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Helmut Friessner

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2006-11-19

Die religiöse Grundlegung des Kapitalismus

In Zeiten, in denen der Begriff des „Fundamentalismus" - wenngleich einseitig und undifferenziert, um nicht zu sagen abfällig auf den muslimischen Kulturkreis bezogen - zum Gegenstand ständiger Medienberichterstattung zählt, erhält der Versuch der Verankerung des kapitalistischen Gesellschaftsmodells in fundamentalen religiösen Motiven eine eigentümlich ironische Note, die bei genauer Betrachtung der Dinge jedoch unangebracht erscheint. Der Status quo ist deutlicher, als es prima vista scheint.

In der Kernzone des Kapitalismus, in den Vereinigten Staaten von Amerika, herrscht nicht nur im Bereich der freien Marktwirtschaft, sondern auch im politischen Spektrum ein nach wie vor kräftiger religiöser Fanatismus, der, trotz formeller Trennung von Kirche und Staat, bis hin zur offen zur Schau gestellten politischen Instrumentalisierung des christlichen Gottglaubens reicht. Regierungssitzungen werden mit Gebeten eingeleitet, religiöse Artefakte zieren höchste politische Institutionen, Präsidenten rufen öffentlich göttliche Hilfe herbei, ob zur gemeinsamen Bewältigung einer verunglückten Weltall-Mission oder schlicht zur gewaltsamen Eroberung fremder Landstriche auf fremden Kontinenten. Im christlichen Europa sozialisiert, springt einem solches aus reiner Gewohnheit einfach nicht mehr ins Auge.

Bezogen auf die Ökonomie finden sich religiöse Motivlagen schon nach einer kurzen Analyse vor allem im asketischen Protestantismus vornehmlich calvinistischer Prägung, ausgereift im anglo-amerikanischen Puritanismus. Schon Max Weber ortet im Ereignis der Reformation die Grundlage für eine Ablöse traditionalistischen Wirtschaftens sowie für eine Lebensstiländerung, die sich im Calvinismus vor allem durch eine totale Reglementierung und (Selbst-)Kontrolle äußert, die sich bis hin zu einer puritanischen Tyrannei und einem zu ihrer Verteidigung aufgebotenen Heroismus entwickelt(7)' Schon Luthers Bibelübersetzung rückte erstmals, der katholisch orientierten Welt bis dahin fremd, den Begriff des Berufes ins Blickfeld, dessen inhaltlicher Hintergrund im Sinn von „Berufung" tendenziell religiöse Anklänge bietet und von der Wortbedeutung her die Pflichterfüllung als das höchste seiner Ziele ausmacht.(8)

Solche asketische Haltung findet eine logische Fortsetzung im „Geist der Arbeit“ und in der Bewährung des eigenen Heils im Beruf' und leitet im Sinn einer zum Utilitarismus tendierenden Moral direkt zu Benjamin Franklins Thesen von der Ehrlichkeit als Garanten des Kredits sowie vom Nutzen des Fleißes und der Mäßigkeit wie auch der Pünktlichkeit und Gerechtigkeit.(10) „Als 'summum bo¬num' dieser Ethik erweist sich der Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens ... so rein als Selbstzweck ... "(11) Wie der Herausgeber von Webers „Gesammelte Aufsätze zur Religionssozi¬ologie" treffend anmerkt, erweist sich der Erwerb um des Erwerbs willen schlicht als eine „genuin irrationale Lebensführung".(12)

Der asketische Sparzwang erweist sich als Vorbote von Kapitalbildung und Anlagevermögen, beides praktische Beweise bzw. äußere Zeichen für den Status des Auserwähltseins im Sinn der calvinistischen Gnadenlehre.

Die Askese aber, so Weber im Nachklang auf Goethes faustische Botschaft, „half ... jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden ... mit überwältigendem Zwange bestimmt und viel¬leicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist".(13)

100 Jahre nach Max Weber können wir nicht nur die Vereinnahmung der Menschen - um nicht zu sagen: der Menschheit - durch ein inzwischen globalisiertes ökonomisch-technologisches Netzwerk bestätigen, sondern darüber hinaus einen sich verschärfenden, mitunter bereits militärisch geführten Kampf um die vorläufig letzten großen Ölreserven dieser Welt vermelden. Allerdings scheint kaum jemand daran zu zweifeln, dass sich nach dem Zeitalter der Nutzung fossiler Brennstoffe eine neue Technologie samt ihren ökonomischen Folgeerscheinungen Durchbruch verschaffen wird.

Wir wollen an dieser Stelle innehalten und einen Gedanken einfügen, der die potenziell irrationale, wenngleich uns zum Selbstverständnis gewordene Haltung der religiös hinterlegten Askese jenem Verhalten gegenüberstellt, das von manchen als die eigentliche anthropologische Existenzversion betrachtet wird, wenngleich wir - mit unentrinnbaren Vorurteilen behaftet - dieser Version sogleich eine innere Abfuhr zu erteilen bereit sind. Die Rede ist von der unproduktiven Verausgabung.

Kapitalismus als Religion

Mit den Auswirkungen religiöser Askese - so Weber - gewannen, so paradox dies klingen mag, die „äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen wie niemals zuvor in der Geschichte“. (20)
Diese allseits als westlicher Materialismus bezeichnete Ideologie ist unserer Einschätzung zufolge gerade dabei, den Globus vollständig zu erobern. Sowohl Vertrauen in das System und einzelne seiner Komponenten als auch der Zustand der Verstricktheit des Menschen im Kapitalismus geben zudem Auffassungen Raum, die nicht mehr von einer - etwa religiös bedingten - Ideologie, sondern vielmehr vom Kapitalismus als einer „religiösen Erscheinung" sprechen.(21) Einer ihrer Proponenten, Walter Benjamin, geht über die Einschätzung Max Webers hinaus und vermeint im Kapitalismus deutliche religiöse Strukturen zu erblicken - etwa im ausufernden Kult, im religiös gefärbten Utilitarismus und schließlich _ im verschuldenden und nicht entsühnenden Charakter des Kults. (22) Seiner Einschätzung nach, der wir vorerst nur zögernd folgen, deren Reiz wir aber nicht kennen, hat sich der Kapitalismus „auf dem Christentum parasitär im Abendland entwickelt, dergestalt, dass zuletzt im Wesentlichen seine Geschichte die sei Parasiten, des Kapitalismus ist". (23)

Wir haben die Problematik der religiösen Tangente nicht zuletzt deshalb angeschnitten, um darzulegen, welche Art „Glaubensbekenntnis" sich in unsere Köpfen eingeschlichen hat und welches Phänomen nunmehr dabei ist, mit Metaphern „Leistung" und „Erfolg", dazu noch mit „Freiheit" bis in die hintersten Wir dieser Erde (ein Musterbeispiel eurozentristischer Semantik!) vorzudringen faktisch allüberall menschliche Existenzgrundlage zu werden. In Verbindung jenem Bild, das wir von den organisatorischen Abläufen der sich globalisieren Wirtschaft bis hin zur neuen „Weltwirtschaftsverfassung", repräsentiert du Kürzel wie WTO, GATS, NAFTA und EU, gezeichnet haben, wird deutlich, dass die Welt nicht nur in eine neue Phase materieller Interaktion gelangt ist, sondern dass sie gleichsam von einer mithin fundamentalistisch orientierten Ideologie – um nicht zu sagen: Religion - netzartig überzogen, missioniert bzw. brutal erobert wird. Vergleichsweise drängt sich das Bild jener arabischen Reitermilizen, die aktuell dabei sind, den Südwesten des Sudans im Namen fundamentalistischer, islamischer Machthaber mit Mord und Brandschatzung unter ihre Gewalt bringen. Und wir alle sind uns einig: Die Verbrechen von Darfour sind grausam und abscheulich! Hinter dem Dogma des freien Marktes bis hin zum globalen „Kolonialhandel" mit geistigen Eigentum (24) hingegen vermögen wir nicht jenen tödlichen Zynismus zu erkennen, mit welchem z.B. Weltbank und IMF durch ,gewaltsame Marktöffnungen die Lebenschancen von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern dauerhaft zerstören oder etwa durch das Festhalten an unbezahlbaren Patent- bzw. Lizenzgebühren Millionen von Schwarzafrikanern die Chancen auf eine Rettung vor den tödlichen Folgen der grassierenden Aids-Epidemie vorenthalten werden. Der feine Unterschied liegt in dem Umstand, dass die menschenverachtenden SAP-Beschlüsse der Weltbank oder des IMF in ihren Zentralen in Washington und die todbringenden Entscheidungen der Pharma-Giganten den eleganten Vorstandsetagen ihrer Konzerne in London oder Zürich nicht sichtbar werden. Letzteres soll keine einseitige Schuldzuweisung an spezielle Firmenkonglomerate sein. Zwischen den kaum entschlüsselbaren Informationen über die Kursentwicklung von Aktien, Fonds oder einfach den Goldpreis in Tageszeitungen oder neuerdings auf Informationsleisten auf dem TV-Schirm verstecken sich Tausende Schicksale jener Menschen, die durch exzessive Ausbeutung von Rohstoffvorkommen (etwa die Zyanidausschwemmung von Gold durch europäische oder australische Konzerne in fernen melanesischen Diktaturen) zu Tode kommen (25) oder in sklavenähnlichen Verhältnissen in den „sweat-shops" oder maquiladoras" genannten Sonderzonen Asiens oder Mittelamerikas in 14- bis 16-stündigen Arbeitstagen für einen Schandlohn Markenwaren produzieren. (26) Die Liste an dramatischen Beispielen ist elendslang (27), die mediale Berichterstattung darüber reziprok kurz. So viel vorerst zur Illustration des missionarischen Anspruchs unserer „westlichen Religion". Teilaspekte haben wir auch schon unter „Aktivitäten" der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds oder dem neokolonialen Charakter des GATS aufgeführt.


7 Vgl. M. Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist" des Kapitalismus, Weinheim 2000, 2 ff., sinngemäß.
8 A.a.O., 34 ff., sinngemäß.
9 A.a.O., Vorwort des Herausgebers, XIX.
10 A.a.O., 12 ff., sinngemäß.
11 A.a.O., 15.
12 A.a.O., Vorwort des Herausgebers, XII.
13 A.a.O.. 153.
20 Vgl. M. Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist" des Kapitalismus, a.a.O., 153.
21 In diesem Sinn ist auch der Hinweis Dirk Baeckers zu verstehen, dass die Gesellschaft insbesondere seit dem Wegfall der sozialistischen Alternative einfach glaubt, dass der Kapitalismus ihr Schicksal ist; vgl. D. Baecker (Hrsg.), Kapitalismus als Religion, Berlin 2003, Einleitung, 7.
22 Vgl. W. Benjamin, Kapitalismus als Religion, in: D. Baecker (Hrsg.). Kapitalismus als Religion a.a.O., 15 ff.
23 A.a.O., 17.
24 Vgl. das zeitgleich mit GATS in Kraft getretene weltweite Abkommen TRIPS, das den Rest der Welt den Vermarktungsbedingungen der Patentinhaber vorwiegend aus der Ersten Welt unterwirft.
25 Vgl. die Berichte von Greenpeace unter www.greenpeace-magazin.de z.B. über Zyanidausschwemmungen in Goldminen in Papua-Neuguinea: Für 1 Gramm Gold werden 166 Gramm dieses in der EU verbotenen Giftes eingesetzt bzw. 500 Liter Wasser vergiftet. 26 Nach Jean Ziegler sind etwa 30 Millionen Frauen und Kinder in diesen Wirtschaftssonderzonen beschäftigt Die Zonen sind quasi exterritorial. Es werden weder Zölle noch Steuern eingehoben; vgl. J. Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt, a.a.O., 107 ff.
27 Einen beeindruckenden Überblick verschaffen u.a. Klaus Werner und Hans Weiss in ihrer inzwischen aktualisierten Ausgabe des Buches „Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne", Wien/Frankfurt/M. 2001.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Copyright by Helmut Friessner

Helmut Friessner: „Demokratie im Fadenkreuz“, Promedia Verlag, Wien, 2006, Seite 188-189 und 192-193
ISBN 10: 3-85371-262-2
ISBN 13: 987-3-85371-262-7

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