu erzeugen, sei dies nun Äthanol oder Treibstofföl.

Die Monokultur im Ackerbau ist aber schon für sich allein genommen schädlich für die Natur. Sie zerstört andere Pflanzenformen, die "Bio-Diversität". Für Soja und Zuckerrohr gibt es Studien, die beweisen, dass die Monokultur in Brasilien das Gleichgewicht der Niederschläge ändert, welche sich auf eine bestimmte Periode im Jahr konzentrieren und auch stärker werden, mehr wie Unwetter. Ferner strömt dieses Wasser - weil es keine "Bio-Diversität hat, um sich ausgleichen oder von den Niederschlägen speisen zu lassen - mit größerer Intensität den Flüssen oder dem Grundwasserspiegel zu. Es gibt Studien, welche die Erhöhung der Durchschnittstemperatur in diesen Regionen belegen und den Zuwachs an Trockenperioden in Regionen mit Monokultur. Im Fall des Zuckerrohrs verschlimmert sich die Situation noch durch die Abfacklung (damit wird Kohlenstoff an die Atmosphäre abgegeben) und die elenden Bedingungen der besoldeten Arbeiter, die gewöhnlich aus entfernten Gegenden herangezogen werden, um zu verhindern, dass sie sich organisieren und kämpfen.

Natürlich gibt es einen großen Einfluss bezüglich der Konzentration an Bodenbesitz. Da die Monokultur durch Großkonzerne stimuliert wird, ist es nur natürlich, dass sie – im Verein mit dem internationalen und dem Finanzkapital - in Brasilen investieren, indem sie große Landstriche kaufen. In den letzten Monaten hat Cargill bereits die größte Alkoholfabrik in São Paulo gekauft, die 36000 Hektar nur mit Zuckerrohranbau umfasst. Das ist das bis dahin größte Gebiet, auf dem nur Zuckerrohr angebaut wird.

Im Bundesstaat São Paulo gab es bis vergangenes Jahr 4 Millionen Hektar Zuckerrohr und Pläne für viele Fabriken, die in nur drei Jahren die Fläche auf 7 Millionen Hektar erweitern sollen. Andere Bundesstaaten in der Umgebung, etwa Goiás, der Südosten von Minas Gerais und von Mato Grosso do Sul erweitern den Anbau von Zuckerrohr, um in den nächsten fünf Jahren 77 neue Fabriken zu errichten. Und Petrobras begann mit dem Bau von zwei Alkoholpipelines. Eine beginnt in Cuiabá (der Hauptstadt des Mato Grosso im Westzentrum) und läuft bis zum Hafen von Paranaguá (Paraná), die andere beginnt in der Umgebung von Goiânia (Hauptstadt von Goiás) und läuft bis Santos. Die Region wird von den großen Zuckerrohrgütern geradezu besetzt. Eine beeindruckende Konzentration, unter Anwesenheit internationalen Kapitals, z.b. Cargill. Viele ausländische Investitionen, die durch Soros kontolliert werden, werden in Aktien brasilianischer Unternehmen getätigt, die mit dem Alkohol Geschäfte machen.

CV. Welche Erfahrungen hat Brasilien nach mehr als 30 Jahren Alkoholproduktion aus Zuckerrohr gemacht?.

JPS. Die Alkoholproduktion aus Zuckerrohr hatte einen positiven Einfluss auf die Handelsbilanz Brasiliens. Damals verminderte sich die Wichtigkeit des Öls und vermochte damit die Preise für Treibstoffe auszugleichen. Aber es brachte auch ungezählte Umweltprobleme mit sich, denn im Gegensatz zu dem, was von vielen Wissenschaftlern befürwortet wird, nämlich dass die Produktion in kleinen integrierten Einheiten vonstatten ginge, die den Landarbeitern zur Energiehoheit hülfe, optierte die damalige Diktatur für Monokultur und große Fabriken. Viele Gemeinden wurden zu großen Zuckerrohrplantagen, die vollends darauf angewiesen waren, Essen aus anderen Orten zu importieren. Und die Umweltverschmutzung nahm nicht ab. Zunächst, weil zur Produktion des Zuckerrohrs Diesel sowie Ölderivate für die Düngemittel benötigt werden. Auf diese Weise ist es zu einem Zuwachs von 25% an verbrauchtem Öl in diesen Regionen gekommen. Ferner erwärmen die Autos, die mit Benzin und Alkohol fahren, weiterhin das Klima, durch die Überbevölkerung und deren gesteigerten Bedarf an Autos in den großen Städten, ohne das Umweltproblem oder das des Kohlendioxyds in der Atmosphäre zu lösen.

Es ist also zu einer Verschärfung der sozialen Probleme gekommen, wegen der Konzentration des Eigentums, wegen dem Wegfall der Erwerbsarbeit auf dem Lande, wegen der Landflucht usw. Die Zuckerrohrregionen Brasiliens sind die Regionen mit der größten Konzentration von Wohlstand und der größten Armut. Als Beispiel kann Ribeirão Preto dienen, das im Zentrum des Bundesstaats São Paulo liegt und vom Bürgertum als brasilianisches Kalifornien gehandelt wird, wegen seiner technologisch hochentwickelten Zuckerrohrwirtschaft. Vor 30 Jahren wurden dort alle Arten von Nahrungsmitteln produziert. Es gab Landarbeiter im Inneren und die Region war reich und hatte eine gerechte Einkommensverteilung. Heute ist dort nur noch eine immense Zuckerrohrplantage mit ca. 30 Fabriken, welche das ganze Land kontrollieren. In der Stadt São Paolo gibt es 100000 Menschen, die in Slums leben. Und die Zahl der Gefängnisinsassen beläuft sich auf 3813 Menschen (nur Erwachsene), während die Bevölkerung, die von der Landwirtschaft lebt und dort arbeitet, nur 2412 Personen zählt, Kinder inbegriffen. Das ist das Model einer Gesellschaft, die auf die Monokultur des Zuckerrohrs setzt. Es gibt mehr Menschen im Gefängnis als in der Landwirtschaft arbeiten.

CV. Wie glaubt ihr muss man sich der Energiekrise entgegenstellen?

JPS. Wir meinen, dass es eine fundamentale Debatte in der gesamten Gesellschaft geben muss und dass man das Problem auf verschiedenen Ebenen angehen muss. Die erste und wichtigste Ebene ist die, dass wir die Verkehrsbedingungen ändern müssen. Wir müssen die Privatautomobile, die viel Benzin und Alkohol verbrauchen, durch öffentlichen Verkehr ersetzen, welcher Gas, Strom und andere Arten weniger verschmutzender Energie verbraucht. Zweitens müssen wir die Energiequellen der gesamten Gesellschaft ändern, indem wir alle Arten alternativer Energie kleineren Maßstabs fördern, z.B. kleine und mittelgroße Wasserkraftwerke, welche die Umwelt weniger schädigen, Agro-, Windenergie und andere. Drittens müssen wir an der Idee der Energiehoheit arbeiten. Dass jedes Dorf und jede Kommune ihre eigene örtliche Lösung sucht und nicht von Energie abhängt, die aus anderen Orten kommt.

Natürlich können die großen Städte das nicht erreichen, aber wir können dieser Krise deutlich entgegentreten, und wenn wir das mit den vorher geschilderten Alternativen kombinieren, lassen sich sicher Formen finden, welche die Umwelt nicht schädigen oder das Gleichgewicht der Natur.

Wir hoffen, dass die perversen Konsequenzen der Erderwärmung, welche die städtische Bevölkerung längst zu spüren bekommt, einen Prozess der Bewusstwerdung der Menschen zeitigt, der die Regierungen zu Änderungen zwingt. Weil die Unternehmen und die Kapitalisten keinerlei Verpflichtung gegenüber den Menschen haben, sondern nur gegenüber ihrem Profit.

CV. Welche Aktionen plant die Landlosenbewegung hinsichtlich des Vormarsches der Agrotreibstoffe als Staatspolitik?

JPS. In der Landlosenbewegung und in La Vía Campesina befinden wir uns in einem permanenten Diskussionsprozess. Der erste Schritt ist, den Vormarsch der Monokultur von Zuckerrohr und Soja zu bremsen und damit den Vormarsch des transnationalen Kapitals. Die Debatte mit der Gesellschaft muss verstärkt geführt werden. Es muss die Idee nachdrücklich vorgetragen werden, dass der Handel mit Energie und auch mit Agroenergie in den Händen eines staatlichen, öffentlichen Unternehmens liegen muss, das eine Politik verfolgt, die den Interessen der Bevölkerung und nicht jenen des Kapitals dient. Das wird ein langer und schwerer Kampf werden, in dem wir bereits gefangen sind. Die Zukunft der Menschheit wird sich in diesen Schlachten entscheiden.

Wolfgang Pomrehn, 2007-12-13, Nr. 4055

Ich habe das Interview mit Joao Pedro Stedile gesucht und bin per Zufall auf eure Übersetzung gestoßen. Daher die Frage: Dürften wir diese für unsere Kieler Zeitung "LinX" (www.sozialismus-jetzt.de) übernehmen?
Bitte Antwort per Email. (WPomrehn@gaarden.de)

Gruß aus dem fernen Norden

Wolfgang Pomrehn

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