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2007-02-04

Pogrom

Pogrom, meine Damen und Herren,

Pogrom. Das war hier. Nicht nur in Berlin, Frankfurt oder Wien. Nein, die Hetzjagd fand auch in Villach statt. Auch hier rannten die Opfer um ihr Leben. Auch hier wurden ihre Wohnungen gestürmt. Auch hier wussten sie nicht, wie ihnen geschah. Pogrom. Der Begriff klingt fremd und fern. Das russische Wort spricht uns von einem Volksaufstand gegen die Juden. Wir denken an Kosaken, an einen Mob aus früheren Zeiten. Der Begriff gemahnt an feudale Zustände, und an jenes jiddische Lied: (transkribiert)

„Es brent Brider es brent
Oj unser orem Schtetl nebich brent
Bejse Windn mit Irgosen
Rajssn brechen un zeblosn
Schtarker noch di wilde Flamn
Alz arum schon brent“

Aber was damals geschah, übertraf eine Gewaltausschreitung in einer einzelnen Stadt. Vom Novemberpogrom zu reden, bedeutet, entsetzt zu sein über das, was in Mitteleuropa, in Deutschland, im zwanzigsten Jahrhundert noch möglich war, bedeutet sich keinen Begriff zu machen von dem, was sich schon ankündigte. Novemberpogrom. Barbarei mündete im Rechtsstaat und der Rechtsstaat in der Barbarei.

Niemand hatte sich so einen Raubzug und so eine Mordwelle erwartet. Vom 9. bis zum 13. November 1938, ja, nicht nur in einer Nacht, wie zuweilen behauptet wird, vom 9. bis zum 13. November wurden den Juden in Deutschland und Österreich die Mindeststandards moderner Zivilisation aufgekündigt. Sie waren vogelfrei. Sie konnten niedergeprügelt, vergewaltigt und ermordet werden. Ihre Geschäfte wurden zerstört, ihre Wohnungen verwüstet, ihre Gotteshäuser in Brand gesetzt.

Wer Novemberpogrom sagt, meidet jenes Vokabel, das sich in der Bevölkerung zunächst festgesetzt hatte. Die Berliner prägten den Namen Reichskristallnacht. Er wurde von den Nazis nur allzu gern in den Sprachschatz aufgenommen. Kristallnacht; das kokettiert mit dem schaurig schönen Widerschein von Feuer in den auf der Straße liegenden funkelnden Glasscherben. Das verharmlost die blutige Gewalt, als wäre sie ein Fastnachttreiben gewesen. Es macht aus dem Morden und Brandschatzen eine Sachbeschädigung im Zuge eines Volksfestes. Die Ausschreitung wird zur Ausschweifung verklärt.

Aber auch vom Novemberpogrom zu sprechen, fasst nicht ganz, was hier, in den Straßen, die wir heute noch begehen, vorfiel, was Juden widerfuhr, was ihnen teils ihre Nachbarn antaten. Kein spontaner Volkszorn, wie die nationalsozialistischen Machthaber glauben machen wollten, kam hier zum Ausbruch. Das war kein Aufruhr, der die Gemüter einer einzigen Region erregte. Die Verfolgung erfasste alle Juden im ganzen Staat. Das gesamte Reich war Tatort.

Die Aktion wurde von den Parteistellen angeordnet, von SA-Verbänden, SS-Trupps und HJ-Gruppen durchgeführt, aber vom Mob, von unorganisierten Teilen der Bevölkerung betrieben. Das Verbrechen geschah im Namen des deutschen Volkes.

Nicht nur übertraf das Ausmaß der Barbarei alles Bisherige. Nein, darin lag nicht unbedingt das Besondere an dem Gräuel des Novembers, zumal in Wien bereits im Frühjahr Plünderungen und Bluttaten an der Tagesordnung gewesen waren. Aber die Hoffnung, mit der Zeit würde die Hatz gegen die Juden nachlassen, war nun endgültig gebrochen. Nun war klar, es würde kein Entrinnen geben. Wer Jude oder Jüdin war, saß in der Falle. Das ganze Reich war Feindesland, Todeszone geworden.

Der Novemberpogrom diente den fanatischen Antisemiten zur Einstimmung. Es war der Auftakt zum Massenmord. Der nazistische Alltag beging einen Festtag. Die Partei zelebrierte das Plündern, Brandschatzen und Morden am 9. November, dem Jahrestag der Reichsgründung 1918 und des Putschversuches im Jahre 1923. Der Nationalsozialismus beging das Jubiläum mit einem Verbrechen und das Verbrechen als Gewaltfeier des Schreckens.

In Deutschland waren die Juden bereits seit 1933 aus dem Staatsvolk verbannt worden. Mit dem Novemberpogrom setzte aber im so genannten Altreich eine neue Phase der nazistischen Judenpolitik ein.

In Österreich hingegen waren Jüdinnen und Juden seit dem Frühjahr Ausschreitungen und Pogromen ausgesetzt. Die Nationalsozialisten mussten sich ob ihrer Judenpolitik nicht vor einer breiten Opposition fürchten. Im Gegenteil. Die Bürokratie konnte auf die Masse von Nutznießern und Mitläufern zählen, rechnete aber nicht mit diesem Übereifer. Die österreichischen Juden waren nicht Opfer einer fremden Politik. Die Gewaltexzesse machten das ganz besondere Ambiente des nazistischen Wien aus. Die Verfolgung setzte nicht erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, sondern schon in der Nacht davor ein. Die heimischen Nationalsozialisten machten sich sogleich, am Samstag, den 11. März, an die Arbeit. Ja, bereits am 4. Februar 1938, fünf Wochen vor dem Anschluss, hatten Jugendliche eine Rauchbombe in den Tempel der Hetzgasse geworfen.

Unterstützung für die Opfer boten nur Einzelne, Vereinzelte. Jubel empfing die einmarschierenden deutschen Truppen am Sonntag, den 12. März 1938, in Österreich. Nie wieder stieß die Wehrmacht bei Überschreitung nationaler Grenzen auf solch hartnäckige Begeisterung. In Österreich erreichte die antijüdische Verfolgung eine neue Stufe.

Schon in der ersten Woche nach dem Einmarsch begeisterte sich der Mob an den sogenannten Reibpartien, an jenen Veranstaltungen zur allgemeinen Belustigung, weltweit als Wiener Besonderheit bekannt.

Die Opfer müssen mit scharfer Lauge und Zahnbürsten ständestaatlichen Kruckenkreuze oder die Schuschnigg-Parolen von der Straße waschen. Es ist die Vorführung einer Erniedrigung, denn vorgeführt werden Menschen wie du und ich, Junge und Alte, Männer und Frauen, die gestern noch glaubten, in dieser Stadt daheim zu sein. So groß ist die Begeisterung über dieser Vorführung, dass sie wegen Erfolges verlängert wird. Dort wo alle Symbole bereits weggewischt sind, werden neue hingemalt. In den Synagogen brennen die Thorarollen. Juden werden von der Meute durch die Straßen gezerrt.

Juden waren Freiwild. Es war eine Mordshetz im wahrsten Sinne des Wortes. Der ungeordnete Terror wurde so heftig, dass er den Nazis nicht geheuer war. Bereits am 14. März 1938 untersagten die neuen Machthaber die unkoordinierten Enteignungen und die wilden Ausschreitungen auf eigene Faust. Der „Völkische Beobachter“ vom 26. April 1938 rief die österreichische Bevölkerung gar zu Ruhe und Ordnung auf. Zu enthusiastisch schienen die Wiener Antisemiten den nationalsozialistischen Machthabern.

„Es brent Brider es brent
Oj unser orem Schtetl nebich brent
S’hobn schojn di Fajerzungn
Dos ganze Schtetl ajngeschlungn
Un di bejse Windn huschn
S’ganze Schtetl brent

Un ir schtejt un kukt asoj sich
- mit farlejgte Hent
Un ir schtejt an kukt asoj sich
- unser Schtetl brent.“

Von Mordechai Gebirtig stammt dieses Lied. Er schrieb es in Polen, als die Gewalt gegen Juden wieder zunahm. Im Jahre 1938. Just im Jahr des so genannten Anschlusses. Im Jahr jenes Novemberpogroms, dessen wir hier gedenken.

Die Opfer in Wien suchten nach einem Ausweg. Unzählige versuchten ein Visum zu ergattern, um zu fliehen. Viele Verfolgte meldeten ihre Telefone ab. Sie ließen ihre Türglocken abmontieren, um nicht durch sadistische Belästigungen terrorisiert zu werden. Mit Bekannten vereinbarten sie Klopfzeichen. Nicht wenige versuchten sich dem Zugriff durch Untertauchen zu entziehen. Manche weigerten sich, jede Demütigung widerstandslos über sich ergehen zu lassen. Am 25. April 1938, es war der letzte Pessachtag und der Ostermontag, ein traditioneller Pogromtag seit dem Mittelalter, wurden Hunderte Juden bei der Reichsbrücke unter anderem gezwungen, einander ins Gesicht zu spucken. Ein junger Mann widersetzte sich und erklärte, sich eher erschießen zu lassen, als sich der Pein zu unterwerfen. Wenig später wurde er im Konzentrationslager ermordet.

Andere konnten ihre Wut nicht nach außen wenden. Sie legten Hand an sich. Der Autor G.E.R. Gedye wunderte sich damals über:

... die Selbstverständlichkeit, mit der jede jüdische Familie nunmehr den Selbstmord von Familienmitgliedern als ein normales und natürliches Ereignis hinnahm. ... Jüdische Freunde teilten einem den Entschluss, Selbstmord zu verüben, in dem gleichen Ton mit, in dem sie einem früher erzählt hatten, dass sie eine kurze Eisenbahnreise unternehmen würden.

Die Machthaber wollten Wien judenrein machen. Aber viele Antisemiten innerhalb der Behörden und Parteiorgane konnten nicht von ihren Opfern lassen. Sie zu quälen, wurde ihnen wichtiger als das Ziel, sie davonzujagen.

Pogrom. In den meisten Großstädten des „Deutschen Reiches“ brannten die Synagogen im November zum ersten Mal. In Wien waren schon im Oktober die Fensterscheiben mehrerer Synagogen eingeschlagen, Thorarollen geschändet, einzelne Bethäuser zerstört und der große Tempel im 2. Bezirk angezündet worden.

Auf den Punkt gebracht kann gesagt werden; während im März 1938 der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte, wurde mit dem Novemberpogrom 1938 der Anschluss des „Altreichs“ an die „ostmärkische Judenpolitik“ vollzogen. Deshalb lief das Novemberpogrom in Wien brutaler als in vielen anderen Städten ab. Die Hemmschwelle war bereits überschritten. Der Mob hatte die Gewalttaten schon eingeübt, nun durfte er sich aber endlich austoben.

Jüdinnen und Juden wurden verhaftet, in Schulen, Gefängnisse und in die spanische Hofreitschule neben der Hofburg gebracht, zu so genanten gymnastischen Übungen gezwungen, ohne ihnen Nahrung zu geben. Schlafen durften sie nur aufrecht; stehend.

Die Amtsräume der Kultusgemeinde wurden ebenfalls gestürmt. Die Täter demolierten Ausspeisungen, vermengten Lebensmittel mit Glas, schütteten die Suppen aus. Neu war, was Jüdinnen, Frauen in großer Zahl angetan wurde. Sie wurden verhaftet und misshandelt. In die Zelle wurden Prostituierte gebracht, um die jüdischen Frauen zur Begeilung der SA sexuell zu missbrauchen. In der Brigittenau zwangen die Täter zweihundert Frauen, in einem Keller nackt zu tanzen. Eine Jüdin, die sich weigerte, wurde auf einen Tisch gebunden; die anderen Frauen mussten ihr ins Gesicht spucken.

In Villach, das weiß ich aus den Publikationen des Vereins Erinnern, dauerte der Ausbruch vom 10. bis zum 11. November. Der Hauptplatz, lese ich, war voller Menschen. Auf dem Sockel der Pestsäule standen Jugendliche und schrieen: „Hoch hänge der Jude am Laternenpfahl.“ und „Jude verrecke im eigenen Drecke“.

Nach dem Pogrom wurden vor dem Amtsgebäude der Wiener Kultusgemeinde SS-Wachen aufgestellt, und zwar vorgeblich, um sie vor weiteren Attacken zu bewahren. Der Eingang wurde kontrolliert, die Juden schikaniert. Die Kultusgemeinde hatte die nazistische Schutzstaffel auch noch zu bezahlen. Die Juden mussten für die Schäden haften, die ihnen im Pogrom angerichtet worden waren.

In einer Konferenz am 12. November 1938, einer „Besprechung über die Judenfrage“, zu der Hermann Göring geladen hatte, wurden die österreichischen Verhältnisse eigens gerühmt. Göring zeigte sich vom Vorgehen in Wien begeistert. Mit dem Pogrom selbst war er hingegen nicht ganz zufrieden. „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen, und hättet nicht solche Werte vernichtet“, sagte er.

Pogrom. 1941 setzten die großen Deportationen in die Mordfabriken ein. Sie fanden zu allen Tageszeiten statt. Die Juden wurden auf offenen Lastwägen zum Aspangbahnhof gebracht. Nicht wenige Wiener riefen den Abfahrenden zum Abschied Gehässigkeiten zu. Juden wurden auf offener Straße attackiert. Als ein älterer, schwer kriegsinvalider Jude im Winter 1941/42 bei Glatteis ausglitt und niederfiel, bat er die Passanten um Hilfe. Sie hoben ihn nicht hoch. Erst nach drei Stunden und unter Mühe gelang es dem Kriegsversehrten, sich allein aufzurichten; dabei brach er sich seinen rechten Handwurzelknochen. Keine der Rotkreuz-Ambulanzen, die zu jener Zeit noch Juden mitzunehmen hatten, wollte ihn abholen. Tagelang musste er unversorgt zu Hause liegen, bis er aus eigener Kraft das Spital aufsuchen konnte.

Der Schriftsteller Franz Fühmann erinnerte sich: „Es muss 1943 gewesen sein, im Sommer, in Wien, in der Rilkezeit, da zeigte die Wochenschau Bilder aus einem Konzentrationslager, und man sah drei Häftlinge mit dem Judenstern, die, offensichtlich Mitte irgendeiner Kette, einander langsam Steine zureichten ... Der Kommentator bemerkte, dass die Juden das erste Mal in ihrem Leben arbeiteten, was man ja auch an dem rasanten Tempo ihrer Bewegungen sehe, und das Publikum brüllte vor Lachen, und ich erstarrte, denn man sah Sterbende mit verlöschender Kraft die Arme ausstrecken und Steine von Sterbenden empfangen und Steine an Sterbende weitergeben.

Es war ein österreichisches Gelächter; Gelächter meines Heimatlandes“, schrieb Fühmann.

Ist dieses Gelächter heute gänzlich erstorben? Was sich im Kino 1943 abspielte, ist ja nicht in der demokratischen Republik, dem Mitgliedsstaat der Europäischen Union zu Beginn des dritten Jahrtausends geschehen. Kurz nachdem 1995 im burgenländischen Oberwart vier Roma durch eine Bombe ermordet worden waren, ging in Wels eine als sogenannte Zigeuner verkleidete Gruppe in einem Faschingsumzug mit. Als sie an der Festbühne vorbeizog, da scherzte der Moderator: „Bitte jetzt keine Bomben werfen!“ Die Menge johlte. War es das, was Franz Fühmann ein österreichisches Gelächter nannte?

Der Massenmord an Roma und Sinti, den der Verein Erinnern nicht vergessen macht, wurde jahrelang in Österreich nicht einmal als jenes Verbrechen eingestanden, das es war. Die Opfer wurden nicht anerkannt. Das Unrecht zu entschädigen, stand nicht zur Diskussion. Im Gegenteil. Die Diskriminierung dieser Opfer wurde in der Zweiten Republik weiter betrieben, als sei nichts geschehen.

Wen wundert es? Das System war ausgetauscht worden. Aber die Menschen nicht. Ihr Rassismus war nicht nur eine Modeerscheinung gewesen, keine temporäre Entgleisung, keine überstandene Infektionskrankheit wie etwa eine saisonale Grippeepidemie. Was in jenen Nächten des November 1938 sich ereignete, rief beinah keinen Widerstand gegen die Untaten hervor. Von Unmut über die Anarchie und den Mob ist durchaus zu lesen, aber wo waren jene, die für ihre Nachbarn, für ihre früheren Arbeitskollegen oder Geschäftspartner eintraten.

Wir haben nichts getan, bringen viele zu ihrer Rechtfertigung heute noch vor, und merken dabei gar nicht, wie sehr sie sich mit diesen Worten selbst anklagen. Gewiss, der Nationalsozialismus ist niedergerungen, was kaum ein Verdienst der heimischen Bevölkerung, sondern der Alliierten war, wenn wir von wenigen Ausnahmen absehen, von denen abzusehen, in Kärnten allerdings eine allzu beliebte Praxis ist, weshalb ich mich an ihr nicht beteiligen will, sondern vielmehr aussprechen muss, was offensichtlich ist. Der Widerstand mag eine Randerscheinung geblieben sein, doch um so heroischer können für uns die Wenigen wirken, die gegen die Verbrecher aufstanden. Der Verein Erinnern gedenkt der Einzelnen, die sich dem Nazismus und seinen Verbrechen verweigerten. Dies ist keine Selbstverständlichkeit.

Ist es ein Zufall, wenn der Widerständler in Österreich nicht in gebührender Art und Weise gedacht wird? Ist es ein Wunder, wenn heute noch darüber gestritten wird, ob in Achtung der slowenischen Minderheit zweisprachige Ortstafeln aufgestellt werden? Wen muss erstaunen, dass damals die Mehrheit versagte und zu keinem Widerspruch sich imstande sah, wenn heute noch in diesem Land Einsprachigkeit gepriesen wird, ohne dass viele zur Gegenrede finden? Solche Wahlkämpfe machen mich sprachlos.

Um so wichtiger, wenn von den Heldentaten des Widerstandes erzählt wird. Wenn jene als Vorbild und nicht als Gefahr, nicht als Verräter geehrt werden, die gegen das Regime ihr Leben einsetzten. Mich erstaunt nicht, dass statt dessen die Mörder und ihre Helfershelfer gerühmt werden, denn ich weiß, dass dort, wo ich lebe, zwar Demokratie herrscht und sozialere Bedingungen als an vielen anderen Orten, aber neben Staatsstruktur, neben politischem System und Parlament existieren noch jene psychischen Mechanismen, die einst bis nach Auschwitz führten.

Wir leben in einem Land, das sich nach dem Krieg alleinig als erstes Opfer Hitlers zelebrierte. Der Effekt für die Juden, aber auch für Roma und Sinti, war offenkundig. Wenn der ganze Staat partout in die vorderste Reihe der Opfer drängeln wollte, dann musste er über die Leichenberge der Millionen Ermordeten hinweg sehen und hinweg gehen. Als der österreichische Bundeskanzler Julius Raab bei einem Gespräch über die Restitutionsforderungen dem jüdischen Politiker Nahum Goldmann erklärte: „Wir befinden uns in derselben Lage; beide sind wir Opfer des Nazismus“, antwortete dieser: „Richtig, Herr Bundeskanzler, ich bin ja auch eigentlich hergekommen, um Sie zu fragen, wieviel Ihnen das jüdische Volk zahlen soll ...“

Die jüdischen Opfer wurden nach 1945 vorerst nur als „rassische“, nicht aber als politische Opfer anerkannt. Sie fielen nicht unter die Fürsorgemaßnahmen oder Begünstigungen. Sie konnten sich die Gleichstellung mit den politischen Opfern des österreichischen Widerstands erst 1947 erkämpfen.

Wozu alle Zitate aus den letzten Jahrzehnten hervorkramen? Wozu von Leopold Kunschak, Oskar Helmer, Friedrich Peter, Michael Graff oder Kurt Waldheim reden, wenn es doch erst wenige Wochen her ist, da Jörg Haider, der vor fünf Jahren sich dafür entschuldigt hatte, über Arie Muzicants Namen Witze gemacht zu haben, forderte, den israelischen Botschafter aus Österreich auszuweisen. Die, wie er sagte, „verantwortlichen Kriegstreiber in Israel“ wollte er vor ein Tribunal bringen. Die Menschenrechtsverbrechen bei Saddam Hussein hatten ihn ja nie interessiert. Gaddafi ist Haiders Freund. Hierzulande hetzte er auch schon mal gegen Muslime, aber wenn es gegen den Judenstaat geht, weiß er, wer die Schuldigen sind. Da hat er keine Probleme. Als Arie Muzicant daraufhin kritisierte, manche seien darauf aus, die „Tragödie im Nahen Osten für den österreichischen Wahlkampf zu missbrauchen“, und von „Antisemiten“ sprach, bezeichnete Haider Muzicant als einen der zionistischen Propagandisten im Westen.

Die Ausfälle des Landeshauptmann Haider führten aber nicht zu einem heftigen Protest der anderen Parteien. Es war, als zögen alle den Kopf ein, um nicht allzu viel Aufsehen zu machen. Nach dem Stimmengang wurde gegen den „beispiellosen US-israelischen Schmutzkübel-Wahlkampf“ gewettert.

Es soll hier nicht so getan werden, als sei die Situation in Österreich für die Kultusgemeinde schlecht. Nein, das jüdische Leben blüht und gedeiht. Antijüdische Diskriminierung ist kaum zu bemerken. Aber wenn hierzulande von einem schmutzigen Wahlkampf die Rede ist, dann ist wohl nicht notwendig, auf die USA und Israel oder, wie auch zuweilen gesagt wird, auf die Ostküste zu verweisen.

Es ist erst wenige Wochen her, da erlebten wir in diesem Staat einen Wahlkampf, in dessen Verlauf eine politische Bewegung kurzerhand versprach, 300.000 Menschen zu deportieren, während eine andere Fraktion offen gegen die Menschen einer Religion, gegen Muslime hetzte.

Niemand glaube, diese Kampagnen hätten keinen Effekt auf das Leben der Muslime in Österreich, auf das Leben von allen, deren einziges Vergehen darin besteht, dass ihr Name, ihr Aussehen, ihre Religion vielen so genannten Bodenständigen nicht heimisch genug scheint.

In Wien, in der Leopoldstadt da lebe ich, da gehe ich vorbei an den Plätzen, an den Häusern, an den Wohnungen, wo am 9. November 1938 Menschen gejagt, verprügelt oder erschlagen wurden. Ich quere die Salztorbrücke, um dorthin zu gelangen, wo die Erinnerung mich hinzieht, wo die Silhouetten von Kindern an die Kaimauer gemalt sind und hier ist auch festgehalten, wer dieses Graffiti pinselte. Von den Zöglingen aus der Sperlgasse stammen die Schemen. Ich gehe daran vorbei, ohne nach den Schülern und Schülerinnen früherer Jahrgänge zu sehen. Manche von ihnen, in mir hallen ihre Stimmen wider, schaffen es noch auf ein Donauschiff, um nach Palästina zu fliehen, ehe ihre Klassenräume zum Sammellager werden für jene, deren Fluchtwege bereits versperrt sind und die verschleppt werden in die Vernichtungslager, von denen ihre Nachbarn nichts gewusst haben werden. Ich spaziere über den Kanal und bleibe nicht an dem durchpfeilten Herzen in der Karmelitergasse stehen, nicht, an jener Häuserwand, wo geschrieben steht, dass ein Peter seine Susi liebt, und nur wenige Meter danach, wird mir verkündet, wen es heute zu killen gilt, und zwar, wie der Schrift zu entnehmen ist, weil jene, die zu ermorden sind, allesamt Verbrecher, Drogenhändler wären. Ich gehe daran vorbei, wie die meisten Wiener, die solche Schmierereien nicht beachten und nicht bekümmert. Wir schauen weg, als komme es nicht darauf an, die Stimme gegen Rassismus zu erheben. Was aber, wenn heute ein Kind hier entlang geht, dass eben Lesen lernt, dass neugierig, wie auch wir einmal waren, alle Wörter sich buchstabiert, dass von den Sätzen kostet und vom Entsetzlichen, weil es plötzlich erfährt, dass es heute zu jenen gezählt wird, die nicht hierher gehören; nicht in diese Straße, nicht in diese Stadt, nicht in dieses Land, nicht auf diese Welt?

Immerhin: Österreich ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat. In anderen Staaten finden Pogrome und sogar Genozide statt, und in vielen Hauptstädten dieses Erdballs wird auch wieder gegen Juden gehetzt. Der iranische Präsident Ahmadinedschad etwa fordert die Auslöschung Israels und bezweifelt, dass die nationalsozialistischen Massenmorde sich je ereigneten. Sein Verbündeter, der Führer der libanesischen Hisbollah Nasrallah habe, lese ich, gesagt, er wünsche sich, dass alle Juden nach Israel einwandern sollen, denn dann müsse die Hisbollah ihnen nicht auf der ganzen Welt nachrennen, um sie umzubringen. So soll er sich ausgedrückt haben. Er spricht von allen Juden als Nachkommen von Affen und Schweinen.

Wir stehen heute vor einem neuen globalisierten Antisemitismus, der in unseren Breiten gerne verharmlost wird, weil er sich gerne antiimperialistisch gibt. Die Erinnerung aber an die Tage nach dem 9. November 1938 lässt erkennen, dass von der rassistischen Kampagne zum Massenmord ein direkter Weg verläuft.

Initiativen wie der Verein Erinnerung sind von einer Bedeutung, die nicht bloß regional ist. Vom Novemberpogrom gilt es zu sprechen, weil bekannt ist, was davor und danach geschah. Vom Novemberpogrom gilt es zu sprechen, weil eine Mordphantasie, eine Schreckensutopie, die einmal verwirklicht wurde, nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann. Sie bleibt unter uns als dauernde Möglichkeit, weswegen alles getan werden muss, um ihre Wiederholung zu verhindern. Vom Novemberpogrom gilt es zu sprechen, weil wieder manche von der Auslöschung jüdischen Lebens träumen. Es ist beinah lächerlich, so verrückt mag es erscheinen, aber dennoch wahr. Schon wieder gibt es Staatsmänner, ob in Malaysia oder im Iran, die alles Unglück dieses Universums diesem einen kleinen Volk von etwa zwölf Millionen anlasten. Ich rede zu ihnen als Angehöriger einer Menschengruppe, deren globale Auslöschung mancherorts immer noch ersehnt wird.

Kaum sage ich das, fürchte ich missverstanden zu werden, denn wer heute gegen den modernen und neuen Antisemitismus sich wendet, steht schon unter Verdacht, gegen Frieden und Verständigung zwischen Juden und Arabern zu polemisieren. Der Kampf gegen Chauvinismus und Rassismus sei nichts als Kriegspropaganda für Israel, heißt es nicht selten. So weit sind wir dieser Tage schon.

Das Gegenteil ist wahr. Frieden wird eher möglich sein, wenn der Kampf gegen Rassismus verstärkt wird. Vergessen gemacht wird Geschichte nicht wegen der vergangenen Untaten, sondern der gegenwärtigen Machtverhältnisse, Ungerechtigkeiten und Verbrechen wegen. Juden werden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz wieder gehasst. Sie sind das wandelnde schlechte Gewissen der Täter und aller, die sich mit der Untat identifizieren. Die Antisemiten können den Juden nicht verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Der Massenmord wird wider besseres Wissen abgestritten, um Lust auf den nächsten zu machen. In iranischen, libanesischen, syrischen oder auch ägyptischen Fernsehsendungen wird gegen die Juden gehetzt, wird das antisemitische Machwerk „Die Protokolle der Weisen von Zion“ verfilmt.

Frei nach Sartre lässt sich sagen, dass solange ein Jude, ein Roma, ein Afrikaner auf dieser Welt sich seines Lebens nicht sicher sein kann, bloß, weil er Jude, Roma, Afrikaner ist, kein Mensch seines Lebens sicher sein wird.

„Es brent Brider es brent
Oj es kon cholile kumn der Moment
As di Schtot mit uns zusamn
Sol ojf Asch awek in Flamn
Blajbn sol - wi noch a Schlacht
Nor pusste schwarze Went

Un ir schtejt un kukt asoj sich
- mit farlejgte Hent
Un ir schtejt un kukt asoj sich
- unser Schtetl brent.

Es brent Brider es brent
Di Hilf is nor an ajch alejn gewent
Ojb dos Schtetl is ajch tajer
Nemt di Keilim lescht dos Fajer
Lescht mit ajer ejgn Blut
Bawajst as ir dos kent

Schtejt nit Brider ot asoj sich
- mit farlegte Hent
Schtejt nit Brider lescht dos fajer
- unser Schtetl brent“

Das Lied von Mordechai Gebirtig aus dem Jahre 1938. Gebirtig sah den Mord der jüdischen Welt voraus und rief zum Widerstand dagegen auf. Am 4. Juni 1941 wurde Mordechai Gebirtig im Krakauer Ghetto auf offener Straße erschossen.

Pogrom. Das Gedenken herbstelt - und die Verhältnisse in der Gegenwart und die Widerwärtigkeit der Verhältnisse zwingen zur Erinnerung, so ich nicht der Selbstvergessenheit verfallen will. Deshalb setzte ich mich heute in den Zug, um von Wien, wo heute auch eine Gedenkveranstaltung stattfindet, direkt hierher nach Villach zu fahren.

Pogrom. Das Erinnern ruft nicht nach Revisionismus oder Revanche, sondern sehnt sich nach einer Zukunft für alle Menschen, nach einer Zukunft jenseits von Rassismus und Genozid. Das Erinnern fordert uns auf, nicht untätig zu bleiben, wenn wieder gegen Menschen anderer Herkunft gezündelt wird, wenn der Hass wieder hoch flammt. Es brennt, Brüder - und Schwestern -, es brennt. Nur Ihr könnt euch selbst helfen. Di Hilf is nor an ajch alejn gewent. Steht nicht, Brüder, mit verschränkten Armen, sagt uns Mordechai Gebirtig. Steht nicht, Brüder, löscht das Feuer. Der Verein Erinnern hilft und bewahrt hier die Namen der Ermordeten im Gedächtnis. Sie zu vergessen, hieße, die Toten ein zweites Mal auszumerzen, sie wiederum zu töten. Nach Villach zum Verein Erinnern wollte ich gelangen, weil hier an die Opfer gemahnt wird, weil hier von dem Widerstand die Rede ist, weil hier jener gedacht wird, die allzu lange verschwiegen wurden und als Unerhörte, in jeder Bedeutung des Wortes, galten. Es ist gut zu wissen, dass ihnen hier Respekt gezollt wird.

Weitere Texte zum Thema:

Stephan Jank, Ansprache zur 4. Denkmalerweiterung über die Hintergründe des Antisemitsmus

Dokumentation: Gedenkveranstaltung anlässlich des Villacher Novemberpogroms 1938 in der Evangelischen Kirche, Stadtpark Villach am 9. 11. 2006

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