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Peter Gstettner

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2008-01-31

Das Ende der Geschichte – die Kärntner Partisan/innen

Konec spomina – koroške partizanke, koroški partizani

Zum Vergrößern anklicken!
Anton Haderlap: Graparji. So haben wir gelebt. Erinnerungen eines Kärntner Slowenen an Frieden und Krieg. Verlag: Drava. 176 S.,
ISBN-13: 9783854355274
ISBN-10: 3854355270
ca. EURO 19,80

... so betitelt der Künstler Ernst Logar seine Ausstellung bzw. die Präsentation der Videos mit Zeitzeug/inneninterviews aus den Kärntner Partisanenwiderstand. [1]

Der Titel hat mich in den vergangenen Tage und Wochen sehr beschäftigt. „Das Ende der Geschichte“ der Kärntner Partisan/innen kann heißen: Wenn die letzten Zeitzeug/innen gestorben sind, die uns authentisch über den Kärntner Partisanenkampf berichten können, dann ist das Ende der Geschichte gekommen, zumindest das Ende der lebendigen, mündlich weitergegebenen Geschichte.

Dieses Ende ist absehbar. Irgendwann, in den nächsten Jahren, wird diese originäre mündliche Quelle versiegen. Wir werden dann auf die Ton- und Bilddokumente angewiesen sein, auf die Bücher und die modernen Speichermedien, von denen uns die Fachleute sagen, dass sie auch nicht ewig halten werden, denn auch elektronisch gespeicherte Daten werden irgendwann verfallen, unleserlich oder gelöscht. Dokumente können in den Archiven verschwinden, Bücher werden eingestampft usw.

Ein Recycling der lebendigen Geschichte wird es nicht geben. Es wird in jedem Fall das eintreten, was Jorge Semprun, Schriftsteller und Überlebender des KZ Buchenwald, sinngemäß so beschrieben hat: [2]

Bald wird es keine Zeugen der Vernichtung mehr geben. In einigen Jahren wird es keine direkte persönliche, körperliche Erinnerung an die Erfahrung des Todes in den Nazilagern mehr geben. Die Erinnerungen werden sich auf dramatische Weise qualitativ verändern. Die Vernichtung wird nur mehr eine historische Gegebenheit sein, faktisch erwiesen, aber entfremdet in der objektiven Kälte der Wissenschaft, außerhalb des allgemeinen Bewusstseins. Es sei denn ...

– und hier setzt Jorge Semprun mit seiner Hoffnung an: Es sei denn, in den neuen Generationen finden sich immer wieder Menschen, die den Mut haben, sich kreativ, ”kühn und bescheiden”, an die vergangene Realität heranzuwagen. Denn, so führt Semprun aus, auch die Erinnerungen haben ein Recht auf Leben, auf Weiterleben durch Erneuerung, haben ein Recht darauf, dass die „unerhörte Wahrheit” der Nazizeit immer wieder ausgesprochen und gehört wird.

Das ist also die eine Seite des „Endes der Geschichte“ – und gleichzeitig möglicherweise der Beginn einer neuen Epoche des Nacherzählens, des kreativen Tradierens der Geschichte, mit neuen Methoden, mit einem neuen Publikum, mit einer neuen Öffentlichkeit und mit der neuen Hoffnung, im Abwehrkampf gegen die Geschichtsverfälscher und -umschreiber, gegen die Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner doch noch Gehör zu bekommen.

Was hat das aber mit diesen profanen Einrichtungsgegenständen, mit den Tischen zu tun, die hier in diesem prachtvollen, herrschaftlichen Lichthof des Palais von Ernst Logar aufgestellt wurden? Für mich symbolisieren diese Tische, an denen die Gespräche von Ernst Logar mit den Zeitzeugen stattgefunden haben, das Vertraute und Private der Geschichte. In der Tat ist die Widerstandsgeschichte der Kärntner Slowen/innen eine, die aus dem öffentlichen Raum des Kärntner Geschichtsbewusstseins schon so weit verdrängt wurde, dass sie fast nur mehr „privat“, unter Freunden, erzählt wird. Diese Geschichte wurde der slowenischen Minderheit mies gemacht, sie wurde ihr enteignet und in das Gegenteil verkehrt. Die Partisan/innen sind nach der Lesart des offiziellen Kärntens keine „Patrioten“ sondern „Feinde der Integrität und der Einheit Österreichs“. [3] Nach Ansicht der Kärntner Geschichtsrevisionisten waren die Partisan/innen gesetzlose Mörderbanden, die die ehrlichen Soldaten der Deutschen Wehrmacht hinterhältig angefallen und bestialisch ermordet haben.

Wer Jahrzehnte ungeschützt solchen Diffamierungen ausgesetzt ist, der muss früher oder später das Gefühl bekommen, in der NS-Zeit auf der falschen Seite gestanden zu haben, das Gefühl, dass die Antifaschisten nicht als Sieger sondern letztlich wieder als Verlierer der Geschichte dastehen. Wer will da noch in der Öffentlichkeit seine eigene Geschichte des widerständigen und aufständischen Untergrundkampfes Preis geben?

So kam es, dass man in Kärnten „Partisanengeschichten“ allenfalls noch erzählt, wenn sich Kinder und Enkelkinder um den Küchentisch herum versammeln.

Es sind keine Heldengeschichten. Es sind Geschichten des mutigen Widerstandes, des Mutes aus großer Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, des Verlassenseins und des Zusammenhalts gegen den gemeinsamen „Feind“, ein Feind, der im Nachbardorf oder im Nachbarhaus darauf lauern konnte, „Nationalslowenen“ bei Polizei oder Gestapo zu denunzieren, nicht aus ideologischem Fanatismus – das gab es auch – sondern oft genug aus handgreiflicheren Motiven: Wenn der slowenische Nachbar weg gebracht wird, ins Gefängnis oder ins KZ verschleppt wird, dann kann man vielleicht eine Belohnung kassieren oder einfach „zugreifen“, vielleicht seine Kuh bekommen und das Inventar seines Hauses gleich dazu.

Auch das sind keine "Heldengeschichten“, die man gerne erzählt. Und deshalb waren die Deutschkärntner nach dem Kriegsende bemüht, sich selbst als Opfer darzustellen. Und auf einmal – Wunder der Kärntner Geschichtsschreibung – gab es im Rückblick zahlreiche und angeblich ganz heftige und mutige Proteste der Deutschkärntner gegen die Deportation der Kärntner Slowenen. Und, was dagegen kein Wunder ist, in Windeseile wurde die Nachricht verbreitet, es seien mehr Kärntner Slowen/innen aus den Lagern zurückgekommen als dorthin deportiert wurden. Und: Sie werden angeblich vom österreichischen Staat reich entschädigt, förmlich mit Geld überschüttet.

Diese Nachrichten wollten die Deutschkärntner nur allzu gerne glauben, konnten doch solche Gerüchte ihr Gewissen entlasten und ihre „Opferrolle“ bestätigen, weil ja – aus ihrer Sicht - die ehemaligen deutschkärntner Nazi-Exponenten von den Siegermächten brutal verfolgt, angeklagt und verurteilt wurden.

Nach dem unterzeichneten Staatsvertrag und nach dem Abzug der Alliierten, begann in Kärnten die „Abrechnung“ mit den heimischen Partisan/innen, die frank und frei von jedermann diffamiert und verurteilt werden durften. „Geschützt“ wurden sie von niemandem. Die Landesobrigkeit und der Kärntner Heimatdienst wurden nicht müde zu trommelen: Kärnten war Opfer – vor 1945 unter dem Hakenkreuz und nach 1945 unter dem „Titostern“ der Partisanen. Vom Hakenkreuz hätte sich Kärnten ohne fremde Hilfe befreit und mit „Titostern“ und „Partisanenterror“ seien die heimattreuen Abwehrkämpfer auch rasch fertig geworden – zugegebenermaßen hat die britische Besatzungsmacht da schon ein bisschen mitgeholfen.

Der Partisanenwiderstand war also in jeder Beziehung delegitimiert; das heißt: Jede Berechtigung war ihm im Nachhinein abgesprochen worden, die moralische Basis entzogen.

Würden Sie, geschätzte Damen und Herrn, angenommen Sie wären auf Seiten der Kärntner Partisaninnen und Partisanen gestanden, unter diesen Umständen in der Öffentlichkeit selbstbewusst, laut und stolz, die Geschichte ihres Widerstandskampfes erzählen, diesen zentralen Aspekt ihrer Lebensgeschichte öffentlich kund tun – im Wissen, dass ihre Geschichte an der offiziellen Landesgeschichtsschreibung abprallen wird, dass ihre Geschichte gegen das Dogma von der „Selbstbefreiung Kärntens“ verstößt, dass sie gegen den Inhalt von offiziellen Landesausstellungen gerichtet ist, die durch Schulen wandern und die nur ein Ziel haben, nämlich die „Identität“ jener Kärntner Mehrheitsgesellschaft zu konsolidieren, die sich alljährlich am Ulrichsberg versammelt?

Nein, das kann von niemandem verlangt werden. Bei allem Heroismus, der den Partisan/innen zugeschrieben wird und auch vorhanden war, der Rückzug ihrer Geschichte in das Private ist die logische Folge der Macht der dominanten Erzählung in Form der offiziellen Landesgeschichtsschreibung.

Man sagt ja gewöhnlich: Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. In Kärnten scheint es umgekehrt gelaufen zu sein: Die Geschichte wurde von den Verlierern geschrieben, die sich im Nachhinein zu den Siegern machten.

Wenn die Geschichte des slowenischen Widerstandes einmal hier ist, in der familiären Privatheit, wenn sie nur mehr hier - quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit - erzählt wird, dann ist dies DAS ENDE DER GESCHICHTE.

Als ich vorgestern einem Freund von dieser Interpretation erzählte, sagte er spontan: „Das ist aber eine traurige Geschichte“. Ja, es ist eine traurige Geschichte, nicht nur für die Betroffenen sondern auch für Kärnten und für Österreich. Und die Geschichte bekommt keinen optimistischeren Anstrich dadurch, dass seit einiger Zeit zwei slowenische Organisationen, von denen eine auch den Verband der Kärntner Partisan/innen vertritt, mit dem Kärntner Heimatdienst freundschaftliche Gespräche führen und sich geeinigt haben, nicht nur bei den zweisprachigen Ortstafeln sondern auch in der Kärntner Geschichtsbetrachtung einen „Konsens“ zu finden. [4] Triumphieren werden über diesen „Konsens“ nur die politischen Eliten des Landes, denn für die Herrschenden war und ist es immer das Beste, wenn die Betroffenen selbst am Ende ihrer Geschichte mitwirken.

Traurig also, aber nicht hoffnungslos, so lange es solche Veranstaltungen wie diese gibt, solange es Menschen gibt, die immer noch bereit sind, ihre Widerstandsgeschichte aus der privaten Stube heraus an die Öffentlichkeit zu bringen, Menschen, die immer noch zum Widerstand gegen aufgeherrschte, dominante Meinungen bereit sind, kurz: solange es Menschen gibt, wie zum Beispiel Anton Haderlap, dem sie heute begegnen werden und dessen Lebensgeschichte sie aus seinem Buch erlesen können. Sie können selbst sehen, hören und lesen: Da gibt es keine Spur von „Partisanenmythos“, keinen Anflug von Heroismus, keinen Funken von Rachebedürfnis. Im Gegenteil: Bei allem Leid, das er und seine Familie und zahlreiche vergleichbare slowenische Familien vor und nach 1945 erlitten haben, gibt es nur Bescheidenheit, Sorge um die Familie und um das Gemeinwohl, eine Versöhnlichkeit und eine warmherzige Toleranz, die uns beschämt - und dankbar macht, dass es diesen Widerstand gegeben hat und dass uns diese Geschichten heute immer noch zugänglich sind, dass wir uns von ihnen berühren und motivieren lassen dürfen: Die Geschichte ist also noch nicht ganz zu Ende.

Herzlichen Dank!
Hvala lepa!


Anmerkungen

[1] Palais Epstein, Parlament, Wien, am 28. 01. 2008; Einführung zur Ausstellung von Ernst Logar und zur Präsentation des Buches von Anton Haderlap „Grapparji. So haben wir gelebt. Erinnerungen eines Kärntner Slowenen an Frieden und Krieg“, Deutsch von Metka Wakounig und Klaus Amann, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2008 ... zurück zum Text

[2] Vorwort in: Soazig Aaron: Klaras Nein. Berlin 2003 ... zurück zum Text

[3] Jörg Haider 1981, zit. nach: Ein teutsches Land. Die „rechte“ Orientierung des Jörg Haider. Eine Dokumentation von Brigitte Galanda. Wien 1987, S. 42 ... zurück zum Text

[4] Vgl. Feldner, Josef/Sturm, Marjan: Kärnten neu denken. Zwei Kontrahenten im Dialog. Klagenfurt/Celovec 2006 - Wie dieser "Konsens" aussehen wird, zeichnet sich insofern schon ab, als z. B. ein FPÖ-Europaparlamentarier, der in rechtsextremen Kreisen bestens eingeführte Andreas Mölzer, auf jeden Fall, so wie bisher auch schon, mitreden wird – schließlich ist Mölzer auch Mitglied der Verbandsleitung des Kärntner Heimatdienstes .... zurück zum Text

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