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2006-11-30

15. bezirk

karin hat das bärenfell nun doch noch verkaufen können; das geld reicht für die spedition und die flüge. branko hat irgendwie das fell aus sarajewo herausgebracht, als kapital für die zukunft. nena hätte nie geglaubt, daß jemand diesen staubfänger kaufen würde. karin sagt, das bärenfell liegt jetzt in einer jagdhütte vor dem kamin. nena packt - was hat sich nicht alles in den letzten dreieinhalb jahren angesammelt. als sie im sommer 1992 in wien ankam, mitten in die hitzewelle hinein, hatte sie drei plastiksackerln in der einen hand, an der anderen hand ljilja, keine drei jahre alt. karin hatte mineralwasser mitgebracht, was für eine umsichtige frau, muß nena heute noch denken. es war so heiß damals, im zug gab es ein paarmal einen schluck wasser aus einer flasche für alle. und alle hatten durchfall, die kinder waren nervös, die babys schrien; und ljilja mußte dauernd auf den mitgeführten topf. nena und karin haben viel gemeinsam, beide sind optimistisch, vergessen leicht alles schlechte, können stur sein und doch flexibel. faul sind sie beide und daher darauf angewiesen, sich das leben möglichst gut zu organisieren. zum faulsein hatte nena nun schon lang keine zeit mehr. die organisation der auswanderung, ja auswanderung und nicht flucht, wie damals im viel zu heißen sommer, der verkauf der möbel, die untersuchungen, die die neuseeländische regierung vorschreibt, die arbeit bei macdonalds, dragicas studium hier und dragicas studium in neuseeland, das alles verlangt soviel arbeit. aber dann, in neuseeland beim schwager, dann wird endlich ruhe sein; dann wird branko endlich wieder als zahnarzt arbeiten können und sie selbst als psychologin. englisch können sie auch wirklich besser als deutsch - eine komische sprache, einmal kommt das verb hinten, einmal vorne, oder hat nena das schon wieder nicht verstanden?

in dragicas schreibtisch findet nena die liste mit den telefonnummern, die karin damals für sie angerufen hat, wegen einer arbeit als psychologin. nena zählt nach, mehr als dreißig nummern, mehr als dreißig - und keine arbeit. dabei stand in der zeitung, daß die psychologische betreuung der bosnischen flüchtlinge nur mithilfe von übersetzerinnen möglich sei. nena hatte sich so große hoffnungen gemacht, sie sprach doch die muttersprache dieser leute, sie kannte deren situation aus eigener erfahrung, wer, wenn nicht sie, wäre für diese arbeit am besten geeignet? und karin hatte telefoniert, mit allen möglichen sozialstellen, angefangen von der caritas bis zu einzelnen flüchtlingsunterkünften, mit dem stadtschulrat, der leute für die psychologische betreuung der flüchtlingskinder in den schulen suchte, mit allen möglichen zeitungen - nichts, nichts. der stadtschulrat wollte betreuung für die bosnischen schulkinder in ihrer muttersprache, allerdings nur von deutschsprechendem personal; eine kirchliche stelle bot ein voluntariat an, noch dazu außerhalb von wien. aber wie kann eine frau mit vier kindern und einem ehemann ohne arbeit selber gratis arbeiten? auf drei wohnungen waren sie aufgeteilt damals. nena und die beiden jüngeren mädchen bei karin, die anderen bei einer ganz komischen familie, branko in einem zimmer, das einem freund von sascha, dem schwiegersohn eines bekannten künstlers gehörte. karin kannte sascha; karin kennt überhaupt die halbe welt. bei sascha war alija untergebracht, eine muslimin aus einem kleinen dorf bei sarajewo. alija hatte nichts als ihr krankes baby mitgebracht. sie konnte sich mit sascha und seiner familie nicht verständigen. weil sie wußten, daß nena psychologin ist, riefen sie sie zu hilfe. nena traf sich mit alija, übersetzte ein bißchen für sie und erzählte von sich. so fiel sascha das zimmer ein - und branko konnte aus kroatien, wo er sich versteckt hatte, nachkommen. branko war kein flüchtling, weil er - nach nun herrschender grenzziehung - in kroatien geboren war. daß er sein halbes leben in sarajewo verbracht hatte, war den österreichischen behörden egal. die kleine ljilja wollten sie sogar zur serbin machen, weil sie in belgrad zur welt kam, wo branko damals gerade studierte.

immerhin, da branko kein flüchtling war, durfte er arbeiten. die neu eingerichtete zahnarztpraxis in sarajewo war mittlerweile zerbombt, sie hatten es im fernsehen gesehen. danach sahen sie sich einfach keine nachrichten mehr an. als zahnarzt durfte er nicht arbeiten; seine zeugnisse wurden nicht nostrifiziert, angeblich, weil die ausbildungsstandards gerade in de zahnmedizin zu unterschiedlich wären. nena erfuhr später, daß kein einziger arzt, egal welcher fachrichtung anerkannt wurde. über verschlungene vermittlungswege bekam branko ein stelle als pfleger in einem pensionistenheim. nena ging putzen, vermittelt von karins putzfrauenclan. am anfang nahmen sie sie einfach mit, meistens ljuba, ein paarmal auch seyhan mit der sie kaum reden konnte. seyhan konnte nur türkisch oder kurdisch. von dieser sprache hatte nena noch nie gehört. später durfte sie, eingearbeitet wie sie nun war, allein putzen gehen. natürlich war das schwarzabeit, flüchtlinge dürfen ja nicht arbeiten. aber putzen gehen ist ganz einfach, irgendwo wird immer eine putzfrau gebraucht.

als das gerücht umging, daß die bosnischen flüchtlinge zurück geschickt werden sollen, nahm nena die kroatische staatsbür gerschaft für sich und die kinder an. nun war sie gastarbeiterin ohne arbeit, aber als ehefrau geduldet. sie fand arbeit in einen schicken szenelokal, allerdings in der garnicht schicken küche in der es im sommer auch sechzig grad haben konnte. da ging, sie noch lieber zu macdonalds und setzte sogar das lächerlich kapperl auf. zwar verdiente sie weniger als im in-lokal, doch die arbeit war leichter.

die türglocke reißt nena aus ihren gedanken. seit damals ein paar uniformierte um fünf uhr früh klopften und branko suchten, macht jede glocke, auch der sanfte gong, sie nervös, die arbeiter von der spedition kommen, alles jugoslawen, für nena sind noch immer alle jugoslawen. sie holen das gepäck für das schiff. vielleicht wäre es doch billiger, in neuseeland, alles neu zu kaufen, aber es würde sich viel mehr nach neuanfang anfühlen, wäre wieder alles unbekannt, wenn schon nicht wirklich neu.


Mit freundlicher Genehmigung der Autorin:
Al Awadalla: „wienerinnen, geschichten von guten und bösen frauen“, Sisyphus, 2006
ISBN: 3-901960-35-X

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