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Mieze Medusa

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2006-12-10

Wientropolis

ist wieder sommerlich

Wien ist in erster Linie Masse, in zweiter Linie eine Summe,
in dritter Linie spielt durchaus die Anzahl seiner Strassen und
Gebäude eine Rolle, sowie die Menge der Menschen,
die Rotten der Tauben und die Trauben der Ratten.
Im Kreuz verhört vom Stephansdom verdichten sich
Verdachtsmomente bis zum Geständnis
dieser
überraschten Dichterin, denn im Sommer im Schatten, wenn
mich kein winterlicher Wind in meiner Andacht stört, hängt
sich mein Glauben an Wien und auch mein Herz.
Ich geh durch Straßen,
streif durchs Schutzgebiet,
steh auf Musik - von mir aus im Dreivierteltakt geschrammelt
- zwei Schritte weiter riech ich den vergammelten verblühten weißen Flieder,
hass die Fiaker,
hau mich frustiert über die Häuser,
komm doch wieder. Ich schreib nun mal am liebsten in diesem
institutionalisierten Coffeeshop, in dem Herr Franz oder Herr
Karl nach Protokoll kalten Kaffee serviert.

Wien ist wieder sommerlich, genießt das Sonnenlicht und
siecht
schönbnznnergelbstichig getupft mit hundertwasserbunt so vor
sich hin und mir ist auch zu heiß.
Die Stadt hat Syphillis und Mundgeruch, sie riecht ein bisschen
muffig nach dem Schweiß der Achseln. Es fehlt der Dunst-
abzug und doch verlier ich mich in ihren Gassen, wenn ich die
Wolkenkratzer dieser Stadt an einer Hand abzähl,
ich zapf die Wochen an,
ich stehl mir Tage,
zähl die Stunden und genieß den Quatsch, den ich gieriger
Flaneur so hör.
- Ich hör: hässliche Flüche gelispelt von Greisen mit Überbiss.
- Ich hör: kläffende Hunde und Köter, hör nicht, wenn
wo Scheiße liegt.
- Ich hör: stechende Hupen gedrückt von Fahrern, die bremsen
nicht für mich.
- Ich hör: konservative Kunde von gespaltener Zunge mit
Schmiss im Gsicht.
Hoppla, schreit da sofort verstört der Kritiker und schimpft
mich Nestbeschmutzer. Ich stelle hiermit klar: Ich bin nicht
nur Benutzer dieser Stadtstruktur, mach hier in Wien nicht nur
mein Glück, sondern mein Leben, da ist kein Zwiespalt! Ich
bedank mich gern für dieses Privileg mit einem tiefen Knicks,
doch keinem Kniefall.
Ich such mir anderswo, sagt Wien empört, den Michelangelo,
der mir gerecht wird.
Soll sein, sag ich, doch schmeiß ihrs holz nicht wieder raus, wenn
er malfrech wird.

Etliche ethnische Klüfte zerreißen das Paradies.
Der Nachbau der Akropolis verlangt Demokratie, nur gibt's
in dieser Stadt kaum Widerspruch, der stört die Harmonie
und wird schnell kalt g'macht. Nur g'red wird halt. Da ist
kein Blatt vorm Volksmund, wenn er von dunkler Haut, von
Turban oder Kopftuch spricht. Leb wie ich, sagst du zu der,
die bei uns Dreck wegwischt. Beim Wienern vom Boden träumt
die vielleicht den Traum vom Tellerwäscher ganz nach oben
und vergisst, dass man die Tellerwäscherin nach andren Regeln
misst.
Ich schäm mich
für mein Land und seine so gerühmte Gastlichkeit. Denn diese
gilt mir für den Gast, der viel bezahlt und wenig Zeit bei uns
verweilt.

Wobei, wenn ich schon mal bei einer Wahrheit bin, bleib ich
dabei. Ich bin es nämlich leid, dass jeder zweite Schwarze
am Gürtel meinen Brüsten ein hallo Baby, wer bist denn du?
nachschreit. Ich hass dann ihn und mich für die Wut, die in
mir aufquillt. Ich schaff es nicht, dass sich das schlechte Bild
nicht in mir festfrisst Und trotzdem gilt für mich was für uns
alle gilt: Integration ist nicht, wenn du gelegentlich mit deinem
Taxler sprichst.

Derweil im echten Leben - in der famosen Edenbar.
Dort befummelt so ein Jetsetpolitiker sein Ego aus kitschig
geschliffenem Glas.
Ein bisschen billiger will's der Vorstadtgorilla mit Vokuhila
von einer gealterten Lolita. Ich fahnde weiter.
Im Ghetto ums Eck treff ich auf grantige Jogis, auf gampige
Priester und auf schlampige Patriarchen zufrieden beim
Seelenfang, was ich hass, denn: Gott ist ein Bestseller und die
Währung ist Macht.

Ich und meine schmächtige Möchtegern-Rache in mächtiger
Sprache taste mich vor, wo ist jetzt das Safeword? Ich suche
nach Sätzen, beobachte, fahnde nach Schlüsseln, Symbolen und
Zeichen, werd vom Overkill zerstört, mir bluten die Ohren
und ich will, dass das aufhört.


Mit freundlicher Genehmigung der Autorin:
Mieze Medusa
aus: „textstrom, Poetry Slam – Slam Poetry“, Herausgegeben von Diana Köhle&Mieze Medusa, Edition Aramon, 2006
ISBN: 3-9502029-2-7

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BlameTheShame, 2006-12-10, Nr. 3024

scham ist doch
erstes und echtes zeichen erkannter schuld
wer sich dessen schämt, was nicht er selbst ist
bekennt der damit die eigene schuld daran,
warum es ist wie es ist?
wenn ja, was tut er dagegen?
wenn nein, ist's bloß ein fingerzeig...
worauf?

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