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2006-01-17

LEBENSMODELL ALP

In der Republik Alp kommt man mit einer kompletten Biographie zur Welt. Das für die Elternschaft vorgesehene Paar erhält sie vom Ministerium für Lebensplanung zugeteilt. Im Falle grober Abweichungen durch irgendwelche Eigenmächtigkeiten können die Eltern ihres Kindes verlustig gehen. Dieses wird dann beispielsweise einem Adoptivelternpaar zugesprochen, so für den gegenständlichen Zeitpunkt eines zur Verfügung steht, das Betraubarkeitsstatus hat. Daneben gibt es freie Biographien für Unabwägbarkeiten wie Säuglingstod oder Allfälligkeiten wie den Export in Länder mit niedriger Geburtenrate. (Freie Biographien werden für alle Altersstufen bereitgehalten; sie sind als Glättungsfaktor beim Auftreten von Imponderabilien unentbehrlich). Haben die Eltern vom Ministerium den entsprechenden Lebenslauf ihres Kindes zugeteilt bekommen, so sind sie verpflichtet, für seine Einhaltung Sorge zu tragen. Ein spezielles Zuteilungsverfahren führt zu einer möglichst hohen Kompatibilität von Eltern- und Kindesbiographie. Mit dem Eintritt in die Schule beginnt das Kind in entwicklungsgerechter Weise mehr und mehr die Erfüllungs-Verantwortung für die eigene Biographie zu übernehmen. Die Eltern treten schrittweise in den Hintergrund. Ab dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr geht die Haftung in Bezug auf die Erfüllung der eigenen Biographie zur Gänze auf das Kind über. Das mag alles recht verwirrend klingen, vor allem für Personen, die mit der Gesellschaftsordnung und dem sozialen Leben der Republik Alp nicht vertraut sind. Oft vertreten solche Leute die Auffassung, Menschheits- und Individualgeschichte würden sich auf der Basis der Willensfreiheit vollziehen. Wir möchten aber zu bedenken geben, dass auch in ihren, angeblich so freien Gesellschaften der Einzelne von Geburt an einer Reihe von biologischen und sozialen Zwängen unterworfen ist. Mitglieder von Religionsgemeinschaften, deren Lehre stark prädestinative Elemente aufweist, werden die Grundlagen des Gesellschaftslebens der Republik Alp wahrscheinlich eher begreifen als Agnostiker, Atheisten oder Anhänger von Heilslehren mit einer Überbetonung der Individualität. Es liegt uns fern, zu werben oder zu werten. Wir analysieren, konstatieren, präsentieren. Freilich sehen wir keinen Grund, an der gesellschaftlichen Praktikabilität des Alp-Modells zu zweifeln.

Sie werden vermutlich einwenden, dass sich schon in den Biographien bloß zweier einander zugeteilter Personen zwangsläufig eine Fülle von Inkompatibilitäten ergibt und sich das Ausmaß dieser Inkongruenzen bei der Bündelung mehrerer Pflichtbiographien (in einer Familie, einer Dorfgemeinschaft, einem Betrieb etc.) folglich ins Unüberschaubare steigern müsse. Wir können diesem Einwand entgegenhalten, dass das vom Ministerium für Lebensplanung entwickelte Biographie - Zuteilungs- und Biographie-Kompatibilitäts-Programm ungemein treffsicher ist und durch eine Unzahl jederzeit einsetzbarer Korrekturmethoden gestützt wird. Selbstverständlich ist der Gesetzgeber der Republik Alp nicht so naiv anzunehmen, jede Pflichtbiographie wäre in allen Bereichen zu hundert Prozent erfüllbar. Vielmehr ist für jeden Lebensplan ein entsprechender Streuungs- und Glättungs- Schlüssel konzipiert. Auch konnte ein Verfahren entwickelt werden, mit dessen Hilfe zu jeder Zeit angegeben werden kann, in welchem Ausmaß das jeweilige Planindividuum seine Biographie bislang erfüllt hat. Jedes Planindividuum soll monatlich und muss jährlich eine Biographie-Erfüllungs-Erklärung beim Ministerium für Lebensplanung einreichen und daselbst um ein diesbezüglich Bio-Feedback ansuchen. Für den Fall fahrlässiger Abweichungen oder bewusster Verfälschungen sieht das Gesetz entsprechende Strafen vor. Das betreffende Planindividuum kann für eine bestimmte Zeit von der eigenen Biographie suspendiert werden. Es hat dann dieselbe Trainingsgruppen unter Verwendung von biophysische und virtuellem Übungsmaterial nachzubereiten und wird erst nach erfolgter Rehabilitation wieder in den eigenen Lebenslauf entlassen, Bei besonders schwerwiegenden Verstößen kann über das betreffende Planindividuum strafweise eine Ersatzbiographie verhängt werden. Um habilitierbare gehen ihres Fortpflanzungsanspruches verlustig und werden auf der Quararntäneinsel Nu interniert Dort sind sie gezwungen, eine Spontanbiographie leben. Abseits jeglicher behördlicher Unterstützung, oh jegliche Infrastruktur und in unwegsamer Wildnis bedeutet dies einen evolutionären Rücksturz auf das Niveau; eines Urmenschen. Viele verkraften das nicht. Das Gerücht, einige Biokriminelle würden sich auf Nu wohlfühlen und die zwangsläufige Spontanbiographie ein bürgerlichen Existenz in der Republik Alp vorziehe lässt sich durch nichts bestätigen. Sie müssen bedenken dass unsere langbewährte Tradition der vorgegeben Biographie zu Wert- und Erwartungshaltungen seitens der Bevölkerung geführt hat, die eine Spontanexistenz mit all ihren Risiken nicht erstrebenswert erscheinen lassen. Ja, man kann durchaus sagen, dass der Bürger unserer Republik nichts mehr fürchtet als die Spontaneität. (Übrigens beruht unserer Auffassung nach das Spontane an dem in Ihren Gesellschaften üblichen Existieren hauptsächlich auf Illusionen).

Besonders möchten wir auf die in der Republik Alp praktizierte, uneingeschränkte religiöse Toleranz hinweisen. Welche Hoffnungen sich das einzelne Staatssubjekt in Bezug auf das Jenseits macht, bleibt ganz ihm überlassen. Es gibt in Alp weder einen Staatstheismus noch einen Staatsatheismus. In diesem, dem metaphysischen Bereich, ist der Bürger der Republik Alp völlig frei, und wir wagen zu mutmaßen: um vieles freier als die Bürger Ihres Systems.

Anbei einige beispielhafte Kurzbiographien verschiedener Alprepublikaner:
A Zwei hoch 33, männlich, Biographie-Erfüllungskoeffizient 0,97: Wurde als Kind eines Lehrer-Ehepaars mit nur 36 Tagen Verspätung auf den vorausberechneten Termin geboren. Kindheit unauffällig, alle vorgesehenen Kinderkrankheiten unbeschadet überstanden, ein Spontanbeinbruch beim vorausgeplanten Sport (Hürdenlauf) als einziger nennenswerter Zwischenfall; die Erinnerung daran erfolgreich therapiert. Schulausbildung plangemäß, Pubertät unauffällig, ausersehene Sexualpartnerschaften mit einer Ausnahme (wegen spontanem Herztod) absolviert. Heirat mit der seit 19 Jahren feststehenden Frau zum geplanten Termin, geglückte Berufslaufbahn als Genanalytiker und Biographieerstellungs-Assistent bis zur Pensionierung. Zweifacher Vater, drei von der Planbiographie gedeckte Seitensprünge, wohnhaft im vorausgestalteten Einfamilienhaus. Wie vorgesehen ein Lotteriegewinn mit 57, leichter Alkoholismus zwischen achtundvierzigstem und siebenundsechzigstem Jahr, Osteoporose und Verkalkung der Herzkranzgefäße wie in der Genanalyse, Tod plangemäß im Alter von 73, versehen mit den Tröstungen der katholischen Religion.
A Drei hoch 11, weiblich, BGE-Koeffizient 0,82. Kinderkrankheiten wie errechnet, Spontanneigung zu Kreislaufschwäche, Pollenallergien und Masturbation. Korrektur durch Modalpersönlichkeits-Training am Gymnasium und am Sanatorium für Biographie-Inkompatibilitäts-Diagnostik und -therapie. Kinderlos, zwei unvorhergesehene Fehlgeburten, Erinnerung daran erfolgreich therapiert. Religiöse Erleuchtung (Hinduismus) nach geplant gescheiterter Ehe mit erwarteterweise Krypto-Homosexuellem, der Spontan-Tendenz zu Gewalttätigkeit entwickelte und nach drei vergeblichen Rehabilitationskuren auf Nu interniert wurde. Tod von A Drei hoch 1 wie vorauskalkuliert an uteralem Carcinom im Alter von 58 Lebensjahren.
A Zwei hoch 44, weiblich, BGE-Koeffizient 0,91. Wie in zugeteilter Biographie nach geplant problematischer Kindheit und Jugend zuerst Serviererin, später drogensüchtig und Prostituierte. Nach spontanem Selbstmordversuch mit 28 erfolgreiche Rehabilitation. Kurzer Rückfall mit 31, danach unauffällig und plangemäß bis zum vorausberechneten Suizidtermin im 46. Lebensjahr.

Darum, meine Damen und Herren, hören und sehen Sie mich - als überzeugten Buddhisten - hier in größter Gelassenheit verkünden, dass meine eigene Biographie sich ihrer Erfüllung nähert. Für heute ist mein Ableben durch eine Pilzvergiftung vorgesehen. Sie erlauben also, dass ich mich zum Abendessen zurückziehe.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Aus Ludwig Roman Fleischer: „Basic Reality“ - Geschichten von der Gegenwart der Zukunft,
Sisypus 2002
ISBN:3-901960-16-3

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