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Werner Koroschitz

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2005-01-06

Werksbad Bleiberg I

Über sieben Jahrhunderte lang prägte der Mensch auf der Suche nach Blei die Kulturlandschaft des Bleiberger Hochtales. Am 1. Oktober 1993 verließ der letzte, feierlich geschmückte Hunt den Antonischacht. An diesem historischen Datum wurde der Bergbau in Bleiberg aufgrund des anhaltenden Verfalls der Rohstoffpreise und der damit verbundenen Absatzkrise endgültig eingestellt. Mit der Schließung des Bergwerkes verabschiedete sich die Bleiberger Bergwerksunion (BBU) als größter Arbeitsgeber und wirtschaftlicher Motor einer ganzen Region.

Zehn Jahre später findet der Besucher des Bleiberger Tales auf Schritt und Tritt beredte Zeugnisse einstiger bergbaulicher Aktivitäten. Förderschächte, Halden, Stollenmundlöcher, Knappensiedlungen und Gewerkenvillen künden von einstiger Arbeit und Betriebsamkeit. Andernorts werden Grubenlokomotiven, rostige Hunte, Hämmer, Bohrer und Mineralien als Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten aufbewahrt.

Einige der historischen Arbeits- und Produktionsstätten wurden mittlerweile anderen Zwecken zugeführt. Kaum wahrnehmbar, dafür umso faszinierender, sind die historischen Stollen und Schächte, die in den vergangenen Jahren von der BBU an private Nutzer verkauft wurden und die am ehesten etwas vom mühevollen Untertagebau vergangener Jahrhunderte erahnen lassen. Vor der Verwendung des Schießpulvers im Bleiberger Bergbau (um 1710) wurden die Stollen händisch, mit Hammer und Meißel, und einer durchschnittlichen Tagesleistung von einem bis zwei Zentimeter vorangetrieben. Zur beschwerlichen Arbeit kam die qualmende Luft durch Kienspäne, Fackeln oder Unschlittkerzen, die Feuchtigkeit des Stollens und die eintönige Kost. Das Profil der mehrere Jahrhunderte alten Schrämmstollen entspricht dabei der Größe und Schulterbreite des jeweiligen Knappen.

Andere Stollen- und Schachtgänge erfuhren einen Bedeutungswandel, der sich mitunter in einer allzu zeitgeistigen Allerwelts-Eventkultur äußert. Mit Werbeslogans wie „multimedialer Erlebnisstollen der Superlative“ oder „faszinierende Multimedia-Show“ glaubt man den Anforderungen modernen Edutainments gerecht zu werden (erfinderisch ist die Freizeitindustrie in der Kreation neuer, sinnentleerter Wortschöpfungen). Doch Erlebnisstollen und Zwergenwelten verstellen den Blick auf die mühevolle Arbeitswelt der Knappen sowie den Ablauf gesellschaftlicher Prozesse. Historische Arbeitsstätten mutieren dabei zur Kulisse für beliebige Events, gleichzeitig wird das Identitätsstiftende einer Region negiert.

Eine weitere Nutzungsform, diesmal im Dienste des Gesundheitstourismus, wird dem Besucher mit dem kürzlich eröffneten Heilklimastollen samt angeschlossener Kuranstalt zur Behandlung von Atemwegserkrankungen und Allergien geboten. Ein montanhistorisches Kulturdenkmal, der Rudolfschacht, verschwindet dabei hinter dem ausladenden Gebäudekomplex des neu errichteten Kurzentrums. Eine bewusste Integration des Rudolfschachtes in die Architektur des Kurpalastes wäre der Bewusstmachung historischer Entwicklungen dienlicher gewesen. Erhielt doch insbesondere die Fördereinrichtung Rudolfschacht als Vermittler zwischen Unter- und Obertage Wahrzeichenfunktion. Rudolfschacht und Kuranstalt symbolisieren letztendlich den Übergang der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft.

Ehrgeizige Pläne sehen in der Umwandlung der vom Bergbau geprägten Kulturlandschaft in neue Freizeit- und Erholungsgebiete die Chance die Strukturprobleme der Gemeinde, wie Abwanderung, geographische Randlage und geringe Arbeitsmöglichkeiten, zu beheben. Die Umsetzung touristischer Konzepte sollte nicht den Blick auf die Vergangenheit verstellen. Sind doch die bestehenden Industriedenkmäler letztendlich Ausdruck kollektiver Erinnerungen.

„Kurzentrum Bad Bleiberg. Es ist endlich soweit! Die ersten Arbeitsplätze werden vergeben“, heißt es im mit „Glück auf“ gezeichneten Bürgermeisterbrief vom März 2003. Die Umsetzung dreier touristischer Projekte sollen Bleibergs Weg zum „Wellness-Mekka“ Kärntens garantieren. Bis zu fünfhundert neue Arbeitsplätze, von der Abwäscherin bis zur Therapeutin, sollen vornehmlich im Dienstleistungssektor geschaffen werden.

Die massive Verschiebung von einer Produktions- zu einer Dienstleistungsgesellschaft führte zu signifikanten Veränderungen nicht allein in der Erfahrungswelt der Arbeit, sondern auch in der Freizeit. Diese hat heute gegenüber der Arbeit enorm an sinnstiftender Dimension gewonnen. Die fundamentalen strukturellen Probleme einer von Krisen schwer gezeichneten Industriegesellschaft und die damit verbundenen Ängste der Menschen vermag auch die vielbeschworene Freizeitgesellschaft nicht zu kompensieren. Eher schon fordert sie den doppelten Preis, indem die Freizeit zur Verbesserung der Arbeitsleistung nutzbar gemacht werden soll. Der Körper muss gepflegt und trainiert, Problemzonen unter Kontrolle gebracht und Falten beseitigt werden. In diesem geschlossenen Zirkel der produktiven Mobilmachung des Körpers entwickelten sich Wellnesszentren, Beautyfarmen und Diäthotels zu lukrativen Geschäftszweigen. In sogenannten Wohlfühloasen werden Körper und Geist Entspannung vor Leistungsdruck, Erfolgszwang und Wettbewerb in einer beschleunigten Arbeitswelt geboten. Rundum gestärkt verlässt man die multifunktionalen Freizeiteinrichtungen um sich mit gesteigertem Elan und erhöhter Motivation ins Arbeitsleben zu stürzen. Diese Art der körperbewussten Lebensführung ist mit erheblichen Geld- und Zeitinvestitionen verbunden. Während durch Umweltverschmutzung, chemische Belastung der Nahrungsmittel und schädigenden Arbeitsbedingungen die Gesundheit jedes Einzelnen beeinträchtigt wird, wird dieser gleichzeitig für mangelnde Fitness verantwortlich gemacht. Das Problem der Gesundheit wird privatisiert, so dass als Ursache von Rückenschmerzen schließlich nicht das tägliche Sitzen vorm Computer angesehen wird, sondern mangelndes Training der Rückenmuskulatur nach Büroschluss im Fitnesscenter.

Dieser Philosophie zufolge hätten die Bleiberger Knappen, die ihren Lebensunterhalt mit schweißtreibenden „underground activities“ verdienten, als Ausgleich „outdoor activities“, wie jogging oder nordic walking, betreiben müssen. Manche Bergarbeiter nahmen ohnehin einen langen Fußmarsch auf sich, um zur Arbeitsstätte zu gelangen. Durch den frühen Abmarsch zu ihrer Grube sahen die Bergleute vor allem im Winter wochenlang keine Sonne. Bedingt durch schwere und mühselige Arbeit erreichten die Knappen noch im 19. Jahrhundert selten das dreißigste Dienstjahr, dies bedeutete eine durchschnittliche Lebenserwartung von kaum mehr als vierzig Jahren.

Ebenso wie die Heilklimastollen verdankt auch das Thermalbad in Bleiberg sein Bestehen bergmännischen Aktivitäten. Während man im oststeirischen Hügelland in den Zwanziger Jahren bei der Suche nach Erdöl jene Heilquellen entdeckte die heute den Grundstein der wirtschaftlich florierenden Thermenregion bilden, stießen die Bergknappen in Bleiberg 1951 bei Vortriebarbeiten im Rudolfschacht ebenfalls auf Thermalwasser. Medizinische Untersuchungen attestierten der Rudolfquelle heilende Wirkung bei Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie bei Störungen des Herz-Kreislauf- und Nervensystems. Achtzehn Jahre später wurde das Thermalbad Bleiberg offiziell eröffnet und 1978 wurde der Gemeinde Bleiberg das Prädikat „Bad“ verliehen. Der Bergwerksort bereitete sich in Anbetracht des absehbaren Niedergangs des Bergbaues auf eine touristische Zukunft vor. Angesichts der ökonomischen Nachwehen der sogenannten Erdölkrise im Jahre 1973 versuchten vor allem strukturschwache Abwanderungsgemeinden den Fremdenverkehr anhand eines entsprechenden Bäder- und Gesundheitsangebotes zu forcieren. So zum Beispiel Bad Radkersburg, das seit Mitte der Siebziger Jahre das „Bad“ dem Radkersburg voranstellt. Mit dem Ausbau des Bleiberger Thermalbades in eine moderne „Wohlfühloase“ und der benachbarten Heilklimaanstalt sollen optimale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tourismusentwicklung der Gemeinde geschaffen werden.

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Walther Schütz, 2005-01-07, Nr. 1657

Lieber Werner, herzlichen Dank für dein tiefgehendes und dennoch humorvolles Stück "Heimatkunde", das mir eines beweist:
Wichtiger als ein großartiges Herumfahren in der weiten Welt, wo man doch nur - zunächst einmal - den SCHEIN des Andersseins, des Fremden erkennt, ist der KRITISCHE Blick auf das Nahe, das allzu Selbstverständliche. Erst da erkennt man die weltumspannende Wertverwertungsmaschine mit ihren systemimmanenten "Unterfetischismen" der ständigen Produktion neuer Bedürfnisse und Abhängigkeiten ("Wellnesskultur"), das zwanghafte "Sich-verkaufen-müssen" etc.

Dank, freue mich schon auf die nächsten Teile

Walther

Stephan Jank, 2005-01-07, Nr. 1659

Lieber Walther,

ich kann Deine Reaktion nur unterstreichen. Insbesondere den Hinweis auf den, von der Wellnessindustrie auf den Einzelnen ausgeübten Druck zur permanenten Veredelung seiner Ware Arbeitskraft. Korreliert man nämlich diesen geradezu mörderischen Druck, der hier auf den Einzelnen ausgeübt wird, mit den Aussagen diverser Gesundheitsökonomen, wonach wir uns nach dem Pensionssystem demnächst auch unser Gesundheitssystem nicht mehr leisten werden können, dann kann man jetzt schon prophezeien, dass der Konsum von "Wellnessdienstleistungen" nicht die Befriedigung irgendwelcher Bedürfnisse sein, sondern zu einer conditio sine qua non beim Abschluss einer privaten Krankenversicherung werden wird. Warum sonst sind es gerade die Versicherungen, die am massiven Ausbau dieser "Wellnesangebote" so erhebliches Interesse haben? Und dass wir private Krankenversicherungen brauchen werden, wenn die Qualität der medizinischen Versorgung gewährleistet bleiben soll, dafür wird mit Sicherheit gesorgt sein. Denn wenn es eine Weisheit gibt, die in Österreich hegemoniefähig ist, dann diese:

"Jo wea solln dos sunst olls zohln?"

Kravanja, 2005-01-07, Nr. 1660

Lieber Werner Koroschitz!

Mit Interesse verfolge ich schon seit geraumer Zeit deine Beiträge, die hier auf der kärnöl Homepage veröffentlicht werden.

Die Dobracserie hat uns, den Pizza Express mit den tapferen Mitstreitern von kärnöl, dazu inspiriert, , im Laufe der nächsten Zeit einen Pizzakarton zum Thema Dobrac/Villacher Alpe und zur Ortstafelproblematik als solches, zu gestalten. Dafür hab Dank. Gleichzeitig möchte ich dich einladen, vielleicht aktiv daran mitzuarbeiten. Einfach dienstags im Cafe Platzl vorbeischauen, aber was sage ich dir, du kennst das ja ohnehin schon längst. Und es muß ja nicht immer vier Uhr morgens werden.

Auch die Reihe zum "Tourismusort" Bleiberg verspricht interessante Einblicke in die Historie und überraschende Betrachtungsweisen zum Thema Wellness.
Es erscheint mir gesellschaftspolitisch höchst spannend, den Wellness-Tourismusbereich als privates Service für den kapitalistisch ausgeschundenen Körper zu sehen. Wenn es nicht so traurig wäre, hätten die Ansichten zum Thermaltourismus durchaus kabarretistische Qualitäten. Die Vorstellung, dass Bleiberg mit seinen 2 Sonnenstunden täglich ein Tourismusort werden soll sowieso.

Auf alle Fälle freue ich mich schon auf die Fortsetzung deiner Serie und hoffe, dass du kärnöl gewogen bleibst und noch die eine oder andere höchst interessante Geschichte hier publizierst.

Sei mir herzlich gegrüßt

Robert Kravanja

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