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Stephan Jank

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2005-11-28

Kritische Katholiken und mündige Konsumenten

Über das Sein und Nicht-Sein des bürgerlichen Subjekts

Was alles nix nutzt

Vergangene Woche hat der Bischof von Regensburg den höchsten Laienrat seiner Diözese schlicht und einfach aufgelöst. Da hob ein großes Wehklagen an unter den Getauften im Bistum. Schnell war eine Mahnwache aufgestellt, die just am Sonntag auf dem Domplatz eine große Menschenmenge anzog. Und dort, wo in Bayern kritische Katholiken um ihre beschnittenen Rechte kämpfen, da ist auch das Fernsehen nicht weit. Und so bekamen auch wir Kunde von diesem dunklen Kapitel deutschen Demokratieabbaus. Zwar versicherte der gütige Generalvikar im Interview, dass der Schritt erst nach langer und reiflicher Überlegung erfolgt sei; aber natürlich konnte auch diese pastorale Intervention nicht verhindern, dass sich eine der vielen Mahnwächterinnen und Mahnwächter durch die Maßnahme "persönlich angegriffen" fühlte und auf einem der Transparente "Zur Mitbestimmung berufen" zu lesen war. Die ganze Szenerie erinnerte frappant an das österreichische Kirchenvolksbegehren in den 90er Jahren. "Wir sind Kirche" mahnte die bewegte Schafherde beim damaligen Papst ein, als dieser den pausbäckigen Kurt und den pädophilen Hans Hermann in ihre diözesanen Weiheämter befahl. Genutzt hat's bekanntlich nix und die Kirchen waren danach genau so voll oder halbleer wie vorher.

Szenenwechsel. Vergangenen Donnerstag 19:00 Uhr, Kleiner Saal der Villacher Arbeiterkammer. Die örtlichen Grünen hatten zum Gentechnikvortrag geladen. Viele wichtige Informationen waren da zu erfahren. Was denn nun kennzeichnungspflichtig sei und wie sich der Herr ÖVP-Landesrat Martinz verhalten solle und dass die EU ja eigentlich ... und so weiter und so fort. Das alles haben wir schon oft gehört und alles war auf seine Art richtig. Wirklich bemerkenswert aber war, dass es dem Referenten, einem Diplomingenieur mit festem Schuhwerk, während des gesamten Vortrags gelungen ist, den Begriff Kapitalismus kein einziges Mal zu erwähnen. Das ist eine große Leistung, wenn man bedenkt, wer denn nun den Einsatz von Gentechnik auf europäischer bzw. globaler Ebene (neo)liberalisieren will. Auf meine Nachfrage, ob er denn nicht an eine gewisse Interdependenz zwischen Kapitalismus und Gentechnik glaube, antwortete er dann auch ganz im Sinne eines ministrablen Schwampel-Grünen mit einem mehr oder weniger entschiedenen NEIN, denn schließlich würde Gentechnik ja nicht nur bei uns sondern auch in China zum Einsatz kommen. Interessant! Nach einer so tiefgreifenden politökonomischen Analyse war es dann nicht wirklich verwunderlich, dass ein Zuhörer das Wort ergriff und sinngemäß folgenden Sermon zum Besten gab: "Es ist ja letztlich ganz simpel: Kaufen wir doch einfach keine Gentechnikprodukte. Greifen wir zu Lebensmitteln aus heimischem Bioanbau im regionalen Wirtschaftskreislauf! Dann werden sie schon sehen, wo sie mit ihrer Gentechnik bleiben, die Nestles und die Monsantos und wie sie alle heißen. Ob nämlich Gentechnik oder nicht, das entscheiden letztlich wir: Die mündigen Konsumentinnen und Konsumenten!" Das Ganze klang irgendwie so wie "Wir sind der Agrarmarkt". Und genauso war es auch gemeint. Aber genauso wie das Kirchenvolksbegehren wird auch dieses Konsumentenvolksbegehren nix nutzen.

Warum nutzt das alles nix?

Die Frage, warum das alles nix nutzt, reicht bis an die Wurzeln dessen was ist. Und eine Antwort darauf muss naturgemäß auch genau dort ansetzen: An der Verfasstheit der kapitalistisch demokratischen Bürger. Diese sind nämlich nichts anderes als frei und gleich. (Die Sache mit der Brüderlichkeit stand ja bereits zu Zeiten der französichen Revolution nicht umsonst an letzter Stelle) Und alle diese freien Bürger haben die gleichen Rechte, verbrieft in der UN-Menschenrechtscharta und vor allem in den nationalen Verfassungen. Und von Geburt an wird uns diese Gleichheit in einem nie enden wollenden Taufprozess immer wieder kalt über den Kopf geschüttet, bis wir sie zu unserem Credo verinnerlichen. Dass es sich bei dieser staatsbürgerlichen Gleichheit und Freiheit aber um nichts anderes als um blanke Phantasie handelt (vergleichbar etwa der unbefleckten Empfängnis Mariä), das weiß nun der Viertelputzer genauso wie der millionenschwere Eigner eines Fußballklubs; das weiß der Arbeitslose genauso wie der erfolgreiche Investment-Banker; und das weiß die alleinerziehende Mutter im 500,00 Euro-Prekariat genauso wie es der freiberufliche Seegundbesitzer und A8-Fahrer weiß. Denn tatsächlich kann man nirgendwo gleiche und freie Bürger sehen, hören oder riechen. Und genau da liegt der Hund begraben: Der bürgerliche Mensch wurde im Lauf der kapitalistischen Entwicklung dermaßen zu einem reinen Rechtssubjekt zusammengestaucht, dass er schlicht und einfach zu existieren aufgehört hat. Auf nichts als auf Freiheit und Gleichheit herunterkastriert, all dessen beraubt, was Menschen fühlbar, hörbar und sichtbar macht, ist der Bürger einer kapitalistischen Demokratie im Wortsinn als Privatmann (privatus, lat. beraubt) in der Verfassung festgeschrieben. Und das hat gute Gründe. Denn nichts ist leichter, als dieser nicht existenten Illusion eines menschlichen Subjekts die volle Souveränität über alles Gesellschaftliche zu übertragen, wie das in unseren Verfassungen so hübsch formuliert ist. Da kann nix passieren, wenn von einem solcherart verfassten Volk die Macht ausgeht. Und genau diese bis in die letzte Gehirnwindung verinnerlichte Autoabstraktion (=Kastration) ermöglicht dem gutmenschlichen Bürger die beliebige Konkretisierung völlig absurder Souveränitätsansprüche. Und deshalb glauben wir "Wir sind Kirche", "Wir sind der Agrarmarkt" oder "Wir sind Papst" , wie die Bild-Zeitung das so treffend formuliert hat. "Wir sind", rufen die Demokraten, aber wir sind nicht. Und deshalb nutzt das bürgerlich demokratische Gesülze nix.

Leider ist es noch viel schlimmer

Wenn es nun nur in diese Richtung gehen würde, wäre das alles kaum einer Erwähnung wert. Aber leider kommt nach der warmen Dusche der bürgerlichen Machtphantasie die kalte Dusche der bürgerlichen Ohnmachtsrealität. Kalt - Warm sozusagen. Wenn wir nämlich glauben, dass wir sind, dann glauben wir auch, dass "wir zu alt sind", um das Pensionssysstem weiter finanzieren zu können. Dann glauben wir auch, dass "wir zu fett sind", um das Gesundheitssystem weiter finanzieren zu können. Dann glauben wir auch, dass "wir zu faul sind", um uns das Arbeitslosengeld wirklich verdient zu haben.

Mein Gott! Was werden sie uns noch alles sein lassen?

Schauplatzwechsel. Deutschland. Vergangene Woche. 25 Medienunternehmen finden sich unter der segensreichen Koordination der Bertelsmann-Gruppe zusammen und lancieren bis Anfang 2006 eine sogenannte Social-Marketing-Kampagne mit dem zentralen Slogan "Du bist Deutschland". Da schau her! Was wir nicht alles sind! Unter dem Blickwinkel unserer Betrachtungen ist es dabei geradezu eine Nebensache, dass die Nationalsozialisten bereits 1935 ihre Kundgebungen mit identem Slogan (belegt z. Bsp. für Ludwigshafen) bewarben.

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Walther Schütz, 2005-11-28, Nr. 2166

Lieber Stephan, danke für deinen ausgezeichneten Beitrag. Dieses Herumdoktern auf den einzelnen Konsumenten hat wirklich etwas moralinsaures Bigottes an sich und ist eine irre Sackgasse. Erst wenn es gelänge, das Bewusstsein von den Fehlentwicklungen zu gemeinsamen politischen Handeln weiter zu entwickeln wäre wirklich was gewonnen. Und da hätte auch ein ersten Andocken beim Einzelnen einen gewissen Sinn. Statt dessen aber ist eher die Tendenz zu beobachten, (Markt-)Nischen zu bilden - so gesehen müsste dann ja die Bionische richtig froh sein, wenn sie ihren Platz am Markt behaupten könnte und es wäre förmlich eine Katastrophe, wenn grundsätzlich auf Bioproduktion umgestellt werden würde.

Insofern ist auch dein Vergleich mit der Religion durchaus angebracht: Kritischer Konsum, der in sich seinen Endpunkt findet, wird so zum Opium des Volkes.

An diesem Punkt allerdings möchte ich eine Lanze für den Hauptreferenten brechen: Ich war zwar krankheitsbedingt nicht bei der Veranstaltung, kenne ihn aber persönlich sehr gut. Und das ist ein Mensch, der extrem viel seinen Engagments in Lösungen rein steckt, die nicht am einzelnen Konsumenten ansetzt, sondern für gesetzliche Regelungen etc. Da ist vielleicht was in der Hektik der Veranstaltung zwischen euch beiden schief gelaufen ....

Walther (mit Turnschuhen, aber vermutlich wäre angesichts des Schnees doch festes Schuhwerk angebracht)

CRITICON, 2005-12-01, Nr. 2173

Es fällt schwer, dem nicht beizupflichten und angesichts des Dargestellten, keine Satire zu schreiben. Ich bin Deutschland, und Papst bin ich auch. Was es heißt, nebenbei noch Deutscher zu sein, darüber muss ich schweigen, denn ich habe es vergessen. Und die Region, in der ich wese, ist bloß zum Leben da wie die Religion zum Heiraten und zum Sterben. Die Vereinnahmung durch das "Amorphe" feiert fröhliche Urständ. Aber: ist das neu? Ich erinnere Marcuses "repressive Entsublimierung", oktroyierte Spaßigkeit mit dem Zweck, angesichts der Wirklichkeit die Augen geschlossen zu halten. Oder TWAs Satz, es gäbe kein wahres Leben im falschen (kein wahres Begehren in der falschen Kirche, keinen wahren Konsum im Tempel, nicht einmal wahren Müll im getrennten). Und schrieb nicht selbiger TWA schon vor Jahrzehnten, der Lohn des arbeitenden Menschen sei sein Arbeitslosengeld, weil er ja dankbar und froh sei, und es sein müsse, nicht redundant gemacht zu werden (wie es im Jargon meiner Mutterfirma heißt).
Der Mensch ist tot und feiert fröhlich. Hysteron - Proteron. Hysterie ohne Historie. Eine, dessen Symptom der gute Ton ist. Weil kaum jemand sich mehr traut, sie der Kakophonie zu zeihen. Und wenn, dann ist solch passagere Dissonanz im besten Fall Teil des Marsches.

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