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Franziska Zentrich

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2005-12-27

Arbeit macht (schmerz)frei?

Sehr geehrte Frau Franziska!

Darf ich mich diesmal mit einem persönlichen Problem an Sie wenden? Seit ca. einem halben Jahr leide ich nach einer Kniegelenksathroskopie unter einer therapieresistenten Schwellung des rechten Kniegelenks (M25.46) und einem therapieresistenten Knieschmerz (M25.5). Trotz durchgeführter medikamentöser Schmerztherapie, konservativer Physiotherapie, Heilgymnastik, Mentaltrainings, Änderung der Lebensgewohnheiten etc., konnte ich keine wesentliche Reduzierung des schmerzbedingten Streck- und Beugedefizites meines rechten Kniegelenkes erzielen. Handelt es sich vielleicht um einen Phantomscherz oder eine psychosomatische Erkrankung?

In Erwartung einer hilfreichen Antwort
Ihr Franz Hochl


Lieber Franz!

Nach sorgfältiger Durchsicht Ihrer beigelegten medizinischen Befunde und nach Rücksprache mit namhaften, internationalen Wissenschaftern verschiedenster Sparten sind wir zu folgenden vorläufigen Ergebnissen gekommen:

Da es sich bei der im Vorfeld der Kniegelenksathroskopie aufgetretenen akuten Entzündung um keine bakterielle Infektion handelte, können und müssen wir eine biologisch- medizinische Ursache für Ihre Knieschmerzen ausschließen. Auch die neuropsychiatrischen und psychotherapeutischen Befunde ergeben keinerlei zwingende Hinweise auf eine klassische psychosomatische Reaktion Ihres rechten Kniegelenkes. Vielmehr dürfte es sich um eine, seit Beginn der Jahrhundertwende im erschreckenden Ausmaße weltweit zunehmende soziosomatische Reaktion handeln. Laut WHO ist die gegenwärtig geläufige Definition des psychosomatischen Krankheitsbildes unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in dieser Form nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Waren im ausgehenden 20. Jahrhundert psychosomatische Reaktionen und Erkrankungen (z.B. Depressionen, Herz- , Atem- und Magenbeschwerden) noch durch entsprechende Psychopharmaka und Psychotherapie behandlungsfähig, so zeigt sich - in zur Zeit noch unter Verschluss gehaltenen Evaluationsuntersuchungen der WHO - dass „soziosomatische Erkrankungen“ - oft trotz radikaler Anpassungsreaktionen der Klienten - gegenüber klassischen medizinischen und psychotherapeutischen Interventionen therapieresistent sind.

Dies würde auch erklären, wieso Ihre bisherigen auf die Person orientierten und reduzierten Rehabilitations- bzw. Therapiemaßnahmen zu keinem zufriedenstellenden Erfolg geführt haben. Die Ursache ihres Knieschmerzes ist nicht in Ihrer psycho- oder biologischen Konstitution zu suchen sondern vielmehr in der Art ihrer Vergesellschaftung.

Da die Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftsstruktur auf den soziosomatischen Gesundheitszustand noch nicht absehbar sind, ist zu erwarten, dass die europäischen GesundheitsministerInnen im Jänner 2006 bei ihrem Treffen in Villach erste Maßnahmen zur Eindämmung dieser neuen Volkskrankheit vorstellen werden. Wir dürfen gespannt sein, welche notwendigerweise tief greifenden Veränderungen da auf uns zukommen.

Da es auf Grund des neoliberalen Trägheitsprinzips nicht zu erwarten ist, dass es zu gesundheitsförderlichen Veränderungen der Tätigseinsrahmenbedingungen – z.B. Ausweitung der Mußestunden etc. – kommen wird, kann ich Ihnen nur im Sinne von Robert Kurz empfehlen, im Rahmen ihres sozialen Rehabilitations- und Genesungsprozesses „Dienst nach Vorschrift“ zu machen und/oder das (Un)Mögliche radikal einzufordern: „Arbeit macht schmerzfrei!“

Ihre Franziska Zentrich

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Reinhilde Schütz, 2006-01-02, Nr. 2221

Liebe Frau Franziska!

Danke für Ihre messerscharfe Diagnose! ENDLICH spricht jemand aus, was eine ganze Armada von Schulmediziner/innen, Homöopath/innen, Mentaltrainer/innen, Schmerz-, Psycho- und Physiotherapeut/innen usw. zwar seit Jahren beobachten aber nicht auszusprechen wagen, weil sie damit ihre eigenen Einkommensquellen zum Versiegen bringen würden.

Reinhilde Schütz

P.S.: Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen - verordnen Sie Ihrem Patienten bzw. Klienten einfach ein paar Mußestunden im renommierten Privatsanatorium "Café Platzl" - eventuell in Begleitung von Krankenschwester Ulrike, die vermutlich infolge der aufopferungsvollen Pflege ebenso dringend einer Aus-Zeit bedarf!

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