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Helga Pankratz

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2006-05-24

Thema Wohnen

Wohnen ist für viele Lesben, ähnlich wie Arbeit ein brandheißes, stets aktuelles Thema, das, seien wir doch ehrlich, im lesbischen Liebes- und Beziehungsleben an Dringlichkeit und Bedeutung oft genug dem sogenannten, Thema Nummer Eins den Rang abläuft.

Die Nummer Eins' wird nämlich, auf Dauer gesehen höchstwahrscheinlich recht drittklassig werden, und überhaupt wird jegliche „Nummer“ ziemlich schwer möglich sein, wenn Lesbe sich nicht einen wohnlich behaglichen Rahmen dafür schafft. Anders als manche meiner schwulen Brüder, die das „Outside-Cfuising“ und Sex in öffentlichen Klozelle zur kollektiven, gut durchritualisierten schwulen Tradition kultiviert haben, sind für mich als Lesbe der schnelle Fick im Auto, der Cunnilingus hinterm Strauch oder die geilen zehn Minuten zu zweit im Damenklo zwar Jugenderinnerungen, die ich nicht missen möchte, aber nichts, was mir unter den gege¬benen patriarchalen Bedingungen zur lieben Ge¬wohnheit werden könnte - immerhin sind 99,9 % der Spanner, die an unseren Badeseen, im Grüngür¬tel der Stadt und auf unbeleuchteten Parkplätzen heimisch sind, Männchen! Wie sich die so zahlreich anzutreffenden Prachtexemplare dieser scheinbar nie aussterbenden Spezies eigentlich vermehren, entzieht sich meiner Beobachtung ...
Doch zurück zum Ernst der Sache! Wohnen ist nicht nur ein elementares Grundbedürfnis, es drückt auch sozialen Status aus und sollte eine äußere Form sein für die innere Befindlichkeit der Wohnenden, das heißt: tunlichst den Ansprüchen und Bedürfnissen entsprechen, die sich aus der jeweiligen Lebensweise ergeben. So kommt es nicht von ungefähr, daß das konventionelle Bauen mit seiner (angeblich!) für Ehepaare und Kleinfamilien geeigneten Wohnraumaufteilung, die an (fragwürdigen!) Standards des heterosexuellen Lebens- und Beziehungsverlaufs orientierten Modi der Wohnungsvergabe, und die auf heterosexuelle 08-15-Bedürfnisse zugeschnittene Inneneinrichtung, die Möbelhäuser anbieten, uns lesbischen Frauen überproportional viel Kopfzerbrechen bereiten und uns unerschwinglich teure, oder/und durch langwieriges Versuch-Irrtum-Lernen mühsam erarbeitete kreative und handwerkliche Gestaltungsleistungen abverlangen, wenn wir die uns vorgesetzten Wohnbedingungen den Erfordernissen unserer besonderen Lebensform anzupassen trachten. Die Zahl der lesbischen Liebesbeziehungen, die an der Aufgabe gescheitert sind, den für ihre Bedürfnisse nach Autonomie einerseits und Gemeinschaftlichkeit andererseits maßgeschneiderten Ausweg aus den Sackgassen einer heterosexuellen ,Norm' des mit dem Wohnen verbundenen Zusammenlebens (Familienkäfig versus Single-Zellen) zu finden, ist Legion - gleichwohl die psychotherapeutisch orientierte Lesbenforschung unverdrossen im frühen Säuglingsalter der Betroffenen herumspekuliert, um unter tosendem Applaus der heterosexuellen Fachkollegen die übertriebene Mutterbindung als Wurzel allen Übels zu identifizieren ...

Doch zurück zum THEMA WOHNEN: So hieß die Beilage des KURIER am Sonntag, dem 18. März 1995, der ich mich höchst interessiert zuwandte, nachdem ich weiter vorne in derselben Zeitung über die Mitteilung gestaunt hatte: „120.000 Familien zahlen zuviel Miete!" - „Warum ausgerechnet die FAMILIEN?" fragte ich mich entgeistert. Sollte das heißen, daß sich die Hausverwaltungen, um deren überhöhte Forderungen bei der Betriebskostenab¬rechnung es in dem Bericht ging, just gegen die bürgerliche Kleinfamilie verschworen hatten, wäh¬rend sie Singles, Bisexuelle, Lesben, Schwule, WGs, Geschiedene, alleinlebende Witwen, Menschen in Mehrfachbeziehungen etc. etc. mit derartigen Machenschaften verschonten? Oder sollte vielmehr diese Formulierung implizit heißen, daß der KURIER nur FAMILIEN das moralische Recht zugestand, sich gegen solches Unrecht zur Wehr zu setzen?

Nun: Die Lektüre der Beilage hat zur Klärung dieser Frage Erkleckliches beigetragen! Die Redaktion hat sich für ihre Leistung eine Goldmedaille für heldenhaften journalistischen Einsatz zur Rettung des reaktionär-patriarchalen Weltbildes mit klar stereotypisierten Geschlechtsrollen und zur Erhaltung der ehelichen Eineinhalb-Kinder-Familie als einzige nennenswerte Form des menschlichen Zusammenlebens redlich verdient. Auf acht großformatigen, bunt bebilderten Seiten geduldigen Zeitungspapiers zelebrieren die Damen und Herren dieser Redaktion in Text und Bild die fröhlichen Urständ' einer tausendprozentig heterosexuellen Männergesellschaft, bringen es zustande, lückenlos textlich eine Vorstellung von Familie zu kolportieren, die aus den 50er Jahren stammt.

Die von THEMA WOHNEN ins Bild gerückte Hand-werks-Männer(selbst)herrlichkeit stellt die doch wenigstens ein bißchen ironisierend angelegte Stepaneksche Inszenierung von Chauvinismus in „Self-man", meiner Lieblings-TV-Serie, aus der ich mir so manche Tips und Tricks fürs lesbische Heimwerken abkupfere, weit in den Schatten. Nur der erste oberflächliche, von lesbischem Wunschdenken geleitete Blick auf das erste große Foto konnte mich noch täuschen: Diese zwei Männer, die fröhlich zusammen in die Kamera grinsen. Der eine ist mit Bohrmaschine und Wasserwaage bewaffnet, der andere wurde vom Fototermin offensichtlich beim Zimmerausmalen gestört, legt zärtlich zugetan dem ersteren die Hand auf die Schulter und hält schützend den anderen Arm um einen auf der obersten Leitersprosse sitzenden Knaben. Sind das etwa zwei Schwule mit Filius? Oh nein! Das ist vielmehr der Auftakt zu einer wahren Orgie an bildlicher Darstellung von tüchtig arbeitenden Männern, ganz ohne auch nur einen einzigen Blick auf eine Frau, die einen hand- oder heimwerkenden Handgriff tut!
Ganze acht Seiten lang lauter Männer, die unter dem Motto „Schauet den lustigen Handwerkern zu“ in Szene und ins Bild gesetzt sind: Wie eifrig sie spachteln, hämmern und sägen! Kein weiblicher Lehrling, nicht einmal eine die Leiter haltende oder dem Papa den Pinsel zureichende Mutti, geschweige denn der Anblick einer selbstbewußt werkenden weiblichen Fachkraft als Ausnahme-Alibi-Darstellung, stört die männerselige Harmonie der einheitlichen optischen Gesamtaussage: „Ob Meister, Lehrling oder G'sell' -Nur Männer sind im Handwerk, gell!" Sie bohren Löcher, sie kleistern Tapeten, sie kitten Fenster, sie gipsen und malen an Wänden. Sie hobeln, daß lustig die Späne fliegen, und schleifen, daß nur so die Funken stieben. Das meiste davon und noch einiges mehr habe ich mit meiner Freundin zusammen im Zuge unseres lesbischen Wohnens längst auch schon gemacht. Aber uns hat niemand dabei fotografiert! -Ein Umstand, der dem Erfolg unseres Tuns ganz bestimmt zuträglich war. Denn niemals hätten wir uns beim Halten eines Maßstabes so patschert angestellt wie der fürs Foto posierende Mensch mit dem Abzeichen ,Meisterinstallateur' auf dem Arbeitsmantel, der im Badezimmer auf dem Bild von Seite 4 einen Maßstab optisch ansprechend, aber faktisch sinnlos drapiert vor sich hält, um damit zu suggerieren, er sei mit dem Ausmessen des Raumes beschäftigt. Die absurde Szene ist untertitelt: „Mit Geschick läßt sich auf kleinstem Raum Platz schaffen." - „Mit viel Glück", würde ich eher sagen, „wird dieser Herr lernen, die Zentimeterskala auf dem vor ihm befindlichen Maßstab richtig zu interpretieren."

Kein Wunder, daß der Mann, der auf dem Bild darunter - betitelt: „Lebensraum Badezimmer“ – im farblich zu den Fliesen passenden Liegestuhl Urlaubslaune mimt, nicht in die Lektüre des KURIER, sondern in den STANDARD vertieft ist. Denn aus dem STANDARD konnte er wenigstens am selben Tag, an dem dieses THEMA WOHNEN erschien, korrekterweise erfahren, daß es doch nicht „120.000 FAMILIEN" sind, sondern „rund 120.000 MIETER", also auch jede Menge Lesben, Schwule, WGs und andere Nicht-Familien, die überhöhte Hausbetriebskosten zahlen!

April 1995

Mit freundliche Genehmigung der Autorin

Aus Helga Pankratz: „Aus lesbischer Sicht“ - Glossen und Kommentare zum Zeitgeschehen
Milena Verlag 2002
ISBN: 3-85286-098-9

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