kärnöl-Logo Independent Carinthian Art & Cult
Sat Aug 24 2019 13:32:52 CET
ÜBERBLICK
Aktuell
Glossen
+Alle Beiträge
Autoren
Veranstaltungen
Links
Kontakt
LESERFORUM
Leserbriefe
Reaktionen

Globale Bildung im Bündnis für Eine Welt

r Globale Bildung
im Bündnis für Eine Welt

Krise - Themenschwerpunkt 2009

r Unser aktueller Themenschwerpunkt

www.karawankengrenze.at

r Unser Projekt gemeinsam mit dem Verein Erinnern

Nationalsozialismus in Villach

r Hans Haider:
"Nationalsozialismus
in Villach"
(pdf downloaden)

Jüdinnen und Juden in Kärnten

r Hans Haider:
"Jüdinnen und Juden
in Kärnten"
(pdf downloaden)

Pizzakarton Sgt kärnöl´s Lonely Hearts Club Band

r Nähere Informationen zum schönsten Pizzakarton der Welt

WASSER? - Jetzt gehts um die LEITUNGSKOMPETENZ!

r WASSER?
Jetzt gehts um die LEITUNGSKOMPETENZ!

Bildung - Themenschwerpunkt 2007

r Unser Themenschwerpunkt 2007

(c) Arbeit

r Alle Informationen zum Themenschwerpunkt Arbeit

(c) Eigentum

r Unser Themenschwerpunkt Eigentum
r Überblick über alle Themenschwerpunkte

Helga Pankratz

Reaktionen auf den Beitrag

Print Version

2005-12-23

Plädoyer für lesbische Engel

Der Saurüssel- Dezember 1991

„Engel", sagte sie, „sind leider männlich ...", und knickte traurig die Flügel einwärts. Männlich? ... Männlich? frage ich mich. Was konnte männlich im Zusammenhang mit Engeln bedeuten? Wo hatte ich dieses männlich schon einmal gehört, das nun ausgerechnet die Engelsexistenz für uns als würdige Daseinsform disqualifizieren sollte? Wo doch gerade Engel nicht für eines der beiden Geschlechter vereinnahmt werden können, ohne damit die Besonderheit des Engelseins zu töten.

Ich kenne viele schwule Engel. Engel von Fichte, Engel von Pasolini, Engel von Cocteau. Die Männer in Zofenkleidern von Genet: Sie sind Engel. Der maricon, der mit dem politischen Gefangenen in einer Zelle sitzt: Manuel Puigs Beschreibung eines Engels. Engel in Fassbinders Filmen, Engel, von Almodovar in helles Licht getaucht, ausgeliefert dem blutigen Gesetz der Begierde … Überall Engel, wo immer du Schwulen begegnest.

Je südlicher das Land und je männlicher seine Männer, desto prächtiger sind seine Engel. Erwachsene Engel, dramatische Engel, stark im Lieben, groß im Leiden: spanische, portugiesische, süditalienische, französische Engel. Mit und ohne Operation, mit und ohne Schminke, mit und ohne Mieder und Stöckelschuh sind sie das grandiose Gegenteil von männlich und doch niemals Frau, wie gewöhnliche Frauen es sind. - Die Schönen, die Gefühlvollen, die Schmerzensreichen!

Bei uns im Norden reicht weder der Machismo weit noch der Katholizismus tief genug, Engel so deutlich in die grelle, wilde Offenbarung ihrer selbst zu treiben, sie herauszufordern zum Farbebekennen. Leise sind sie's hierzulande, schwermütig, zärtlich und innerlich.

Sie rupfen einander die Federn aus in manchen Nächten in den Schwulenbars. Mit kleinen, spitzen Worten picken sie aufeinander los, wenn man zu viele von ihnen zu nahe zusammensperrt. Außenstehende bemerken kaum, dass Engelchen im Räume sind, aber die Engel selbst erkennen einander von weitem - und spätestens nach dem ersten Satz, den einer von ihnen gesprochen hat. Sie brauchen viel Platz um sich herum, in dem sich nicht die Schar anderer Engel, sondern der Kreis der Bewunderer einfinden sollte.

Die jungen Engel sind es, die in unseren Breiten vor allem besungen werden: gefährlich-gefährdete Knaben. Heilig-tödlich, gefürchtet-geliebte Novizen sind sie, käuflich manchmal.
An der Kippe zwischen Knabe und Mann bewegen sie sich androgyn vor den brechenden Augen der älteren Männer: wie schon zu Zeiten Thomas Manns, so bis heute, nicht nur an den Stranden, auch in den Parks, in Spielhallen und den Spelunken der Subkultur. „Amado mio!" ist der letzte Schrei der Männerseele, die am Ende ihrer Reise jenem Engel ins Messer der blitzenden Erkenntnis rennt, der der Todesengel gewesen ist.

Sie haben ihre Engel am besten und am häufigsten beim Namen genannt, die schwulen Männer. Doch für sich allein beanspruchen können sie die Engelhaftigkeit noch lange nicht. Die Geschichte der Prostitution ist eine lange Geschichte der Engel. Die Geschichte der Engel ist die Geschichte der Hexen und Hexer, die Geschichte der Priesterinnen und Priester, der Schamanen und Schamaninnen und auch der Eunuchen - gleich, ob sie nun Kirchengewölbe mit dem Klang ihrer reinen Stimmen erfüllten oder ob des Sultans Frauen zu sehen ihr Vorrecht war. - Wer wäre Engel je gewesen, wenn nicht die Seherinnen und Orakel der Antike!

Nie hatten Engel ein banales, ein eindeutiges Geschlecht. Sie tragen nicht ein bestimmtes Geschlecht vor sich her als Schutzschild vor der allseitigen Verwirrung, als Alibi für das, was sie tun. Sie sind Wesen der Vermittlung zwischen öden Gegensätzen, Wesen ohne trennendes, teilendes, grenzenziehendes entweder männliches oder weibliches Geschlecht.

Das Geschlecht der Engel ist vieldeutig. Sie sind Botschafter, Grenzgänger, personifizierte Schwebezustände. Sie wissen Bescheid zwischen Himmel und Erde, auf eine Weise, wie ein gewöhnlicher Mann, eine gewöhnliche Frau es sich nie wird vorstellen können.

Die Geliebte aber, während das Morgenlicht ihre überraschend großen Schwingen mit einem metallischen Gleißen überzog, saß da, gesenkten Hauptes, und hatte Skrupel, „mein Engel" zu sein. Bedrohlich nahe sah ich die feministische Klinge ihrem Selbstverständnis kommen: eine scharfe Klinge, imstande, scheibchenweise das Beste aus Frauenseelen herauszuschneiden. Ein präzises, säuberlich trennendes Kastrationsinstrument. Gefährlich gerade für Lesbenseelen, in denen die Messer-Worte „du bist männlich!" ein Gemetzel und Verstümmelungen anrichten können, die ihresgleichen suchen.

„Ja, meine Liebe", brauchte ich nur zu sagen, „Engel sind männlich!" - und auf der Stelle würde gehorsam das Lodern ihrer Flügelpracht verlöschen. Vor meinen Augen würden sie zu Asche werden, papieren, verbrannt in sich zusammenfallen, als sei an ihrer Stelle nie etwas gewesen. Tapfer würde sie mich angelächelt haben: eine gute Frau, eine eindeutige Frau, eine weibliche ... weibliche ... weibliche.

„Ich glaube nicht", sagte ich endlich, „dass wir das Engel-Sein allein den Männern überlassen dürfen. Bloß vielleicht, weil uns jene Frauen, die Engel waren, nicht ausreichend überliefert sind."

Aufatmend legte sie ihre Flügelspitzen an die meinen. Funken, tanzende Sonnenfunken flössen zwischen unseren Gefiedern hin und her. Wir waren mit dem Frühstück fertig und hoben mit himmlischer Leichtigkeit wieder einmal unbeschadet von der Erde ab.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin:
Helga Pankratz: „Aus Lesbischer Sicht: Glossen und Kommentare zum Zeitgeschehen“, Milena Verlag (Reihe Dokumentation Bd. 26), 2002

ISBN 3-85286-098-9

Reaktionen Auf den Beitrag reagieren

Keine Reaktionen vorhanden

Reaktionen auf andere Beiträge

.

ZUM NACHLESEN

Dienstag, 18. Juni 2019
r Die letzten hundert Jahre
Thekenlesung und Buchpräsentation von und mit Ludwig Roman Fleischer
tio pepe, Kaiser-Josef-Platz 3, 9500 Villach

Dienstag, 9. April 2019
r Elsie Slonim – Meine ersten 100 Jahre

Mit der Kamera auf Spurensuche zwischen Kaiser Franz Josef, dem Holocaust und der Sperrzone auf Zypern.
Ab 18:30 Volxküche


Begegnungszentrum Kreml, Ludwig Walter Straße 29, Villach

Freitag, 7. Dezember 2018
r Bad Weihnachten
Thekenlesung von und mit Ludwig Roman Fleischer
tio pepe, Kaiser-Josef-Platz 3, 9500 Villach

Freitag, 23. November 2018
r SWANGAR
Ausstellungseröffnung, Lesung und Buchpräsentation von Doris Libiseller, Klaus Hollauf und Hans D. Smoliner
Cafe Sternweiss, St. Paul im Lavanttal

Freitag, 13. April 2018
r (Neo)Kolonialismus und Widerstand in Afrika am Beispiel Burkina Fasos, Buchpräsentation mit Günther Lanier
Katholische Hochschulgemeinde Klagenfurt, Nautilusweg 11, 9020 Klagenfurt

Dienstag, 13. März 2018
r Grundeinkommen für alle?! Das bedingungslose garantierte Grundeinkommen und die Zukunft der Erwerbsarbeit. mit Karl Reitter
Begegnungszentrum im Kreml, Ludwig Walther Straße 29, 9500 Villach

Donnerstag, 1. März 2018
r Tagung:#GLEICHBERECHTIGUNG; 01.März bie 03.März, Europahaus Klagenfurt
Europahaus Klagenfurt, 1. Stock, Reitschulgasse 4, 9010 Klagenfurt

Freitag, 20. Oktober 2017
r kärnöl Auslese 2003 - 2012 Teil III
Offene Diskussion über Beiträge von Walther Schütz et al. aus dem Jahre 2003 bis 2004
tio pepe

Freitag, 6. Oktober 2017
r kärnöl Auslese 2003 - 2012 Teil II
Offene Diskussion über Beiträge von Walther Schütz et al. aus dem Jahre 2003 bis 2004
tio pepe, Kaiser Josef Platz, Villach

Samstag, 23. September 2017
r kärnöl Auslese 2003 - 2012
Offene Diskussion über Beiträge von Walther Schütz et al.
tio pepe, Kaiser Josef Platz, Villach

r Weitere Dokumentationen