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Hanna Schwarz

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2007-07-24

Fremdes macht Angst! – Müssen wir damit leben?

Vor gut einem Monat (am 20. Juni) wurde der Weltflüchtlingstag gefeiert. Oder vielleicht besser – es wurde ihrer gedacht, oder auch nicht, oder zum Anlass genommen, über sie zu wettern! Jedenfalls gab es einen bezeichnenden Beitrag auf Ö1 über den Ruf, den Migrant/innen bei uns in Österreich „genießen dürfen“. Teils sehr positive Reaktionen, andererseits jedoch auch sehr schockierend, mit welchen Ängsten Österreicher noch immer belastet sind, Vorurteile reproduzieren und unreflektierte Anschuldigungen von sich geben. Und immer wieder drehen sich diese Ängste um das „Andere“, das „Fremde“, ...

Weshalb kann das Andere einerseits faszinieren, andererseits Angst machen? Die Psychenanalytik von Fritz Riemann scheint mir an dieser Stelle interessante Erklärungsmodelle zu liefern. Er unterscheidet zwischen zwei verschiedenen „Menschentypen“.

Das Andere fasziniert uns! Speziell wenn es sehr anders ist und neu für uns. Einmal einen Tibetaner kennenlernen, einen Sommer lang von Jurte zu Jurte zu ziehen, einmal weit hinaus zuziehen, um das Andere zu entdecken. Wir suchen neue Menschen. „Denn allem Anfang wohnt ein Zauber inne“, wie es Hermann Hesse so wunderbar ausdrückt. Es drängt uns, alle Möglichkeiten unseres Wesens in der Begegnung mit dem Anderen kennenzulernen, denn der andere ist wie ein Spiegel für uns. Im Vergleich mit dem anderen spüren wir uns selbst genauer, erkennen uns selbst besser, wissen, was gut an uns ist. Im Vergleich mit dem anderen spüren wir aber auch unsere Sehnsüchte besser, was wir schon immer wollten, sein wollten. „Wir suchen neue Menschen, es drängt uns, alle Möglichkeiten unseres Wesens kennenzulernen und auszuschöpfen, in mitmenschlichen Begegnungen uns zu weiten, zu reifen und vollständig zu werden“, so beschreibt Fritz Riemann den Menschentypen, der die Abwechslung liebt, der immer wieder Neues in sein Leben lässt und Veränderungen will. Dieser Wunsch ist in verschiedenem Maße im Menschen vorhanden.

Fritz Riemann beschreibt einen Menschentypen, der gerade dadurch charakterisiert ist, dass dieser Wunsch nach Neuem, nach Anderem bei ihm besonders ausgeprägt ist. Im Spiegel des Anderen siehst du dann Möglichkeiten der eigenen Veränderung. Im Spiegel des Anderen siehst du auch, wie du bist, aber ist das nicht auch schon etwas langweilig?

Spüren wir einmal unsere Assoziationen zum Wort „fremd“ nach. Wie viele davon sind positiver Natur? Hat „fremd“ vor allem den Charakter der Faszination? Oder überwiegen die negativen Assoziationen?

Für uns alle hat Fremdheit immer auch Bedrohliches an sich. Aber die Menschen unterscheiden sich auch darin, wie gerne sie am Bekannten festhalten, wie gerne sie Beständigkeit haben und im Vertrauten bleiben. Bei manchen Menschen lockt weniger die Wandlung durch den Anderen, als vielmehr eine „Beständigkeit“, die mit Worten Hesses folgend umrissen wurden: „Einmal zu Stein erstarren, einmal dauern!“ Das Neue, das Fremde, das Andere wird eher als Bedrängung erlebt, denn als Verlockung. Der Andere macht unter Umständen Angst, große Angst. Im Spiegel des Anderen sehe ich Veränderungsmöglichkeiten, die ich aber nicht will. Im Spiegel des anderen erkenne ich aber auch deutlicher wie ich bin. Und so will ich auch bleiben. Ich brauche diese Abgrenzung vom anderen ganz deutlich, um mich selbst zu spüren. So gibt es also zwei unterschiedliche Menschentypen, die bei der Begegnung mit dem anderen unterschiedlich reagieren. Wenn heutzutage in unserer globalisierten Welt multikulturalistische Beziehungen gefragt sind, weil es offensichtlich zu einer Überlebensfrage unserer Welt wird, so sind jene Menschen, die das Andere als Faszination erleben zunächst wesentlich glücklicher dabei. Sie genießen Multikulturalität, die Abwechslung und Farbe ins Leben bringt. Die Menschen, die das Andere, das Neue scheuen, denen macht die angesagte Multikulturalität zunächst große Mühe. Erst langsam können sie vielleicht hineinfinden, in dem sie erkennen, dass für sie selbst keine persönliche Veränderung gefordert ist (höchstens in kleinen Dosen).

Ich möchte nochmals den Bogen spannen und unabhängig von diesen Typologien die zentrale Frage stellen: Weshalb löst das Fremde in uns Ängste aus?

Interpretationsfehler verstärken die Angst. Viele vorerst neutrale Beobachtungen erhalten im Schatten der „Andersartigkeit“ eine deutliche Interpretation in eine „andere“ Richtung. Dadurch wird der andere aber noch stärker zum Fremden. Dadurch verstärkt sich unter Umständen durch unsere eigenen Interpretationsweisen von Wirklichkeit aber auch unsere Angst. Eigene unbewusste Anteile verstärken die Angst.

Hintergründig steckt aber noch mehr hinter unserer Angst vor dem Fremden, vor dem anderen. Hintergründig ist damit die Frage berührt, wie wir mit unseren eigenen Schwächen umgehen, nämlich mit solchen, die wir an uns nicht wahrhaben wollen und an uns eigentlich immer wieder verdrängen. Ein beliebter Abwehrmechanismus besteht darin, eigene ungeliebte Anteile, auf den andern zu projizieren. Und dort kann man sie gut bekämpfen.

„Der andere ist faul und träge“ (ich kenne dieses Bedürfnis nicht!) – dieses Volk wird es nie zu etwas bringen.

„Der andere findet das Leben manchmal absurd!“ – wie kann man nur.

„Die andere fühlt sich vom gleichen Geschlecht angezogen – so was unnatürliches!“ Alle diese Strebungen liegen vielleicht unbewusst auch in mir – aber ich kann sie an mir nicht akzeptieren. Der Tiefenpsychologe Ringel formuliert das folgendermaßen: „Wir fürchten den anderen wie uns selbst!“ Je mehr ich gegen diese eigenen Anteile unbewusst ankämpfe, umso mehr sehe ich sie am anderen und umso mehr werden sie mir am anderen zum Feind.

„Es bleibt aber eine nicht entschiedene Frage, inwieweit die (Wieder-) Entdeckung fremder Kulturen einem Sich-auf-die-Suche-Machen nach dem Eigenen im Anderen entspricht oder aber in der Spiegelung des Eigenen im Anderen auch schon der Keim für die Unmöglichkeit der eigenen Homogenität gelegt ist“, folgert Dannböck (2002, 46).

Und dabei könnte uns gerade der besonders fremd anmutende Andere auf die Sprünge helfen, uns selbst besser kennenzulernen und unsere weniger geliebten Anteile auch leben zu lernen, wie es Jung empfiehlt.

Die „Angst vor dem Fremden“ macht sich in einer gegenwärtigen „cultural anxiety“, dem „Unbehagen innerhalb einer Kultur“ breit, in welcher der Einzelne „Kultur“ an sich, als identitätsstiftenden Deckmantel sieht, der behaglich anmuten kann, wenn er nicht durch den globalisierten Markt und die dadurch aufkeimende Vermischung von Menschen und Kulturen gefährdet ist, wie es der Kulturimperialismus artikuliert.

Globalisierung wurde oft als Freiheitskämpferin gegen einen historischen Essenzialismus verstanden. Das Gegenteil aber ist der Fall: Sie lässt uns zu nationalen kulturellen Subjekten werden, zu „Trägern einer bestimmten Kultur“. Konservativ zieht man sich in „sein kulturelles Schneckenhaus“ zurück, ein Vorgang, welcher nicht nur bei Minderheitengruppen, sondern auch bei großen Mehrheitskulturen bemerkbar ist

Bleiben wir bei diesem Blickwinkel, wird auch die provokante These von Slavoj Zizek „Multikulturalismus ist eine Form von Rassismus“ verdeutlicht und nimmt in umgekehrter Form (Rassismus ist eine Form von Multikulturalismus) in unseren heutigen Diskussionen beklemmende Farben an. Zizek leitet danach ab, dass (…) „der Andere nur toleriert wird, insoweit er nicht der reale Andere ist, sondern der aseptische Andere, der vormodernen ökologischen Weisheit, der faszinierenden Riten und so fort – in dem Augenblick, wo man es mit dem realen Anderen zu tun bekommt (…) ist Schluss mit der Toleranz.“ (in TAZ nr. 7533 – 07.12.04; Charim, 16)

Können wir den Anderen wirklich nur dann tolerieren, wenn er unter den Gänsefüßchen eines „Exoten“, des „Orientalen“ betrachtet werden kann?

„Eigen ist uns die Gegenwart. Fremd ist uns die Zukunft.
Die Fremde ist unsere Zukunft. Ohne Fremde haben wir keine Zukunft.“


Verwendete Literatur

Aschmann, Birgit und Salewski, Michael; Das Bild “des Anderen”, Stuttgart, 2000

Grillo, R.D.; Cultural essentialism and cultural anxiety, in Anthropological Theory, London 2003

Dannböck, Clemens; Selbst- und Fremdzuschreibung als Aspekte kultureller Identitätsarbeit, Opladen 2002

Charim, Isolde; Theorie und Technik des Multikulturalismus in TAZ nr. 7533 – 07.12.04

Reaktionen Auf den Beitrag reagieren

Mimenda, 2007-07-24, Nr. 3773

Habe den Eindruck, als ginge es beim Fremden vor allem um die Angst vor Machtverlust. Der Exote und Orientale ist nicht bedrohlich, weil er zu weit weg ist. Er ist der "positive Jude". Im Begriff des Exotischen ist wohl ohnehin der Käfig schon mitgedacht, in den man die Exoten ohne Skrupel stecken kann, weil sie nicht nur exotisch, sondern vor allem wild, also "unmenschlich" sind.

Die Reaktion auf die Angst vor dem Machtverlust ist wohl der Wille zur Einverleibung oder Ausscheidung, der beide Seiten ein und derselben Medaille ausdrückt: also eigentlich Besitzgier. Sie beruht wenn ich das richtig sehe auf der der oralen und analen Phase. Ich denke, dass die gesellschaftlichen Zustände den Menschen psychisch in die Regression getrieben haben, in der er das Fremde nur noch als etwas zu sehen vermag, was entweder zu besitzen oder auslöschen ist.

Menschen, die im Freudschen Sinn den genitalen Primat erreicht haben, sollten sich aber am Fremden und Anderen freuen können, indem sie ihm frei begegnen und zudem ganz genau wissen, dass es ihnen mindestens ebensoviel bringt, wie sie ihm geben werden. Das Andere und Fremde kann also wohl nur jemand als Bereicherung verstehen, der selbst genug hat oder sich selbst genug liebt. Aber ich sehe schon, die Sprache ist wie immer vornehmlich die verräterische des Geschäfts, gleich wie man sie biegt.

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