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Ludwig Roman Fleischer

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2005-08-27

Die Aufhebung der Umgebung

Erzählungen aus der Kärntner Umgebung

Wie der höchst bedenkliche Erzähler Wickerl herausgefunden zu haben vorgibt, stammt einer der größten Philosophen des Abendlandes aus der Umgebung: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dessen Urururgroßvater Janko Loize Dimitrij Heglje soll demnach ein Öder Wagner gewesen sein, der im Zuge der Gegenreformation als Protestant aus der Umgebung vertrieben wurde und sich mit seiner Familie in Württemberg ansiedelte. Dies unter Zurücklassung seiner Habe und seiner stattlichen Anzahl unehelicher Kinder. Daraus erkläre sich, so Wickerl, der Hang so vieler Umgebungstaler zum Philosophieren. Da wäre zum Beispiel der Philosoph Oskar, der alles verabscheut, was – in individueller Repräsentation einer ontologisch relevanten Allgemeinheit – an sich selbst erinnert. Da wäre Krajna, der Leiter der Sportschule Eff am See, der das ganze Weltgeschehen sportlich erklärt und behauptet, jemand, der keinen Sport betreibe, könne sich im Leben niemals durchsetzen, weil ja alles im Leben Sport sei. Man denke auch an den Frauenfischer Ladi, der seine Wünsche an sich niemals äußerte, weshalb sie ihm für sich stets erfüllt wurden, an den Arzt, der die Dorfstudie verfasste, oder an den ewigen Junggesellen Berntschitsch, der das Sein seines Hauses stets im Nichts versinken ließ, umgekehrt das Nichts seines Hauses als dessen eigentliches Sein begriff, welches sich nur im beständigen Werden (dem permanenten Umbau ergo) mit Wirklichkeit erfüllte.

Freilich gibt es nur einen einzigen bewusst bekennenden Hegelianer in der Umgebung: den Bauernsohn Hans Heinz aus Aff am See. Hans Heinz hat einige Semester Philosophie und Italienisch studiert, ist dann aber heimgekehrt, um den väterlichen Hof zu übernehmen und sich ausschließlich dem Bauernhandwerk zu widmen. Aufgrund einer Futtermittelallergie musste er allerdings der Rinder-, Schaf- und Schweinezucht entsagen und einen Posten im Nockentheiner Werk annehmen. Dort hat er es mittlerweile zum Betriebsrat gebracht, im Sinne einer Entfremdung von der eigentlichen Arbeit. In seiner Freizeit befasst sich Hans Heinz mit der Lektüre Hegels und der Übersetzung zentraler Hegel-Passagen ins Kärntnerische. Laut Wickerl bleibt dabei alles in der Familie, denn, so er, Hans Heinz sei eben ein Nachkomme des protestantischen Öder Wagners Janko Loize Dimitrije Heglje, mit dem großen Phänomenologen des Geistes also blutsverwandt wie so viele Umgebungstaler.

Der Hegelsche Satz „Das reine Sein hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach außen“ lautet in Hans Heinzens Übertragung „Dos, wos is, is inwenig dossölbe wia auswendig“. Aus „das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts“ wird zu „Dos, wos is, dos von was du, wonn’s vua dia is, ka Ohnung host, is nit mehr und nit weniga als wia nix“. „Phänomenologie“ übersetzt Hans Heinz mit „Eigenoatlichkeitskunde“, „Dialektik“ mit „dos Ausanondaz`somm“; er lässt den Denker „hianwixad om Schädl laafen“ und schreibt „da Mensch is a Sau, obo er waaß es und drum is er kaane“.

Freilich ändert er – das Sein und das Nichts im Werden aufhebend – seine Übersetzungen imme wieder um und ab, weshalb er mit dieser Arbeit niemals fertig werden dürfte. Dies Philosophieren an sich wird aber insoweit zum Philosophieren für sich, als Heinz – ein Denker, der hianwixad om Schädl laaft“ – die ganze Umgebung und deren Besucher mit phänomenologischen Alltagsweisheiten versorgt, die indes nie sind und hiermit nie nicht sind, weil auch sie immerwährend (anders und anders) werden.

Hans Heinz erzählte jedem der es wissen wollte (wie auch jede, der das nicht wollte), dass rotpelzige Katzen stets Kater seien. Er tat dies so lange, bis sein roter Kater Schelling trächtig wurde ( und danach zwei rote Kätzchen und zwei rot-brauch-graue Kater warf). Seither behauptet Heinz, dreifarbige Katzen seien allemal männlichen Geschlechts. Wohlbekannt ist seine wetterprognostische Regel: „Hot da Seenock einen Sabel, wird dos Wetta miserabel; hot dea Seenock einen Hut, wiad dos Wetta sicha gut“, wobei Heinz unter einem „Sabel“ eine leicht gekrümmte Cirrhuswolke, unter einem „Hut“ einen Cumuloniumbus versteht. Indem sich über dem Seenock seit Menschengedenken weder ein einzelner „Sabel“ noch ein Solo-„Hut“ gezeigt hat, ist Heinzens wetterprognostisches Gesetz unwiderlegt geblieben.

Hans Heinz besitzt – als Rudiment seines vormaligen Wirkens als Landwirt – einige Hühner, an die er, um die Dotter ihrer Eier mit einer besonders leuchtkräftigen goldgelben Farbe zu versehen, nicht nur Weizen und Mais, sondern auch Safranreis verfüttert. Es gab in dem kleinen Stall und dem angrenzenden Freigehege zuzeiten auch einen jungen Hahn. Als dieser ein Jahr alt geworden war, hatte er sich bei Hans Heinz unbeliebt gemacht. „Der Hohn zazaust ma die gaunzen Hendln“, erzählte er, „außadem weckt er mia mit sein bleedn Gekrah mitten i da Nocht die Gäst auf“. (Hans Heinz betreibt nebenbei einen kleinen Beherbergungsbetrieb). So beschloss er denn, dem bereits zu stattlicher Größe gediehenen Federvieh den Garaus zu machen. Mithilfe einer kleinen Axt, die er ansonsten zum Kleinholz Hacken verwendete, trennte er dem Hahn den Kopf vom Rumpf. Letzterer jedoch entkam und – wahrhaft kopflos – torkelte er durch die offene Gehegetür auf die Straße hinaus, auf welcher sich gerade eine Gruppe deutscher Touristinnen erging. Der Anblick des blutbesudelten Hahnenrumpfes, der da auf sie zuhielt, ließ eine der Urlauberinnen in Ohnmacht fallen. Ihre Begleiterinnen flohen kreischend die Stätte des Grauens. Hans Heinz gelang es, den flüchtigen Hahnenrumpf zu stellen, einzufangen, zu rupfen, auszunehmen und mit einer Semmelfülle auszustopfen. Den Braten servierte er sich und drei Freunden: dem Lehrer, dem Sportschulleiter Krajna und dem Erzähler Wickerl, deren Skepsis in Bezug auf die Genießbarkeit eines Hahnenbratens Hans Heinz nicht gelten ließ. Ein dermaßen junger Hahn sei eine Delikatesse, zarter als jede Henne, schmackhafter sowieso. Nach zwei Stunden Bratzeit hatte das unglückliche Geflügel die Konsistenz eines Autoreifens, an dem alle vorhandenen Gebisse einschließlich jenem Hans Heinzens scheiterten. Man reichte schließlich die Hahnenkarkasse herum und entlöffelte ihr abwechselnd die allerdings sehr schmackhafte Semmelfülle. Für die Launigkeit dieses Abendessens sorgte eine Kiste Leilacher Märzenbier, sowie die Erinnerung an die Rumpfjagd und den Ohnmachtsanfall der deutschen Touristin. Hans Heinz bezeichnete den nicht verzehrbaren Braten als Ausnahmehahn.
„Der hot an Nervenschock erlitten und is net uarndlich ausgebluatet“, behauptete er, „drum isser so zaach.“
Es handle sich bei dem Hahnenbraten – Hegelianisch ausgedrückt – um einen solchen, der an sich, als Idee seiner selbst – genießbar, für sich, aufgrund des bei seiner Tötung erlittenen Nervenschocks, jedoch ungenießbar sei.

Hahnlos, wie er ist, muss Hans Heinz nach dem Verlust zweier Hennen nun – wenn am Himmel ein Bussard auftaucht – selbst den Hahn mimen. Man sieht ihn bei solchen Gelegenheiten die Arme wie Flügel schwingend – durch das Gehege fegen, von den aufgescheuchten Hennen ratlos umgackert. Unser Umgebungstaler Philosoph pflegte übrigens früher zu behaupten, er stamme von dem britischen Suppenkonzernbegründer John Heinz ab. Seine Verwandtschaft mit Hegel hat ihm erst der Erzähler Wickerl eingeredet.

Begreift man das Phänomen der Umgebung im hegelianischen Sinn, so ist die Umgebung ein heiliges Geheimnis, dessen Zusammenhang das Leben selbst ist, und zwar als Verbindung der Entgegensetzung der Beziehung, mithin als Verbindung der Verbindung und der Nichtverbindung. Insofern der Umgebungstaler als lebendiger Begriff seiner selbst an sich und für sich existiert, ist er in Verbindung mit allen mannigfaltigen Umgebungstaler. Insofern als der Umgebungstaler aber nicht alle Umgebungstaler kennt, ist er mit ihnen nicht verbunden, obgleich er mit ihnen eben durch diese Nichtverbindung verbunden ist. Dass die Umgebung aufgrund einer schöpferischen Selbstentäußerung des Weltgeistes ihre Existenz erfährt und als Antithese des Weltgeistes vermittels des reinen Willens und der als gesollt gesetzten Sittlichkeit innert ihrer Geschichte das Nichts verwirklicht, das im Werden aufgehoben ist, erhellt, dass die schöpferische Selbstentäußerung des Weltgeistes über ihre beständig werdende Antithese, der Geschichte, auf eine transzendentale Rücknahme und Aufgehobenheit im absoluten Geist zustrebt.

Dies lässt sich an mancherlei Prozessen phänomenologisch aufzeigen: Der Schnee wird rar, die Fichten sterben, der Artenreichtum der Fauna und Flora reduziert sich, der Sauerstoffgehalt der Gewässer nimmt ab. Die Umgebungstaler Berge schrumpfen erosionsbedingt pro Jahr um etwa einen Millimeter. Der Seenock wird in tausend Jahren statt 2116 nur noch 2106 Meter hoch sein, in einer Million Jahren nur noch 1106, in zwei Millionen Jahren nur noch 106 Meter. Der Effsee und der Affsee ziehen sich per anno um fast zwei Zentimeter von ihren Ufern zurück. In nicht viel mehr als 100 000 Jahren werden sie ausgetrocknet sein. Die Bevölkerung verringert sich pro Jahr um 0,2 Prozent. Wenn die Umgebung eine ausgetrocknete Ebene sein wird, werden jene, die sie so nennen, längst ausgestorben sein. Als Letztes werden die Insekten in die Aufgehobenheit im absoluten Geist eingehen. Aber dann ist die Erde wohl nur noch ein implodierendes Insektenei, die zu einem mikroskopisch kleinen Kern inversiver Ausdehnung komprimierte Idee ihrer selbst, die freilich für niemanden mehr existiert, sondern nur noch an sich ist: ein Sein, das in seinem Werden auf das Nichts hinstrebt, wie Wickerl sagt, das Hans Heinz sagt, dass Hegel sagt, dass der absolute Geist sagen würde, würde er etwas sagen.



Aus dem SISYPHUS Verlagsprogramm mit freundlicher Genehmigung des Autors LUDWIG ROMAN FLEISCHER: "DORF DER SEELE"

Erzählungen aus der Kärntner Umgebung
Seite 128 - 132
133 Seiten, brosch. 13 x 20 cm
ISBN: 3-901960-30-9
Preis: Euro 14.- / SFR 21.-

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